Der Camino ist in mir noch lebendig, allerdings hat mir ein Tag Paris gezeigt, wo ich wirklich stehe. In der Stadt werden meine Defizite in der Bewegung und der Aufmerksamkeit sichtbarer. Sämtliche Sinne sind aufs äußerste angespannt und die Stadt fordert ihren Tribut. Auch daheim ist es nicht mit dem Camino vergleichbar oder mit dem Anfang vor vier Jahren.
Das größte Therapie Zentrum der Welt, der Camino, hat mir allerdings sehr geholfen das Leben wieder ein Stück mehr kennen zu lernen. Diese Verbesserung geht in Mikroschritten vor sich, wobei, auch die Gewöhnung daran ist eine Verbesserung.
Nach einem Monat praktisch ständig in der Natur, holt es mich in Paris in die Wirklichkeit zurück. Ich bin unfähig, normal durch die Stadt zu gehen. Mit dieser Hektik komme ich kaum zurecht. Es ist ein Haken schlagen, wie ein Hase, ansonsten würde ich andauernd mit jemanden kollidieren.
In all dem Wirbel fällt mir ein Blinder auf. Er sucht seinen Weg durch all die vielen Menschen und dem Verkehr, die kaum Rücksicht auf ihn nehmen. Unbeirrt geht er seinen Weg, behindert von falsch parkenden Autos und Fußgängern, die ihn fast umrennen. An einer Ampel helfe ich ihm über die Strasse. Ein halb am Zebrastreifen parkendes Auto erschwert es uns. Er kennt diesen Weg, aber so etwas ist selbst für ihn nicht leicht.
Er ist überrascht, dass sich jemand um ihn kümmert und wirft mir ein freudiges "Thank you!" entgegen. Ja, Behinderte verstehen sich leichter, welche Hindernisse sich uns in den Weg stellen und uns behindern. Wenige Worte reichen aus, um sich zu verstehen. Er scheint zu spüren, dass auch mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Ich bewundere ihn, sich auf diese Strassen hier zu wagen, ohne sehen zu können.
Den weiteren Weg gehe ich dankbarer und nachdenklicher. Ich habe zwar eine gestörte Wahrnehmung und das Gehen fällt mir schwer, aber ich kann sehen. Das erleichtert mir offensichtlich vieles, dabei ist es nur eine andere Art des Handicaps. Ich denke viel darüber nach, was es für mich bedeuten würde, nicht sehen zu können. Dabei fällt mir auf, dass meine Ohren in der Nacht einen wesentlich größeren Teil meiner Wahrnehmung übernehmen. Ich werde das in Zukunft genauer beobachten und darüber berichten.
Es herrscht hier ein anderer Verkehr wie Zuhause. Überall wuseln Menschen und an die Verkehrsregeln muss ich mich erst gewöhnen. Rot für Fußgänger gilt nur, wenn ein Auto kommt. Also, auf andere Fußgänger darf ich mich nicht verlassen, denn mir fehlt der schnelle Schritt, um eine Strasse bei Rot überqueren zu können. Ich muss Achtsam sein, um meinen Weg hier zu finden. Graz ist ein beschauliches Dorf, gegen das Treiben hier.
Am Camino gehe ich stundenlang am Weg dahin und die Natur tut so gut. Da ist die Hektik von Paris etwas anderes. Daher sitze ich meist im Café, beobachte dieses Treiben oder schreibe auf meinem Handy.
Neuen Gedanken kann ich nur ansatzweise folgen. Ich möchte zwar mehr, es funktioniert aber noch nicht. Auf irgendeine Weise bin ich noch darin festgehalten, mein Leben zu lernen und einmal bereits gekonntes, wieder zu Erwecken. Wirklich Neues lässt sich kaum lernen, wie eine Sprache. Spanisch kann ich noch immer nicht, trotz meiner vielen Aufenthalte dort. Das ändert sich auch daheim nicht.
Unterwegs bin ich auf das Handy angewiesen, denn so übe ich wenigstens meine Feinmotorik. Der Touchscreen fällt mir noch immer schwer, denn dafür ist Gefühl gefragt, dass mir noch fehlt. So vertippe ich mich immer wieder, weil ich es nicht schaffe, den Finger genau auf dem Display zu plazieren.
Wieder Zuhause, kann ich das Tablet verwenden. Der Versuch, ein Video aus meinen Bildern zu machen, fordert mir einiges ab, aber ich schaffe es. Vom Filme schneiden bin ich aber noch meilenweit entfernt.
Hier meine beiden Versuche daheim, zwei Filme zu machen. Einmal ein Film darüber, jeden Tag von mir ein Foto in der Früh vorm Losgehen und ein zweiter, der meinen Weg in einer Minute vierzig zu zeigen versucht.
Es geht weiter wie bisher auch. Wieder Zuhause werde ich mich besonders dem therapeutischen Tanzen widmen. Es dauert zwar, bringt aber großartige Ergebnisse. Emotionen und Gefühle wieder in den Griff zu bekommen, ist wichtig. Mich davon abzuschneiden, bringt auf Dauer nichts. Durch das therapeutische Tanzen habe ich einen ersten Zugang dazu gefunden.
Dazu gehört auch die Trauma-Aufarbeitung. Es wird seine Zeit benötigen, aber Zeit ist etwas relatives. Unterm Strich soll es mir gut gehen, auch jetzt schon.
Dazu kommt mein übliches Training daheim, für die Bewegung. Es beinhaltet einiges. Das Gehen, der Motorik-Park, die Kletterwand, der Frisbee Parcour und das Fitnessstudio. Ich habe viel erreicht bisher, aber es ist trotzdem noch mehr möglich. Das Ende ist noch nicht erreicht und ich werde auf jeden Fall weiter machen. Am Camino habe ich das Leben wiedergefunden, darauf möchte ich aufbauen. Das Feeling vom Camino daheim auch Leben zu können, dass wäre ein Ziel.
An für sich sind meine Defizite nicht sofort von Außen sichtbar, das macht es mir oft nicht leicht. Fehlt mir eine Hand oder ein Bein, so merkt es jeden sofort. Es ehrt mich, wenn man mir sagt, mir ist nichts oder kaum was anzusehen. Trotzdem ist die Behinderung noch da, wenn auch für andere nicht sichtbar. Die seelischen oder geistigen Behinderungen sind sowieso nicht ersichtlich. Daheim tue ich mich schwerer, als zum Beispiel am Jakobsweg.
Eine sichtbare Verbesserung ist für mich nicht so wichtig, obwohl sie passiert. Ich selber merke es gar nicht so. Da ich jegliche Automatik verloren habe, benötige ich viel Denkarbeit für die Bewegung. Bewege ich mich technisch sauber, so wird mir viel Energie erspart. Natürlich fallen dann meine Defizite auch nicht so auf, obwohl sie da sind. Die richtige Technik anzuwenden ist mir wichtig.
Wer glaubt mir zum Beispiel, dass ich einen Sitzplatz im Bus brauche? Da spaziere ich durch ganz Spanien und falle noch immer leicht in den Öffis um. Aber auch dafür ist Spanien gut. Mein Gesamtzustand verbessert sich, wenn auch langsam. Das viele Gehen brachte eine wesentlich bessere Körperspannung, die mir im Bus oder der Straßenbahn hilft.
Andererseits komme ich mir im Motorik-Park wie der erste Mensch vor, obwohl ich viel am Gleichgewicht auf dem Camino geübt habe. Es fällt mir schwer und ich muss fast von vorne beginnen. Allerdings merke ich die verbesserte Körperspannung, also hat sich doch einiges getan.
Oft verstehe ich meinen Körper selbst nicht. Er funktioniert so anders und entgegen aller bekannten Regeln. Es heißt einfach an den Defiziten weiter arbeiten und üben, üben und üben. Wieder daheim, beginnt alles erneut.
Es tut gut, sich mit der Frage, was sich ändern soll, in Ruhe zurück zu ziehen. Der Körper holt es sich sonst sowieso. Ich war gefangen in einem Hamsterrad und fand keinen Ausweg. Das gewohnte funktionierte nicht mehr, trotzdem gaukelte es eine vermeintliche innere und äußere Sicherheit vor.
Mein Leben war irrsinnig schnell gewesen, dass ist mir heute bewusst. Aus dieser Schnelligkeit auszusteigen, war mir unmöglich. Also besser vorher das unmögliche Möglich machen, als sich später mit einer Krankheit herumschlagen.
Manch einer beneidet mein Leben. Ich habe Zeit und konnte bisher drei Camino gehen. Dazu gehört dann aber auch die Behinderung und die Zeit im Krankenhaus. Ob dieses Gesamtpaket jemand möchte, ist die Frage? Es gibt immer einen Gegenpol, nur sieht den kaum einer (gerne). Beneidet man mich um die Zeit, so muss man auch die Behinderung mit allem drum und dran nehmen.
Da ich jetzt aus eigener Erfahrung weiß, wie so ein Neuanfang von 0 weg ausschaut, kann ich nur jedem empfehlen, die Zeit davor zu nutzen, auch wenn das nicht einfach ist oder unmöglich scheint. Mit dem heutigen Wissen um das Erlebte, hätte ich schon vorher verändert und es nie soweit kommen lassen. Allerdings ist man nachher immer gescheiter und mein Lebensweg war einfach so vorgesehen.
Einem interessanten Kurztest habe ich mich vor kurzem daheim unterzogen. Es wird grob bestimmt, über welchen Wortschatz man verfügt. Goethe soll über einen Wortschatz von 80.000 Wörtern verfügt haben. Im Alltag genügen bis zu 800 Wörter, um sich zu verständigen. Bis zu 12.000 Wörter sind allgemein ok, werden allerdings kaum benutzt. Shakespear soll in seinen Werken rund 30.000 Wörter verwendet haben.
Laut Test soll ich bereits wieder über rund 12.500 Wörter verfügen. Besonders der letzte Camino hat mir sehr geholfen, meinen Wortschatz zu erweitern. Ich habe mich zwar meist in Englisch unterhalten, aber sehr oft den Google Übersetzer verwendet und lernte so dazu. Was mir fehlt, ist das Umschreiben und Formulieren. Ich kenne zwar Wörter, kann sie aber nicht im richtigen Kontext einsetzen.
So hat sich viel getan und jetzt heißt es, diese vielen Dinge, im Leben daheim auch umzusetzen. Es sind nur kleine Schritte, aber viele kleine, ergeben einen großen. Auch nach vier Jahren heißt es weiter dranbleiben und #niemalsaufgeben !
Wenn ich den gesamten Weg hernehmen, dann hat auch diesmal wieder das "nichts denken" überwogen. Erfahrungen und Erkenntnisse brachte er mir eine Menge.
Bisher brachte jeder meiner Caminos neue und andere Erfahrungen. Es geht einher mit meiner Gesundung. Dass es Zeit braucht, ist mir mittlerweile klar geworden. Zeit hat eine andere Bedeutung bekommen.
Wenn ich jetzt vor dem Computer sitze und ich über meine Erkenntnisse schreiben möchte, dann kommt im Augenblick nichts. Es ist, wie auch sonst oft. Eine weiße Wand baut sich vor mir auf und auch meine Gedanken schauen so aus, nämlich weiß und nichts da.
Aber auch das gehört zu meinen Erkenntnissen, nämlich damit umgehen zu lernen. Es gehört zu meiner Rehabilitation, die noch lange nicht abgeschlossen ist.
Meinen Wortschatz konnte ich wieder etwas erweitern, besonders in Englisch. In der Zeit am Camino Frances traf ich niemanden aus Österreich und nur zwei Deutsche.
Es war interessant zu beobachten, wie das Gehirn arbeitet. Es begann in Englisch zu träumen und Selbstgespräche führte ich ebenfalls auf Englisch. Deutsch kam tagelang so gut wie gar nicht mehr vor. Das sind neue Erfahrungen für mich.
Die für mich schönste Erfahrung machte ich in der Meseta. Es war ein landschaftlich wunderschöner Abschnitt. Ich hörte Musik und fotografierte viel. Was sich bisher noch nie ereignete, passierte. Zu den gemachten Fotos spielte die Musik im Takt im Kopf, als ob ich beim schneiden eines Films sitze.
Es war mir bisher noch nie möglich, so gestalterisch zu denken. Ein Highlight für mich. Instagram und der Blog helfen mir darin, etwas zu gestalten. Ist ein Bericht zu groß, verliere ich den Überblick. Aber nur durch immer wieder tun komme ich weiter, wenn auch langsam.
Meinem Ziel, einen Vortrag zu gestalten, komme ich näher. Ihn zusammenzustellen ist allerdings das Eine. Dazu auch zu sprechen, das Andere. Ob das Gehirn da mitmacht, wird sich erst zeigen.
Jeder Camino bringt neue Erkenntnisse für das Gehen. Es ist so komplex, dass geringfügige Verbesserungen eine große Wirkung haben können.
Dem Ziel, mehr Automatismus in die Bewegung zu bekommen, habe ich erreicht. Noch fehlt dazu ein bisschen mehr Vertrauen, aber es geht voran.
Auf Asphalt ist es mir möglich, mich fast ungehindert mit jemanden zu unterhalten, ebenso auf ebenen Schotterpisten. Ein riesiger Fortschritt, gegenüber noch vor wenigen Monaten.
Es gelingt mir vieles immer besser. Allerdings nur, wenn es nicht zu schnell ist. Laufen funktioniert noch nicht. Beim Treppensteigen muss ich sehr konzentriert gehen. Unterhaltungen sind dabei kaum möglich.
Ein Manko ist noch die Aufmerksamkeit, wenn mehr als eines gleichzeitig beachtet werden möchte. Auf besonders steinigen Wegen muss ich auf die Füße achten und übersehe dabei in den Weg hängende Pflanzen und Dornen. Das tut manchmal weh. Multitasking geht noch immer nicht, Single-Tasking ist dafür aber zu wenig.
Den größten Fortschritt brachte aber die Sicherheit beim Gehen. Meine Knöchel sind so stark geworden, dass ich fast nicht mehr umkippe. Ein großer Vorteil beim Gehen, bin ich früher doch oft umgekippt. Das viele Training trotz Muskelschwäche hat sich ausgezahlt.
Es sind alles Dinge, die ich schon seit Anfang an Trainiere. Aber der Camino brachte alles auf eine neue Ebene. Therapie im Alltag, unter natürlichen Bedingungen. Denn auch das Leben wieder leben lernen, ist mir hier wieder gelungen.
Allerdings fehlt noch einiges, denn Emotionen und Gefühle kann ich nur beschränkt zulassen. Sie wirklich handhaben zu können, wird noch einige Zeit dauern. Diese Erfahrungen sind aber unumgänglich.
So konnte ich wieder einiges verbessern oder konnte erkennen, woran ich noch arbeiten muss. Um mich nicht misszuverstehen, ich bewege mich noch immer im einstelligen Prozent Bereich der Verbesserung. Von 0 auf 101 bewege ich mich zwischen 35 und 40. Das klingt wenig, aber ich möchte gar nicht wissen, wo ich stünde, wenn ich den Camino nicht für mich entdeckt hätte.
Damit schließe ich, denn das Schreiben ohne Tastatur, die ich ja verloren habe, geschieht mir nicht leicht.
Ich bin in Santiago de Compostela angekommen und werde einen Ruhetag einlegen. Den zweiten auf meiner Reise. Die Gelegenheit, mit Bildern über diesen Wintercamino eine Rückschau zu halten.
Dieser Winter ist kein normaler Winter. Kein Schnee, moderate Temperaturen und nur ein paar Tage, an denen es geregnet hat. Es gibt Bilder vom Winter, da schaut's anders aus.
...und jetzt geht's weiter nach Finesterre!
Vier lange Tage auf der Meseta liegen hinter mir, in denen das Gehen ein große Rolle spielte und ich erfuhr viel Freude und Glücklichsein am Weg. Danach kamen die Berge, es war einfach herrlich, wie die Füße mich trugen.
Nach 450 Kilometern habe ich noch keine einzige Blase am Fuß, trotz einiger sehr langen Etappen. Mit jedem Schritt spüre ich unendliche Dankbarkeit dafür, wieder Gehen zu können.
Ich kann es kaum beschreiben, wie herrlich ich mich fühle.
Wieder Gehen zu können hat eine unendlich wichtige Bedeutung für mich. Es ist ein Teil der Selbständigkeit, der fast verloren schien.
Viele Erinnerungen aus dem Krankenhaus kommen mir in diesen Tagen auf der Meseta hoch, besonders die Zeit im Krankenhaus spielt eine große Rolle.
Ich brauchte damals Wochen, ehe ich das erste Mal im Krankenhaus aufstehen konnte. Ich wuchtete meinen Körper zum zwei Meter entfernten Tisch und war so schwindlig, dass ich kaum aufrecht sitzen konnte. (Link zu den Tagen im Krankenhaus)
Zentimeter um Zentimeter, eroberte ich mir in den folgenden Wochen, ja Monaten, immer mehr Raum zurück. Bis zu den ersten Schritten sollten weitere Wochen vergehen. Das Krankenzimmer konnte ich erst nach drei Monaten erstmals auf eigenen Füßen verlassen.
Viereinhalb Monate musste jederzeit jemand an meiner Seite sein, sobald ich das Bett verließ. Mit dem Rollstuhl ging es auf die Toilette oder überall dort hin, was weiter als zehn, zwanzig Meter vom Bett entfernt war.
Wieder Gehen zu können wurde mein größter Antrieb dafür, so viel zu machen. Man musste mich oft bremsen, weil ich so viel tat. Ich arbeitete am Limit, jederzeit. Ich konnte nicht aufgeben oder weniger tun. Jeden Tag ans Limit zu gehen bedeutete, jeden Tag mein Limit zu erweitern. Von Anfangs 15 Minuten täglich, konnte ich es bis ans Ende der Krankenhauszeit auf 30 Minuten erweitern.
Ein paar Mal war es zuviel des Guten. Nach wenigen Schritten klappte ich zusammen und fiel ohnmächtig um. Wie in einem Film wachte ich nach einigen Minuten auf und sah nur die Beine der Krankenschwestern um mich herum. Der Grat auf dem ich mich bewegte, war extrem schmal.
Jeder Ohnmachtsanfall bedeutete für mich drei Tage Bettruhe, in denen ich nicht aufstehen durfte. So lernte ich, mein Limit besser einzuschätzen und versuchte es zu vermeiden. Drei Tage Bettruhe waren drei Tage verlorene Zeit. Dazu kam ein vermehrter Dokumentationsaufwand und Aufregung für die Schwestern.
Das es Jahre dauern würde, bis ich wieder soweit hergestellt bin, ahnte ich damals nicht.
"Es gibt keinen Weg zum Glücklichsein. Glücklichsein ist der Weg!"
Buddha
Ich bekam des Öfteren am Camino zu hören: "Du lächelst dauernd und schaust immer glücklich aus, egal was ist?"
Ja, mehr oder weniger stimmt das. Es gibt kaum mehr etwas Unangenehmes oder etwas, dass mich stört. Natürlich habe ich auch Trauer und nicht so Schönes in mir, aber das Grundgefühl ist Dankbarkeit und Freude, dass ich überhaupt noch am Leben bin.
Die Trennung nach 20 Jahren von meiner Lebensgefährtin und dass meine Familie zerbrach, löste große Trauer in mir aus, bis heute noch. Ich hatte zu lernen, trotzdem ein glückliches Leben führen zu können, denn Glücklichsein ist der Grundstock, um wieder Gesund zu werden.
Dieses Glück fand ich am Camino wieder. Ich lernte, mein Glück nicht von anderen abhängig zu machen. Glücklichsein und Trauer schließen sich nicht aus. Wichtig ist nur, dieses Gefühl auch zu Hause weiterleben zu können.
Beim therapeutischen Tanzen lerne ich, Gefühle und Emotionen wieder zu spüren. Es hilft mir langsam, sie wieder kennenzulernen.
Ich kann nur schwer damit umgehen. Ein berührender Moment in einem Film bringt mir sofort Tränen in die Augen. Es gibt nur alles oder nichts, 0 oder 100 %.
Um emotional nicht niederzubrechen, musste ich mich Anfangs von Gefühlen abschneiden. Jetzt heißt es wieder, damit richtig umgehen zu lernen.
Sie sind nicht zu unterschätzen. Nach außen mag nichts darauf hindeuten, aber die Wirklichkeit schaut eben anders aus, denn in mich hineinschauen kann niemand. Ich verstehe, dass es verwundert, dass ich 1000 km durch Spanien am Jakobsweg wandern kann, aber im Bus nach Graz einen Sitzplatz benötige, da ich sonst umfalle.
Jeder Meter am Camino France ist hart erarbeitet. In Summe bringt mir das eine Verbesserung, die für manchen Unvorstellbar ist. Ich bewege mich in kleinsten Bereichen, aber viel von wenig, bringt eben mehr Verbesserung. Trotzdem bleiben es Kleinsterfolge, die nur in großen Abständen messbar sind. Aber es geht vorwärts, trotz andersartigen Prognosen.
Da die Defizite so vielfältig sind, kann ich mich auch hier am Tag nur einem dieser Defizite annehmen. So bekamen die Aspekte des therapeutische Tanzen einen großen Stellenwert.
Gefühle und Emotionen sind mir wichtig, sie wieder zu lernen, vor allem der Umgang mit Ihnen. Die Traumaaufarbeitung dauert lange. Zunächst die Zeit im Krankenhaus, aber besonders die Trennung, kann ich emotional noch immer nicht verarbeiten.
Der Camino ist für mich zu den Therapien zu Hause nicht mehr wegzudenken. Er ist ein wichtiger Teil meines Lebens geworden, ohne den vieles nicht möglich geworden wäre. Ich treffe hier auf alle möglichen Menschen, mit denen ich mich wiederum über alles mögliche Unterhalten kann. Mit einigen wenigen kann es auch spezieller werden.
Zum Beispiel mit einer griechischen Krankenschwester, die in England auf einer Hirn-Tumor Station arbeitet.
Solche Treffen sind "zufällig" und bringen für beide Seiten enorm viel. Mir tut es gut, mich mit jemanden vom Fach zu unterhalten und sie kann von meinen Erfahrungen lernen und in ihre Arbeit einfließen lassen.
Am Ende der Meseta hatte ich das Gefühl, mir die Krankheit aus dem Leib laufen zu wollen. Ich fand so großen Gefallen am Gehen, ich wollte und konnte damit nicht aufhören. Das Gehen wurde wie zur Sucht. Andererseits ist es das einzige, was ich wirklich kann, wenn es auch noch große Konzentration erfordert.
Als es über die Berge ging, konnte ich nicht anders, als weiterzumachen. Erst ab Ponferrada begann ich kürzerzutreten und kurze Etappen einzulegen.
Die ersten Tage hier waren wunderschön. Ich stehe knapp über hundert Kilometer vor Santiago und gehe teilweise nur 15 Kilometer am Tag.
Die Landschaft ist zauberhaft schön. In Samos hatte ich ein besonderes Erlebnis. Ich übernachtete in einem mehrere hundert Jahre alten, riesigem Kloster.
Es gab auch einen Nachteil, denn es gab keine Heizung und es war eine der kältesten Nächte seit langem. Die alten Klostermauern hielten die Kälte im Inneren, denn im Freien war es wärmer als drinnen.
Es wurde trotzdem ein einzigartiges Erlebnis, dass ich zusammen mit Frank aus USA, zusammen erlebte. Es ist immer wieder schön, in so alten Gemäuern zu übernachten.
Der Abstecher nach Samos brachte ein wenig mehr an Kilometern, aber war jeden Schritt wert. Tolle Natur entschädigte für den Aufwand.
Erste blühende Bäume und Schnecken am Boden, brachten den Frühling näher. Es waren tolle Momente am Weg. Wieder ergriff mich ein Glücklichsein, dass mich dankbar den Weg gehen ließ.
Noch bin ich nicht am Ziel und es warten noch wunderschöne Tage, im Herzen von Galizien. Mein Ziel, von diesem Camino wieder etwas für meine Gesundheit mitzunehmen, habe ich bereits erreicht. Ich weiß, woran ich arbeiten muss und was noch nicht so gut funktioniert.
Bis dahin versuche ich noch in Spanien das Leben und die Therapie unter einen Hut zu bekommen und zu genießen!
Der Ausbruch zum Winter Camino gibt mir genau das, was ich derzeit brauche. Die Bestätigung, dass in meiner Rehabilitation doch was weiter gegangen ist. Die Fortschritte sind so klein, dass ich einen Ausbruch aus meinem Leben von zu Hause brauche, um sie zu erkennen.
Der wichtigste Unterschied zu noch vor einem Jahr ist der, dass ich trotz Handicaps beginnen kann zu Leben. Es besteht nicht mehr nur aus Therapie und Training. Hier am Camino fällt es mir besonders leicht, das Leben zu leben.
Es begann mit der Pyrenäen Überquerung. Es war wieder die gleiche Unsicherheit des "Was wird mich erwarten", wie beim ersten Mal. Nur das es diesmal nicht direkt über den Berg führte, sondern den Winterweg außen herum, der nur wenig über 1000 Meter hochgeht.
Es tut so gut, gehen zu können, ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich bin. Jede Minute, Stunde und Wochen des oft harten Trainings werden mir hier zurückgegeben. Das Dranbleiben hat sich trotz Muskelschwäche ausgezahlt. Dieser Ausbruch tut gut und bringt mich wieder weiter.
Es geht noch immer nicht gerade leicht zu gehen, aber im Vergleich zum ersten Camino Frances sind Welten Unterschied. Besonders der Tunnelblick und die Wahrnehmung ist so viel besser. Ich kann die Landschaft noch besser genießen und nehme alles viel besser wahr.
Einzig die größeren Städte tun mir noch immer nicht gut. Den Spaziergang durch Logrono habe ich abgebrochen und mich in ein Cafe gesetzt. Aufkommende Gangunsicherheit und Schwindel lassen mich vorsichtig sein. Zu viele Reize prallen auf mich ein und ich bin froh, die Stadt am nächsten Tag wieder verlassen zu können.
Das Entscheidenste sind die vielen geschlossenen Herbergen. Es sind an für sich genug offen, aber sie beeinflussen die Weglänge. Entweder entscheidet man sich für 20 - 25 Kilometer, oder das doppelte. Im Sommer ist im Schnitt alle 5 - 10 Kilometer eine offene zu finden.
Außerdem sind weniger Bars geöffnet, aber immer noch genug, um versorgt zu sein. Es ist auf jeden Fall besser, wie im Juni am Camino Norte, trotzdem ist es eine Umstellung.
Ja, die Bekleidung. Das Wetter ist wärmer als gedacht. Das macht meinen Rucksack schwerer. Lange Unterwäsche, Daunenjacke, Handschuhe und warme Haube muss ich tragen, anstatt das ich es anhabe. Dazu habe ich eine Thermosflasche bis Logrono mitgetragen und nie gebraucht.
800g habe ich per Post nach Hause geschickt, denn jedes Gramm zählt. Einiges Zeug trage ich weiter mit, denn noch warten die Berge und das Wetter kann ja schlechter werden. Dann tut es gut, ein bißchen Reserve zu haben.
In Erinnerung bleibt mir der Tag nach den Pyrenäen. Nur mit Kurzarmtrikot war es mir einige Zeit möglich, in der Sonne zu gehen und das im Jänner.
Außer Schnee hatte ich bisher alles. Regen wechselte immer wieder mit Sonne ab. Dabei war auch ein wolkenloser Tag mit herrlichem Sonnenaufgang. Der Weg ist allerdings sehr matschig und feucht. Die Gore Text Schuhe sind bisher eine gute Wahl. Ob sie auch im Schnee eine gute Wahl sind, wird sich noch zeigen.
Alles in allem hat sich der Ausbruch aus meinem Leben zu Hause bisher mehr als gelohnt!
"Niemand ist die ganze Zeit mutig. Das Unbekannte ist eine ständige Herausforderung, und Angst ist Teil der Reise. Was ist zu tun? Sprich mit dir. Sprich alleine. Sprechen Sie mit sich selbst, auch wenn andere denken, Sie seien verrückt geworden. Während wir reden, gibt uns eine innere Kraft die Sicherheit, die Hindernisse zu überwinden, die überwunden werden müssen. Wir lernen Lehren aus den Niederlagen, die wir erleiden müssen. Und wir bereiten uns auf die vielen Siege vor, die Teil unseres Lebens sein werden. Und nur zwischen Ihnen und mir wissen diejenigen, die diese Angewohnheit haben (und ich bin einer von ihnen), dass sie nie alleine reden: Der Schutzengel ist da, hört zu und hilft uns beim Nachdenken."
Paulo Coelho
Tägliche Infos und Bilder über meinen Weg auf Instagram
"Das Aufbrechen ist am schwersten. Unterwegs zu sein, ist leicht und schön!"
Dieser Spruch beinhaltet viel Wahrheit. Ich habe mich für die Reise zwar entschieden, allerdings habe ich die Vorbereitung darauf unterschätzt.
Mein Gehirn arbeitet noch schwerfällig und die achtsame Auswahl der Bekleidung nötigte mir viel Kraft ab. Das habe ich unterschätzt. Ich bin mir zwar recht sicher darin, was ich brauche, aber mein System kommt damit durcheinander, wenn ich Alternativen suchen und ausprobieren muss. Da ist der Sommer leichter.
Es ist diesmal anders, als sonst. Es kommt viel unbekanntes auf mich zu und vor allem, wie ich es handhaben werde. Alles außerhalb des Gewohntem fühlt sich neu, aber auch erschreckend an.
Aufbrechen zu können ist Freiheit. Schöner ist es noch, bereits unterwegs zu sein. Denn zum Aufbrechen gehört vorher einiges dazu. Hat man das überwunden, ist man unterwegs.
Ich kann mich noch an meine Aufbrüche zu Extrem-Radrennen oder Bergfahrten erinnern. Alles musste bedacht sein, vom Werkzeug bis zum kleinsten Ding. Ob in die Sahara, am Denali oder der Crocodile Trophy, alles war Schwerstarbeit bis zum letzten Augenblick.
Denn hatte man etwas vergessen, konnte man es nicht um die Ecke kaufen. An solchen kleinen Dingen konnte der Erfolg oder das Scheitern hängen.
Bisher machte ich mir vor dem Camino auch Gedanken, allerdings waren sie noch nie so weitreichend wie bisher. Ein Camino im Winter ist eben doch was anderes und für mich besonders.
Es ist für mich sehr schwer abzuschätzen, was ich wirklich brauche und das ich das dann in der richtigen Weise integrieren kann. Dazu ist ein fortführendes Denken notwendig. Der Wintercamino brachte mich dabei in neue Sphären des Denkens und ist schon vor dem Losfahren eine Herausforderung.
Wichtig ist, dass ich mich nicht unter Druck setze, nicht verbissen versuche alles umzusetzen und mir auch die Möglichkeit offen halte, nach Hause zu fahren, sei es, weil es mir doch zu kalt ist oder wegen anderer Gründe.
Ob die Bekleidung reicht, wird erst der Weg zeigen. Meine früheren Erfahrungen als Bergsteiger und Extremsportler helfen mir nur mehr bedingt.
Wenn ich an meinen Sieg beim Iditasport Race in Alaska denke, hat mein Empfinden damals nichts mehr mit dem heute zu tun. Ich wusste damals, im Gegensatz zu heute, sehr genau wo mein Limit lag.
Mit diesem Limit an Kleidung war ich in der Wildnis Alaskas unterwegs. Fehler durften nicht passieren. Bei meinem zweiten Platz war ich sogar Temperaturen von bis zu -35° ausgesetzt.
Heute muss ich meinen Körper noch einmal neu kennenlernen.
Es heißt, mich langsam wieder ans Leben herantasten, dass geht oft nur über's Limit. Würde ich das seit drei Jahren nicht tun, dann wäre ein Weiterkommen unmöglich.
Die Spange zwischen dem jetzt Zustand und einem Pflegefall ist sehr gering, auch jetzt noch.
"Never give up!", ist auch heute noch mein Leitspruch.
Da ich von der Erwerbsunfähigkeitspension leben muss, bleibt nicht viel Geld für die Ausrüstung über. Mittlerweile bin ich allerdings Spezialist für doch einigermaßen Qualität, aber auch Billig-Ausrüster. Die noch im Abverkauf, wird Pilgern leistbar.
Für den Wintercamino habe ich mir zusammengerechnet, daß meine Hauptbekleidung rund € 350.- ausmacht. Zum Spass habe ich mir angeschaut, was die in etwa gleiche Ausrüstung bei einer Markenfirma gekostet hätte. Es hätte im Vergleich dazu € 1.550.- gekostet.
Ok, ich habe nichts von Mammut, Salewa oder Skinfit, trotzdem stehe ich nicht weit hinten an. Meine Berghose begleitet mich jetzt schon am dritten Camino und hat im Ausverkauf € 49.- gekostet.
Meine Fleecejacken kosteten zwischen € 20.- und € 40.- und die Unterleibchen habe ich im Ausverkauf um € 5.- erstanden.
Das teuerste ist die Regenjacke und -hose, die ich noch zu Trailrunningzeiten erstand. Sie sind superleicht und sie alleine würden beinahe mein Gesamtbudget ausmachen. Zum Glück sind mir die Sachen aus früherer Zeit erhalten geblieben.
Auch das restliche Material hatte ich größtenteils zu Hause. Neuanschaffungen waren kaum nötig. Einzig der Schuhverbrauch ist groß. 5 Paar Trailrunning Schuhe habe ich bisher in den letzten dreieinhalb Jahren aufgebraucht. Ein Paar hält etwa einen Camino lang durch, also rund 1000 Kilometer.
Dann sind sie allerdings durchgegangen und am Limit. Der Hoka hatte allerdings auch am Ende noch eine sehr gute Dämpfung, obwohl oben das Mash eingerissen ist. Trotzdem bleibe ich der Marke treu und verwende ihn auch jetzt im Winter, nur das GoreTex Modell. Zusammen mit Gamaschen sollte er auch für den Camino einsetzbar sein.
Ich musste mich dann schlussendlich entscheiden, was ich wirklich mitnehme. Es war ein Grund, warum ich das Aufbrechen diesmal so schwer empfand. Ich gehe praktisch jeden Tag und bei jedem Wetter, allerdings fühlte ich mich fast immer anders. So war es schwer herauszufinden, was ich wirklich benötige.
Schlussendlich entschied ich mich für Sicherheit und nehme etwas mehr mit, als ich vielleicht brauchen werde. Das schlägt sich allerdings in einem höheren Rucksackgewicht nieder, das höher als mein Limit ist.
Mit der Körperschwäche muss ich einen Kilo mal drei rechnen. Deshalb habe ich immer versucht, unter 5 Kilo Gesamtgewicht für den Rucksack bleiben.
Diesmal sind es aber 8 Kilogramm, inklusive Verpflegung. Das ist recht schwer und ob es möglich ist, wird der Weg zeigen. Ich lasse mich überraschen und es gibt ja die Möglichkeit, etwas heim zu schicken oder herzuschenken.
Das Aufbrechen so schwer sein kann? Aber nach vier Jahren kann ich es mir schon zutrauen!
Es wird interessant, ob meine heutigen Gefühle und der Beweggrund den Camino zu gehen, in zwei Monaten die Selben sein werden?
Ich komme gerade vom therapeutischen Tanzen in Frohnleiten und möchte das hier Gelernte mit dem Gehen am Jakobsweg verbinden. Die verschiedenen Gefühle und Emotionen die da hochkommen, sind eine gute Basis, um mich auch am Camino darum zu kümmern.
Dieser Camino wird wieder vieles für mich bereithalten. Ich arbeite seit langem an mehr Automatik im Leben und besonders im Gehen. Gerade das therapeutische Tanzen unterstützt mich darin. Ich bin schon mehrmals nach der Therapie ein Stück nach Hause gegangen und habe versucht, dass eben gelernte dabei im Gehen umzusetzen.
Rhythmus und mich besser zu spüren, wird mich also auch am Camino Frances begleiten. Den Rhytmus im Gehen umzusetzen, daran versuchte ich mich schon öfter und es ist total interessant, was man dabei alles spürt. In der Gesundheit dreht sich alles um Gefühle und Emotionen, die mir gut tun und mir weiterhelfen. Im Gegensatz dazu komme ich schneller darauf, was mir nicht gut tut.
Wie ich es am Jakobsweg umsetzen kann, das wird die Zeit zeigen, aber ich bin optimistisch, dass es mir hilft. Manch einer meint, ich mache zuviel. Das glaube ich aber nicht, denn es ist nicht nur eine einzelne Therapie, die mir helfen kann, sondern viele in der Gemeinsamkeit sind es.
Jeder Camino hält etwas anderes für einen bereit und man weiß eigentlich nie was. Trotzdem mache ich mir schon Gedanken darüber, was ich dort überhaupt möchte.
Denn ein Camino im Winter braucht eine gewisse Vorbereitung für mich, da ich nicht so schnell reagieren oder eben auch Sachen beschaffen kann. Für alles brauche ich eine längere Zeit des Überlegens und Abwägens.
Gerade das Thema der Bekleidung hat mich sehr beschäftigt. Reagiert mein Körper doch so viel anders wie früher. Deswegen komme ich auch auf ein Gesamtgewicht von etwas über sechs Kilogramm für den Rucksack, da ich doch mehr Sicherheiten punkto Bekleidung brauche, als im Sommer.
Ein Beweggrund ist der, dass ich jetzt über sechs Monate Therapien hinter mir habe, in der ich speziell am Denken und der Psyche arbeitete. Das ist zwar gut, aber das Rundherum bzw. der Alltag stresst mich in letzter Zeit immer mehr. So habe ich mich entschieden, zum Jakobsweg zu fahren, um im Alltag zu Therapieren.
Verschieden Jakobswege konnte ich bereits kennen lernen und die verschiedensten Erfahrungen dabei machen. Im Grunde nehmen ich mir nichts vor, aber das Tanzen hat mich schon auf eine Idee gebracht. Übertrieben gesagt, tänzelnd gehen und mich dabei beobachten, weiche Gefühle und Emotionen dabei aufkommen. Ich kann es nicht besser beschreiben, noch fehlen mir die Worte dazu.
Eine Zeit ohne Therapie gibt es seit mittlerweilen über drei Jahren nicht mehr für mich. Würde ich immer in Therapie denken, ginge das gar nicht. Denn Therapie heißt, ich funktioniere nicht und ich habe etwas zu tun, um wieder zu funktionieren.
Das kann ein Teufelskreis sein, in dem ich mich befinde. Das Leben vergesse ich darüber, obwohl ich ja lebe, ja leben muss.
Der Camino gibt mir aber Leben, obwohl ich auch dort, allerdings im Alltag, therapiere. Dazu habe ich auch Hausaufgaben, die ich erfüllen möchte, ohne dem Damoklesschwert Therapie auf mir zu spüren.
Ob und wie es gelingt, ich werde darüber berichten!
Meine Therapie ist allgegenwärtig, denn quasi nebenbei, soll ich auch wieder Leben lernen. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Denn jede Aktivität ist ein Tun, um Körperlich weiter zu kommen. Es ist jedoch entscheidend, alles im richtigen Bereich zu machen. Eine 24/7 Vorbereitung auf das Leben.
Meine Rehabilitation hat Ähnlichkeit mit dem Leistungssport. Nur arbeite ich in einem anderen Leistungsbereich und habe ein anderes Ziel. Der Aufwand ist derselbe.
Geht es bei einem Sportler um eine Punktgenaue Abrufung von Leistung, geht es bei mir darum, die Abrufung der Basics zu lernen. Einfachste Dinge möchten wieder gekonnt werden. Vom Sport habe ich das Dranbleiben mitbekommen. Das hilft mir jetzt sehr, um an meiner Rehabilitation dran zu bleiben. Rückschläge möchte ich vermeiden.
Das erfordert Fingerspitzengefühl und Durchhaltevermögen. Es ist ein Vorteil, dass ich mich gut spüre. Durch die Muskelschwäche darf ich mich nicht überfordern. Für das Fitnessstudio heißt das, ich darf mit maximal 60% meiner Maximalkraft trainieren. Alles darüber macht keinen Sinn und könnte den Muskel schädigen.
Dabei immer die genaue Belastung zu finden, ist das Kunststück. Nach dem Krankenhaus war ich noch guter Dinge und hatte eine Steigerung. Kein Wunder, begann ich doch mit 10 kg Beindrücken. Bald war ich auf 30 kg, aber jeder weitere Kilo bedeutete in Folge viel Arbeit.
Heute, nach vier Jahren, stehe ich bei 40 - 50 Kilogramm Beindrücken, je nach Befinden. Durch die Muskelschwäche stockt die Vorbereitung etwas.
Dabei heißt es aufpassen. Es fehlt mir noch immer die Koordination dafür und zweitens tut es mir nicht gut. Alles was mit Schnellkraft zu tun hat, ist mit Vorsicht zu behandeln. Es gab in den letzten Jahren nahezu keine Veränderung. Von einem Sessel zu steigen ist fast nicht möglich.
Besonders beim Gang-ABC muss ich nach wie vor aufpassen, um meinen Körper nicht zu überfordern.
Die Finger und Beine kann ich nur begrenzt lange trainieren, denn es ist eine Kombination aus gestörter Tiefensensibilität, verzögerter Reizweiterleitung und Muskelschwäche, die der Hirnabszess ausgelöst hat.
Spezielle Rezeptoren in den Muskeln und Gelenken, vermitteln die Information an das Gehirn über die Bewegung, die Haltung und die Position des Körpers im Raum, indem sie auf Druck oder Verformung reagieren.
Diese Reize entscheiden über die notwendige Positionsanpassung des Körpers über das Gehirn und senden wiederum entsprechende Befehle an die Muskeln.
Ich habe zwar wieder Greifen und Gehen gelernt, aber das Gefühl für die Feinmotorik fehlt. Es ist vergleichbar mit Alkoholkonsum. Oftmals ein Torkeln beim Gehen, im Stehen aus dem Gleichgewicht geraten oder den Abstand zwischen Füßen und Boden falsch wahrnehmen, sind die Folge. Ich kann auch eine Gangunsicherheit beobachten, deshalb bin ich auf der Strasse sehr vorsichtig.
Das sind nur die körperlichen Auswirkungen in der Bewegung, es gibt aber weitere im seelisch-geistigen Bereich, die einer eigenen Vorbereitung bedürfen.
Der Thalamus hat einen großen Aufgabenbereich. Er ist das Steuersystem für den Körper, Geist und Seele. Eine Schlüsselbedeutung hat er für Denk- und Entscheidungsvorgänge im Gehirn.
Im Thalamus wird gefiltert und Weitergeleitet. Er arbeitet unbewusst und wird nicht vom eigenen Willen beeinflusst. Alle Signale und Reize, die auf den Körper treffen, müssen vorverarbeitet werden. Der Thalamus entscheidet, welche weitergeleitet werden und welche blockiert werden.
Im Krankenhaus gab es keine Filter, ich war komplett durchlässig für alle Reize. Über drei Jahre waren bisher notwendig, den Ist-Zustand zu erreichen. In manchen Bereichen ist es besser geworden, aber die Stadt mit ihrem Lärm und zahlreichen Reizen setzt mir noch immer zu. Kleinste Schritte sind erforderlich, um mich wieder daran zu gewöhnen.
Mit dem bisher Erreichten bin ich auf einem guten Weg. Trotzdem wird es noch lange dauern, bis ich manche Reize wieder vertrage. Grelles Licht oder Feuerwerk, wie zu Silvester, mag ich noch nicht.
Die Krankheitszeichen sind ineinander verflochten. Ich habe an so vielen Baustellen gleichzeitig zu arbeiten, dass meine Rehabilitation meine ganze Aufmerksamkeit fordert. Da bleibt nur wenig Zeit dafür, auch wieder zu Leben. Nach drei Jahren Therapie, Training und Üben, ist die Zeit gekommen, auch wieder zu Leben. Das muss allerdings wieder gelernt werden.
Ein Großteil der Tages-Energie geht fürs (An-)Denken der Bewegung drauf. Es ist heuer eines meiner Ziele, dass ich gerne verbessern möchte, auch wenn's nur um Nuancen geht.
Im Moment ist alles Training für eine Vorbereitung auf mein neues Leben und die Vorbereitung auf den Camino im Winter, der eine Therapie im Alltag darstellt.
Ein neues Jahr hat begonnen und meine Entscheidung für den Wintercamino ist gefallen. Ende Jänner werde ich aufbrechen, um mich erstmals an einem Camino im Winter zu versuchen.
Bisher haben mich neurologische Probleme in der Kälte davon abgehalten, in der Winterszeit auch nur Ansatzweise etwas zu machen. Gerade die Nerven reagieren in der Kälte noch schlechter. Trotzdem habe ich mir in den Kopf gesetzt, es zu machen. Manche Gründe sprechen dagegen, aber noch mehr dafür.
Den Jahreswechsel verbrachte ich bei Alexander Rüdiger in der Nähe von Wien. Es war seit dem Hirnabszess erstmalig, dass ich Auswärts den Silvester verbringe. Auf einer nur zu Fuß erreichbaren Hütte, feierte ich den Beginn des neuen Jahres.
Ich wollte damit einen Akzent setzten, mein neues Jahr zu beginnen. Wieder "Leben lernen" heißt seit letztem Frühjahr meine Devise. Damit muss ich mich immer wieder verschiedenen Situationen aussetzen, um mich daran zu gewöhnen. Noch brauche ich danach oft mehrere Tage Pause, wo ich nichts tun kann und meist schlafe oder döse. Mehr wie ein bis maximal zwei "Grenzgänge" monatlich, sind daher nicht drinnen.
Nicht nur der Hirnabszess, auch die Trennung 2018, war ein Neubeginn (im Neubeginn). Um wieder in die Spur zu kommen, braucht es manchmal radikale Veränderungen. Seit letzten Jahr steht eben "Leben lernen" auf dem Programm, angeregt durch die Ergotherapeutin. Das ist schwieriger als gedacht, gab es doch zwei Jahre ausschließlich Therapie für mich und war es mir nicht möglich ein normales Leben zu führen.
Ich machte die letzten Monate nicht viel anders als früher, aber ich versuchte nicht mehr alles unter dem Aspekt der Therapie zu sehen und zu tun. Es ist eigentlich nur eine kleine Gedankenänderung, die aber sehr schwer zu verinnerlichen ist. Am Camino del Norte hatte ich erstmals seit langem wieder das Gefühl zu Leben oder das Gefühl dafür zu bekommen. Der Camino vereint Therapie mit Leben, ich therapiere durch den am Camino gelebten Alltag in perfekter Weise, besser als zu Hause.
Das ich mich der Silvester Feier ausgesetzt habe, war ein weiterer Schritt ins Leben. Ein Danke an Alexander und Ramona, die es mir ermöglich haben.
Die Feier war nicht alles, denn wir wollten den Neujahrstag am Berg verbringen. Da für mich schon der Silvester am Limit war, wollte ich nur ein Stück den Berg mit Hochgehen. Alex motivierte mich und beide warteten immer wieder auf mich und so gelangte ich wirklich auf den Gipfel des Kieneck. Alleine hätte ich es nicht geschafft.
Wegen der Kälte hatte ich große Bedenken, darum zog ich über die Wanderhose (+ langer Unterhose), meine GoreTex Regenhose an. Wider Erwarten bekam ich so die Kälte mehr oder weniger in den Griff und konnte die Wärme innen halten. Ich hatte noch keinen Berg mit so vielen Höhenmetern bisher erzwungen, nicht einmal am Jakobsweg. Ich musste sehr konzentriert gehen und konnte erkennen, wo ich noch größere Defizite habe.
550 Höhenmeter waren zu überwinden und wir erreichten bei niedergehender Sonne den höchsten Punkt. Wir verließen den Gipfel, auf dem sich eine bewirtschaftete Hütte befindet, als die Sonne gerade beim Untergehen war. Eine eindrucksvolle Landschaft in herrlichem Licht, ließ das Herz aufgehen. Gerade auf solche Momente bin ich fixiert, da sie mein Leben bereichern und mir positivste Gefühle bescheren.
Das Licht der untergehenden Sonne spüre ich noch heute und gerade solche Emotionen und Gefühle helfen mir auf dem Weg zurück ins Leben. Nur in diesem wohligen Gefühl ist Heilung möglich und daher versuche ich so oft wie möglich solche Momente für mich herzustellen und vermeide alles, was mich davon abhält oder mir nicht gut tut. Der Weg war ein guter Test für den Wintercamino.
Die ist recht bald gefallen. Es sprechen zwar einige Punkte dagegen, aber noch mehr dafür. Da ich recht emotionslos sein kann, ist es kein Beinbruch, wenn ich mit den Bedingungen vor Ort nicht zurecht komme und wieder nach Hause fahren muss.
Ich habe den Camino bisher im Frühling/Sommer und im Herbst erlebt. Jede Jahreszeit hat ihre eigenen Reize, so auch der Winter. Mehr Einsamkeit, als ich bisher erlebt habe, wird mich erwarten. Von Jean Pied de Port in den Pyrenäen starteten im Jänner 2019 nur 188 Pilger.Im Gegensatz dazu im Juni 5405. Es wird also um einiges ruhiger zugehen, als in den Sommermonaten.
Im Allgemeinen sind die Temperaturen zu Hause um 5 bis 10 Grade kälter. Da ich Bewegung und im speziellen "Gehen als Therapie", auch zu Hause am Programm habe, kann ich auch gleich am Camino gehen. Bei vielleicht sogar angenehmeren Temperaturen.
Außerdem ist der Wintercamino meine Ersatztherapie. Teure Therapien wie Akkupunktur, Osteopathie und anderes übernimmt die Krankenkasse nicht. Selbst bezahlen kann ich mir nicht leisten, daher gebe ich das mir zu Verfügung stehende Geld lieber am Jakobsweg aus.
Normale Physio- oder Ergotherapie kann ich die meiste Zeit auch alleine machen. Dazu wird mein Gehirn genauso beschäftigt, dass ich ja auch trainieren muss. Das Leben wieder lernen, ist am Camino eine Möglichkeit, wie kaum anderswo.
Dazu fällt mir eigentlich nur die Kälte ein. Da mein Körper so schlecht darauf reagiert,ist es nicht angenehm, so steif dahin zu gehen. Es wird eine Herausforderung, speziell die Beine vor der Kälte zu schützen. Gleich wie ich Hitze erst später spüre, zum Beispiel wenn ich auf eine heiße Platte greife, so spüre ich auch Erfrierungen erst zu spät.
Da heißt es auf meine Erfahrungen als Extremsportler zurückgreifen. Beim Iditasport Race war es unumgänglich, permanent einen Körpercheck durchzuführen, um mich vor Erfrierungen zu schützen. Dort habe ich immerhin Temperaturen um -35 Grad ausgehalten, Spitzen sogar mit -65 Grad im Windchill.
Aufpassen, Achtsamkeit und Vorbeugen wird mich beschützen und ja keine Gefahren eingehen. Wenn es das Wetter nicht zulässt, bleibe ich in einem Ort, bis es besser ist. Zeit spielt keine Rolle, möchte ich doch auch an meinem Buch arbeiten und Zeit genug zum Relaxen haben.
Es ist mir klar, dass mein Hirnabszess eine außergewöhnliche, nicht alltägliche Sache, in meinem Leben darstellt. Allerdings erfordert das auch außergewöhnliche und nicht alltägliche Sachen, um meine Rehablilitation voran zu bringen und meinen Weg zurück ins Leben zu schaffen.
Los geht es Ende Jänner, nach einigen Therapien, die ich noch abschließen möchte. Ich werde bis Februar, bzw. Anfang März unterwegs sein. Aber wie gesagt, ich habe auch kein Problem damit, wenn es mir nicht gut geht, nach Hause zu fahren. Mit Handicap so etwas zu unternehmen ist immer ein Risiko. Aber was ich denke, dass bekomme ich, warum also nicht gutes Denken und gutes bekommen. Der Hirnabszess hat mir gezeigt, wie es ausgeht, wenn man in die falsche Richtung denkt. Auf meine Gedanken aufzupassen, steht bei mir seit dem Hirnabszess an der Tagesordnung.
Soweit meine nächsten Rehabilitationspläne. Wer mit dabei sein möchte, ich werde versuchen wöchentlich einen Blogpost zu schreiben und auf Instagram zu Posten. Denn auch das gehört seit langem zu meiner Rehabilitation.
Buen Camino, Ultreia und ein gutes neues Jahr wünsche ich Euch!
Ich beginne mittlerweile den vierten Winter im Fitness Studio. Viel hat sich seit den ersten Tagen nach dem Krankenhaus getan, aber der Kraftzuwachs ist nach wie vor eine Herausforderung geblieben, Kraft erhalten ist die Devise. Fünf Monate liegen im Bett und hochdosierte Antibiotika-Gaben haben Spuren hinterlassen.
So wach und bewegt wie möglich, so heißt heute die Devise auf der Intensivstation. Die ersten zwei Wochen war damals nicht viel möglich, aber danach begann die Mobilisation, wenn auch minimal.
In den ersten Tage war ich nur Minutenweise auf und bei Bewusstsein. Körperliche Mobilisation war damals nicht möglich. Nach zwei Wochen wurde aber alles versucht, um mich in irgendeiner Form zu Mobilisieren. Der Zustand in dem ich mich befand, ist schwer zu beschreiben. Selber Gedanken zu verfolgen war mir unmöglich, ich konnte nur auf etwas reagieren, was sich mir gegenüber befand.
Ich lebte nur im JETZT und nicht in der Vergangenheit oder Zukunft. Mir selbst ist das gar nicht aufgefallen und ich war auch der Meinung, alles mitzubekommen.Das dem nicht so war, musste ich Monate später erkennen, habe ich doch nicht einmal den Ausflug in die Zahnklinik mitbekommen, wo mir der erste von mehreren Zähnen gezogen wurde. Einzelne Augenblicke sind mir aber in Erinnerung geblieben.
Die erste körperliche Mobilisation an die ich mich erinnere, tat ich aus eigenem Antrieb. Ich wusste nicht warum oder wozu, aber ich wollte es unbedingt machen. Meine rechte Seite war gelähmt, trotzdem versuchte ich mit der rechten Hand, die Rollbinden für den Venenschutz aufzurollen. Es war so anstrengend, dass ich öfters dazwischen eingeschlafen bin. Für die vier Binden brauchte ich Minimum eine Stunde, wenn ich nicht dazwischen einschlief.
Es gelang mir nicht einmal, mich umzudrehen, ich hatte keine Kraft dazu. Sie war mir aus dem Körper entwichen und einfachste Dinge wurden zu Herausforderungen, gegen die meine früheren Extremrennen ein Kinderspiel waren.
Nach drei Wochen wurde ich neben dem Bett das erste Mal aufgesetzt. 10 Minuten in möglichst aufrechter Position sollte ich durchhalten, aber schon nach wenigen Minuten ließen meine Muskeln nach und ich sank in mich zusammen. Einmal am Tag musste ich aus dem Bett und wenn es nur für wenige Minuten war. Der Umstand, dass ich von all den Kabeln und Leitungen befreit werden musste, machte die Sache nicht leichter.
Die Krankenschwestern leisteten hervorragende Arbeit und ich bin ihnen unendlich dankbar dafür. Ich konnte ja nicht mithelfen, selbst aus dem Bett mussten sie mich herausheben. Was da geleistet wurde, davon wissen die wenigsten. Alle haben meine Wertschätzung für das, was da geleistet wird.
Jede einzelne Mobilisation war unendlich wichtig für mein späteres Befinden. Ich war körperlich und geistig auf einem Tiefpunkt angelangt und es sollte lange dauern, bis ich mich wieder bewegen konnte. Ich bin heute bald im vierten Jahr angelangt und noch immer ist das Finden der körperlichen Fitness mein Hauptaugenmerk.
Der Grund ist eine neurologische Störung. Ich kann trainieren was ich will, eine Steigerung der Kraft ist kaum möglich. Irgendwie ist die Leitung zwischen Muskel und Nerven gestört.
Im Moment stelle ich mir selbst die Frage, ob es sinnvoll ist, ins Fitnessstudio zu gehen. Aber wenn ich schon nichts aufbauen kann, ist es sinnvoll, zumindest das Bisherige zu erhalten. Trotzdem bin ich am recherchieren und ausprobieren, was mir helfen könnte.
Der momentane Zustand ist für mich noch nicht zufriedenstellend. Zu schnell bin ich erschöpft oder habe für einfachste Sachen keine Kraft. Ich konnte mich nach dem Krankenhaus bis zu einem gewissen Punkt emporarbeiten, aber nicht mehr. Daher ist meine Fitness zu erhöhen einer meiner wichtigsten Punkte. Die Feinmotorik zu verbessern geht dabei meist nebenher.
Denn die Fitness ist deshalb so wichtig, weil sie den Lebenskomfort enorm erhöht. Das Fitnessstudio ermöglicht mir zum Beispiel, wieder ins Kino zu gehen. Eine Stunde aufrecht zu sitzen, erfordert ein stabiles Körpergerüst. Gehen ist oft leichter, denn gerade das Statische ermüdet mich sehr schnell. Darum ist es oft leichter zu Gehen, als zu Stehen. Aber auch beim Gehen brauche ich immer wieder Pausen.
Nach langen Autofahrten erfordert es oft Überwindung zu Gehen. Mein Muskelkorsett ist so schwach, dass ich einfach noch zu schnell ermüde.
Im Grunde ist noch jede Bewegung Training, ist mein Alltag Training. Das Pilgern brachte mir bisher eine gute Ausdauer. Trotzdem ist es nur mit entsprechend vielen Pausen möglich. Da ich aber nicht ständig auf Pilgerschaft gehen kann, ist das Fitnessstudio eine gute Alternative.
Im Moment bin ich dabei herauszufinden, was gut ist. Training mit Gewichten, aber nicht zu schwer, ist derzeit angesagt. Die Muskelkraft lässt sich nicht verbessern, daher ist ein Erhalt wichtig. Leichte Gewichte mit vielen Widerholungen mache ich zur Zeit. Das soll mir zumindest die Kraft erhalten, die ich zur Zeit habe.
Verleztzungen versuche ich zu vermeiden, denn der Aufbau danach benötigt lange Zeit. Eine Leistungsdiagnostik wäre hilfreich, um meine Pulszonen zu bestimmen. Allerdings immer bezugnehmend auf meine Defizite, also nicht bis zur körperlichen Ausbelastung, wie früher im Sport.
Dazu mache ich Koordinationstraining am Boden mit dem Wackelbrett, Stufensteigen oder Stretching Übungen. Das Fitnessstudio hat den Vorteil, dass ich bei wärmeren Temperaturen trainieren kann. Bei Minusgraden lässt die Muskelschwäche es oft nicht zu, mich schnell genug zu bewegen, um warm genug zu bleiben.
Es ist wichtig auf mich zu hören und nur das zu machen, was mir gut tut. Mein Tagesablauf ist abhängig von meinem Befinden, zu schwankend ist es noch. Aus diesem Grund ist das Pilgern sehr gut für mich. Dabei mache ich nur was mir gut tut. Eine niederschwellige Bewegung ist ideal.
Wie weit ich gehe, mache ich von meinem Befinden abhängig. Geht es mal nicht so gut, kann es auch nur der Weg in die nächste Herberge sein. Der Druck, eine gewisse Strecke zurücklegen zu müssen, ist bei mir nicht vorhanden. Das wichtigste ist, ohne Druck unterwegs zu sein. Es macht mir Freude und ich habe eine Struktur am Camino, besser als zu Hause.
In den Tagen daheim ist es genau so wichtig, eine Struktur zu haben. Dabei hilft mir das Fitnessstudio und die Therapien. Ich wurde 2016 aus meinem Arbeitsalltag gerissen und kann seither nicht mehr arbeiten. Diese Struktur fehlt mir.
Vor allem kann ich nichts erschaffen. Die Kreativität und Gestaltungsmöglichkeit ist mir abhanden gekommen, aber nicht weil ich es nicht möchte, sondern weil ich es nicht kann. Langsam und Schritt für Schritt, erarbeite ich mir wieder einiges. Fotografieren, für den Blog schreiben, Instagram und Facebook helfen mir dabei, mich auch kreativ zu betätigen. Filmen oder Schneiden ist leider noch nicht dabei. Da fehlt noch das zusammenhängende Denken und auf einen Gedanken aufbauen können.
Mein vorrangiger Job ist es derzeit, meinen körperlichen Zustand zu verbessern. Wird man körperlich behindert, wird alles andere zur Nebensache. Die Fitness erhalten, um wieder mehr Lebensqualität zu bekommen, ist mein größter Wunsch und dafür tue ich alles. Man wird sehen was die Zukunft bringt, daher