Ich bin jetzt seit zweieinhalb Jahren ein Grenzgänger. Das deshalb, weil ich es noch immer nicht geschafft habe, mehr Energie zu haben, als der Tag lang ist.
So stoße ich jeden Tag an meine Grenze, um sie dadurch weiter zu verschieben. Diese Grenze hat, als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, eine halbe Stunde am Tag betragen. Jetzt beträgt sie mehrere Stunden.
Ich hatte eine halbe Stunde am Tag, in der ich aktiv etwas tun konnte. Den Rest des Tages verbrachte ich im Bett schlafend oder dösend. Diese halbe Stunde weitete ich immer mehr aus. Heute sind es mehrere Stunden.
Der Jakobsweg war nur dadurch möglich, dass ich von all den Problemen zu Hause befreit war, ich brauchte nicht nachzudenken. Die gewonnene Energie schlug sich in Gehzeit nieder.
Aber es ist nicht nur diese tägliche Grenze, die mich auch heute noch reduziert und mich täglich zum Grenzgänger werden lässt.
Es ist auch der bewusst gesuchte Grenzgang. Wo ich etwas mache, was mich aus meiner Komfortzone bringt. Was mich weiter bringt.
Deshalb war ich Extremsportler. Ich habe mich immer wieder bewusst Situationen ausgesetzt, die außerhalb meiner Komfortzone gelegen sind.
Ich lerne seit zwei Jahren wieder das Gehen. Auch das ist für mich ein Grenzgang.
Am Anfang kämpfte ich gegen den Schwindel und ohnmächtig zu werden. Dieser Grat war sehr schmal.
Auch sie gehören zum Grenzgang. Meine Barrieren infrage stellen und wenn möglich zu überschreiten. Dazu müssen mir aber die Konflikte bewusst sein. Vieles geht Gedanken mäßig noch nicht. Dazu habe ich noch zu viele Defizite im Denk bereich.
Eine gute Streitkultur und dem Austragen von Auseinandersetzungen gilt es, für mich zu entwickeln. Dafür muss ich mir aber Zeit geben. Ich erfasse noch nicht alles im Gehirn und komme so leicht ins Hintertreffen. Auch da bin ich Grenzgänger.
Früher war es im Sport, wo ich mich einem Grenzgang ausgesetzt habe. Ob beim Bergsteigen oder dem Radfahren. Auch am Rad konnte ich viele Grenzgänge bestehen.
Bei -35 Grad in Alaska, im Sturm am Denali, durch die Sahara mit dem Fahrrad. Ich suchte immer wieder oft extremes aus. Ich scheiterte auch manchmal. Aber gerade das brachte mich weiter.
Mein heutiger Grenzgang ist damit nicht vergleichbar. Es kann ein jonglieren auf einem schmalen Steg über einen Bach sein. Ich bewege mich aber an der Grenze, wie früher.
Was bringt es mir, ständig meine Grenze auszuloten. Nun, nur indem ich mich dem aussetze, komme ich weiter und verschiebe bisherige Bewusstseins grenzen.
Gerade jetzt befinde ich mich wieder in solch einer Situation. Es gilt das zu spüren, was in mir brodelt und meine Lernaufgabe ist es, alles kontrolliert abfließen zu lassen.
Für manches ist es noch zu früh. Östliche Kampfkunst, Boxen oder Tanzen wären gut, um es abfließen zu lassen. Doch mein körperlicher Zustand reicht noch nicht dafür aus.
Es kommen immer öfter Themen auf, die aber noch zuviel Energie kosten. Heikle Themen belasten mich noch zu stark. Aber das ich auf sie treffe, zeigt mir, dass es nicht mehr weit weg ist, sie zu bearbeiten.
Mit dem Jakobsweg habe ich einen Grenzgang bewältigt, der mir eine Menge gebracht hat. Die nächsten Schritte sind nicht mehr weit. Das kontrollierte Abfließen lassen wird in nächster Zeit mein Lernprozess sein.
Die Monate und Jahre sind ins Land gezogen, seit ich den Hirnabszess 2016 erlitt. Es ist viel passiert seither und deswegen möchte ich Rückschau halten. Ein Blick zurück zeigt mir was geschehen ist. So kann ich Fortschritte besser erkennen und nachvollziehen, dass etwas weitergeht.
Zu Vergangenem kann ich kaum Emotionen aufbauen. Es ist auch schwierig, zu etwas Vergangenem weiterführende Gedanken aufzubauen. Als ob mich mein Gehirn vor etwas schützen möchte.
So bleibe ich im Jetzt, denn ob Zukunft oder Vergangenheit, ich muss es akzeptieren das es so nicht funktioniert. Selbst das Nachdenken darüber warum es nicht geht, bleibt mir verwehrt.
Trotzdem brauche ich dann und wann den Blick zurück. Jetzt ist wieder so ein Moment gekommen.
Seit 2016 dauert mein "Weg zurück ins Leben". Eine Zusammenfassung der Ereignisse.
Für einen Monat befinde ich mich auf der Intensiv-Station, bis Ende April. Noch wird intravenös mit Antibiotika behandelt. Die Lähmung der rechten Seite wird immer stärker.
Nach einem Monat werde ich auf die Normalstation verlegt.
Der Abszess im Gehirn wird punktiert. Die Haare werden mir dazu teilweise abrasiert. Von dem vielen Antibiotika ist mein Körper total aufgeschwemmt. Im Krankenhaus lerne ich wieder zu gehen, am Ende ungefähr 50 Meter.
Nach rund 5 Monaten kann ich endlich das Krankenhaus verlassen. Ich ging selbständig nach unten, setzte mich erstmals ins Gras und wartete das man mich abholte. Das Ärgste war überstanden. Was mir noch bevorstehen sollte, davon hatte zu dem Zeitpunkt noch niemand eine Ahnung.
Erstmal ist es wichtig, dass ich mich wieder bewegen und gehen kann. Die ersten Monate sind dafür sehr entscheidend. Gehen wird meine Hauptherausforderung. Beim Denken bin ich noch sehr limitiert.
Ich komme für vier Wochen auf Reha nach Judendorf. Noch brauche ich einen Rollstuhl. Mit Pausen schaffe ich 500 Meter gehen am Tag. Die Reha ist aber insgesamt so anstrengend, dass ich viel weniger weit komme. Der Tag dauert noch zu lange, als das meine Energie reicht.
Im Juni beginne ich meinen zweiten Reha Aufenthalt in Judendorf. Rollstuhl brauche ich keinen mehr. Es wird umfassend mit mir gearbeitet.
4 Tage verbringe ich in Knappenberg mit Silvia. Noch ist jede Bewegung Therapie für mich, auch das Denken ist gleich anstrengend. So ist dieser "Urlaub" trotz allem wieder Therapie.
Ich entdecke immer öfter den Wald für mich als Therapie. Aufgefallen ist es mir schon öfter. Ich verbringe die meiste Outdoor Zeit im Wald. Mein Gehirn wird von den Reizen in der Stadt noch immer zu sehr belastet.
Pilgern wird für mich ein immer größeres Zwischenziel. Noch bin ich weit weg davon, aber ich denke oft daran. Die Kraft der Gedanken.
Ich versuche mich zum Ersten mal am "Pilgern". Vom Hilmteich gehe ich mit Silvia die 5 Kilometer zur Wallfahrtskirche Mariatrost. Es ist mein anstrengendster Weg bis dahin und ich bin am Limit. Aber ich schaffe es.
Ich entschließe mich dazu, zum ersten mal ins Fitnessstudio zu gehen. Leichte Gewichte, Ergometer und Bodenübungen stehen am Programm. Im Freien hat es Minus Grade, daher bin ich in der Bewegung eingeschränkt. Aufgrund der neurologischen Probleme bin ich limitiert.
Mein ehemaliger JournalisteKollege Thomas Neffe schreibt über mich.
Puls4 bringt einen Beitrag über mein Schicksal. (Zum Video)
Die Auswirkungen der Krankheit belasten ungemein stark mein Umfeld. Ich beginne es zu realisieren und versuche es zu beschreiben.
Die Sehnsucht nach dem Gehen wird immer größer. Soviel ich auch mache, es wird nur langsam besser.
Ich werde durch eine Physiotherapeutin falsch behandelt. Eine Wirbelverschiebung macht mir daraufhin lange zu schaffen. Erst Ende März habe ich es im Griff. Ich beginne wieder von vorne, bzw. wo ich im Dezember stand.
Im April entschließen wir uns, nach meinem verkorksten Frühjahr, in Kroatien Urlaub zu machen. Die Sehnsucht nach dem Gehen wird stärker. Ich komme noch immer kaum über 5 Kilometer.
Ich schaffe es, mich zum ersten mal selber zu filmen und einen Status quo abzugeben. (Zum Beitrag)
Den Blog, auf Instagram und Facebook, habe ich schon lange als Therapie entdeckt. Gedanken an ein Buch kommen immer öfter, noch sind aber meine Defizite so groß, dass ich keine zusammenhängende Gedanken finde oder schreiben kann.
Das Gehen und mein körperlicher Zustand ist noch immer sehr schlecht.
Trotz der Defizite fahre ich zum Jakobsweg. Über 2 Jahre täglicher Reha und Arbeit an mir, liegen hinter mir. Ich kann so nicht weiter machen, ich brauche eine Auszeit.
Ich beende den Jakobsweg weit später als gedacht, in Astorga, 268 Kilometer von Santiago entfernt. Die Reise ist mein erster Schritt zurück ins Leben. 5 Wochen war ich unterwegs.
Ich fahre heim und denn am 24.Juli beginnt meine dritte Reha in Judendorf. Sechs Wochen dauert sie und ist sehr intensiv. Ich lerne viel neues dazu und kann einiges verbessern.
Eine Woche nach der Reha, fahre ich zurück zum Jakobsweg nach Astorga. Ich setze den im Juli abgebrochenen Weg fort und
erreiche Santiago und Finesterre.
Mit meinem Sohn Noah gehe ich am Camino Frances von Pamplona nach Burgos. Für mich und ihn ein einzigartiges Erlebnis.
Es hat sich viel verändert und kein Stein blieb auf dem anderen seit dem Hirnabszess. Der Blick zurück zeigt mir, dass sehr wohl viel passiert ist. Der Blick zurück zeigt mir auch, dass es immer weiter geht, wenn die Situation auch noch so düster erscheint.
Was das Leben weiterhin bringen wird? Ich lasse mich überraschen.
Es war eine sehr kurzfristige Entscheidung, mit meinem Sohn Noah, zum Jakobsweg zu fahren. Ich hatte gerade den Camino Frances in Finesterre beendet und wollte eigentlich noch in der Gegend bleiben. Allerdings verschlechterte sich das Wetter, es war kalt und windig am Meer. Da kam mir die Idee! Warum nicht einen Abschnitt vom Anfang wiederholen.
Da fiel mir Noah ein. Er hatte gerade die Matura mit Auszeichnung hinter sich gebracht und war im Begriff ins Leben zu starten. Was für eine Entscheidung konnte da besser sein, als am Jakobsweg zu gehen. Denn der Weg zeigt dir, wie das Leben funktioniert und was wirklich wichtig ist. Den Sinn des Lebens sozusagen oder zumindest einen Blick darauf.
Gedacht, getan. Eine Woche später saß ich mit Noah im Bus nach Pamplona. Von dort wollten wir nach Burgos gehen, etwa 220 km, am Camino Frances. Ich war dort im Juni gewesen und fand es ideal für den Einstieg ins Pilgern.
Wir kamen am Nachmittag in Pamplona an. Erst wollte ich dort übernachten, entschied mich aber dafür, die ersten 5 Kilometer nach Cizur Menor zu gehen. Auf dem Weg dorthin dann die Überraschung. In der Hektik der Reise hatte ich nicht mitbekommen, dass an diesem Tag Nationalfeiertag in Spanien war. Es gab nichts zum Einkaufen und wir mussten damit auskommen, was wir mit hatten.
Im Ort angekommen bezogen wir Quartier in der dortigen Herberge. Noah war auf diese Art noch nie unterwegs gewesen und wurde sofort mit dem Alltag einer Herberge konfrontiert.
Nun, die beste Erfahrung war sicher, dass der Weg nicht endet, sondern mit diesem Ende der Weg eigentlich erst anfängt. Man fängt an, sich mehr mit dem Hier und Jetzt auch zu Hause zu beschäftigen.
Man muss sich Unterwegs auf Unvorhergesehenes einstellen. Diese Aufmerksamkeit wird so mehr auf die Gegenwart gerichtet, anstatt auf die Vergangenheit oder Zukunft.
Gerade was ich durch den Hirnabszess lernte, nämlich im Hier und Jetzt zu leben, wird am Camino besonders gelehrt. Man kann dort nicht anders, als sich um das gerade Wichtige zu kümmern und das findet eben Jetzt statt.
Wie sagen viele: Gehen, Schlafen, Essen, Gehen, Wäsche waschen, Gehen!
Es sind wirklich die essenziellen Dinge im Leben, auf die es ankommt und die man erlebt.
Was viele unterschätzen ist, wie wenig man am Jakobsweg wirklich benötigt. Der Rucksack wird meist zu voll eingepackt. Mit so wenig unterwegs sein zu können, war auch für Noah eine Überraschung und auch er fand einiges überflüssige in seinem Gepäck. Ein leichter Rucksack bereitet mehr Freude beim Gehen.
Dieses überzählige Gewicht bestand, zum Glück, hauptsächlich in Form von Süßigkeiten. Allerdings benötigten wir einige Tage, bis wir das Rucksackgewicht drastisch reduziert hatten. Wir gaben auch an Mit-Pilger ab, die sich darüber sehr freuten.
An Ausrüstung achtete ich schon zu Hause, dass er nicht zu viel mitnimmt. Schließlich hatte er alles zu tragen. Jeder Gramm unwichtiges bedeutete mehr zu tragen.
Diese Reduktion zeigt, wie viel wir zu Hause an Unnötigem anhäufen, Stichwort Minimalismus. Man reduziert sich auf das wesentlichste. Man lernt, mit wie wenig man auskommt.
Mir tat das Gehen sowieso gut. Spannend wurde es, wie Noah damit umging. Die ersten Tage war ich überrascht. Es ging besser als gedacht. Allerdings ignorierte er Tipps, die man gerade am Anfang beachten sollte. So war es kein Wunder, dass er Blasen bekam.
Für ihn natürlich eine Katastrophe. Ich konnte nicht anders, ich musste lachen. Sein Gehen glich meinem und plötzlich waren wir zu zweit mit Handicap unterwegs. Jetzt konnte er meine Erzählungen verstehen, dass ich hier gar nicht auffalle, weil hier praktisch jeder Beschwerden hat.
Wir hätten natürlich viel abwenden können, wenn er auf mich gehört hätte. In seinem Alter ignoriert man aber oft gut gemeinte Ratschläge, ich habe es früher auch getan. Mit dem bittersten aller Lernen, nämlich der eigenen Erfahrung, musste er klarkommen. Er hat es aber, bis auf wenige Ausnahmen, gut durchgestanden.
Wenn man Noah fragt, sind eine seiner spontansten Erinnerungen an den Jakobsweg die Fischdosen. Und es gibt in der Tat eine immense Auswahl daran, welche die Entscheidung für welche, schwer machte.
Es zeigt aber auch, was die Ernährung für eine wichtige Rolle spielt. Man muss oft für ein, zwei Tage vorausdenken und sich mit Essen eindecken, vor allem für unterwegs. Aber auch das organisieren zu Mittag oder am Abend gehört dazu. Es ist ganz wesentlich, sich täglich ums Essen zu kümmern.
Für Noah war es normal, mir in gewissen Situationen zu helfen. Ein Problem war das Geh-Tempo. Aber nicht für mich, sondern für Noah. Ich brauche eine gewisse Grundgeschwindigkeit. Gehe ich zu langsam, bekomme ich Probleme mit dem Gleichgewicht. Dieses Tempo war für Noah oft zu schnell, besonders als die Blasen auftraten.
Ich hatte im Vorfeld eher Bedenken, dass ich zu langsam bin. Das überraschte mich dann doch. Aber die Blasen ließen für ihn kein höheres Tempo zu. Ich ging meine drei bis vier km/h, allerdings mit vielen Pausen. Er ging oft mit nur zwei km/h. Das war für mich definitiv zu langsam.
Man ist zwar zu zweit unterwegs, aber den Jakobsweg geht man trotzdem alleine. Das musste erst verstehen lernen.
Es gibt zu meiner Überraschung ein kurzes Fazit. Die Entscheidung hinzufahren war so gut, dass er nächstes Jahr den gesamten restlichen Weg nach Santiago gehen möchte. Was möchte man mehr?
Na dann, Buen Camino!
Die letzten vier Monate verbrachte ich am Camino oder war auf Reha. Diese Zeit war einzigartig und so wertvoll für mich, konnte ich doch am Camino zum Ersten mal wieder das Leben spüren. Allein das war die Anstrengungen und Mühen wert. Ich habe mein altes Leben nicht verloren, sondern ein neues gewonnen!
Es bekommt eben alles eine neue Bedeutung, wenn man mit dem Tod konfrontiert ist.
Als ich aus Spanien zurückkam, fühlte ich mich wie zurückgeworfen in ein Leben, dem ich eben entronnen bin. Die Stadt fühlt sich bedrohlich an, ist kalt und grau. Ich komme schwer damit zurecht, wieder daheim zu sein. Verlieren und gewinnen liegt eng zusammen.
Ich bin unter anderem auch deswegen im Juni aufgebrochen, weil ich nach zwei Jahren am Ende war. Ich habe in dieser Zeit alles gegeben und alles getan, um meine Defizite zu verbessern.
Dass es so langsam geht, musste ich erst erkennen. Anfang des Jahres verlor ich aufgrund einer falschen Behandlung einige Wochen des Trainings und begann danach vieles wieder von Vorne oder von einem stark reduzierten Niveau. Ich habe viel Zeit verloren, wenn ich mich nur um Millimeter vorwärts bewege, aber im Vergleich Zentimeter verliere.
So stark ich psychisch bisher war, es nagte an mir, dass ich in wenigen Wochen um Monate zurückgeworfen wurde. Ich musste aufpassen, in keine Depression zu verfallen. Zum Glück glaubte ich immer an mir und es begann eben von neuem.
Die Entscheidung zum Jakobsweg zu fahren, war Gold wert. Ich habe nie damit gerechnet, ihn zu beenden. Alles hat unterwegs eine Dynamik angenommen. Ich konnte unterwegs mein Gehen stark verbessern, bzw. es war plötzlich soviel mehr Energie da, die ich fürs Gehen nutzen konnte. Was aber noch wichtiger war, der Camino hat mir gezeigt, worin die wahren Werte des Lebens liegen...
...und das hat nichts mit Geld zu tun, dem wir einen Großteil der Zeit nachlaufen (müssen). Der Camino zeigt dir, was wirklich wichtig ist im Leben - wenn du dafür offen bist. In Form von Metaphern hat sich für mich jeden Tag etwas getan, das ich auch mit meinem Leben in Verbindung bringen konnte.
Ich war nicht viel besser drauf wie im Oktober 2017, als mich das Kamerateam von Puls4 besuchte, um einen Beitrag über mein Schicksal zu drehen. (Hier gehts zum Filmbericht)
Ich möchte einmal Pause haben. Möchte kurz aussteigen aus diesem endlosen Wahnsinn der Rehabilitation, für nur eine Stunde funktionieren wie früher. Nicht über alles nachdenken müssen. Nachdenken über jede Bewegung, die ich mache. Möchte einfach nur sein dürfen, Sein können. Es wäre zu schön.
Aber das spielt es nicht. Mein Gehirn lässt es nicht zu. Ich muss akzeptieren, dass es so funktioniert und nicht anders, dass die Zeit des Automatismus vorbei ist. Denn das ist das ungewohnte. Was so selbstverständlich war, ist nicht mehr und man kann es mir glauben, es wird vieles als selbstverständlich angesehen.
Und das Problem ist, ich kann es nicht kommunizieren. Was mir im Kopf so klar ist, bringe ich Sekunden später nicht in Worten rüber. Niemand von uns wurde darauf vorbereitet, das es so sein kann. Mir selbst ist es erst seit kurzem klar. Auch die Möglichkeit, meine Defizite zu beschreiben und in Wörter zu fassen. Das ist die Schwierigkeit. Die einen wissen es nicht und die anderen können es nicht. Ich habe viel von meinem Wortschatz verloren, aber anderes auch gewonnen.
Ich dachte damals, mit dem nach Hause kommen aus dem Krankenhaus, sei alles vorbei. Jetzt, zweieinhalb Jahre später, ist ein Ende noch immer nicht in Sicht. Ich frage mich, wird es jemals ein Ende geben.
Bis vor kurzem habe ich noch alles gegeben. Um wieder so zu funktionieren, dass ich in den Arbeitsalltag integriert werden kann. Aber wie lange kann ich so weitermachen?
Darf ich es einmal sein lassen wie es ist. Ich habe viel erreicht, aber was ist das schon? Muss es unbedingt mehr sein? Was ist dieses mehr und wer beurteilt es? Ich habe diese Auszeit am Camino dringend gebraucht. Man kann sich nicht vorstellen, was das leer werden im Kopf für mich bedeutete. (Zum Beitrag "Nichts denken am Jakobsweg!)
Ich muss mich wieder mehr aufs Leben konzentrieren und darf nicht alles als Therapie sehen, um wieder "richtig" zu funktionieren. Bisher war für mich eben alles Therapie. Was soll ich auch machen, wenn ich Essen lernen muss. Natürlich achte ich dann darauf das die Technik funktioniert. Dass ich nicht patze, dass ich am Tisch nichts umwerfe, usw.
Das schlimmste in den Herbergen am Camino war für mich beim gemeinsamen Abendessen, wenn mir jemand eine große Schüssel voll Essen reichte und ich nicht wusste, kann ich sie überhaupt mit ausgestreckte Armen entgegennehmen.
Ich kann nicht unterscheiden zwischen: Das ist jetzt Therapie und das ist normales Essen. Und so geht es mir in allem. Nur, man sieht es mir nicht an, was in mir vorgeht. Was es heißt, rechtsseitig von oben bis unten gelähmt gewesen zu sein. Es ist für mich normal geworden damit zu leben und zu versuchen, in allem besser zu werden.
Ich schreibe fast nur übers Gehen, weil es mir das wichtigste ist. In Wirklichkeit geht es, um alles was mit Bewegung zu tun hat und auf der anderen Seite mit Denken. Ich bin eine einzige überdimensionale Baustelle.
Aber das belastende ist, es ist kein Ende in Sicht. Ein gebrochener Fuß hat ein Ende, eine Grippe hat ein Ende. Vieles anderes hat ein Ende. Bei mir ist kein Ende in Sicht.
Ich habe viel gewonnen, aber gleichzeitig auch viel verloren. Meine Familie zum Beispiel. Silvia und ich werden uns trennen.
Es wird viele überraschen, dass ich nie darüber schrieb. Gerade die Familie war mein großer Rückhalt. Dort fand ich die Geborgenheit, die ich so dringend brauchte. Wo ich abschalten konnte und wo ich loslassen konnte.
Für mich war es wie in der Steinzeit, als man jeden Augenblick damit rechnen musste, von einem wilden Tier angegriffen zu werden. Damals ging die Aufmerksamkeit bis in den Schlaf. Man war immer wie unter Strom. Außer es übernahm jemand die Wache.
Erst in der Familie fand ich nach fünf Monaten Krankenhaus wieder die Ruhe, konnte mein Gehirn wieder zur Ruhe kommen lassen.
Die Zeit im Krankenhaus war schwierig. Ich bekam fünfmal am Tag drei Infusionsflaschen. Beim Wechsel wurde ich jedes mal munter. Ich schlief nie länger wie zwei Stunden am Stück. Es war ein Glück, dass ich darüber nicht wirklich nachdenken konnte.
"Ruhe" kehrte erst zu Hause ein. Aber nur für mich. Der Stress in der Familie blieb, es hatte sich so viel verändert und er war nicht weniger geworden. Plötzlich war ich als weiteres Kleinkind daheim, das erst alles wieder lernen musste.
Dass ich die Familie belastete, war mir damals nicht bewusst. Soweit konnte ich überhaupt nicht denken. Ich lebte in einer eigenen kleinen Blase und konnte nicht darüber hinausblicken, geschweige nachdenken. Es war mir unmöglich, weitreichendere Gedanken zu haben, als über das JETZT. Ich war froh, dass ich existierte und das JETZT erleben durfte. Alles andere war mir nicht möglich. Mein Denken begann erst dieses Jahr wieder und das in einem Low Modus.
Viele Beziehungen und Familien zerbrechen an ähnlichem daran. Ein Hirnabszess kommt nicht oft vor, ist aber vergleichbar mit den Folgen einer Gehirnblutung oder eines Schlaganfalles. In eine solche Situation kommen mehr Menschen, als man glaubt.
Die einen können es nicht verstehen und die anderen nicht kommunizieren. Man weiß es nicht. So bestehen immer Missverständnisse. Man fühlt sich in solchen Situationen im Nachhinein alleine gelassen, es gibt keine Hilfe. Es passiert viel in der Welt, viele Unfälle, Tragödien und anderes. Aber in solchen Fällen wie bei mir und sicher auch ähnlich gelagerten, wird oft keine Hilfe zuteil.
Die Angehörigen sind derart überlastet damit, sie können sich selbst nicht helfen. Besonders in den ersten Wochen, wo es um Leben oder Tod geht.
Von außen wird einem diese Hilfe nicht angeboten, also woher nehmen. Man ist so damit beschäftigt, den Status quo einigermaßen aufrecht zu halten, besser gesagt, zu überleben, dass man keine Energie hat, sich Hilfe zu besorgen.
Ich kann derzeit noch nicht so weit denken, dass ich sagen könnte, was hätte geholfen. Im Krankenhaus wurde ich ja gut betreut, aber die Familie wurde alleine gelassen. Ich kann nur meine Erfahrungen zu Papier bringen, so wie ich es erlebte. Es brauchte immerhin über zwei Jahre, bis ich das aufschreiben kann.
So hat sich einiges verändert in unser aller Leben. Es geht mir noch nicht so gut, dass ich in die Öffentlichkeit kann. Aber ich kann diesen, als Therapie für mich gedachten, Blog dazu nutzen, um auf die Problematik hinzuweisen und aufzuzeigen.
Ich habe viel erreicht in meiner Genesung seither, aber in Wirklichkeit habe ich gerade erst ein, zwei Stufen erklommen. Das Kinderspiel Himmel und Hölle zeigt es sehr gut. Ich bin jetzt bei drei angelangt.
Viele sind dann überrascht, weil man es mir nicht gleich ankennt. Sie würden mich auf sechs oder sieben einordnen. Selbst Ärzte geben zu, erst nach längerem Beobachten und Unterhaltung meine Defizite wahr zu nehmen.
Es sind eben diese unsichtbaren Behinderungen, von denen niemand etwas mitbekommt. Und wo man verkannt wird, bei Untersuchungen, die dann den Grad der Behinderung feststellen oder wo es um Therapien oder um Geldleistungen geht. Alles schnell, schnell. Unter Zeitdruck. Das ist dann ein "Kampf" mit der Bürokratie, den ich nur bedingt aushalte und es oft einfach so nehme, wie es kommt.
Daher war ich am Camino erstmals so glücklich, weil ich trotz meiner Handicaps, mitten im Leben war. Ohne viel zu fragen wurde mir geholfen, wenn ich mich wo schwer tat. Ich konnte mit anderen Pilgern reden, die oft schwere Schicksale hinter sich hatten und erfuhr, wie sie diese meisterten. Dazu konnte ich Weisheiten von älteren Pilgern mitnehmen. 70 bis 80-jährigen, die mit schwerem Rucksack unterwegs waren.
So lebe ich im Himmel, weil ich schon so viel seit dem Hirnabszess erreicht habe und andererseits in der Hölle, weil ich immer wieder das Gefühl habe, dass mein Bemühen zu wenig ist. Aber in jedem Verlust steckt auch ein Gewinn, man soll nur offen dafür sein, ihn zu erkennen.
Es sind sicher die anspruchsvollsten Jahre meines Lebens, die ich zur Zeit durchmache. Mit Sicherheit aber auch die lehrreichsten. Und um das geht es ja wirklich. Wie können wir uns im Leben weiter entwickeln und das habe ich auf jeden Fall gemacht. Die grösste Erfahrung habe ich sicher mit dem Tod gemacht. Mir ist die Angst vor ihm genommen worden.
Und zum ersten mal hab ich (an)erkennen können, dass ich bisher ein Leben für drei hatte. Alles was jetzt noch kommt, kann ich als Draufgabe sehen.
...und wie sagt mein Leitspruch:
"Es ist gut, wie es ist, weil es IST und nicht weil es gut ist!"
So ist es!
Das Pilgern wurde zu einem wichtigen Teil meiner Rehabilitation. Wie sagte schon Hippokrates: Gehen sei deine Medizin
Ich sage dazu: Pilgern sei dein Heilmittel
...und es wurde mein Heilmittel. Nicht das einzige, aber ein sehr wichtiges!
Ich absolvierte den gesamten Camino France bis nach Finesterre und war dann noch einmal mit meinem Sohn Noah von Pamplona nach Burgos unterwegs. Insgesamt über 1100 Kilometer. Dazu kam eine sechswöchige stationäre Rehabilitation. Alles in allem über vier Monate.
Jeder Meter, jeder Schritt, brachte mich meinem Ziel, wieder Gehen und Laufen zu können, näher. Mittlerweile kann ich schon ganz gut gehen, aber es ist noch nicht automatisiert. Ein Ziel am Camino war es unter anderem, immer wieder zu versuchen, automatisiert zu Gehen.
Auf ebenen Untergrund geht es schon eine Zeitlang. Ich kann mich auch schon unterhalten dabei. Aber kleine Wellen im Asphalt können mich ins Stolpern bringen. Achtsamkeit ist daher notwendig, die schon lange ein Teil meiner Rehabilitation ist.
Ich war die letzten zwei Jahre viermal auf stationärer Reha. Jedes mal zwischen zwei und sechs Wochen. Du bist dort abgeschirmt und brauchst dich nur um die Gesundung kümmern.
Wieder zuhause, ist man alleine gelassen und muss sich um den Alltag kümmern, ob man möchte oder nicht. Das war und ist auch bei mir so. Aufgrund meiner Erkrankung ist das aber schwer möglich und so wurde alles, was ich tat, gleichzeitig auch Therapie.
Ich brauchte nur die Ruhe, auch alles so zu machen, wie ich konnte. Das ist aber oft nicht möglich, zu viele Herausforderungen sind zu meistern. Da ist es dann vorbei mit der Therapie. Es hieß zu funktionieren.
Und hier setzt der Camino an. Es ist wie in einer riesigen Reha-Klinik. Hier konnte ich mich rund um die Uhr um mich selbst kümmern und bei Sachen, die ich nicht konnte, wird einem geholfen oder ich ließ mir helfen.
Ich ging in vier Wochen von den Pyrenäen bis nach Astorga, das sind ca. die ersten 500 Kilometer vom Camino France. Danach stand eine sechswöchige stationäre Reha am Programm. Gleich danach fuhr ich für drei Wochen zurück nach Spanien, um meinen Jakobsweg zu beenden und bis nach Finesterre zu gehen.
Ich war nur ein paar Tage zu Hause und fuhr dann abermals nach Spanien, um mit meinem Sohn Noah von Pamplona nach Burgos zu Pilgern. Wir wollten den Herbst noch ausnutzen und in Begleitung tat ich mir leichter. Außerdem war es für ihn ein Erlebnis.
Unser Weg nach Pamplona führte uns über Wien. Dort trafen wir Alexander Rüdiger, der uns ein "Buen Camino" mit auf den Weg gab. Er hatte recht mit seiner Aussage: Einmal Pilger, immer Pilger!
Dieses Jahr nahm das Pilgern in meiner bisherigen Rehabilitation einen großen Raum ein.
Ich war noch nie vorher Pilgern, aber ich spürte sofort, dass es mir gut tut. Nachdem ich gemerkt hatte, dass das mit dem Laufen noch länger nichts wird, suchte ich nach Alternativen. Bald wusste ich, sobald ich irgendwie konnte, werde ich losgehen.
Es war natürlich ein Risiko, alleine nach Spanien zu fahren und einfach loszugehen. Zuvor konnte ich doch maximal fünf Kilometer Gehen, mein gestörtes Gleichgewicht behinderte mich und das Denken sowieso.
Aber ich wusste, die Natur tut mir gut und sie wurde zum wichtigsten Teil meiner Rehabilitation.
Ich bin jetzt seit sechs Tagen am Camino France mit meinem Sohn unterwegs. Wir hatten von Sonne, Hitze, Wind und starkem Regen bisher alles dabei.
Diese Reise hat für mich einen besonderen Stellenwert. Zweieinhalb Jahre war ich nur mit meiner Krankheit und deren Rehabilitation beschäftigt.
Es ist jetzt das erste Mal, dass ich wirklich mich um Noah kümmern kann. Mein Gehirn war bisher ausschliesslich mit Gesund werden beschäftigt. Auch wenn ich es nicht wollte, anderes hatte keinen Platz. Mein Gehirn gab die Richtung vor.
Selbst der erste Camino im Juni/Juli hatte noch ausschliesslich mit dem Gesund werden zu tun.
Erst die Reha im August und der 2.Teil des Camino, brachten die Wende. Ich nutze es diesmal natürlich auch fürs Training, aber im Vordergrund steht doch die Zeit mit Noah.
Der Camino ist geeignet wie kaum was anderes, das Leben verstehen zu lernen. Für Noah ist es die Möglichkeit zu sehen, dass es auch etwas anderes als Arbeit auch gibt. Er hat gerade die Matura hinter sich und muss sich orientieren wo es hingeht.
Es gibt eben auch ein anderes Leben als den Computer, dem so viele Jugendliche verfallen sind.
Schön langsam bekommt er hier am Camino dieses andere Leben mit. Und was gibt es schöneres, als so etwas mit seinem Sohn gemeinsam zu machen.
Es geht durch alle möglichen Gegenden. Eben, hügelig und bergig, Dörfer und Städte.
Städte sind nur alle paar Tage am Weg, kleine Dörfer queren wir alle fünf bis zehn Kilometer. Dazwischen befindet sich meist Natur pur.
Dort rasten wir länger, etwa dreissig Minuten. Noah muss sich erst einen Geh-Rythmus aneignen. Das ist das Schöne, man erspürt sich seinen Rythmus und bekommt damit ein Körpergefühl.
Nach jeder Rast verändert sich manches. Druckstellen an den Füssen, die Motivation, die Sicht auf verschiedenste Dinge und der Hunger.😁
So ist jeder Tag anders und bringt etwas neues. Weil mir heute die Füsse weh tun, heisst das nicht, dass mir die Füsse morgen weh tun werden.
Diese Veränderung passiert dauernd. Und das ist es, was auch im Leben zählt. Oft nehmen wir es nicht mehr wahr, aber diese Veränderung ist immer da. Kein Augenblick gleicht dem anderen. Nur sehen es wir oft nicht mehr, weil wir im Hamsterrad des Lebens stecken.
Wenn wir das erkannt haben, bekommt das Leben eine neue Dynamik. Wir sehen diese Veränderung nicht mehr als Gefahr, sondern als Beginn von etwas Neuem.
Das alles zeigt uns der Jakobsweg und wir können von ihm lernen.
Am Jakobsweg leidet man eigentlich immer unter Schmerzen, meist an den Füssen oder der Rucksack drückt.
Der Pflege der Füsse kommt eine besondere Bedeutung zu. Zuhause achten wir nicht so sehr darauf. Am Jakobsweg sind die Füsse das wichtigste, um uns weiter zu tragen.
Wie gesagt, die Füsse tragen uns durchs Leben. Deshalb ist es wichtig auf sie zu achten und sie zu pflegen.
Noah hat einige Blasen bekommen. Wie geht er damit um? Eine Frage, die umso mehr bedeutet, wenn man begreift, wie man mit sich selbst umgeht.
Für uns beide sind die Defizite eigentlich normal geworden. Wenn ich etwas nicht kann, kommuniziere ich es. Da man mir von außen nur wenig anmerkt, bekommt es kaum jemand mit. Trotzdem sind die Defizite da.
Das Gehen bedarf noch vieler Gedanken, aber es funktioniert schon ganz gut. Mit Noah übe ich immer wieder das Sprechen während dem Gehen, vor allem auch auf steiniger Piste. Dieses automatische Gehen ist mein Ziel für hier, es möglichst oft zu üben.
Weitere setze ich mich oft bewusst stressigen Situationen aus. Zum Beispiel dem Besichtigen von Kirchen. So verschiebe ich langsam meine Grenzen . Es ist ein ständiges lernen für Noah und für mich, für jedem auf seine Art.
Noch stehen uns einige Tage bevor, wo wir den Camino genießen können und das Leben mehr erfahren.
Es gibt noch viel zu erzählen, aber es überfordert mich, dass alles hier niederzuschreiben. Auf Instagram berichte ich auch täglich kurz über unsere Erlebnisse täglich.
Buen Camino
Im April 2017 habe ich begonnen den Blog zu schreiben. Seither hat sich viel getan, mit Reha, Trainieren, Übungen und am Schluss sogar Pilgern.
Als erstes musste ich akzeptieren, dass mein Gesund werden länger dauert, als gedacht. Ich verstand erst mit der Zeit, was für mich Gesundwerden überhaupt bedeutet.
Bin ich als Behinderter überhaupt krank?
Muss ich denn Gesund werden? Was ist denn Gesund?
Gesund werden setzt voraus, dass ich krank bin. Bin ich mit Handicap krank? Wo fängt denn Gesund werden an und wo hört es denn auf?
Diese und ähnliche Fragen stelle ich mir immer wieder. Bin ich krank, weil ich nicht fähig bin zu Arbeiten? Weil ich mich oft nicht zurechtfinde? Weil ich überfordert bin, unter zu vielen Menschen oder Lärm?
Ja, ich bin nicht in der Lage Geld zu verdienen.
Man wird in meiner Lage mit einer Menge Fragen überschwemmt, die ich aber nur langsam zu beantworten schaffe.
Ich kann mich nicht damit auseinandersetzen. Mein Gehirn gibt mir vor, was ich denken kann und was nicht. Manches lässt es noch nicht zu. Also bin ich doch krank, oder was?
Ich habe noch viele Defizite, trotzdem bin ich im Juni das Erste mal zum Jakobsweg aufgebrochen.
Ich hatte dort Gelegenheit, meine Gedanken auf Null zu stellen. Das Erste mal seit zwei Jahren.
Ich bin über 500 Kilometer gegangen und trotz der Anstrengung, erholt im Kopf zurück gekommen. Gleich im Anschluss bestritt ich die sechswöchige Reha, wo intensive Arbeit an mit am Programm stand. Besonders die Physiotherapie hat mir sehr geholfen.
Nach einer kurzen Erholung ging es zurück zum Jakobsweg. Die letzten 260 Kilometer nach Santiago de Compostela legte ich, von den Übungen der Reha gestärkt, zurück.
Das Gehen am Jakobsweg tat mit so gut, also beschloss ich, im Herbst noch einmal zurückzukehren. Diesmal aber in Begleitung meines Sohnes Noah.
Für ihn ist es eine wunderbare Vorbereitung auf das Leben nach der Matura. Denn der Camino präsentiert einem komprimiert das Wichtigste im Leben und worauf es ankommt. Was kann es besseres für den Start ins Leben geben.
Natürlich hat es den Nebeneffekt, dass ich jemanden zum Aufpassen mithabe. So ist es ein Nutzen für uns beide.
Wir werden ein Teilstück des Camino Frances gehen, welches ich schon beim ersten Mal zurück legte. Der Start ist in Pamplona und wir möchten bis Burgos gehen. Er beinhaltet alles, Flachstücke und hügelige Abschnitte. Besonders wichtig, genug Herbergen am Weg.
Wir gehen ohne Druck, wie es eben geht. Die Stimmung ist für uns am wichtigsten. Die letzten zweieinhalb Jahre waren anstrengend genug für uns alle.
Auf dem Weg nach Spaien führte der Weg auch nach Wien. Dort trafen wir Alexander Rüdiger, der ja schon lange auf den verschiedensten Caminos unterwegs war. Er gab uns ein herzliches "Buen Camino" mit auf den Weg.
Das letztemal war er am Weststeirischen Jakobsweg unterwegs, über den er auch einen Film gemacht hat. (Zum Video)
Vor meiner Pilgerschaft sagte er mir: "Einmal Pilger, immer Pilger!".
Wie recht er hatte.
Das Pilgern hat einen für mich einen wichtigen Teil meines Lebens eingenommen. Es half mir, meine Krankheit besser zu verstehen, nicht zu vergessen die körperlichen Auswirkungen, die ich erst verarbeiten muss.
Auch den Anforderungen des Lebens zuhause wird durch das Pilgern die "Wichtigkeit" genommen. Was wir für so wichtig halten, ist für das Leben nicht wirklich wichtig. Man bekommt mehr Gelassenheit damit umzugehen und geht leichter durchs Leben.
Am Camino bekommt man die Gelegenheit, mehr die wahre Zeit zu genießen. Wahre Zeit könnte man auch mit Achtsamkeit beschreiben.
Man wird Achtsamer dem Leben und den Entscheidungen gegenüber. Ich bekam durch den Hirnabszess die Möglichkeit aus dem Hamsterrad des Lebens auszusteigen. Ein natürlich teuer erkauftes, aber Behinderung hin oder her, ich lebe noch.
Die Handicaps haben mir eine neue Sicht auf die Welt eröffnet, die ich nicht mehr missen möchte. Schön langsam sehe und erkenne ich immer mehr Zusammenhänge, die ich bisher schwer erfassen konnte.
Es ist und bleibt eine spannende Zeit für mich und ich werde erst in Zukunft sehen, was mir alles möglich ist und wird.
Aber jetzt gehe ich erst einmal mit meinem Sohn weiter Pilgern!
Buen Camino
Der Camino France endet in Santiago de Compostela. Für mich also der große Tag. Jeder feiert sein Ankommen, immerhin hat man viele Tage der Pilgerreise hinter sich gebracht und viele Erkenntnisse über das Leben erfahren dürfen. Das Ankommen war für mich aber ein Weitergehen.
Bei mir begann der Tag in der früh am Monto de Gozo, etwa 5 Kilometer vor der Stadt. Ich übernachtete im Kirchlichem Pilgerzentrum und legte von dort die letzten Kilometer vor Santiago zurück. Es war Nebel und die Aussicht auf die Stadt mit der Kathedrale bekam ich in dieser Nebelsuppe nicht zu sehen. Dabei hatte ich mich auf diesen Anblick schon so gefreut.
Es ging durch die Vororte von Santiago, weiter durch die Innenstadt und endlich gelangte man auf den Platz vor der Kathedrale. Viele Menschen tummelten sich davor. Um mich herum tanzten die Menschen und freuten sich, aber in mir regte sich nichts. Ich hatte kein wirkliches Gefühl oder eine Emotion, war abgeschnitten davon.
Es sind Folgen des Hirnabszesses, welche mich vor Überforderung schützen. Es lässt dann nur das wichtigste zu. Emotionen sind nicht darunter. Natürlich freute ich mich irgendwie, aber eben nicht mehr.
Durch die vielen Menschen hatte ich in einen Funktions Modus geschalten. Mein Gehirn ließ nur das Wesentliche zu. Da blieb für Freude nicht viel über.
Das ist auch der Grund, dass ich mich kaum Städten oder Trubel ausgesetzt habe. Für Santiago hatte ich gehofft schon weiter zu sein. Ich musste aber akzeptieren, dass es noch nicht so weit ist. Es war ja schon außergewöhnlich, dass ich den Jakobsweg bis Santiago de Compostela geschafft hatte.
So machte ich ein paar Fotos. Ich konnte aber nicht nachvollziehen, was es für mich bedeutet, den Camino France mit Handicap bewältigt zu haben. Ich war einfach DA und GING dann weiter.
Ich blieb nicht lange am Platz vor der Kathedrale und schaute im Pilger-Office vorbei. Dort erhält man eine Urkunde für den bewältigten Weg. Anhand der Stempel im Pilger-Pass wird der Weg zurückverfolgt. Wenn alles ok ist, wird die Urkunde ausgestellt.
Vorm Office angekommen, war ich überrascht, wie viele Menschen diese Urkunde wollten. Ich ging in den Innenhof und sah eine endlose Schlange. Das hieß, ein bis zwei Stunden anstellen. Dem konnte und wollte ich mich nicht aussetzen. So langes stehen in einer Schlange war mir unmöglich.
Wegen der Hochsensibilität vermied ich ja jede Stadt und Menschenansammlungen sowieso. Damit hatte ich nicht gerechnet. So verzichtete ich auf die Registrierung und Urkunde. Ich bin eh für mich gegangen und nicht um eine Urkunde zu erhalten. So war es nicht weiter schlimm.
Ich suchte mir eine Herberge, wohin ich mich zurückziehen konnte. Was sollte ich jetzt tun? Ein Plan war recht schnell gefunden. Am nächsten Tag sollte es weitergehen nach Finisterre, ans Ende der Welt.
Zwei Schnarcher in der Herberge erleichterten mir den Abschied aus Santiago. Ich frühstückte noch in Sichtweite der Kathedrale und brach dann auf.
Nach Finisterre gelangte ich nach einigen Tagen Fußmarsch. Wie in Santiago, hatte ich auch hier das Gefühl, mein Weg ist noch nicht zu Ende.
Vor mir war nur noch das Meer. Auch hier tanzten einige und man merkte eine ausgelassene Stimmung unter den Pilgern. Man sah gleich, wer den langen Weg zu Fuß gekommen war oder ob es ein Tourist war, der mit dem Auto gekommen ist.
Der Weg ist mein Ziel oder wie es ein Freund treffend formulierte, ich selbst bin das Ziel. Ich wollte mich wieder finden und brauchte nach zwei Jahren eine Auszeit von der Rehabilitation. Die habe ich hier auf eine besondere Art und Weise erhalten.
So sah ich lange auf das Meer hinaus und spürte: Mein Weg ist noch lange nicht zu Ende. Der Jakobsweg hat hier zwar sein Ende gefunden, aber mein Weg geht weiter.
Es hat mir sehr gut getan unterwegs zu sein, trotz der Handicaps. Ich bin an vielen Tagen über meine Grenze gegangen, konnte aber dadurch viele Grenzen an- oder aufheben. Der Hirnabszess hat ja als Lernaufgabe, sich an und manchmal über der Grenze zu bewegen. Nur so kann ich alte Verhaltensmuster wandeln oder ablegen.
Das was ich am Jakobsweg erreichen wollte, habe ich erledigt. Daher gab es auch kein wirkliches Ankommen. Es ist für mich noch recht schwierig, alles richtig einzuordnen. Eigentlich war es eine Wahnsinnsleistung, mit Handicap am Jakobsweg zu bestehen.
Aber wenn ich ehrlich bin, für mich waren die letzten zwei Jahre eine noch größere Leistung. Denn von Null weg an sein Leben neu zu Beginnen, dass ist mit nichts vergleichbar.
5 Monate Leben im Krankenhaus und Monate für die ersten Meter zu Fuß brauchen. Es war in jedem Punkt, wie ein Kleinkind das Leben neu zu beginnen. "Der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt!", heißt ein Sprichwort.
Im Nachhinein ehrlich gesagt, war der Jakobsweg eine Erholung gegen die ersten Monate im Krankenhaus.
Ich erinnere mich noch an eine Episode im Krankenhaus. Ich wollte die Türe vom Bett aus erreichen. Normal durfte ich nur in Begleitung einer Krankenschwester aufstehen. Ich war alleine im Zimmer und wollte üben. Ich wollte diese Türe gegenüber dem Fenster erreichen. Vielleicht sechs Meter entfernt.
Ich schwankte vom Bett los. Zentimeter um Zentimeter schob ich meine Beine vorwärts. Alles drehte sich. Der Schwindel kam wie immer plötzlich über mich. Kurz vor der Tür konnte ich nicht mehr und ließ ich mich kontrolliert zu Boden gehen, um zu verschnaufen. Ich war an der Kippe zum Ohnmächtig werden.
Ich war schon zweimal während des Gehens ohnmächtig geworden. Hätte man mich in dem Zustand gefunden, es wären mehrere Tage Bettruhe und das Verbot es zu verlassen, die Folge gewesen.
So übte ich bereits am Anfang an und lotete meine Grenzen aus. Ich probierte immer wieder aus, wie weit ich gehen konnte. Im Denken war ich ja auch eingeschränkt, daher verwirrte es mich, wie lange alles dauert.
Ja, für mich dauerte alles zu lange. Ich brauche noch länger bis ich alles begreife. Das ist keine Sache von Monaten, sondern von Jahren. Deshalb war es auch ein Grenzgang, nach zwei Jahren zum Jakobsweg zu fahren.
Dieser erste Jakobsweg hat mir so viel gegeben, besonders wieder mehr Vertrauen in mich zu bekommen. Wegen der Schädigungen im Hirn kann ich vieles nicht weiter denken. Viele Verbindungen sind gestört. Mein Physiotherapeut hat mir erstmals wieder mehr Vertrauen in mich selbst gegeben. Ich bin übervorsichtig geworden.
Allerdings kann ich nur langsam wieder die Verbindungen im Gehirn aufbauen. Daher tue ich mich schwer nachzuvollziehen, was ich geleistet habe. Es steht auf einer Stufe mit dem, was ich in den vergangenen zwei Jahren gemacht habe oder meinem Weg zur Tür im Krankenhaus.
Ich werde auf jedem Fall weitermachen und vielleicht eines Tages besser verstehen, was es bedeutet hat.
Mein Ankommen war aber somit gleichzeitig ein Weitergehen.
Mein Jakobsweg hat ein paar nüchterne Zahlen. Er ist aber mehr als das, denn für mich zählen die unzähligen Erlebnisse und Erfahrungen, die ich mit Handicap dort machen durfte.
Die Zahlen zeigen es nur Nüchtern:
Ich habe noch nie die genauen Kilometer oder die Anzahl der Tage nachgerechnet. Mir war es wichtiger, unterwegs gewesen zu sein.
Es ging los im Wissen, dass ich nichts wusste. Ich musste ausbrechen, aus zweieinhalb Jahren Therapie, Rehabilitation, Training und Üben.
Dazu kamen Probleme in der Beziehung, die die Sache nicht einfacher machten.
Eines wusste ich allerdings. Im Sommer stand mir ein Rehaklinik-Aufenthalt bevor und ein weiteres Jahr, in dem es um meine weitere Wiederherstellung geht.
Innerhalb von zwei Wochen entschied ich mich zum Camino Frances zu fahren. Zu organisieren hatte ich nicht viel. Ausrüstung hatte ich so gut wie alles von früher. Ich verwendete einfach einen Großteil der Sachen vom Trailrunning. Leichtigkeit war wichtig und da hatte ich schon vorgesorgt.
Einzig über die Anreise musste ich mir Gedanken machen. Aber das sah ich alles als Übung für mein Gehirn. Weiterführendes Denken war gefragt. Einfachste Sachen wie, welcher Bus wohin und welcher Bus folgt dann, hatte ich zum Überlegen. Habe ich genug Zeit zum Umsteigen und so weiter.
Damit beschäftigte ich mich tagelang, bis die Route stand. Allein mit dem Buchen hatte ich lange zu tun. Einmal passierte es, dass ich dieselbe Strecke zweimal buchte und bezahlte, weil ich den Überblick verlor.
Also stand gleich am Anfang einmal das Denken am Programm. Ich ließ mir dabei nicht helfen, sondern wollte es alleine schaffen. Diese Erfahrungen wollte ich selbst machen. Wie im Krankenhaus, als ich mir nicht die Zähne putzen lassen wollte. Vom ersten Tag an putzte ich sie mir selbst, wenn auch mit großen Schwierigkeiten. Die Krankenschwestern waren damals froh über meinen Willen, zeigte es doch, dass ich wollte.
Den gleichen Willen zeigte ich jetzt wieder. Es alleine zu schaffen, bedeutete mir viel. Ich wollte meine Selbstbestimmung zurück und daran arbeite ich auch in Zukunft. Es ist mir egal, wenn mir Fehler unterlaufen. In der Regel kann man sie korrigieren. Und wenn nicht, auch gut.
Das Denken und die richtigen Entscheidungen treffen sollte mich die ersten Tage am Weg begleiten.
Später begann ich, mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Ich wollte meinen Kopf leer bekommen. Denn wie gesagt, weiterführendes Denken ist mein Problem.
Im Laufe der Zeit sammelten sich viele Fragen an und diese geisterten immer wieder in mir herum. Es blieb aber bei den Fragen, ich konnte keine Antworten finden. Die Fragen drehten sich im Kreis. Oft lag ich ein, zwei Stunden halbwach und die gleiche Frage drehte sich in meinem Kopf im Kreis.
Ich wollte also im Kopf leer werden. Das ging am besten durch Gehen. Denn noch immer muss ich die Bewegung andenken und bin damit ausgelastet. Das sind Erfahrungen, die ich so nicht kannte.
Je länger ich ging, desto größer war die Chance, leer zu werden.
Früher war ich Spezialist für Multitasking. Als Videojournalist eine Grundvoraussetzung. Allerdings lernte ich nun Multitasking auf einer neuen Ebene kennen.
In meinem Fall bedeutet das, während des Gehen mit jemandem zu sprechen oder eben auch, anderes zu denken. Am Anfang des Gehen lernen war Multitasking für mich, mehrere Muskeln gleichzeitig bedienen zu können.
Deswegen verbraucht man zum Denken gleich viel Energie wie für die Bewegung. Das Hirn ist vergleichbar mit einem Hochleistungs-Muskel.
Meine Bewegung gehört somit untrennbar mit dem Denken zusammen. Übe ich das Eine, trainiere ich genauso das Andere. Ich konnte nur durch Erfahrungen lernen, die ich selber machte.
Drei wertvolle Lektionen habe ich am Camino vermittelt bekommen. Der Weg bietet so viel. Er hält für jeden etwas parat. Er spiegelt wider, worum es im täglichen Leben wirklich geht.
Habe ich was zum Anziehen, ein Dach über dem Kopf und genug zum Essen. Um diese Dinge dreht sich im Wesentlichen alles. Er zeigt weitere Feinheiten des Lebens auf, die wir in unserer schnelllebigen Zeit oft nicht mehr wahrnehmen.
1. Der Weg ist das Ziel
Es war wichtig, die am Weg gewonnenen Erkenntnisse aufzunehmen. Natürlich gibt es am Jakobsweg das Ziel, nämlich Santiago de Compostela oder Finistère zu erreichen.
Dort wollte auch ich hin. Aber meine Ziele lagen nicht im Erreichen eines Ortes, sondern meine waren am Weg.
2. Auf einen Sonnenuntergang folgt ein Sonnenaufgang
Der ewige Kreislauf der Natur, der aber auch der unsrige ist.
Oft werden wir von vermeintlich schlimmem Schicksal getroffen. Aber alles hat auch was Gutes in sich. Wir können es oft nur nicht gleich erkennen.
3. Achtsamkeit
Achtsamkeit wurde seit dem Hirnabszess ein Teil von mir. Ohne Achtsamkeit geht gar nichts. Ich bin voll und ganz dort, was ich mache. UND NUR dort.
Achtsames Gehen ist am Camino mein bevorzugtes Training gewesen.
Thich Nhat Hanh, Zen Meister und Vater der Geh-Meditation sagte: "Stellt euch vor, dass dort, wo eure Füße den Boden berühren, Blumen wachsen!"
Für mich eine schöne Vorstellung:
Vor mir gehen gerade viele Menschen. Es wäre ein lustiges buntes Bild, wenn jeder einen Blumenteppich auf seinem Weg zurücklassen würde.
Ein Beispiel am Camino: Ich war während des Gehens nicht bei mir und dachte gerade an eine mich belastende Situation. Ich knöchelte um und stürzte. Ich war nicht beim Gehen. Wenn uns etwas passiert, dann sind wir mit den Gedanken meist woanders. Beobachtet das einmal?
Darum, alles Achtsam ausführen und versuchen Achtsamkeit ins Leben zu bringen. Eile mit Weile!
Für den zweiten Teil, nach der Reha, hatte ich mir mehrere Aufgaben gestellt. Eine war davon, dass ich mich mehr mit den Menschen auseinandersetzen wollte. Diese Erfahrungen konnte ich nur Step by Step machen.
Am Anfang probierte ich es, musste aber bald einsehen, dass es mich noch immer zu sehr belastete. So blieb ich bald wieder für mich alleine und suchte kaum Bekanntschaften oder Gespräche am Weg.
Ich musste einsehen, dass ich noch nicht so weit war. Es ließ mich halt wieder nur einen Teil des Camino erleben.
Denn hier hat jeder Mensch eine Geschichte im Hintergrund, die ihn hergeführt hat. Krankheit, Beziehungen, der Weg zu sich selbst oder sich einer Herausforderung zu stellen, sind nur ein paar davon. Und mit manchen teilt man seine Geschichten. Das ist das Einzigartige am Camino.
Für mich ein bedeutendes Erlebnis war das Aufeinander treffen mit Heather, einer Kanadierin und Schriftstellerin. Wir unterhielten uns stundenlang beim Gehen am Camino. Sie verarbeitete ihre Krankheit in einem Buch und ermutigte mich, dasselbe auch zu tun. Immerhin kam sie damit in Kanada auf die Amazon Bestenliste.
Solche und andere Begegnungen machen den Camino so besonders.
Die Städte waren erneut eine große Herausforderung. Ursprünglich wollte ich in Astorga ein oder zwei Tage bleiben, um mich nach der Reha wieder ans Freie zu gewöhnen.
Aber ich merkte schnell, dass es mehr Stress bedeutete, als das es mir was brachte. So übernachtete ich dort nur und zog gleich am nächsten Tag in der Früh los. Der Camino hatte mich wieder. Auf manche Erfahrungen musste ich eben noch verzichten.
Meine Haut wurde in der Reha wieder sehr dünn. Wahrscheinlich war es der wochenlange Aufenthalt, in dem ich kaum ins Freie kam. Am Camino spürte ich innerhalb weniger Tage eine Verbesserung. Man konnte mir sofort ansehen, dass mir das Gehen hier guttat.
Leider wurde es auch diesmal nichts mit Sightseeing. Städte durchwanderte ich und schlief in einsamen Herbergen am Land. Oft war ich nur zu zweit oder dritt in einer Herberge. Das tat gut.
Das sollte sich allerdings ab Sarria ändern. Es kommen hier mehrere Wege zusammen und es starten auch viele hier ihren Weg.
Von einem auf den anderen Tag waren Horden von Pilger-Touristen unterwegs. Vorbei war es mit der Einsamkeit. Erst zu Mittag ließ es nach und ich hatte den Nachmittag wieder für mich.
Die Berge flößten mir Respekt ein. Ging es doch in Höhen von 1.500 Metern. Allerdings begann ich bereits in 800 Meter Seehöhe.
Bei Tagesanbruch, um 8 Uhr, musste man die Herberge verlassen. Ich startete langsam, denn meine Nerven brauchen Wärme. So trödelte ich den Vormittag meist dahin und begann zu Mittag meinen Weg, wenn es heiß wurde.
Es war entgegen dem Rhythmus der anderen Pilger, die meist schon am späten Mittag ihr Ziel erreichten.
Für mich war es gut, alleine zu sein. Denn ich konnte nur langsam die Berge hochgehen. Step by Step, war mein Motto und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Alle paar hundert Meter machte, ich pause. Gleich einer Schnecke kroch ich die Berge rauf und runter.
Die Langsamkeit hatte aber einen Nebeneffekt. Das Gleichgewichtsgefühl hatte in der Langsamkeit seine Schwierigkeiten. Ich ließ mich aber nicht beirren und ging wirklich achtsam Schritt für Schritt. Bergab war es dann das Gleiche.
Jeder Tag bot mir die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen!
Es war mir wichtig, gleich nach der Reha wieder zum Camino zu fahren. Ich wollte mich einer weiteren Herausforderung stellen und das in der Reha gelernte umsetzen und weiter Fortführen.
Der Jakobsweg ist dazu optimal geeignet, weil man doch in einem recht sicheren Umfeld aufgehoben ist. Dazu kann ich den Alltag unter realen Bedingungen trainieren, wie mir auch die Konfrontation mit anderen Menschen helfen soll.
Die Städte und den Trubel meide ich aber nach wie vor, obwohl ich es mir anders vorgenommen hatte. Es stresst mich doch zu sehr. Noch bevorzuge ich den Aufenthalt in der Natur.
Ein weiterer Grund meiner mittlerweile schon sehr langen Abwesenheit von zu Hause ist der, dass Silvia und ich uns über unsere Beziehung klar werden müssen.
Die Krankheit hat unser Leben total durcheinander gewürfelt. Kein Stein blieb auf dem anderen. Für mich stand von Anfang an fest, ein Neubeginn musste her. Anders ist es für mich nicht bewältigbar. Eine Herausforderung der besonderen Art in meinem Leben.
Silvia konnte keinen Neubeginn mitmachen. Ein Hinderungsgrund ist die passierte Vergangenheit. Sie hat viel gegeben, aber jetzt ist die Luft draußen und sie kann nicht mehr.
Es ist schwer für mich zu Erkennen, aber auch zu Verstehen, dass wir beide in einer unterschiedlichen Realität leben. Jeder Mensch hat seine eigene und sie hat diese Zeit anders wahrgenommen als ich und anders darauf reagiert.
Deshalb auch der Jakobsweg. Er bildet für mich einen Neubeginn im Neubeginn. Mein "Weg zurück ins Leben" hat rückschauend mit dem ersten Jakobsweg im Juni noch einmal begonnen.
Der Camino zeigt mir dieses mal aber meine noch immer vorhandenen Grenzen und Defizite auf. Nämlich vor allem, wie schnell ich gedanklich eben auf diese stoße.
Überlegungen in die Zukunft oder der Vergangenheit sind noch immer kaum möglich. Der Hirnabszess hat ganze Arbeit geleistet. Er hält mich ausschließlich im Jetzt gefangen.
Was ja nicht schlecht ist, denn nur so ist es mir möglich, die Krankheit, oder besser gesagt deren Auswirkungen, zu bewältigen. Das ist aber für mein Umfeld schwer zu verstehen, wenn ich wieder einmal anders reagiere als erwartet.
Anderweitige Herausforderungen sind für mich gedanklich noch immer kaum zu lösen. Mit der beruflichen Zukunft kann ich mich zum Beispiel noch immer nicht auseinandersetzen. Es war in der Reha Thema, aber es ging einfach nicht.
Ich versuche es am Camino zwar immer wieder, aber es baut sich eine weiße Wand vor mir auf und es beginnt sich die Frage im Kreis zu drehen, weiter komme ich nicht. Da heißt es dann schnell aussteigen, denn sonst hält mich die Frage gefangen.
Was für den Beruf gilt, dass gilt auch für die Beziehung und das meiste andere. Ich kann nur auf das JETZT reagieren, aber nicht vorausschauend oder Rückwirkend Entscheidungen treffen.
Ich verstehe das Problem oder Schwierigkeiten, kann aber keine weiterführenden Gedanken dazu aufbauen. Ich kann keine Lösungen andenken oder sonstwie was damit machen. Ich kann es nur sein lassen und darauf reagieren, was ist. Das kann deprimierend sein, wenn ich es nicht schaffe, es so wie es ist, es sein zu lassen. Oft möchte ich zuviel.
Darüber kann ich zwar schreiben oder reden, aber eben nicht mehr.
Es geht nur um das IST, nicht um das was sein sollte, sein kann oder sein wird. Ich kann es nur SEIN lassen, so hart das manchmal auch ist.
Es geht auch bei allem um Resilienz. Böse Worte, Kränkungen und vergangene Ereignisse können eine tiefe Wunde bleiben. Selbst die Zeit kann sie nicht heilen, wenn wir nicht diese Resilienz in uns haben. Es ist ein Ballast oder eine Last, die wir dann tragen müssen.
Vergessen kann ein Seegen sein. Alles uns schlecht widerfahrene einfach vergessen können. Wenn es nur so einfach wäre.
Mein Gehirn schützt mich davor und lässt deswegen keine Gedanken an die Vergangenheit oder die Zukunft zu. Das ist für viele nicht verständlich und auch für mich ist es eigenartig darüber zu Schreiben, aber nicht über die Sache selbst denken zu können.
Denn Bewusst ist es mir ja, ich kann aber dazu keine Emotion aufbauen. Das sind eben die vielen Baustellen in meinem Körper, wo ich oft nicht weiß, wo ansetzen. Mit dem Denken stehe ich oft vor großen Herausforderungen, deshalb ist es mir wichtig. Aber gleich wie in der Bewegung, sind auch hier nur langsame Fortschritte möglich.
Es so zu nehmen, wie es ist, ist die große Herausforderung. Ich darf nie vergessen, vor noch nicht allzu langer Zeit war ein Hirnabszess ein Todesurteil. Ich habe aber überlebt und darf Leben.
Diesen richtigen Umgang mit der Resilienz, also dem Umgang mit schmerzliche Erinnerungen, muss ich erst wieder lernen. Erst dann kann ich mit Rückschlägen richtig umgehen und wieder zurück in ein erfülltes Leben finden. Diese Herausforderung heißt es annehmen.
Mein damaliges Denken führte zum Hirnabszess. Dieses Denken musste ich umstellen, damit war ein Neustart unabdinglich. Mein altes Denken und Tun zu behalten, hätte nur unweigerlich in einer Fortsetzung ähnlicher Probleme geendet.
Deswegen ist der Jakobsweg so ideal für mich. Hier darf ich voll und ganz im JETZT leben. Schweife ich ab, zeigt er mir das sofort auf.
Stolpern oder vom Weg abweichen ist ein Anzeichen. Meistens war ich dann NICHT im Hier und Jetzt. Ich lernte, im Augenblick zu verweilen.
Diesmal führt mich der Weg durch die Berge von Galizien. Von Astorga nach Santiago de Compostela.
Zuhause wären es schöne Wanderwege, aber hier stellen Sie eine besondere Herausforderung an mich dar.
Für machen ist es eher befremdlich. Um am 800 Kilometer langen Camino France zu gehen, ist Gehen zu können doch eine Voraussetzung.
Nicht so für mich. Es ist eine großartige Möglichkeit, die vielen in der Reha gelernten Fähigkeiten täglich zu üben. Und wie in der Klinik, mich ausschließlich darauf konzentrieren zu können.
Es ist eine Freiluft-Reha und am liebsten würde ich solange hierbleiben, bis eine wesentliche Verbesserung meines Zustandes eintritt.
War die Meseta größtenteils eben, geht es hier ständig bergauf und bergab. Eine Reihe von Gebirgszügen sind zu überqueren, die eine besondere Herausforderung sind.
Mehrere Kilometer lange Steigungen lassen mich nur langsam vorwärts kommen. Hier kann ich aber besonders gut die in der Reha geübte Technik einsetzen.
Hinzu kommt, dass man am Weg immer wieder auf Pilger trifft, mit denen man sich mal kurz oder auch länger unterhält.
Das fördert das Multitasking. Ich muss ja jede Bewegung denken, denn automatisch gehen kann ich noch nicht. Zumindest auf Asphalt oder einer guter Schotterstraße kann ich nebenbei schon reden.
Allerdings bringen mich kleine Unebenheiten im Asphalt schnell ins Straucheln, stoppt mein Sprechen und ich falle mit den Gedanken zum Gehen.
Trotzdem versuche ich mich dem Stolpern auszusetzen, denn nur durch das ständige Tun kann ich mich verbessern. Auch das Heben der Fußschaufel des gelähmten rechten Fußes hat sich gebessert. Dank intensiver Strom-Therapie in der Reha, konnte ich hier merkbare Verbesserungen erzielen.
Bisher war es so, dass ich im Bewegungsablauf oft vergaß, den Fuß weit genug zu heben und am Boden oder über kleine Steine stolperte. Diese Verbesserung hilft mir natürlich sehr, da die Wege steinig und schlecht sind. Kleine Schritte zu mehr Automatismus.
Ich habe entgegen der Ankündigung mehr mit der Hand zu Schreiben trotzdem eine kleine Tastatur mitgenommen. Allerdings kein Tablet mehr. Ich mache alles am Smartphone.
Ich schreibe jetzt zwar mehr mit der Hand, aber noch mehr mit der Tastatur. Längere Texte sind mit der Hand einfach noch nicht möglich und dauern zu lange.
Gedanken muss ich möglichst schnell festhalten, denn ich kann mich oft während des Schreibens nicht mehr erinnern, was ich schreiben wollte. Zu sehr vertieft bin ich ins richtige Schreiben. Hier funtioniert Multitasking noch nicht.
Mein Tagesablauf hat sich gegenüber dem Ersten mal im Juni/Juli sehr verändert. Allerdings gezwungenermaßen und der Jahreszeit geschuldet. Es wird später hell und ist bis weit in den Mittag kühl.
Das kommt mir nicht sehr entgegen, da meine Nerven die Hitze brauchen, die erst am Nachmittag da ist. Allerdings sind die Herbergen in der Regel um 8 Uhr zu verlassen. Dann schlendere ich mit vielen Pausen dahin, trinke unterwegs Kaffee in einer Bar, schreibe und versuche den Vormittag zu vertreiben, bis es wärmer ist.
Allerdings muss ich auch Energie sparen, denn das Gehen verlege ich größtenteils auf den Nachmittag. Ab Mittag fällt meine Konzentration allerdings rapide ab. Daher muss ich gut mit meiner Energie haushalten.
Die Berge sind mein liebstes, obwohl ich auch dem Meer nicht abgeneigt bin.
Da ich keinen Zeitdruck habe, ist es egal wie weit ich täglich komme. Es geht um das Gesund werden, nicht um das erreichen eines Ortes. Santiago ist ein Nebenziel, welches sich automatisch ergibt.
Ich werde auch von Santiago nach Finesterre wandern, bis ans Ende der Welt.
Es gibt also Pläne, aber keine Zeiteinteilung. Der nächste Tag ist für mich schon so weit weg, wie soll ich dann begreifen was nächste Woche oder nächstes Monat sein soll.
Daher lasse ich alles auf mich zukommen und nehme jede neue Herausforderung so wie es ist. Ob am Jakobsweg, die Beziehung, essentielles wie Quartier, Essen oder den Weg. Ich weiß am Morgen nie, was der Tag bringen wird, wohin oder wie weit ich gehe oder ob ich einen Rast-Tag einlege. Auch die Stimmung ändert sich täglich. Ich lasse mich also Tag für Tag überraschen.
Alles in allem unter dem Gesichtspunkt: "STEP by STEP!"