Meine Muskelschwäche hat sich erst nach und nach heraus kristallisiert. Zwei Jahre konnte ich nur üben und meinen Körper trainieren. Diese Schwäche beim Bergaufgehen und die Kurzatmigkeit waren mir schon länger verdächtig.

Nach dem Camino Norte musste ich mehr nachforschen, denn die Verbesserungen hielten sich in Grenzen. Meine Defizite sind mit dieser Schwäche noch schwieriger zu verbessern. An eine Muskelschwäche in diesem Ausmaß habe ich nie gedacht. Ich arbeite somit nicht nur gegen die normale Alterung des Körpers, sondern auch gegen die neurologischen Schäden und die Muskelschwäche an. Das Kurzzeitgedächtniss und das aufbauende Denken sind eine andere Baustelle.

Mensch
Muskelschwäche

Was ist diese Muskelschwäche?

Die Übertragung der Signale von den Nerven an die Muskeln funktioniert kaum oder gar nicht. Das macht es umso schwieriger, die Bewegung zu kontrollieren. Automatisches Gehen ist noch immer nur schwer möglich, wie auch alle andere Bewegungen, die jeder ohne nachdenken ausführt.

Bei Wikipedia wird Muskelschwäche so beschrieben:

"Eine Myasthenie oder Muskelschwäche ist ein Symptom verschiedener Erkrankungen, das eine belastungsabhängig abnorm rasche Ermüdung bzw. eine Schwächung von Muskeln beschreibt."

Mein Körper besteht aus etwa 600 Muskeln. Sie ermöglichen mir, mich zu bewegen oder Gegenstände zu heben. Wenn diese Kraft nachlässt, spricht man von Muskelschwäche. In den meisten Fällen ist sie nicht heilbar.

Es gibt sie in verschiedensten Formen. Nach dem Fitnessstudio oder nach Sporteinheiten hat wahrscheinlich jeder eine Muskelschwäche, die normal ist. Die andere Form ist eine durch körperliche Erkrankung erworbene oder eine angeborene, welche die Bewegung einschränkt.

Es gibt viele Arten  Die Auswirkung ist einmal erst die gleiche, nämlich eine Körperschwäche, die sich nicht oder kaum verbessern lässt. Der Unterschied liegt im Verlauf. Von wenigen Monaten Lebenserwartung inklusive Muskelschwund, bis keine Auswirkung auf die Lebensdauer ist alles möglich. Allen gleich ist die Kraftlosigkeit.

Welche Art genau ich habe, weiß ich nicht. Die Diagnose ist schwierig und im Endeffekt egal. Seit dem Hirnabszess ist es ein Leben im JETZT und so soll es auch weiterhin bleiben.

Natürlich akzeptiere ich den Ist-Zustand, aber ich gebe mich nicht damit zufrieden. Ich werde auch weiterhin auf mich hören und tun, was mir gut tut.

Die Muskelschwäche begleitet mich seit bald 4 Jahren. Zu lernen, wie ich damit umgehe, ist ein wichtiger Bestandteil. Der Hirnabszess war der Anfang einer Reise zu mir selbst und wird es noch lange bleiben. 

Podcast von Stefan Glowacs

Dieser Tage ist mir ein Podcast von Stefan Glowacz unter gekommen. Für ihn war und ist das Klettern auch eine Lebensschule, so wie es bei mir der Radrennsport war. 

Ich empfehle ihn anzuhören. Zum Podcast geht es hier.

Rehabilitation Klettern

Ich war öfters beim Bewegungstraining in der Zigeunerhöhle beim "Klettern". Es funktioniert schon immer besser, mich in der Wand zu bewegen.

Besonders geht es mir da um die räumliche Wahrnehmung. Ich steige ja nur knapp über dem Boden dahin, nach rechts und links. Dabei achte ich darauf, die Füsse gut zu bewegen, um immer stabil stehen zu können. Dafür muss ich auch die Hände gut benutzen, um gut zu stehen.

Das Schauen, Wahrnehmen und Bewegen kann hier super trainiert werden. Mehr als eine Minute halte ich am Stück durch, mehr geht noch nicht. Bei den ersten Versuchen im Frühjahr war schon nach 30 Sekunden Schluss. Ich bin aber mehr als happy, dass der Schwindel mich beim Klettern nicht mehr so stark behindert. Das ist ein großer Fortschritt. Einzig die Muskelschwäche behindert mich auch hier sehr.

Zigeunerloch
Klettern gegen Muskelschwäche

Zum ersten Mal am Rad seit 2016

Probiert habe ich schon vieles, aber aufs Rad habe ich mich noch nicht getraut. Gleichgewicht und Schwindel haben mich davon bisher abgehalten. In den letzten dreieinhalb Jahren bin ich rund 6000 km gegangen, daher suchte ich nach neuen Herausforderungen. 

Der erste Schritt war, dass ich mein Rad aus dem Keller holte, in dem es seit bald vier Jahren Staub ansetzte. Es sollte noch mehrere Wochen vergehen, bis ich Luft in die Reifen pumpte, es putzte und mich einmal drauf setzte. Die Rennposition behagte mir aber nicht. Ein neuer Lenker und Vorbau musste her.

Radumbau

Wieder vergingen einige Wochen, bis ich das Rad umbaute. Die Lust es zu versuchen war zu groß und selbst das kalte Wetter konnte mich nicht davon abhalten. Ich musste natürlich vorsichtig beginnen und rollte ein paar mal im Hof auf und nieder. Langsames fahren war ok und so kam ich zu meinen ersten Metern seit 2016.

Es war ein super Gefühl, denn diese Bewegung habe ich doch 20 Jahre trainiert und Leistungsmäßig ausgeübt. Ich fühlte mich wohl am Rad, blieb aber am Weg hinter dem Haus. Ich legte etwa 500 Meter zurück. Es war anstrengend, hat aber meinem Körpersystem gut getan, es einmal anders zu belasten.

Interessant war dann das Absteigen. Schwankend, wie auf einem Schiff, verließ die Koordination meine Beine. Ich ging schnurstracks hoch in die Wohnung und legte mich hin, um den Körper zu beruhigen. Mein System war zwar durcheinander, aber ich fühlte mich nicht unwohl.

Radfahren gegen Muskelschwäche

Auf die Strasse fahre ich noch nicht, die Gefahr etwas zu übersehen wäre zu groß. Meine Reaktion ist noch zu sehr verlangsamt.

Es wird seine Zeit brauchen, aber es wird ein gutes Training in der Zukunft sein. Die Muskelschwäche habe ich natürlich sehr gespürt, aber mit dem Radfahren habe ich ein tolles Training zur Hand, was mir in Zukunft sicher viel bringen wird. Es wird aber noch einige Zeit brauchen, da die Kälte nicht ideal ist und ich mich langsam an diese neue Art der Belastung gewöhnen muss.

Aber fürs Gehen brauchte ich ja auch mehrere Jahre. Das alles länger braucht, daran habe ich mich schon gewöhnt. Ich kann nur im JETZT weitermachen und ich werde auch in Zukunft alles versuchen, um wieder kräftiger zu werden.


Bewegen - besonders wenn ich weniger dazu komme, fehlt es mir. Innerhalb kurzer Zeit werde ich träge und mein Körpersystem funktioniert nicht mehr so gut. Daher bleibt es meine Therapie Nr.1.

Das hat viel mit meiner Muskelschwäche zu tun, die längere Pausen nur schwer verzeiht. Daher ist bei allem was ich tue auch die Vorsicht dabei. Denn bei einer Verletzung falle ich gleich weit zurück. Der Muskelaufbau ist nur ganz langsam möglich, wenn überhaupt.

Niederschwelliges Gehen und Bewegen tut mir am besten.

Die Definition von Gesundheit der WHO:

"Zustand des vollständigen körperlichen, mentalen und sozialen Wohlergehens"

Definition der WHO für Gesundheit

Demnach bin ich offensichtlich nicht gesund, aber darunter fällt eigentlich ein Großteil der Bevölkerung. Außerdem rät die Gesundheitsweltorganisation dazu, täglich 10.000 Schritte zu machen. Das sind etwa 5 bis 7 Kilometer.

Unterwegs zur Ruine Gösting

Was heißt das für mich? 

Trotz aller Therapien die ich so mache, hat Gehen und Bewegung den größten Stellenwert. Bewege ich mich weniger, hat es direkte Auswirkungen auf meine Lebensqualität. Das gilt auch für das Denken.

Denken und Bewegen hängt unmittelbar zusammen. Das ist deswegen nicht so einfach, weil Denken den gleichen Energieaufwand erfordert, wie die Bewegung. Im normalen Leben merkt man das nicht, da die Energie auch ausreicht, um eine Nacht durchzumachen.

Aufgefallen ist es mir am Krankheitsbeginn im Krankenhaus. Es hatte Auswirkungen, ob die Logopädie vor oder nach der Physio- oder Ergotherapie kam. Anfangs waren nur wenige Schritte möglich, aber es war entscheidend was ich vorher tat. 15 Minuten Denktraining schränkte alles andere ein. Es kostete die gleiche Energie wie Gehen lernen.

Gedächtnis Training
Gedächtnis Training im Krankenhaus

Meine Energie reicht noch immer nicht für den ganzen Tag, ich muss mir auch heute noch genau einteilen, WAS und WIEVIEL ich wovon mache, um über den Tag zu kommen. Durch die Muskelschwäche ist es Pflicht geworden, ein besonderes Augenmerk auf die Kondition zu legen. Ein nicht verwendeter Muskel baut ab und lässt sich nur schwer wieder aufbauen. Dem möchte ich durch regelmäßige Bewegung entgegen steuern, auch wenn das heißt, die Denkarbeit einzuschränken.

Bewegen und Stress

So sehr ich am Denken auch arbeiten möchte, das wichtigste bleibt es, meinen Körper zu beruhigen. Mit dem Hirnabszess geriet mein Körper in einen Spannungszustand, der auf Dauer schädlich ist. Daher vermeide ich jegliche Stresssituation, wo möglich.

Die Nerven wurden durch den Hirnabszess angegriffen und deren Leitungsfähigkeit beschädigt oder zerstört. Ich befinde mich noch in einem Zustand der beinahe andauernden negativen Spannung. Der Körper ist ständig in Alarmbereitschaft.

Nur unter einem solchen Zustand können Krankheiten entstehen oder besser gesagt, Gesundheit ist nur in einem gesunden Ent- und Angespannten Zustand möglich. Wichtig ist es zu erkennen, dass es auch eine gesunde Anspannung, im Gegensatz zur ungesunden Anspannung, gibt.

Autogenes Training

Ich habe einen Basis Kurs in Autogenem Training besucht. Es tut mir gut, diese Basics wieder zu hören, zu üben und zu lernen. Als Sportler habe ich es schon praktiziert, heute muss ich wieder Synapsen verbinden, um ehemals gewusstes wieder zu lernen.

Noch merke ich mir nicht mehr als zwei Dinge gleichzeitig, daher mache ich nicht die gesamte Palette der Übung. Es lenkt mich ab und bringt mich aus der Konzentration. Dann mache ich eben die, die mir einfallen. "Der Arm ist warm" oder "Der Körper ist ruhig" sind meine häufigsten Sätze.

Außerdem habe ich bemerkt, dass ich in stressigen Momenten nur daran Denken brauche, um mich in einen enspannteren Zustand zu bringen.

Autogenes Training
Autogenes Training

Über die Ruine Gösting nach Graz

Bewegen in einem niederschwelligen Bereich, ist eine hervorragende Lösung, um eine gesunde Spannung in den Körper zu bekommen. Spazieren, Wandern und Pilgern ist dafür sehr gut geeignet. Auch wenn ich mein Denken verbessern möchte, dass Gehen darf ich nicht vernachlässigen.

Zur Ruine Gösting gibt es zahlreiche Wege von Judendorf und ich erlebte einen traumhaften Tag. Einen Teil davon ging ich mit Kopfhörern und spielte Musik. Meine Aufmerksamkeit wird damit abgelenkt und ich fördere das Automatische Gehen.

Der Versuch, dass Spazieren oder Wandern nicht als Therapie zu sehen, misslingt meistens. Es gibt kein gemütliches dahin Schlendern, noch bin ich zu steif und ungelenkig unterwegs. Besonders im Wald muss ich noch jeden Schritt beachten, da ich ansonsten sofort ins stolpern komme.

Bewegen im Wald

Durch das therapeutische Tanzen erhoffe ich mir, mehr Beweglichkeit in meinen Körper zu bringen. Das und das Automatische Gehen soll zu mehr Lockerheit verhelfen. Es sind nur kleinste Schritte möglich und wird seine Zeit brauchen. Dranbleiben ist wichtig.


Therapeutisches Tanzen, was ist das? Kann ich es für mich verwenden oder wird es mich überfordern? Was wird da überhaupt gemacht? Fragen über Fragen. Das Einführungsgespräch war überzeugend, aber ausprobieren war die einzige Möglichkeit, um draufzukommen. 

Ich suche immer wieder nach neuen Möglichkeiten, meine Bewegung und mein Denken zu verbessern und mehr Leichtigkeit in den Körper zu bekommen. Tanzen war etwas, dass ich schon länger ins Auge gefasst habe. In allem, was ich mache, dreht es sich um die Frage: "Macht es mich besser, tut es mir gut oder nicht!". Ich wähle dann die Option, die mich verbessert.

Dazu gehört auch das tägliche Essen, Nahrungsergänzungen oder eben auch Therapien. Da ich finanziell stark eingeschränkt bin, dürfen es durchaus auch Alternativen sein. Wichtig ist dabei nur das Gefühl, dass es mir hilft. Schlecht wäre es damit zu Hadern, dass ich mir etwas nicht leisten kann.

Es gibt für alles Alternativen und die wichtigste habe ich in der Natur oder eben auch mit der Tanztherapie. Wobei es für mich oft keine Alternativen sind, denn meine "Alternativen" sind oft besser, als viele teure Therapien.

Frosch hört Musik und tanzt

Aufmerksam geworden

Kennenlernte ich es über die Traumatherapie. Es ist ja nicht so, dass es überall angeboten wird und daher dachte ich gar nicht daran. Bilder habe ich im Kopf von leichtfüßig dahin schwebenden Tanzbewegungen oder aus der Disco, wo man sich frei im Rhytmus der Musik bewegt.

Ein Zettel hing im Warteraum, der therapeutisches Tanzen anbot. Das klang interessant, dachte ich schon vor zwei Jahren ans Tanzen.

Früher ließ ich gerne Dinge auf mich zukommen, die Krankheit hat aber etwas verändert. Auf mein Ziel, wieder Gehen zu können, kann ich nicht warten oder es durch Rumhocken geschehen lassen. Ich habe dafür etwas zu tun. Neben der Trauma-Arbeit begann ich auch einen Kurs für Autogenes Training. Beides habe ich aus eigenem Antrieb gesucht, so wie ich auch selbst den Antrieb dazu entwickelte, wieder Gehen zu lernen.

Noch nie im Leben einen Tanzkurs besucht

In meinem Leben habe ich noch nie einen Tanzkurs besucht oder bin tanzen gegangen, so war es mir immer peinlich herumzuhopsen. Ich habe es nie gelernt und vollführe nur unbeholfenen Bewegungen. Seit dem Hirnabszess ist es egal, was andere über mich denken. Müsste ich mir darüber Gedanken machen, ich würde verrückt werden. 

Der Sprung über die Lacke

Besonders ist mir der erste Camino France in Erinnerung. Ein "Sprung" über eine den Weg versperrende Lacke werde ich nie vergessen. Vor und hinter mir Pilger, kam ich dort an. Gedanklich sprang ich perfekt ab und über die etwas länger als Schrittbreite Lacke hinweg.

Nur dachte ich nicht daran, dass ich weder die Kraft, noch die Technik dazu beherrschte. Einzig eine Vorwärtsbewegung machte sich bemerkbar. Die war aber zu wenig, um hinüber zu gelangen. Optisch war ich zwar auf Absprung, aber ich hob nicht ab und es reichte nur für ein lautes Platsch, etwa 30 cm vor mir mitten in die Matschpfütze hinein.

lacken am Camino

Ich lachte über mich selbst, im Wasser stehend und die anderen Pilger waren zwar verwundert, lachten aber mit. Spätestens damals legte ich es ab, was andere über mich denken. Ich weiß, ich gebe mein bestes und das reicht. Wenn es für andere nicht reicht, ist das ihr Problem, nicht meines.

Vorgespräch

Ich traf mich mit der Therapeutin und erzählte ihr von mir und meinem Anliegen. Schon nach wenigen Fragen und Antworten hatte ich ein gutes Gefühl und wollte mich darauf einlassen. Voll oder gar nicht, war meine Devise. Obgleich ich nie in meinem Leben Tanzen gelernt habe, war ich überzeugt davon, dass es mir weiterhelfen kann.

Trotzdem war es wichtig, auf mich zu hören und mir nur zuzumuten, was ich konnte und mir guttat. Rechtzeitig eine Pause einlegen, mich hinsetzen und wenn nötig, mich auch kurz in die Querlage zu bringen. Darauf waren auch die anderen Teilnehmer vorbereitet.

Das Trampolin Springen hat mir bisher immer gutgetan, damit konnte ich das Gehörte vergleichen. Einzig der Aspekt der Kondition war für mich nicht klar. Springen am Trampolin war nur kurz möglich. Wie sollte sich das Tanzen auswirken und wie der Körper darauf reagieren?

therapeutisches Tanzen

Die erste Stunde

Ich war etwas nervös, aber guter Dinge. Schon die Tage zuvor hatte ich Tagträume, wie ich mich leichtfüßig bewegte. Therapeutisches Tanzen in der Vorbereitung. Dazu war es nach dem Kurs "Autogenes Training", das erste Mal unter anderen Menschen seit dem Hirnabszess. Es wurde nach dreieinhalb Jahren auch Zeit, denn es besteht die Gefahr, den Rückzug vor Menschen zu chronifizieren. Es war ein guter Anfang aus diesem Teufelskrei herauszukommen.

Nach einer Vorstellungsrunde von jedem ging es ans Werk. Das Thema war diesmal Rhythmus. Unter Anleitung der Therapeutin begann die Gruppe sich zu bewegen. Ich fühlte mich sofort wohl und begann mich in meinem eigenen Rhythmus tanzend zu schaukeln.

Thema Rhythmus

Ich lernte Rhythmus von einer ganz neuen Seite kennen. Wir sollten unseren Namen im Tanzen und Rhythmus spüren und darstellen und auch jeden einzelnen Buchstaben des Namens. Welche gingen leicht und wo spürte man was? Es wurde eine Verbindung zu den Gefühlen und man lernte viele neue Aspekte.

Mein Problem ist die Schwere im Körper und ich suche daher die Leichtigkeit. Im schwungvollen Tanzen versuchte ich es. Es war nicht einfach, denn ich konnte mich nur auf eines konzentrieren, Single-Tasking eben.

Ebenso wie das Gehen benötigt auch das Tanzen Multi-Tasking. Das Abschalten des Denkens war wichtig, nur so war das Bewegen von Händen und Füßen gleichzeitig möglich. Es gelang mir hin und wieder und immer öfter. Unter therapeutischer Anleitung, gelang es mir immer wieder in einen Flow zu gelangen und im Rhythmus zu tanzen. Diese spielerische Art hat mir bisher gefehlt.

rythmus beim therapeutischen tanzen

Die Kondition

Allerdings musste ich aufpassen. Ich vermeide alle Bewegungen die Schwindel erzeugen könnten. Was mir aufgefallen ist, war die Bewegungsrichtung. Seitlich war angenehm. Vor und zurück, da sperrte es sich. Ich wurde eckig und die Koordination passte nicht mehr. Es war das gleiche Gefühl der Bewegung, wie ich es habe, wenn ich am engen Gehsteig an entgegenkommenden Personen vorbeimuss.

Resümee vom therapeutischen Tanzen

Therapeutisches Tanzen ist die ideale Therapie für mich gefunden. Es wird einige Zeit brauchen, aber das bin ich ja schon gewohnt. Das Tanzen kann mir Beweglichkeit und Leichtigkeit wieder bringen. In Verbindung mit dem therapeutischen Ansatz ist es eine hervorragende Möglichkeit in der Bewegung etwas weiterzubringen.

frohnleiten

Es hängt soviel dran, wie zum Beispiel die Automatik, Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination. Da so viele Bereiche dranhängen, ist es natürlich fordernd. Ruhe und Erholung am nächsten Tag war notwendig, um mich wieder erholen zu können. Es wird zwar noch länger dauern, aber ich bin überzeugt, therapeutisches Tanzen ist eine tolle Therapie. Ich werde darüber immer wieder berichten, wie es vorangeht.


Mein Nervensystem sehe ich als wichtigen, wenn nicht wichtigsten Teil meiner Gesundung an. Es dreht sich eigentlich alles darum und es geht dabei um Anspannung und Entspannung. Mein Nervensystem zu entspannen bringt Gesundheit, die innere Anspannung über einen längeren Zeitraum ist die Ursache von Beschwerden und Krankheit. Der Hirnabszess war nur ein Aufzeigen, dass ich in einem zu angespannten Modus unterwegs war.

Ich unterscheide zwischen innererer und äußerer Anspannung. Um Gehen zu lernen ist natürlich eine äußere Anspannung notwendig, die man aber übertreiben kann. Das ist dann nicht so gut und der Beginn von Krankheit, wenn man es nicht beachtet. Diese Innere Anspannung ist schädlich und lässt uns NICHT entspannen, was eine Voraussetzung für Gesundheit ist.

Im Sport ist es die große Kunst, im Training innerlich entspannen zu können, auch unter Belastung. Bekannte Trainer spüren und beherrschen das. 

Nervensystem

Mein Nervensystem entspannen

In allem was ich mache, achte ich darauf im Gleichgewicht zu bleiben, die schädliche Anspannung im Nervensystem zu vermeiden und zu entspannen. Eine wichtige Voraussetzung ist es auf mich zu schauen.

Es ist oft unerklärlich zu sagen, warum ich etwas nicht mache. Ich versuche meiner Intuition zu folgen und darauf zu vertrauen, das Richtige zu machen. Bisher wurde ich noch nicht enttäuscht. Das musste ich allerdings erst lernen, wie Gehen und alles andere.

Pilgern zum Entspannen

Beim Pilgern bin ich im Pilgermodus unterwegs und der ist auf Entspannen gepolt. Ich schaue dabei nicht auf andere, wähle genau mein Tempo welches mir gut tut und lasse mich nicht irritieren. Am Camino del Norte war oft schlechtes Wetter, trotzdem war ich im Modus der Entspannung unterwegs. Egal wie steil es bergauf oder bergab ging. und wie das Wetter war. Wichtig war es, wie ich mich fühlte! 

Letztens die Woche am Jakobsweg-Weinviertel, war für mich an der Grenze. Durch das späte Jahr und die Zeitumstellung kamen Alexander und ich öfter ins Dunkle. Das forderte mich und mein Nervensystem sehr. Allerdings bekam ich die Gelegenheit unter einem Sternenhimmel zu gehen. Das habe ich mir schon lange gewünscht, am Camino Norte gelang es mir noch nicht.

Mein Nervensystem am Jakobsweg entspannen
Jakobsweg Weinviertel

Es war jedoch notwendig, auf mich zu hören, damit ich mich nicht überforderte. Es gelang einigermaßen und ich konnte meine Grenzen wieder ein Stück ausweiten. Es ist ein Stückweises voran kommen, so wie ich auch das Leben in allen Bereichen Stück für Stück erobere.

Ich bin nicht meine Gedanken

Der Hirnabszess war keine Krankheit wie eine Grippe oder ein Beinbruch. Es hat mir eindringlich gezeigt, unter allen Umständen auf mich zu hören. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, denn zu lange habe ich auf alle anderen gehört, um zu entsprechen. Ich entfernte mich immer mehr von mir selbst und habe zu lernen, dass ich NICHT meine Gefühle oder mein Denken bin, sondern mein Bewusstsein!

Es gibt natürlich viele Ursachen, warum ich krank geworden bin. Unterm Strich hat mich mein Denken hierher gebracht. Mittlerweile weiß ich darum und stelle mein Denken um. Das hat aber auch mit vielen alten Verhaltensmustern zu tun, die sich vor langer Zeit bildeten. Diese aufzulösen ist notwendig, um Heil zu werden. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Mir dessen bewusst zu werden und zu sein, ist aber schon ein guter  Anfang. Es hängt vom Denken ab, mein Nervensystem zu entspannen.

Körper und Geist

Ich bin mein Bewusstsein. Mein Körper zeigt mir nur auf, dass etwas nicht stimmt, oft mit Schmerzen, wenn ich nicht darauf höre. Das zu erkennen gehört zum Heil werden. Zum Gesund werden gehört nicht nur körperliche Arbeit, sondern auch Geistige. Viele möchten nur Gesund werden und vergessen dabei auf den Geist. Allerdings sind wir nur krank geworden, um damit einen Hinweis zu erhalten, woran wir arbeiten sollen.

Viele werfen dagegen irgendwelche Pulver und Medikamente ein und erwarten eine Besserung oder Heilung. Die gibt es aber in den seltensten Fällen, weil wir oft die Eigenverantwortung damit abgeben. Wir erwarten uns Hilfe von anderen, dabei sind wir SELBST unser bester Heiler. 

Mein Nervensystem entspannen

Durch meinen Freund Harry lernte ich schon vor vielen Jahren im Sport Bewußtseinstraining kennen. Es war Anfangs eine oft harte Schule, der Radrennsport bekam eine andere Bedeutung. Heute bin ich froh darüber und verstehe es besser. Denn nur so war es mir bisher möglich die Folgen des Hirnabszess zu überstehen und das Leben neu kennen zu lernen.

Der Abszess hat meinen Körper nachhaltig gestört, aber den Geist gestärkt. In den letzten drei Jahren habe ich viel mehr erreicht, als man erwarten konnte. Trotzdem ist mein Gehirn mit vielem noch überfordert.

Allerdings bin ich dankbar dafür, dass Leben auf diese Weise kennen zu lernen. Es ist ein schrittweises Lernen in allen Belangen. Der nächste Step ist immer nur möglich, wenn ich das Aktuelle verstanden habe. 

Das Nervensystem entspannen

Die Entspannung gehört wesentlich zu meinem Tagesablauf dazu. Ich versuche mein Nervensystem durch viele Methoden zu entspannen. Meditation, Geh-Meditation, Buch lesen, viel Schlafen, Duft-Therapie, mich in der Natur bewegen und vieles mehr. Das alles passiert in einem niederschwelligen Bereich.

So lange wie möglich versuche ich mich in diesem Bereich aufzuhalten. Manchmal ist es jedoch nicht möglich. Ämter und Behörden, schwierige Gespräche und manch anderes sind der Gesundung nicht förderlich. Schwierige Gespräche mit Ämtern fordern von mir oft noch ein bis zwei Tage Ruhe danach. Aus diesem Grund vermeide ich solche Termine, wenn es geht.

Ich suche alles andere, wo sich der Körper entspannen kann. Pilgern ist eines davon. Das eindrucksvollste Erlebnis war für mich der Camino Frances im Vorjahr. Trotz einer gewissen Anstrengung, konnte ich meine Körper entspannen und das über mehrere Wochen. Es war faszinierend das zu sehen und zeigte mir, dass die Gesundung nur über den Verlust an schädlicher Spannung geht.

Glücklich am Camino Frances
Glücklich am Camino Frances

So wird mein weiterer Weg sein, auf mich zu hören, dass zu machen was ich gerne mache und was mir nicht gut tut, sein zu lassen.

"Step by Step!"


Die Einladung zur Buchpräsentation von Alexander Rüdiger nahm ich dankend an. Es sollte mein erster wirklich öffentlicher Auftritt unter Menschen werden. Ein weiterer Schritt zurück ins Leben, um mich wieder an die Menschen zu gewöhnen, aber auch meiner Isolation zu entkommen. Dem wollte ich mich stellen, auch auf die Gefahr eines ungewissen Ausgangs.

Es ist Alexanders erstes Buch und motiviert auch mich, an meinem Buch weiter zu arbeiten. Mein Leben dreht sich viel um Bücher, denn durch sie kann ich viel lernen. Schon als Bub spielte mein Kopfkino mit Büchern von Karl May eine große Rolle. Die Kraft der Vorstellung ist somit nichts neues für mich und Bücher unterstützen mich auf meinem Weg zurück ins Leben.

Die Anreise

Bequem ging es mit dem Flixbus nach Wien. Ich bin ihn ja, mehr oder weniger, schon gewohnt, immerhin kenne ich ihn von meinen Pilgerreisen. Trotzdem ist es immer wieder eine Herausforderung mit dem Bus zu fahren. Jede Veränderung ist eine Anstrengung und aktiviert mein Nervensystem, so auch das Busfahren. Der Sympathikus wird bei kleinster Belastung aktiviert. Jedes meiner Trainings ist gleich wichtig und der Sinn ist davon, die Schwelle der Reizbarkeit nach oben zu setzen.

Im Bus setze ich meine Kopfhörer auf, um mich durch Musik zu entspannen. Mein Nervensystem reagiert sehr gut auf Musik. Kurz schreibe ich noch etwas, aber schon bald lasse ich die Musik auf mich wirken. Ich möchte so entspannt wie möglich nach Wien kommen, den der Abend wird mir alles abverlangen. Daher ist jede Energiereserve willkommen.

Musik auf dem Schritt zurück ins Leben
Entspannen bei der Busfahrt

Zu Fuß zum Stephansplatz

Zunächst noch auf der Mariahilfer Strasse, biege ich bald auf die Seitenwege ab. Es ist ruhiger, denn die vielen Menschen verlangen mir zu viel ab. Ich gehe sehr langsam, langsamer als das Gewusel um mich herum. So kann ich mich aus der allgemeinen Hektik ausklinken.

Belebte Mariahilfer Straße,
Schritt zurück ins Leben

Ich setze mich noch in ein Wiener Cafe und genieße die Atmosphäre. Danach geht es zum Stephansplatz, wo in einem Friseurgeschäft die Buchlesung stattfindet.

Wiener Cafe, ein Schritt ins Leben
Vorm Stephansdom in Wien
Am Wiener Stephansplatz mit dem Stephansdom

Die Buchlesung

Es ist sicher keine alltägliche Lesung. Alexander feiert auch seinen Geburtstag. Es ist eine Mischung aus Lesung, Entertainment und Musik. Beim Lesen läuft mir vor den Augen ein Film dazu ab. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Buch verfilmt wird.

Aber wie vertrage ich das alles?

Da muss ich leider zugeben, es ist zu früh für solche Sachen. Ich genieße es zwar, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, aber mein Körper verträgt es noch nicht. Mein Energielevel sinkt rapide. Besonders die Halbseitenlähmung macht sich bemerkbar. Das Nervensystem ist gestresst. Die Finger der rechten Hand beginnen sich zu verkrampfen, dass bemerkte ich bisher nur auf der Straße, wenn viel Verkehr ist.

Leider muss ich zur Kenntnis nehmen, dass mein Körpersystem noch nicht für so eine Veranstaltung unter vielen Menschen ausgelegt ist. Meine Konversation beschränkt sich auf wenige Bekannte und mit Alexander. Es ist aber schön, nach drei Jahren an solch einem Event teilgenommen zu haben. Danke Alexander, für die Einladung!

Alexanders Buchpräsentation
Zur Buchpräsentation von Alexander, ein Schritt zurück ins Leben

Ein Schritt zurück ins Leben

Der Tag hat mir zwar viel Energie gekostet, aber es war ein weiterer Schritt zurück ins Leben. Im Frühjahr bekam ich in der Ergotherapie den Auftrag, auch wieder zu Leben, nicht nur zu therapieren. Es sind mir zwar nur kurze Augenblicke vergönnt, aber die muss ich nutzen. Ich arbeite daran, mehr möglich zu machen, aber wie wir wissen, dauert es noch länger.

Meine Hauptaufgabe ist es, mein Nervensystem zu verbessern. Daran hängt seelisch, psychisch und körperlich alles. Jeden Tag komme ich auf neue Erkenntnisse drauf. Es geht dabei weniger um das Tun, sondern um den Zugang zu mir selbst. In ihm liegt der Schlüssel zur Heilung. Doch dazu mehr in einem der nächsten Artikel.


Wie lebt man, wenn man vor der Aufgabe steht ein neues Leben beginnen zu müssen? Viele Fragen stellen sich mir. Werde ich wieder normal denken können? Wie wird mein Alltag? Werde ich wieder gehen können? Werde ich je wieder etwas arbeiten können?

Ich stand vor einer schier unüberwindlichen Aufgabe, mein neues Leben nach dem Hirnabszess zu bewältigen. Damals, vor dreieinhalb Jahren, stand ich vor der größten Herausforderung meines Lebens. Seither muss ich alles neu entdecken und lernen. 

Es gab für mich nur zwei Möglichkeiten, resignieren und aufgeben oder ein neues Leben beginnen. Durch den Sport war ich darauf konditioniert auch in schwierigsten Situationen weitermachen zu können. Das war meine Rettung im Krankenhaus. Ich tat einfach, was ich mein Leben lang getan hatte - weitermachen. Es gab kein Aufgeben.

Für mich stellte sich diese Frage in Wahrheit nicht.

Der Hirnabszess ließ ein "was wäre wenn" Denken nicht zu. Ich war zwar bei Bewusstsein, aber konnte nur auf direkte Konfrontation reagieren. Eigene Gedanken an die Vergangenheit oder an die Zukunft, etwa den nächsten Tag, war nicht möglich.

Aufgrund dieses Nicht-Denken können, tat ich automatisch das, was in mir drinnen war. Die Frage ob weitermachen oder nicht, stellte sich mir in Wahrheit nicht, ich tat es einfach - nämlich das bestmögliche.

Auf der Intensivstation

Am ehesten würde ich mich beschreiben mit "Ausgeschaltet sein". An viel kann ich mich aus der Zeit auf der Intensivstation nicht mehr erinnern. Ich weiß noch, dass Besuche meiner Lebensgefährtin und engsten Verwandten wichtig für mich waren. Sie gaben mir den emotionalen Halt, alles zu überstehen.

Da die Halbseitenlähmung schnell voran schritt, konnte ich mich immer schlechter bewegen. Mich im Bett umlagern ging bald gar nicht mehr. Die Kraft verließ mich und bald waren mir die einfachsten Bewegungen nicht mehr möglich. Trotz der Lähmung wollte ich mir vom Anfang an ein Stückchen Eigenständigkeit erhalten, ich wollte alleine essen und die mir die Zähne putzen. Die Gabel oder die Zahnbürste konnte ich fast nicht mehr halten, aber auch wenn es fast nicht ging, ich wollte es alleine schaffen.

Genau kann ich mich nicht mehr an den Zeitpunkt erinnern, aber es begann noch auf der Intensivstation eine Mobilisierung, ich war ja ein Monat dort. Mehr wie fünfzehn Minuten täglich waren allerdings nicht drinnen. Ich begann einen kleinen Ball zu kneten oder verwendete einen Fingertrainer, wie fürs Klettertraining. Mit der leichtesten Einstellung schaffte ich nur wenige Wiederholungen. Der Anfang war gemacht, ohne zu wissen, wo die Reise überhaupt hingehen sollte.

Spiel, selbst gebaut.
Spiel, selbst gebaut in der Ergotherapie

Reha-Station

Nach einem Monat auf der Intensivstation wurde ich auf die Reha-Station verlegt. Weitere Wochen vergingen, bis ich am Gehirn operiert werden konnte. Antibiotika alleine ließen das Ödem nicht kleiner werden. Nach der Operation wurden mir noch mehrere Zähne gezogen, da Bakterien von dort ins Gehirn gelangten und den Abszess auslösten. Danach konnte meine Reha wirklich starten.

In diesen vier Monaten lernte ich nach und nach wieder die Grundzüge des Gehens. Allein bis ich Aufstehen konnte, vergingen mehrere Wochen. Dazu Ergotherapie, die mir Greifen, Koordination und Bewegung vermittelte. Jeder Griff, jeder Schritt musste neu gelernt werden. Fingernägel schneiden gelang mir gar nicht, so wie jede andere fummelige Tätigkeit, wo Feinmotorik gefragt ist.

Nach fünf Monaten wurde ich allergisch gegen alles aus dem Krankenhaus und war am Ende. Ich konnte das Essen nicht mehr sehen und habe die Zugänge für die Antibiotika abgestoßen. Jeder Einstich bedeutete eine neue Entzündung. Meine Venen verschwanden und neue Zugänge zu setzen wurde fast unmöglich. Über fünfzig Einstichstellen hatte ich in fünf Monaten Aufenthalt.

Ich wollte nur mehr nach Hause. Mein Geist und Körper war am Limit.

Im Krankenhaus, mein neues Leben

Von Null an gibt es eigentlich nicht,...

...denn wir können nicht unsere Vergangenheit oder unsere Entwicklung hinter uns lassen. Mein von0auf101 ist eigentlich symbolisch und in erster Linie körperlich gemeint, weil ich Gehen und die Bewegungen allgemein neu lernen musste.

Meine Persönlichkeit hat sich zwar versteckt, kommt aber langsam wieder raus und ist dieselbe geblieben. Oft erweckt man den Anschein das sich auch die Persönlichkeit verändert hat. Das ist bei mir nicht der Fall, nur lebe ich jetzt in einer Echtheit, die ich vorher oft versteckt oder überlagert habe.

Die Freude

Ein Neuanfang beginnt in erster Linie mit einem In-sich-gehen und sich-klar-werden, was man möchte. Die erste und wichtigste Frage ist dabei: "Was macht mir Freude und warum?"

Ohne etwas dafür zu tun, war ich in einem Zustand des Nichtdenkens und Abschalten. Im Hier und Jetzt leben zu können war wie eine Erlösung für mich. Heilung ist nur dann möglich, wenn ich im Zustand der Freude bin. Alles geht dann leichter. Es ist eine Lebenseinstellung, denn Freude und glücklich sein bringt mich zurück ins Leben.

Dazu zählt auch Gehen, Essen und Sprechen mit Freude lernen. Diese Freude in allem zu finden, was ich brauche und mir gut tut, ist das Geheimnis. Finde ich sie nicht darin, dann hat es keinen Sinn es zu machen. Ich habe beinahe jeden Tag meiner bisherige Rehabilitation mit Freude gemacht, denn es ist notwendig, um ein neues Leben zu beginnen.

Mit Freude in ein neues Leben.
Bodenmalerei des Kindergarten.

Mit Freude wird auch Augenscheinlich schweres leicht. Unzählige Stunden im Fitnessstudio, rund 6000 km gehen lernen, viele Stunden vorm Lernprogramm am Computer - hätte ich nicht mit Freude daran gearbeitet, wäre ich nicht da, wo ich heute stehe. Sicher, es fehlt noch viel, ich lebe aber trotzdem ein oft glückliches Leben. Ich durchschaue immer mehr, warum der Hirnabszess nötig war und deshalb bin ich motiviert weiter zu machen.

Man lernt nie aus und ich habe die Möglichkeit eine Menge zu lernen. Dafür bin ich dankbar und freue mich auf die nächste Zeit, wo wieder viele Lernaufgaben auf mich warten.


In den letzten Wochen habe ich mich etwas rarer gemacht, soweit das überhaupt noch geht. Ich brauchte eine Pause und eine Neuorientierung musste her. Es wurde mir alles zu viel.

Denn das sich mein Entschluss an das Denken intensiver anzugehen, derartige Auswirkungen zeigt, das habe ich nicht bedacht. Traumatherapie, Autogenes Denken und anderes zeigen ihre Wirkung.

Neuorientierung

Das Thema Neuorientierung ist nicht einfach zu handeln. Wann ist die Zeit dafür, wann soll oder kann ich etwas angehen? Mein Denken behindert mich noch in vielem, aber es schützt mich auch vor vielem.

Die Erlebnisse der letzten dreieinhalb Jahre waren oft nicht einfach. Um etwas zu erreichen, musste ich oft genug an die Grenze gehen. Das wird mir auch in Zukunft noch öfter bevor stehen. Deshalb muss ich mich immer wieder neu orientieren, wo ich eigentlich stehe und das ist zweigeteilter Meinung. Einerseits habe ich viel erreicht in den letzten Jahren, andererseits für meinen Anspruch noch zu wenig.

Große Probleme habe ich noch in der Wahrnehmung. Das lässt mich sehr zurückgezogen leben und lässt keine Teilnahme am Leben draußen zu. Ich lebe in meiner eigenen kleinen Welt, in der ich mich sicher fühle. Nur ganz langsam strecke ich meine Fühler nach mehr aus. Am Jakobsweg lernte ich wieder das Leben kennen, allerdings behutsam und Stück für Stück.

Am Jakobsweg versus Zuhause

Besonders im Umgang mit anderen Menschen bin ich sehr zurückgezogen. Es überfordert mich noch immer sehr. Mehr als zwei meide ich, denn meine Sinne werden überfordert. Am Camino kann ich es mir aussuchen, ob ich mit jemanden in Kontakt treten möchte oder ob ich lieber alleine bleiben möchte. Daheim suche ich von mir aus keinen Kontakt.

Den Camino kann ich nur sehr schwer ins hiesige Leben implantieren. Die Anforderungen an das Leben hier sind höhere und andere. Zu Hause ist wieder alles Therapie, etwas was ich seit drei Jahren mache. Zu Leben funktioniert fast nicht, denn noch immer kann ich nicht einfach mal ums Eck gehen, um etwas zu besorgen oder mich unbeschwert mit jemanden auf einen Kaffee treffen. Jede Entscheidung muss sehr bewusst getroffen werden, da ist es dann vorbei mit der Unbekümmertheit.

Wohin geht es jetzt weiter?

Zunächst ist mir die Trauma Aufarbeitung wichtig. Ich möchte vor allem aus dem Vermeiden von Situationen und Orten herauskommen. Zu vieles ist mit keinen guten Erinnerungen behaftet und von dem möchte ich mich lösen. Da ich aber kaum weiterführende Gedanken führen kann, kann ich solche komplexen Sachen nicht erledigen. Wie ich Schritt für Schritt gehen lernte, kann ich das Denken nur Step by Step lernen. Zeit hat eine andere Dimension bekommen.

Derzeit kann ich die Sache nur so, wie sie ist annehmen und akzeptieren, dass es so ist. Ich möchte nur nicht den Zeitpunkt verpassen, wo Verhalten chronisch wird und gerade eine Vermeidungstaktik das falsche wäre.

Die Vermeidungstaktik hat den Sinn, dass es mich vor etwas schützt, was mir nicht gut tut. Das kann aber leicht chronisch werden. Daher nehme ich professionelle Hilfe, die genau erkennt, wie es um mich steht. Das wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen und lässt sich nicht in wenigen Wochen erledigen.

Neuorientierung im Wald

Körper und Geist

Noch bin ich in einem Stadium, wo es genau Haushalten gilt mit meinen Kräften. Da das Gehirn dieselbe Energie wie für die Bewegung aufwendet, ist körperliches Training unerlässlich. Der Geist und das Denken hängt mit meinem Körper zusammen. Da ein Hirnabszess noch vor 50 Jahren tödlich endete, gibt es noch nicht so viele Erfahrungswerte.

Eigentlich sollte ich tot sein, allein das ist schon komisch. Trotzdem darf ich leben. Also wie damit umgehen?

Die Jahre werden es zeigen und ich habe es aus diesem Grund öffentlich gemacht, damit es anderen in Zukunft vielleicht eine Hilfe ist, zu zeigen was alles möglich ist. Wobei viele Therapien derzeit nicht möglich sind, großteils aus finanzieller Sicht. Die Krankenkasse zahlt nur bestimmte Dinge, aber das wird sich bestimmt einmal ändern.

Daher muss ich mich immer wieder eine Neuorientierung vornehmen, um das bestmögliche für mich herauszuholen. Es ist vergleichbar mit dem Training als Radrennfahrer, nur auf einem anderen Niveau. Daher vielleicht auch mein hoher Anspruch an mich.

"Never give up - Niemals aufgeben!"


Nach genau zwei Jahren ging ich erneut zur Basilika Mariatrost. Es gab mir Gelegenheit zur Rückschau, was sich seitdem getan hat. Im September 2017 war es mein erster längerer Weg nach dem Hirnabszess.

Die Gelegenheit nutzte ich, um Rückschau zu halten. Wie ist es mir seither ergangen und was konnte ich in meiner Rehabilitation erreichen?

Basilika Mariatrost und Ich

Dran bleiben

Der wichtigste Aspekt der mir bewusst wurde ist der, dass ich dranbleiben muss. Nicht nur für weiteren Erfolg, sondern um überhaupt meinen erreichten Level zu halten. Denn derzeit braucht mein Gehirn für alles noch so viel Energie, dass mein Körper zuwenig erhält, um wirklich aufzubauen zu können.

Nach dreieinhalb Jahren stehe ich jetzt bei 30%, um 5% weniger als ich mich noch nach dem Camino Norte eingeschätzt habe. 20 bis 30 Prozent schlechter drauf zu sein, ist in unserer Gesellschaft normal. Bei mir heißt das aber, dass ich nur knapp über Null bin. Denn auch ich habe Schwankungen und Tage wo ich nicht so gut drauf bin.

Im Sport war es wichtig, auch an schlechten Tagen noch eine gute Leistung bringen zu können. Das ist auch jetzt mein Ziel. Noch bin ich aber an schlechten Tagen kaum aus dem Bett zu bringen und alle meine Defizite sind, egal ob körperlich oder geistig, sehr schlecht.

Mein Weg zur Basilika Mariatrost

Der Weg führte uns diesmal nicht vom Hilmteich weg, sondern ich wählte den Weg durch die Rettenbachklamm nach Mariatrost. Diese Klamm liegt im Stadtgebiet von Graz und ich war dort oft als Kind zum Spielen. Auf einem kleinen Umweg erreicht man Mariatrost.

Mein Sohn Elvin begleitete mich diesmal und das Ziel war, wie vor zwei Jahren, ein Kerzerl in der Kirche anzuzünden.

Zuerst geht es noch bei Häusern vorbei, aber gleich beim Einstieg in die Klamm ist man wie in einer anderen Welt.

Rettenbachklamm

Der Weg durch die Klamm

Auf schmalen Steigen geht es durch die Klamm. Es gibt natürlich spektakulärere Klammen, aber es ist eine tolle Sache das es sowas in Graz gibt.

Hier ist es wesentlich anspruchsvoller, als es jemals am Camino war. Gleichgewicht und Balance sind hier extrem gefordert. Stufen bergauf und bergab, Querungen und das Wasser sind hervorragend geeignet, meine Sinne zu trainieren.

Ich traue mich schon mehr, habe aber noch immer großen Respekt vor vielen Dingen. An diese möchte ich mich immer wieder herantasten, um mehr Sicherheit zu erlangen. Denn was ich hier lerne, ist mein Überleben auf der Strasse. Dort wäre es zu gefährlich zu üben.

Rückschau halten
Entfernungen abschätzen kann ich noch schwer.
Rückschau halten

Die neue Bedeutung der Zeit

Es ist schwer verständlich für Außenstehende, was ich seit dem Hirnabszess erlebe und wahrnehme. Ich habe viel erreicht bisher, aber ich musste ein neues Verständnis für die Zeit entwickeln, die nichts damit gemein hat, wie früher im Sport. Diese Dauer der Genesung stellt alles andere zuvor Erlebte  in den Schatten.

Es kommt mir so vor, der Sinn meines Lebens davor, war alles nur eine Vorbereitung darauf, dass ich dieses Leben jetzt überhaupt führen kann. Der Extremsport, die Bewusstseinsbildung ...., oft stellte ich mir die Frage: "Wozu brauche ich das alles? Was hat das für einen Sinn?".

Jetzt hat alles seinen Sinn bekommen. Ohne meine Vergangenheit wäre ich an meinem Schicksal zerbrochen. Ich hätte nie die Motivation gehabt für die Anstrengung um weiter zu machen. Die Wahrscheinlichkeit aufzugeben wäre groß gewesen und als Pflegefall dahin zu vegetieren.

Rückblickend bekamen diese letzten 25 Jahre vor dem Hirnabszess einen besonderen Sinn, denn ohne sie hätte ich den Weg zurück nicht geschafft. Jedes meiner Extremrennen war eine Vorbereitung auf den Zustand nach dem Hirnabszess, dass alles bis dahin erlebte in den Schatten stellte.

Dazu muss man sagen, ein Hirnabszess war noch vor etwa 50 Jahren hundert Prozent tödlich, besonders wie meines, das so tief liegt. Deswegen gibt es noch nicht viele Erfahrungen, was die Dauer der Rehabilitation angeht. Jedes Hirnabszess ist anders und seine Auswirkungen kann niemand vorhersagen.

Rückschau auf die letzten zwei Jahre

Was hat sich seit dem Weg nach Mariatrost getan? Im Nachhinein viel, immer unter dem Verständnis der Zeit. Im Denken von früher hätte sich noch nicht all zuviel getan. Neurologisches braucht viel Zeit. Man soll sich nicht mit früher vergleichen, aber mit diesem Früher vor zwei Jahren schon, denn es ermöglicht mir zu erkennen das trotzdem etwas weiter gegangen ist. Der Unterschied gegenüber vor ein, zwei Jahren lässt mich den Unterschied sehen.

Wenn ich an meine Wanderung zur Basilika vor zwei Jahren zurück denke, dann kann ich mich noch gut daran erinnern. Ich war damals am Limit und die vielen Wurzeln machten mir zu schaffen. Es war der Beginn, mehr Automatik in meine Bewegung zu bringen. Damals hatte ich noch keine Ahnung davon, dass es doch noch länger dauern wird, bis ich wieder automatisch gehen kann. Noch heute arbeite ich daran.

Damals, im September 17´, schien es mir unmöglich, in naher Zukunft Pilgern zu gehen. Ein halbes Jahr später wurde es aber Wirklichkeit. Eigentlich war es zu früh für mich, aber ich war Gedanklich am Ende. Die Folgen des Hirnabszesses, aber auch private Troubles, brachten mich in einen Zustand, der nicht mehr handelbar war. Das Pilgern war die Möglichkeit, mich wieder auf den Weg zu bringen. Das letzte Jahr hat mich sehr bestärkt darin.

Die Kirche

In der Kirche zündete ich gemeinsam mit Elvin eine Kerze an. Es war für mich sehr emotional, denn es war vor zwei Jahren mein erster längerer Weg, der mich in Folge zum Pilgern brachte und es ist somit ein wichtiger Eckpunkt in meiner Geschichte seit dem Hirnabszess.

Wenn ich mein Gesundheitliches Befinden im Vergleich zu damals bewerte, so sehe ich natürlich eine Verbesserung. Lese ich allerdings den damaligen Bericht durch, dann arbeite ich noch immer an den gleichen Dingen, die sich ein wenig gebessert haben. Behindert bleibt eben behindert, egal ob mehr oder weniger.

Ich habe mich natürlich verbessert, muss aber dranbleiben. Wenn es mir einmal nur wenig schlechter geht, falle ich in einen Bereich der knapp über dem liegt, als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde. In den nächsten Monaten steht eine Stabilisierung des Körperlichen an und psychologische Hilfe, die ich nicht vernachlässigen darf.


Das vierte Jahr meiner Rehabilitation steht bevor. Ich habe mich mit meiner Vergangenheit als Energetiker auseinander gesetzt und brauche nichts anderes zu machen, als meinen Energiefluss zu harmonisieren und optimieren.

Mein Bestreben gilt dem, dass ich alles in meiner Macht stehende unternehme, um wieder Harmonie in meinen Körper zu bringen. Im Sport habe ich gelernt, dass viele verschiedene Faktoren den Erfolg bringen, nicht eine einzige. Fragt man einen erfolgreichen Spitzensportler warum er ein Ziel erreicht hat, dann zählt er viele Dinge auf und nicht nur eines, dass er richtig gemacht hat.

Ruhe, den Energiefluss harmonisieren

Auch mir tut verschiedenes gut, um den Energiefluss wieder zu Harmonisieren. Ein wichtiger Punkt ist die Entspannung. Damit meine ich nicht nur Meditation oder Schlafen. Durch meine Hochsensibilität merke ich sofort, was mir gut tut und was nicht. Ich muss noch das Vertrauen in mich bekommen, auch danach immer zu handeln.

Die Hochsensibilität und der Energiefluss

Durch meine Hochsensibilität wird mein Körpersystem schnell überreizt. Mein Ziel ist es, wieder Alltägliches entspannt machen zu können. Meine Reizschwelle gehört wieder hinaufgesetzt. Daher ist Laufen noch nichts für mich. Es stresst meinen Körper, tut nicht gut und erschöpft mich.

Den Energiefluss richtig hinzubekommen, erfordert viel Arbeit. Viel Ruhe und genau dosiertes körperliches Training sind Grundvoraussetzungen. Einerseits lässt mich die Hochsensibilität viel wahrnehmen, andererseits setzt sie den Körper unter Stress, an dem ich mich in kleinsten Schritten wieder gewöhnen muss.

Spazierengehen im Wald ist gut dafür geeignet, den Energiefluss wieder herzustellen. So wie beinahe alles, was mit der Natur zu tun hat.

Harmonie

Pilger ist mein Tempo

Im Gegensatz zum Laufen, ist Pilgern genau meine Geschwindigkeit. Durch unzählige Stunden Gehen, in einem Bereich, der mir guttut, bringe ich Entspannung in meinen Körper. Optimal für den Energiefluss. Alles zu schnelle bringt mir nichts, erschöpft mich und kostet mir wertvolle Tage, bis ich wieder in einem entspannten Zustand bin.

Pilgern

Autobiografien lesen

Es hilft mir Autobiografien zu Lesen, von Menschen denen Ähnliches passiert ist. So kann ich es besser verstehen lernen, was mir passiert ist. Viele Erinnerungen aus der Zeit im Krankenhaus kommen heute noch hervor. Ich muss sie dann schnell aufschreiben, weil ich sie aufgrund meines fehlenden Kurzzeitgedächtnis sonst wieder vergesse.

Das neueste Buch handelt von Paul van Dyk, der nach einem Sturz auf der Bühne Schäden am Gehirn erlitt und die Wirbelsäule angebrochen hatte. Es wird mir zum ersten Mal bewusst, wie schwer die Folgen meines Hirnabszesses sind und wie lange ich um jeden Schritt kämpfe. Die 150 Tage im Spital werden mir immer mehr bewusst.

Autobiografie, Buch

Solche Bücher, wie auch die von Monica Lierhaus und Gela Allmann zeigen mir wie wichtig es ist, Menschen um sich zu haben, denen man vertraut. In der Genesung spielen Beziehungen eine große Rolle, besonders die Beziehung zum Arzt oder Therapeuten. Nur im Zustand des Vertrauens gibt es Heilung.

Kino Film: "Das zweite Leben des Monsieur Alain"

Erwähnen möchte ich auf jeden Fall auch den Kinofilm "Das zweite Leben des Monsieur Alain". Der Film überraschte mich positiv, erzählte er doch auf gute Weise, wie ein Manager nach einem Schlaganfall zurück ins Leben findet. Dass darin auch der Jakobsweg eine Rolle spielt, machte den Film für mich noch interessanter.

Er zeigt recht gut auf, wie sich Wortfindungsstörungen und Lähmungen auf das Leben auswirken. Meine Aufgabe besteht ja darin, immer öfter etwas für mich selbst zu tun und nicht nur aus therapeutischen Gründen. Dazu verwende ich gerne ins Kino zu  gehen. Kleine Kinos mit wenig Zuschauern sind mein Ziel und manchmal weiß ich gar nicht, was mich für ein Film erwartet.

Mein langer Weg

Ja, der Weg dauert lange. Wie lange, wird mir immer bewusster. Auch die Schwere der Krankheit verstehe ich immer besser und warum es so lange dauert. Ich kann und darf mich nicht mit anderen vergleichen. Jedes Hirnabszess ist anders. Je nachdem wo es sitzt, sind verschiedene Stellen im Körper betroffen.

Rehabilitation nach Hirnabszess

Bei mir saß es am Thalamus, dadurch hatte ich vielfältige Ausfälle, die dementsprechend langwierig zu behandeln sind. Nach dreieinhalb Jahren ist es noch wichtig, mir die Zeit zu geben, die ich brauche. Es ist eine langwierige Arbeit, den Energiefluss wieder herzustellen. Körperliche Arbeit und Arbeit am Geist sind unumgänglich.


Das vierte Jahr meiner Rehabilitation hat so begonnen, wie das dritte geendet hatte. Mit Gehen und einer "Pilgertour" nach Frohnleiten. Seit meiner Pilgerreise zum Jakobsweg, war ich zu Hause nie mehr länger unterwegs.

Ich bin zwar fast jeden Tag gegangen, aber kein einziges Mal länger. Wobei "länger" bedeutet, weiter wie 15 Kilometer. Für alles darüber benötige ich einen ganzen Tag.

Das Ziel "Pilgermodus"

Im Pilgermodus unterwegs zu sein, war mein Ziel. Nichts denken, genießen und den Kopf freibekommen. Gerade das Denken ist noch mein größtes Handicap. Zu Hause werde ich mit vielem konfrontiert, was ich nicht weiter oder fertig denken kann. Dann hilft es, in den Wald oder auf Pilgertour zu gehen.

Zu jeder Location habe ich einen emotionalen Bezug, positiv oder negativ. Für eine längere Tour zu Fuß suche ich mir am liebsten Orte, zu denen ich positive Erinnerungen habe. Gerade die Emotion spielt eine wesentliche Rolle. Es gibt noch genug Plätze, Ortschaften und Gasthäuser, die ich mit negativen Erinnerungen in Verbindung bringe.

Dahingehend habe ich eine Vermeidungstaktik entwickelt, was auch auf ein Trauma hindeutet. Es hat mit meiner Aufarbeitung zu tun oder besser mit der Nicht-Aufarbeitung. Es ist mir noch nicht möglich, mein Denken erlaubt es mir nicht. Eine Traumatherapie wird mir dabei helfen.

Unterwegs auf Pilgertour nach Frohnleiten
Konzentriert über die Autobahn

Auf nach Frohnleiten

Nach dem Krankenhaus war es eines meiner ersten Ausflugsziele, ziemlich genau vor drei Jahren. Wenn ich heute zurückkehre nach Frohnleiten, so habe ich gute Erinnerungen daran. Ich war oft mit der Familie dort und verbrachte viele Stunden im Park und am Spielplatz.

Meine Erinnerungen, positive, habe ich auch nach der Krankheit bekommen. Nach fünf Monaten im Krankenhaus war es herrlich den Park wieder genießen zu können. Damals war allein die Hinfahrt schon beschwerlich. Vom Auto raus, kam ich keine dreißig Meter und musste mich hinsetzen. Die frische Luft war ich nicht gewohnt und Gehen konnte ich nicht weit. Es war herrlich, aber nach 30 Minuten war ich am Limit.

Wenige Tage nach dem Krankenhaus im Park Frohnleiten
Nach dem Krankenhaus 2016

Zu Fuß nach Frohnleiten

Nach genau drei Jahren wollte ich jetzt zu Fuß hin. Eine Pilgertour von Judendorf nach Frohnleiten. Es sind etwas über 20 Kilometer, eine Distanz, die ich mittlerweile bewältigen sollte. Diese Kilometer ging ich auch öfter am Jakobsweg. 

Der Weg führte über Gratkorn und die erste Rast legte ich am Zigeunerloch ein. "Klettern" vermied ich, denn alle Energien benötige ich fürs Gehen. Nach wie vor muss ich meine Energien genau einteilen und unnötige vermeiden, besonders wenn ich weiter Gehen möchte. Auch am Jakobsweg vermied ich jede unnütze Bewegung.

Das Zigeunerloch auf meiner Pilgertour

An der Mur entlang

Es ging weiter die Mur entlang. Ich war der einzige Fußgeher und nur einige Male wurde ich von Radfahrern überholt. Das Gehen verlief weiterhin ohne Probleme. Nach zwei Jakobswegen habe ich die Erfahrung, die Geschwindigkeit richtig zu dosieren. Vorbei am Golfplatz Murhof, erreiche ich die ersten Steigungen.

Auf Pilgertour

Hin und wieder werde ich noch schwindlig. Dann heißt es mit dem Kopf nach unten und abwarten bis es besser geht. Langsam dann den Kopf wieder hoch und es ist alles OK.

Am Anfang ging es darum, wieder aufrecht sitzen zu können. Der eineinhalb Meter neben dem Bett stehende Tisch war eine Herausforderung, ihn zu erreichen. Ich brauchte Monate dazu, ehe ich ihn erreichte. Davon bekamen außenstehende nichts mit.

An solche Momente muss ich dann denken, wenn mir wieder einmal schwindlig ist.

Bergauf gehen
Bergauf, bergab!

Wenn es bergauf oder bergab geht, muss ich mich immer austarieren. Das braucht einige Meter, bis ich mich unter Kontrolle habe. Da spielt das Gleichgewicht noch nicht mit, aber ich arbeite daran. Für mich dauert jeder Schritt oft zu langsam, dabei habe ich in den letzten Jahren mehr erreicht, als ich erwarten durfte.

Pause auf der Pilgertour
Pause

In Frohnleiten angekommen

Am frühen Nachmittag bin ich dann angekommen. Wie am Jakobsweg, erreichte ich auch hier etwa 3,5 Kilometer in der Stunde. Dort erwartete mich eine Überraschung. Im Park hat die Gemeinde einige Geräte für die Geschicklichkeit installiert, besonders zum Balancieren. Für mich natürlich ein Muss, es auszuprobieren.

Allerdings war ich nach dem Gehen schon müde und so hat mich alles wieder einmal Gnadenlos abgeworfen. Meine Stabilität und Balance gewinne ich nur langsam zurück. Vielleicht komme ich einmal mit dem Auto oder Zug her, dann kann ich meine Trainingseinheit hier anlegen.

Nicht denken müssen

Es war schön, an nichts denken zu müssen. Es brachte meinem Gehirn etwas Ruhe, dass meinem Nervensystem gutgetan hat. Beim Gehen brauche ich an nichts zu denken, außer natürlich an die Bewegung. Jeder Meter bringt mich näher ans automatische Gehen.

Wenn ich daran denke, dass der Österreicher im Durchschnitt 265 Kilometer im Jahr zu Fuß zurücklegt. Ich bin seit 2016 rund 5500 Kilometer gegangen, dabei konnte ich die erste Zeit nur wenig gehen. Wo würde ich jetzt stehen, wäre ich nicht so viel gegangen? Ich möchte das lieber nicht wissen.

Ich am Teich, auf meiner Pilgertour

Pilgertour am Ende in Frohnleiten

Müde, aber glücklich, geht es zurück nach Judendorf. Meine Tage sind meist ein Mix aus Leben und Rehabilitation. Meine Aufmerksamkeit unterwegs kann ich mittlerweile auch den Blumen, den Tieren und der Landschaft widmen, nicht nur der Bewegung. So wird das Leben wieder Schritt für Schritt ergangen. Besonders das Gehen ist lebenswert.

Meine Pilgertour war ein voller Erfolg und am liebsten würde ich es jeden Tag machen. Noch stehen aber viele andere Dinge an, die mir weiterhelfen sollen.


Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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