Die Monate und Jahre sind ins Land gezogen, seit ich den Hirnabszess 2016 erlitt. Es ist viel passiert seither und deswegen möchte ich Rückschau halten. Ein Blick zurück zeigt mir was geschehen ist. So kann ich Fortschritte besser erkennen und nachvollziehen, dass etwas weitergeht.
Zu Vergangenem kann ich kaum Emotionen aufbauen. Es ist auch schwierig, zu etwas Vergangenem weiterführende Gedanken aufzubauen. Als ob mich mein Gehirn vor etwas schützen möchte.
So bleibe ich im Jetzt, denn ob Zukunft oder Vergangenheit, ich muss es akzeptieren das es so nicht funktioniert. Selbst das Nachdenken darüber warum es nicht geht, bleibt mir verwehrt.
Trotzdem brauche ich dann und wann den Blick zurück. Jetzt ist wieder so ein Moment gekommen.
Seit 2016 dauert mein "Weg zurück ins Leben". Eine Zusammenfassung der Ereignisse.
Für einen Monat befinde ich mich auf der Intensiv-Station, bis Ende April. Noch wird intravenös mit Antibiotika behandelt. Die Lähmung der rechten Seite wird immer stärker.
Nach einem Monat werde ich auf die Normalstation verlegt.
Der Abszess im Gehirn wird punktiert. Die Haare werden mir dazu teilweise abrasiert. Von dem vielen Antibiotika ist mein Körper total aufgeschwemmt. Im Krankenhaus lerne ich wieder zu gehen, am Ende ungefähr 50 Meter.
Nach rund 5 Monaten kann ich endlich das Krankenhaus verlassen. Ich ging selbständig nach unten, setzte mich erstmals ins Gras und wartete das man mich abholte. Das Ärgste war überstanden. Was mir noch bevorstehen sollte, davon hatte zu dem Zeitpunkt noch niemand eine Ahnung.
Erstmal ist es wichtig, dass ich mich wieder bewegen und gehen kann. Die ersten Monate sind dafür sehr entscheidend. Gehen wird meine Hauptherausforderung. Beim Denken bin ich noch sehr limitiert.
Ich komme für vier Wochen auf Reha nach Judendorf. Noch brauche ich einen Rollstuhl. Mit Pausen schaffe ich 500 Meter gehen am Tag. Die Reha ist aber insgesamt so anstrengend, dass ich viel weniger weit komme. Der Tag dauert noch zu lange, als das meine Energie reicht.
Im Juni beginne ich meinen zweiten Reha Aufenthalt in Judendorf. Rollstuhl brauche ich keinen mehr. Es wird umfassend mit mir gearbeitet.
4 Tage verbringe ich in Knappenberg mit Silvia. Noch ist jede Bewegung Therapie für mich, auch das Denken ist gleich anstrengend. So ist dieser "Urlaub" trotz allem wieder Therapie.
Ich entdecke immer öfter den Wald für mich als Therapie. Aufgefallen ist es mir schon öfter. Ich verbringe die meiste Outdoor Zeit im Wald. Mein Gehirn wird von den Reizen in der Stadt noch immer zu sehr belastet.
Pilgern wird für mich ein immer größeres Zwischenziel. Noch bin ich weit weg davon, aber ich denke oft daran. Die Kraft der Gedanken.
Ich versuche mich zum Ersten mal am "Pilgern". Vom Hilmteich gehe ich mit Silvia die 5 Kilometer zur Wallfahrtskirche Mariatrost. Es ist mein anstrengendster Weg bis dahin und ich bin am Limit. Aber ich schaffe es.
Ich entschließe mich dazu, zum ersten mal ins Fitnessstudio zu gehen. Leichte Gewichte, Ergometer und Bodenübungen stehen am Programm. Im Freien hat es Minus Grade, daher bin ich in der Bewegung eingeschränkt. Aufgrund der neurologischen Probleme bin ich limitiert.
Mein ehemaliger JournalisteKollege Thomas Neffe schreibt über mich.
Puls4 bringt einen Beitrag über mein Schicksal. (Zum Video)
Die Auswirkungen der Krankheit belasten ungemein stark mein Umfeld. Ich beginne es zu realisieren und versuche es zu beschreiben.
Die Sehnsucht nach dem Gehen wird immer größer. Soviel ich auch mache, es wird nur langsam besser.
Ich werde durch eine Physiotherapeutin falsch behandelt. Eine Wirbelverschiebung macht mir daraufhin lange zu schaffen. Erst Ende März habe ich es im Griff. Ich beginne wieder von vorne, bzw. wo ich im Dezember stand.
Im April entschließen wir uns, nach meinem verkorksten Frühjahr, in Kroatien Urlaub zu machen. Die Sehnsucht nach dem Gehen wird stärker. Ich komme noch immer kaum über 5 Kilometer.
Ich schaffe es, mich zum ersten mal selber zu filmen und einen Status quo abzugeben. (Zum Beitrag)
Den Blog, auf Instagram und Facebook, habe ich schon lange als Therapie entdeckt. Gedanken an ein Buch kommen immer öfter, noch sind aber meine Defizite so groß, dass ich keine zusammenhängende Gedanken finde oder schreiben kann.
Das Gehen und mein körperlicher Zustand ist noch immer sehr schlecht.
Trotz der Defizite fahre ich zum Jakobsweg. Über 2 Jahre täglicher Reha und Arbeit an mir, liegen hinter mir. Ich kann so nicht weiter machen, ich brauche eine Auszeit.
Ich beende den Jakobsweg weit später als gedacht, in Astorga, 268 Kilometer von Santiago entfernt. Die Reise ist mein erster Schritt zurück ins Leben. 5 Wochen war ich unterwegs.
Ich fahre heim und denn am 24.Juli beginnt meine dritte Reha in Judendorf. Sechs Wochen dauert sie und ist sehr intensiv. Ich lerne viel neues dazu und kann einiges verbessern.
Eine Woche nach der Reha, fahre ich zurück zum Jakobsweg nach Astorga. Ich setze den im Juli abgebrochenen Weg fort und
erreiche Santiago und Finesterre.
Mit meinem Sohn Noah gehe ich am Camino Frances von Pamplona nach Burgos. Für mich und ihn ein einzigartiges Erlebnis.
Es hat sich viel verändert und kein Stein blieb auf dem anderen seit dem Hirnabszess. Der Blick zurück zeigt mir, dass sehr wohl viel passiert ist. Der Blick zurück zeigt mir auch, dass es immer weiter geht, wenn die Situation auch noch so düster erscheint.
Was das Leben weiterhin bringen wird? Ich lasse mich überraschen.