Beides wurde zu einem wichtigen Teil meines Lebens, der Jakobsweg vor und das Trailrunning nach dem Hirnabszess.
Beides ist eine Motivation fürs TUN gewesen. Immer weitermachen, denn Aufgeben ist und war nie eine Thema für mich.
Ich lag im Bett, die rechte Seite gelähmt, konnte nicht gehen und nicht denken. Trotzdem kam mir ein Bild immer wieder vor Augen. Der Eiger Ultra Trail. Dort wieder mitzulaufen, war meine tägliche Motivation. Deshalb auch der Blog-Name "von0auf101", der Beginn von 0 und die Distanz vom Eiger Ultra Trail.
Ich benötigte zweieinhalb Jahre Reha und Training, um zum Jakobsweg zu gelangen. Noch mehr schlecht als recht, aber ich war unterwegs und es hat mir sehr gutgetan.
Viele waren überrascht und dachten, ich hätte die Krankheit überstanden. Dem ist aber nicht so.
Es war ein Ausbruch aus dem Alltag, den ich nicht mehr ausgehalten habe. Zwei Jahre nur Reha, Training und Üben lagen hinter mir. In dieser Zeit habe ich alles für meine Rehabilitation gegeben, da ich wusste, dass in den ersten zwei Jahren die meisten Verbesserungen zu erwarten waren.
Ja, ich habe viel erreicht, mehr als viele vielleicht gedacht haben. Mir selbst war es oft zu wenig, denn ich musste erst realisieren, was überhaupt passiert ist. Ich hatte keine Grippe, mit 14 Tagen Pause. Das wurde mir erst viel später bewusst. Mein Gehirn war stärker als gedacht betroffen, die Bewegung sowieso und mit der Wahrnehmung habe ich auch heute noch meine Probleme.
Von Anfang an habe ich begonnen, mit der Kraft der Vorstellung zu arbeiten. Das war notwendig, weil ich nicht in die Vergangenheit oder Zukunft denken konnte. Ich konnte nur auf das reagieren, mit dem ich direkt vor mir konfrontiert war. An Vergangenes zu denken, war mir nicht möglich.
Die Vorstellung war mir allerdings möglich. Immer wieder stellte ich mir vor, wie ich leicht und federnd durch den Wald lief. Dazwischen sprang ich über Wurzeln oder schmale, steile, steinige Trails bergab. Aber nicht nur die Vorstellung, sondern auch das dazugehörige Gefühl war wichtig.
Diese Kraft der Vorstellung, ist auch heute noch ein wichtiger Teil meines Übens.
Die letzten Jahre vor dem Hirnabszess haben mir sicher sehr geholfen, denn das Trailrunning schult besonders viele Punkte, die ich jetzt zwar wieder lernen muss, früher aber gut beherrschte. Dazu zählt in erster Linie das Gleichgewicht, dass ich wieder lernen muss.
Die Aussage eines Therapeuten in der Reha bestätigte mir das. Er meinte dazu: "Was wir in einer Einheit erledigten, muss ich mit anderen 14 Tage lang üben!".
Dieses Bewegungsgefühl habe ich durch das Laufen besonders gut trainiert und dass ich einige Jahre davor mit dem Trailrunning begann, war mein Glück. Es vereint so vieles und besonders mit dem Gleichgewicht habe ich trotz der noch immer großen Schwierigkeiten enorm viel weitergebracht.
Laufen kann ich noch immer nicht, daher wollte ich aus bekannten Gründen Pilgern. Wobei aus dem Pilgern mehr als ein Zwischenziel geworden ist.
Norbert Wastian, vom Trailrunning Szene Magazin sagte mir: "Es muss nicht immer Trailrunning sein, mach eben Trail-Gehen oder Trail-Wandern daraus!".
Das hat mir geholfen und ich machte eben Trail-Pilgern daraus. Schnelligkeit ist dabei nicht wichtig für mich, wenn ich es auch geliebt habe, große Strecken im Gebirge am Stück zurückzulegen.
Beim Pilgern habe ich viele Elemente für mich drinnen, vor allem achtsam unterwegs zu sein. Das kommt meiner Langsamkeit entgegen, Trail-Gehen statt Trailrunning eben.
Das Dranbleiben habe ich in meiner Sportkarriere schon früh kennengelernt und trainiert. Ich bin quasi darauf konditioniert. Daher kam ein Aufgeben im Krankenhaus nicht infrage und auch jetzt nicht.
Allerdings darf eines nicht darüber hinwegtäuschen, es war eine schwere Krankheit und wird noch viel Zeit brauchen. Denn so etwas ungeschehen zu machen, gelingt selbst mir nicht. Nervenleitungen sind unwiederbringlich zerstört worden und vieles wird nur möglich, durchs dran bleiben.
Was ich gerne mitgeben möchte ist, NIE AUFGEBEN!
Denn weiter unten wie Null, gibt es nicht, außer den Tod. Aber wie viele geben schon wesentlich früher auf?
Ich kann es gar nicht oft genug sagen:
Nach sechs Wochen intensiver Reha bin ich nun endlich wieder zu Hause. Es war eine tolle und lehrreiche Zeit für mich. Ich war jeden Tag voll motiviert, das bestmögliche aus den Therapien herauszuholen.
Die nächsten Wochen werden zeigen, was ich davon umsetzen kann. Es geht nämlich zurück zum Jakobsweg, von Astorga nach Santiago de Compostela.
Ich brauche jetzt nach der Reha dringend Erholung. Wo fände ich die besser, als am Jakobsweg. Zu Hause bin ich ja erst nur wieder konfrontiert mit dem Alltag, der meiner Genesung nicht förderlich ist.
Aus diesem Grund habe ich beschlossen, zum Jakobsweg zu fahren. Der Jakobsweg ist aber gleichzeitig Therapie.
Nach der Reha bin ich jetzt einmal nur körperlich fertig. Wenn ich schaue, was sich getan hat, so ist das wertvollste, das ich bekommen habe, dass ich Vertrauen in meine Fähigkeiten haben darf. Gerade in der Bewegung habe ich dieses Vertrauen nicht. In der Reha wurde aber versucht, es mir zu vermitteln.
Meine Komfortzone zu verlassen, bedeutet aber oft mehrere Tage Pause, um mich wieder zu erholen. Das für mich schönste Erlebnis war, dass ich seit März 2016 wieder zum Ersten mal gelaufen bin. Laufen natürlich mit Einschränkungen. Etwa 20 Meter bin ich 6-mal hin- und hergelaufen. Dazwischen immer mit Pausen, denn nach 20 Metern keuchte ich wie ein 100 Meter Läufer.
Mein Physiotherapeut brachte mir den Bewegungsablauf bei. Die körperlichen Defizite der Muskeln sind natürlich ein Hinderungsgrund. Es lässt sich nur sehr langsam Kraft aufbauen. Außerdem ist die Gefahr groß, schwindlig zu werden. Trotzdem wurde es ein besonderes Erlebnis, Laufen zumindest wieder zu versuchen.
Im Anschluss an diese 30-minütige Therapieeinheit musste ich mit dem Lift zurück ins Zimmer fahren. Das war es aber wert. Es wird allerdings noch lange dauern, bis ich Laufen kann. Aber Zeit ist mittlerweile egal. Ich rechne mit 2 Jahren, bis ich wieder beginnen zu Laufen kann.
Zunächst geht es aber zum Jakobsweg, wo ich vieles in der Reha gelernte, umsetzen kann.
Es warten wieder viele Erlebnisse auf mich, denn dort muss ich immer wieder meine Komfortzone verlassen. Trotzdem bin ich in einer geschützten Umgebung. In manchen Dingen bin ich eben noch auf Hilfe angewiesen. So bekommt aber auch meine Familie ein bisschen Ruhepause.
"Auf der materiellen Ebene braucht man natürlich Zeit, um von hier nach dort zu gelangen, aber auf der psychischen Ebene existiert keine Zeit. Das ist eine ungeheuerliche Wahrheit, eine ungeheuer wichtige Tatsache, und wenn man sie entdeckt hat, hat man sich von allen Traditionen freigemacht."
Jiddu Krshnamurti
Sechs Wochen Reha Aufenthalt. Man konnte mir gewisse Verbesserungen in kurzer Zeit zeigen und welche Erkenntnisse ich daraus gewonnen habe.
Es wurde speziell am Gehen und Bewegen gearbeitet, aber auch an der Psychologischen Diagnose, sprich Reaktion und Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit.
Ich komme mir hier vor wie früher im Radtrainingslager. Damals standen meistens zwei Blöcke Rad, Massieren, Stretching, Materialpflege und Essen an. Alles wurde dem Ziel, besser zu werden, untergeordnet.
Es ist jetzt das gleiche Ziel, aber andere Rahmenbedingungen. Ich habe nochmal auf der Stufe eines Kleinkindes begonnen. Bewegungsabläufe, Denken, Automatisieren, alles was ich schon als Kleinkind gelernt hatte. Und dieses lernen hat auch fast zweieinhalb Jahre noch kein Ende.
Ab und zu hadere ich mit mir, wenn etwas nicht so geht, wie ich es will. Aber das ist nicht oft. In Wirklichkeit habe ich gar keine Zeit für negative Gedanken. So etwas hält nur auf.
Meinem Physiotherapeuten Markus bin ich sehr dankbar. Die mit ihm verbrachten Einheiten schätze ich am meisten. Er bringt mir bei, wieder mehr Vertrauen ins Gehen und Bewegen zu haben. Ich habe mit ihm Übungen gemacht, die weit über meinem Können liegen. Aber gerade das bringt mir Vertrauen, dass ich es kann.
In den kommenden Wochen und Monaten kann ich daran arbeiten und habe das Vertrauen, es zu können.
Am meisten profitierte ich von der Physio- und Ergotherapie. Die Bewegung ist für mich einer der wichtigsten Teile, um zurück ins Leben zu gelangen. Diese Erkenntnisse helfen mir sehr weiter.
Auf jede einzelne Einheit mit meinem Physiotherapeuten Markus freute ich mich. In Summe gesehen, habe ich über diese sechs Wochen in der Physio das meiste mitgenommen. In erster Linie hat er mir wieder Vertrauen in mich selbst gegeben.
Mein Problem war, dass ich mit dem Schwerpunkt beim Gehen zu weit hinten liege. Ich gewöhnte mir das im Krankenhaus an. Ich hatte Kraft und Motorik neu zu lernen und aus der Vorsicht, nicht zu stürzen, gewöhnte ich mir diese Haltung an.
Diesen Schwerpunkt zu verlagern, erfordert viel Vertrauen in mich und Kraft, die ich aber noch nicht habe. Bergab gehen ist zum Beispiel gleich anstrengend wie bergauf. Einfach gesagt, die Nase vorn lassen, würde oft schon reichen. Aber in mir sitzt die Angst, zu stürzen. Und diese Angst heißt es abzulegen. Meinen Schwerpunkt wieder mehr nach vorne zu verlegen.
Im Fernsehbeitrag von Puls4 sieht man sehr gut mein eckiges und schwerpunktmäßig nach hinten geneigtes Gehen.
Ein großes Problem ist für mich noch das Steigen. Stiegen steigen, über eine Lacke steigen, egal ob hoch oder weit. Wir übten es hier unter sicheren Umständen. Vor allem auch das Vertrauen in mich, es zu können. Das Können aber mit Einschränkungen. Meine Muskeln kann ich nicht überlisten, sie sind noch zu schwach. Es sind viele neue Erkenntnisse, an denen ich die nächsten Monate gezielt arbeiten kann.
Ich stieg fast Kniehoch und bekam die Technik dazu. Es war super anstrengend und nach einigen Versuchen war Ende. Dazu lernte ich noch, wieder hinunter zu springen. Denn ich muss erst wieder die Technik lernen. Körperneigung und vor allem die Landung zu überstehen.
Am Jakobsweg waren große Lacken noch mein Problem. Ich lernte jetzt, mich vom Boden abzudrücken, also abzuspringen. Das klingt so einfach, aber es war wiederum derart anstrengend, dass ich am nächsten Tag fast nicht gehen konnte. Ich hatte keinen Muskelkater, aber ich war so müde und hatte keine Kraft in den Beinen.
Solche Therapieeinheiten, mit Steigen und Springen, kosten mir immens viel Energie und ich brauche oft mehrere Tage, um mich davon zu Erholen.
Da ich hier sehr intensive Einheiten trainierte, war ich auch recht schnell erschöpft. Zu Mittag hatte ich eigentlich schon alles verbraucht und die Nachmittagseinheiten konnte ich nur mehr mit halber Kraft tätigen.
Die Energie ist halt zu Ende, bevor der Tag zu Ende ist. So ist alles, was ich mache, eben ein Grenzgang. Denn wenn die Energie aus ist, wird alles danach zum Grenzgang.
Das Gehirn kostet gleich viel Energie, wie die Bewegung. Daher musste ich auch hier darauf achten, für gut einzuteilen. Denn das Denken ist ebenfalls ein Schwerpunkt in Zukunft.
Nach 20 Minuten Training am Computer, wo es um Wahrnehmung und Aufmerksamkeit ging, fühlte ich mich wie nach einem Krafttraining. Ich war erledigt. Die Erkenntnisse für mich waren, das Verbesserungen möglich sind, aber noch viel Üben notwendig ist.
Ich konnte mich in der Merkfähigkeit bessern, bin aber noch weit weg von vorher. Wobei ich das Vorher nicht als Maßstab nehmen darf.
Obwohl ich in allem von Null begann, startete ich von einem hohen Ausgangslevel. Mein früheres Leben als Sportler kam mir dabei zu Hilfe. Gerade körperlich ist mir sicher mehr möglich, als anderen. Darum war es für manche sehr verwunderlich, dass ich zum Jakobsweg fuhr.
Ich legte aber im Sport den Grundstein, dass ich die Folgen des Hirnabszesses so überstehen konnte. Mir ist es heute noch nicht bewusst, dass ich damals ums Überleben rang. Das ist ein Phänomen, das ich zwar darüber schreiben und reden kann, aber so, als ob es um eine andere Person geht. Es ist mir so fern, dass ich es selbst noch gar nicht realisieren oder nachvollziehen kann. Als ob ich davor geschützt werden sollte, darüber nachzudenken.
Es bringt in Wirklichkeit auch nichts. Wozu mir über etwas Gedanken machen, dass nichts bringt? Eigentlich logisch. Es würde nur Energie kosten, die ich doch für meine Rehab brauche.
Über manche Sachen kann ich einfach nicht nachdenken. Eine weiße Wand ist plötzlich da und es dreht sich die Frage immer im Kreis. Zumindest kann ich relativ schnell schon davon aussteigen. Denn wie gesagt, Energie ist nur beschränkt da, warum sie also für Sachen vergeuden, die ich nicht denken kann.
Zurück zum Niveau. Auf viele andere mache ich einen guten Eindruck, der aber täuscht. In mir drinnen sieht es anders aus. Es ist eine Frage des Niveaus. Als Videojournalist war die Arbeit für mich normal, aber in Wirklichkeit arbeitete ich auf einem sehr hohen Niveau. Dieses kann ich jetzt nicht mehr als Maßstab nehmen.
Ich kann mir aber auch nicht das Niveau anderer aneignen. Ich habe mich selbst zu finden, unabhängig davon, was das Niveau anderer ist. Dabei stoße ich auf Grenzen von außen. Ich bin gleich behindert, aber auf einem anderen Niveau. Damit muss ich erst einmal klar kommen und verstehen was das heißt. Aber dieses Verstehen macht es mir schwer. Ich kann es noch nicht.
Wenn ich das hier schreibe, kommt mir öfters das Lachen. Es ist sehr verwirrend, was ich meine. Ich kann es nur mit meinen Worten wiedergeben und kann nicht darüber nachdenken, ob es überhaupt wer versteht. Ich verstehe ja selbst so viel noch nicht.
Aber es tut gut, darüber zu Schreiben. Denn oft wird mir nach einigen Tagen etwas klarer, wenn ich es noch einmal durchlese. Natürlich könnte ich das auch im Tagebuch machen. Aber vielleicht wird so mehr Verständnis geweckt, gegenüber Personen, die in einer ähnlichen Lage wie ich sind. Dann hätte ich schon viel erreicht mit meinem Blog.
Damit schließe ich für heute, denn ich muss mir noch Energie aufsparen für die letzten Tage der Therapie. Neue und andere Gedanken, sowie weitere Erkenntnisse das Nächste mal.
"Man kann die Erkenntnisse der Medizin auf eine knappe Formel bringen: Wasser, mäßig genossen, ist unschädlich"
Mark Twain
Zwei Jahre dauert jetzt schon mein Weg zurück ins Leben und noch ist kein Ende in Sicht. Ende August 2016 kam ich, nach 5 Monaten Aufenthalt im Krankenhaus nach Hause.
Mein Weg zurück ins Leben hat begonnen, von dem ich aber noch immer keine Ahnung habe, wie lange er dauern wird. Daher ist es wieder einmal an der Zeit, einen Zwischenstand zu erheben.
Das ist immer schwer zu sagen, seit Anfang an. Als Ausgangspunkt nehme ich die ersten Tage zu Hause, nach dem Krankenhaus, als Vergleich dazu.
Wenn ich sehe, was sich seit damals getan hat, so kann ich auf der einen Seite sagen, es hat sich viel getan. Auf der anderen Seite muss man das immer in der Relation sehen. Und diese Relation ist so anders, als das allgemeine Verständnis.
Und dazu gibt es das Wörtchen ABER. Als Beispiel: Ich kann von außen gesehen gehen, aber .......!
Es sind die Relationen, die in meinem Fall gerne verkannt werden. Gehen ist zum Beispiel nicht unbedingt Gehen. Das musste ich kennen und erfahren lernen. Ich habe mich bisher nur fortbewegt. Gehen beginnt jetzt. Darum lerne ich noch immer Gehen und das seit über zwei Jahren.
Alle Zeiterfahrungen gelten nicht mehr. Zeit hat eine andere Bedeutung bekommen.
Mein Zwischenstand ist also immer in Relation zu sehen.
(Zum Beitrag: Die Sehnsucht nach dem Gehen)
Ein bisschen anders schaut die andere Seite aus. Dieses "viel getan" muss man in der Relation sehen. Mir selbst wurde es nur nach und nach bewusst, wie schwer die Defizite nach dem Hirnabszess wirklich sind. Ich bin ja noch immer vor zu vielem Denken geschützt. Ich verstehe nur so viel, wie mir zumutbar ist. Vieles kann ich noch nicht einordnen oder muss es neu lernen.
Besonders das Denken ist noch immer mein großes Handicap. Hier merke ich am leichtesten, wenn ich ans Limit stoße. Mein Gehirn lässt nur eine gewisse Menge Denken zu, dann schaltet es ab. Es lässt es gar nicht zu, dass ich mehr, als ich vielleicht möchte, denken kann. Mein Zwischenstand im Denken ist der, dass ich viel erreicht habe und noch viel lernen muss, möchte ich je wieder etwas arbeiten oder nur mit Lebensqualität leben.
Hier muss ich großen Dank an meinen Physiotherapeuten aussprechen. Er begleitet mich in der Reha und vermittelt mir, wieder Vertrauen in mich zu finden. Ich habe für Monate Übungen, die mir mehr Vertrauen in die Bewegung geben. Erneut heißt es aber: Üben, üben und üben. Jetzt geht es langsam wirklich ans Gehen. Im Nachhinein ist bisher alles unter Fortbewegen gefallen. Richtiges Gehen ist wesentlich komplizierter.
Zuerst war ich froh, mich überhaupt fortbewegen zu können. Ich musste erst lernen, dass ich keinen Schritt auslassen kann. Alles braucht seine Zeit und überspringen geht nicht.
Es ist alles ein sehr komplexer Vorgang und ich neige dazu, über alles nachzudenken. Das hat natürlich mit meinem Alter zu tun, aber auch das Kind in mir zuzulassen. Ich glaube nicht nur mir, es ergeht auch vielen anderen so. Wir haben das spielerische Lernen verlernt.
Unsere Gedankenkonstrukte machen alles schwer. Dabei könnte es so spielerisch einfach sein. Das sollte ich wieder in mir finden. Der Zwischenstand beim Gehen ist der, dass ich jetzt erst richtig Gehen lerne. Bisher war es nur Fortbewegen.
Ich habe nie gelernt zu tanzen. Dabei würde mir diese Bewegung sehr viel helfen. Einfach die Lockerheit und Leichtheit in mir zulassen. Es würde mir das Gehen sehr viel leichter fallen. Besonders im Oberkörper ist das Zusammenspiel der Muskeln gestört. Die Koordination würde unterstützt werden.
Zur Zeit versuche ich es mit Pendeln der Arme beim Gehen, Tanzen wäre ideal für mehr Leichtigkeit. Ich sollte es wirklich einmal versuchen.
In der Rehabilitation habe ich sehr viel gelernt. Aber um ein Ding komme ich nicht herum. Ich muss endlich das Gefühl der ewigen Reha abwerfen und mich auch darum kümmern, zu Leben. Hier einen Zwischenstand zu ziehen, ist mir wichtig. Denn erstmals seit zweieinhalb Jahren lerne ich, mit meinen Behinderungen zu leben.
Zu Leben bedeutet, am öffentlichen Leben teilhaben. Bisher war ich zu sehr mit mir beschäftigt. Ich habe zu lernen, dass ich trotzdem am Leben um mich herum teilnehmen kann.
Ich werde im September noch einmal zum Jakobsweg aufbrechen. Diesmal möchte ich versuchen, mich auf die Menschen und die Kultur einzulassen. Mir Zeit dafür zu nehmen. Es ist Zeit, mich wieder in das Leben zu integrieren. Mit meinem Tempo. Die Schnelligkeit der Gesellschaft darf für mich kein Hindernis sein.
Es geistern noch viele Themen in meinem Kopf herum, aber ich schaffe es nicht, es zu verbalisieren oder Niederschreiben. Aber wie so oft, kommt Zeit kommt Rat. Ich darf nach meinem Tempo leben und darf akzeptieren das mehr zur Zeit nicht möglich ist.
"Das beste Mittel für ein langes Leben ist Laufen: Der Gesundheit hinterher- und der Krankheit davonlaufen!"
Helmut Glaßl (geb.1930), Maler und Aphoristiker
Nach dem Jakobsweg hat der Reha Aufenthalt in Judendorf begonnen. Es ist eine große Umstellung, von der weiten Natur, plötzlich in der Klinik wie "eingesperrt" zu sein. Eine intensive Arbeit an und mit mir steht an.
Meine Haut wurde sofort wieder dünner und war wieder leichter verletzbar. Auch das intensive Denken strengte mich an. Mir fehlt das ohne Absicht, einfache dahingehen.
Jede Therapie Einheit dauert eine halbe Stunde und das vier bis sechsmal am Tag. Ich musste mich erst wieder an diese neuen Gegebenheiten gewöhnen.
Meine täglichen Gedanken sind enorm wichtig für mein Weiterkommen. Dieser Spruch von Marcus Aurelis begleitet mich schon lange. Aber Wissen und es Leben sind zwei paar Schuhe. Auch der Hirnabszess war nur ein Produkt meiner Gedanken.
Die kleinsten Bewegungsabläufe muss ich mir wieder oder noch besser gesagt, noch immer, aneignen. Am Jakobsweg braucht man nur zu Gehen, niemals steigen. Damit habe ich nämlich noch große Probleme. Stiegen rauf und hinunter sind noch immer nicht einfach. Es liegt einerseits am Mangel der Kraft, andererseits aber auch am Neurologischen. Nur ein Bruchteil der trainierten Kraft kommt an.
In der Physiotherapie werden mir Übungen für die kleinsten Muskeln beigebracht, um das Steigen zu lernen, aber auch größere Schritte zu meistern.
Hand in Hand geht die Ergotherapie, wo daran gearbeitet wird, die Steifigkeit aus dem Oberkörper zu bekommen.
Spartanisch, aber alles was ich brauche. Bett, Nachttisch und Kasten. Da hatte ich am Jakobsweg weniger, daher bin ich auch nicht verwöhnt. Die vorangegangenen Reha-Aufenthalte waren für mich noch schwieriger durchzustehen, diesmal fällt es mir leichter und ich bin seit dem Jakobsweg motivierter, die Defizite zu verringern.
Dem Barfuß gehen bleibe ich auch hier treu. Es ist unter der Woche fast mein einzige Kontakt mit der Natur.
Der Judendorfer Kirchberg ist mein Ausgleich zur Reha. Hier hole ich mir Kraft und kann in den Wald eintauchen.
Der Wald spielt für mich seit dem Hirnabszess eine besondere Rolle. Ohne ihn wäre es unmöglich, meinen Fortschritt zu erlangen. Es ist für mich unvorstellbar, wie es Menschen in Großstädten geht. Viele habe verloren, sich selbst wahrzunehmen und leiden unwissend dahin. Sie geben ihre Verantwortung zur Heilung lieber an andere ab, als sich selber darum zu kümmern.
Gerade das Waldbaden hat heuer an Bedeutung gewonnen und wird in Japan als Therapie für unterschiedlichste Befindlichkeiten angewendet. Langsam findet es auch bei uns Einzug.
Die Kirche hoch über der Klinik ist heuer öfter mein Ziel. Vor einem Jahr habe ich es noch nicht geschafft, den Berg zu erklimmen. Jetzt geht es, ist aber noch immer eine Herausforderung. Am Jakobsweg hatte ich nie einen vergleichsweise so schweren Anstieg zu bewältigen. Ich tue mich noch immer schwer und wie in fast allen Fragen: STEP BY STEP
Ich entkomme dem Pilgern auch in Judendorf nicht. Der Weg führt über den Kirchberg und weiter den Weststeirischen Jakobsweg entlang. Pilgern wird immer moderner, was wieder zeigt, dass immer mehr Menschen die Langsamkeit suchen, die sie im Alltag nicht bekommen.
Langsamkeit fördert Aufmerksamkeit, das kann ich mittlerweile bestätigen. Deswegen tut mir Pilgern so gut.
Hier geht es zu einem Video von Alexander Rüdiger, der heuer am Weststeirischen Jakobsweg unterwegs war. (Zum Video)
Es liegt noch für längere Zeit viel Arbeit vor mir. Es ist mein Full Time Job, wieder "gesund" zu werden. In der Reha Klinik wird so intensiv gearbeitet, dass ich öfter mein Limit wieder lange vor dem Abend erreiche.
Aber dieses gefordert sein, bringt mich natürlich weiter. Im Moment befinde ich mich in einer Art Überkompensation, es geht mir eigentlich sehr schlecht. Ich bin immer aus Prinzip die Stufen in den zweiten Stock zu Fuß gegangen. Allerdings musste ich die letzten zwei Tage davon abweichen, es war mir unmöglich. Schweren Herzens musste ich den Lift benutzen.
Noch stehen mir drei Wochen hier bevor. Ich werde den Reha Aufenthalt bestmöglich nutzen, gerade die Physio- und Ergotherapie geben mir hervorragenden Input.
So schließe ich mit den Worten:
"Willst du den Körper heilen, musst du zuerst die Seele heilen."
Platon
Was habe ich am Jakobsweg gelernt? Achtsamkeit oder war es doch ein Grenzgang? Wahrscheinlich habe ich das erfahren, was alle am Jakobsweg erfahren, jeder aber auf seine eigene Art und Weise. Achtsamkeit ist ein Schlüssel dazu. Allein die unterschiedlichen Wege. Ohne Achtsamkeit war das Gehen unmöglich.
Jeder Pilger hat einen anderen Beweggrund zu Pilgern, dadurch einen anderen Zugang und andere Erlebnisse. Ich musste meine Komfortzone endlich wieder einmal verlassen. Bin ich doch seit über zwei Jahren gefangen in einer Welt voll von Therapie, Training und Übungen. Ein Vorteil war, ich musste alles mit Achtsamkeit angehen.
Im Frühjahr 2018 machte mir allgemein viel zu schaffen, besonders Rückschläge. Prägend war eine falsche Übung in der Physiotherapie. Mit einer kurzen Übung waren Monate Training dahin. Sieben Wochen therapierte ich nur an den Auswirkungen und nicht an meiner Verbesserung. Ich war im Kopf derart am Limit, dass ich den Ausweg nur in einer Veränderung der Situation sah. Es war kein flüchten, ich musste nur einmal aus meinem System raus.
Ich habe schon des Öfteren vom Jakobsweg geschrieben und das ich dort einmal hin möchte. Es kam früher als gedacht. Meine Behinderungen nahm ich natürlich mit. Ich war mir nicht sicher, ob es schon geht, aber was hatte ich zu verlieren. Wenn es nicht ging, wäre ich eben wieder nach Hause gefahren.
Es war ein lautes STOPPP!!! in mir. "Du musst raus aus dem Alltag". Den Fehler, weswegen ich den Hirnabszess bekam, wollte ich nicht wieder begehen. Glauben nicht wegzufahren zu können oder zu dürfen, kein Geld oder keine Zeit dafür zu haben. Es waren alles Ausreden. Ich durfte diesmal, vielleicht zum Ersten mal in meinem Leben, egoistisch sein und an mich denken. Denn es ging immerhin um mich und mein Leben.
Die Entscheidung dazu war sicher ein Grenzgang, aber an der Grenze bewege ich mich sowieso schon seit zwei Jahren. Und das jeden Tag. An der Grenze zu sein, war mir nichts Neues.
Es hat mir dabei sicher geholfen, dass ich früher Extremsportler war. So hatte ich sicher einen anderen Zugang, als so manch anderer.
"Seien wir realistisch, versuchen wir das unmögliche"
Che Guevara
Dieser Spruch beschreibt sicher am besten mein Gefühl dazu. Es war realistisch und unmöglich zugleich. Ich fuhr ohne Erwartungen hin und ließ einfach alles auf mich zukommen.
(Zum Puls4 Beitrag vom Oktober 2017) Wie es damals um mich stand.
Ein Grund war, dass ich mich wieder finden wollte. Meinen Platz im Leben wieder finden wollte, mich eigentlich neu erfinden musste.
Die letzten zwei Jahre lebte ich zwar, aber mit mir war nicht viel anzufangen. Ich konnte nicht unter Menschen gehen, keine kulturellen Aktivitäten besuchen, nur beschränkt wandern, tat mich schwer in der Stadt und alles musste sehr langsam vor sich gehen.
Besonders für die Familie eine besondere Belastung, da sie immer auf mich Rücksicht nehmen musste.
Es wurde für mich zur Belastung, in allem unterstützt zu werden, ja, unterstützt werden zu müssen. Ich konnte ohne Begleitung kaum außer Haus gehen, musste mich überall mit dem Auto hinführen lassen, ich war abhängig von anderen. Das genaue Gegenteil von meinem bisherigen Leben. Diese Abhängigkeit belastete alle.
Der Jakobsweg war die Gelegenheit, in einem geschützten Rahmen, mich wieder im Leben zu finden. Außerdem konnte ich meine Achtsamkeit ohne große Ablenkung schulen.
Es war mir nicht wichtig wie weit ich komme. Das Gehen war schon für längere Zeit meine Medizin. Warum es also nicht am Jakobsweg versuchen. Mein Ziel war so weit zu gehen, wie mich die Füße tragen.
Wenn es sein sollte, nur über die Straße in die nächste Herberge. Ich erwartete mir nichts.
Die Infrastruktur hat sich am Jakobsweg in den letzten Jahren sehr verbessert. Mehr Herbergen, mehr Einkaufsmöglichkeiten und besonders die Wegmarkierungen boten mir die Sicherheit, trotz Handicap zu bestehen.
Ausserdem ist die Hilfsbereitschaft unter den Pilgern besonders groß. So hat man mich unter die Fittiche genommen oder mir bei Städtedurchquerungen geholfen.
Die Natur war mir sehr wichtig. Kleine Dinge am Weg erfreuten mich. Ein Käfer, eine Blume oder eine Wolkenformation. Dazu wertet sie nicht, sie war einfach da.
Meine Achtsamkeit steigerte sich und ich war für die kleinen Dinge des Lebens offen.
Alle Städte durchquerte ich nur, hielt mich nicht lange auf. Die Tage draußen in der Natur hingegen genoss ich. Egal ob schönes oder nicht so schönes Wetter. Es war egal, auch ich wertete nicht. Regen war genauso willkommen wie Sonnenschein. Eins werden mit der Natur, sie so akzeptieren wie sie ist.
Meine Langsamkeit konnte ich hier besonders gut ausleben. Denn es geht jeder in seinem Rhythmus und der ist bei einem langsam und beim anderen schneller. Es wird darauf Rücksicht genommen und akzeptiert, dass jeder seinem eigenen Rhythmus geht.
Und es ist wichtig das man seine Geschwindigkeit kennt. Manchmal versucht man sich an eine andere Gruppe anzuhängen. Das geht nur eine Weile gut und bald ist man wieder in seinem Schritt unterwegs.
Diese Langsamkeit zieht sich durch mein ganzes derzeitiges Leben und Tun. Ich fühlte mich aber nie gedrängt oder unter Druck gesetzt. Ich hatte nie Stress und konnte meinen Rhythmus leben.
Für mich ist Gehen ein wichtiger Teil meines Heilungsprozesses geworden. Natürlich tat ich mich noch schwer damit. Gehen ist noch immer ein Defizit von mir. Aber am Jakobsweg herrscht ein eigener Spirit. Weder davor, noch danach, konnte ich mich so bewegen.
Es werden so viele Ressourcen frei, damit hat man die Möglichkeit sich ganz dem Gehen hinzugeben. Man begibt sich in den Fluss des Lebens. Der Stoffwechsel wird angeregt und man fühlt sich freier. Es war ein für mich bedeutender Schritt zurück ins Leben.
Wieder mehr auf meine innere Stimme hören, den eigenen Weg zu finden und zu gehen. Das ist besonders wieder wichtig zu Hause, wo ich darauf vertrauen darf, zu wissen was mir gut tut.
Das Gehen spielte somit in vielen Bereichen eine Rolle. Achtsames Gehen wurde täglich praktiziert. Es tat unendlich wohl. Gehen und nichts zu denken.
Mich zu finden bedeutete, erst einmal leer zu werden. Es wurde mein schönstes Erlebnis am Camino - nämlich an nichts zu denken! Ich konnte leer werden.
Seit zweieinhalb Jahren denke ich, wenn ich die Augen aufmache und höre zum Denken auf, wenn ich die Augen schließe. Ich muss zwar noch für die Bewegungen des Gehens denken, aber jeder Gedanke darüber hinaus fiel weg. Mein Geist kam erstmals seit langem zur Ruhe.
Der Körper meldete mir allerdings sofort, wenn etwas nicht stimmte. Kamen Gedanken auf, reagierte der Körper mit Schmerzen. Meistens waren es Hüft- oder Beinschmerzen. Sie repräsentieren ja quasi den geraden Gang durchs Leben. Ich realisierte bald, dass mit dem Einstellen dieser Gedanken auch der Schmerz verschwand. Es war faszinierend, dass so direkt zu erfahren und mir dessen bewusst zu werden.
Seit dem Hirnabszess lebe ich praktisch nur im HIER und JETZT. Dass was ich in den letzten zwei Jahren, vor dem Hirnabszess, suchte und nicht fand. Jetzt befinde ich mich gezwungenermaßen den ganzen Tag im Jetzt und ich lebe es.
Im Sport war es ebenso möglich, ganz im HIER und JETZT aufzugehen. Ich kannte zwar das Gefühl, es war mir aber nicht mehr möglich es umzusetzen. Ich war gefangen im Hamsterrad.
Der Jakobsweg zeigte mir wieder, worauf es wirklich im Leben ankommt.
Jeder Kilometer am Jakobsweg war Meditation pur. Ich habe das klassische meditieren im Sitzen kaum praktiziert, im Gegensatz dazu die Geh-Meditation aber öfter.
Am Weg findet man immer wieder Metapher fürs eigene Leben. Jeden Tag findest du etwas, läuft dir etwas über den Weg oder fällt dir was auf, was du als Metapher für dich selbst nehmen kannst.
Als Beispiel nur die Schnecke am Kuhfladen. Die meisten ekelt es davor. Sie sehen nur wie eine schleimige Schnecke über ein Stück Scheiße kriecht. Es kann aber auch die Bedeutung haben: Die Schnecke gleitet sicher auch über Scheiße und bekommt sogar Nährstoffe davon.
Man sieht, alles hat auch andere Seiten. Wir möchten halt nur die Seite sehen, die wir aufgrund früherer Erfahrungen, als wahr erkennen wollen. Es gibt aber mehrere Sichtweisen auf eine Sache und unsere muss nicht stimmen.
Das sollten wir anerkennen.
Ich wurde quasi in die Achtsamkeit gezwungen und sie mir auferlegt.
"Denn das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, dass sie im Augenblick das Nichts zu Allem macht."
Johann Wolfgang von Goethe
Wahre Achtsamkeit im täglichen Leben, wurde zu einem Schlüsselerlebnis am Jakobsweg. Meine Behinderungen erfordern enorm viel davon. Diese Achtsamkeit habe ich am Camino noch besser ins tägliche Leben integrieren können, aber auch Achtsam gegenüber der Natur und meinen Mitmenschen.
Jetzt liegt es an mir, aus diesem am Camino gelernten, etwas zu machen. Zuerst wurde ich durch die Krankheit gezwungen, aber jetzt ist es mittlerweile ein Teil meines Lebens geworden.
"Ich lebe im hier und jetzt. Ich bin das Ergebnis von allem, was geschehen ist oder geschehen wird, aber ich lebe hier und jetzt."
...schreibt Paulo Coelho in seinem Roman Aleph. Wie wahr!
Achtsamkeit bedeutet, bewusst zu leben! Eigentlich einfach, wenn es nicht so schwer wäre. Oder?
Der Jakobsweg hatte für mich eine vielfältige Funktion. Er zeigte mir die Wichtigkeiten des Lebens als Metapher am Weg. Besonders das Denken nahm eine besondere Rolle ein.
Ich liebte es früh aufzustehen und den erwachenden Morgen am Weg zu erleben. Immer wieder fand sich ein neues Farbenspiel in meinem Rücken wieder.
Das schönste was ich vom Jakobsweg an Erfahrung mitbringen durfte, war mehr über das Denken zu erfahren.
"Es ist ein sehr tiefer und schöner Zustand des Glücks, wenn wir nicht mehr denken können, weil wir so sehr das Leben genießen, das in uns fliest."
Hans Kruppa
Diesen Spruch fand ich in einem alten, vergilbten Buch mit Gedichten von Hans Kruppa. Es lag in einer Herberge und ich schrieb mir verschiedene daraus ab.
Er hat mich deswegen so angesprochen, weil ich am Jakobsweg nicht denken brauchte und mich ganz dem Gehen widmen konnte. Die letzten zweieinhalb Jahre waren oft sehr schwierig für mich, da mir das Denken besonders viel Anstrengung abverlangte.
Vielleicht konnte ich am Weg deswegen nicht denken, nicht weil ich es nicht kann, sondern weil ich in der Zeit des Gehens so glücklich war, dieses Leben so genießen konnte und nach langer Zeit wieder einmal im Fluss war. Ich wurde durch nichts abgelenkt.
Daher stieg die Gehleistung auch gleich an, weil ich viel Energie sparte. Das war schön zu beobachten und zu erleben.
Draußen am Land fühlte ich mich wohl. Wie auch in meiner Heimat rund um Graz, stressen mich besonders die Städte. Ich hielt mich unterwegs nie lange auf und zog die Einsamkeit der Natur vor.
In den Städten, aber auch Dörfern, zeigten einem meist die gelben Pfeile den Weg. So fand ich auch durch die größeren Städte recht schnell wieder hinaus.
Draußen unterwegs zu sein, war mit nichts zu vergleichen. Dort lebte ich auf.
Da ich zur Zeit auf Reha bin, kann ich nur eingeschränkt schreiben. Demnächst also wieder mehr und ausführlicher. Besonders meine Erkenntnisse vom Camino France möchte ich mit Euch teilen.
Gehen am Camino France kann sehr abwechslungsreich sein. Die Gegend, die Farben und die Gerüche wechseln immer wieder. Er bietet jeden Tag ein neues Thema an. Themen, die als Metapher für das Leben zu Hause stehen.
Das hier erzählte kommt alles aus meiner Erinnerung. Am Camino bin ich ja kläglich daran gescheitert, ein Tagebuch zu führen. Handschriftlich ging überhaupt nichts. Da ich limitiert bin mit dem Schreiben, es wird nach wenigen Sätzen unleserlich, habe ich nicht viel getan.
Selbst mein Tablet verwendete ich selten, denn mein Ziel war es, den Kopf frei, bzw. leer zu bekommen. Einzig die Fotos sind mir eine große Hilfe, mich an viele Ereignisse zu erinnern.
Einzig auf Instagram schrieb und postete ich. Das war mein Tagebuch, um mich an die Wichtigkeit des Tages später erinnern zu können. Denn ganz ohne Denken ging es nicht. Der Journalist in mir kam dabei zum Vorschein. Schreiben wollte ich darüber, aber eben auf meine Art und wie ich es derzeit kann.
In der Reha habe ich jetzt Gelegenheit meine Reise aufzuarbeiten und versuche es niederzuschreiben. Wichtig waren aber die Erlebnisse in meinem Inneren.
Gehen hat vielfältige Funktionen, das wusste schon Hippokrates. In einigen seiner Zitate kommt es vor.
Für mich hat das Gehen eine große Bedeutung. Gerade der Jakobsweg zeigte es mir sehr gut. Es war mein Hauptbestreben nach dem Hirnabszess, wieder Gehen zu lernen und eine Motivation zum Jakobsweg zu kommen. Laufen fällt aufgrund der neurologischen Defizite derzeit aus.
Verschiedene Leitungen für die Übertragung der Laufbewegung können diese Impulse nicht so schnell übertragen. Daher sind alle schnellen Bewegungen für mich derzeit nicht möglich. Daher auch die Schwierigkeit damit, über Wasserlacken zu springen.
Der Jakobsweg bot mir die Gelegenheit, das Gehen von allen möglichen Seiten zu erfahren. Besonders eindrucksvoll wurden die langen Geraden, in denen man monoton dahin schreiten konnte oder die bergauf, bergab Strecken. Es gibt täglich etwas, was dir der Weg mitteilen möchte. Auf Instagram kann man erkennen, was gerade am Tag (m)ein Thema war.
Zu erkennen, wie es mir im Moment geht, war besonders eindrucksvoll. Einen Schmerz hier, einen Schmerz da, hatte ich meistens nur dann, wenn sich Gedanken einstellten. Waren die Gedanken leer beim GEHEN, hatte ich auch keinen Schmerz. Es zeigte mir, wie sehr uns Gedanken auf etwas hinweisen möchten. Schaue ich nicht hin, kommt Schmerz. Ist es (wirklich) nicht mehr wichtig, also konnte ich loslassen, war auch der Schmerz weg. Erstaunlich, das zu erleben.
Ich bin oft in eine Geh-Meditation gefallen, obwohl ich kein Mensch bin, der oft oder gar regelmäßig meditiert. Trotzdem bin ich ein meditativer Mensch, aber eben nicht im Sitzen. Auf dem Jakobsweg konnte ich viele Stunden damit verbringen.
Gerade beim Meditieren ist es oft eine Herausforderung, an nichts zu denken. Immer wieder zum Atem zurückzukommen, wenn man abschweift. Für mich war es gar nicht so schwer, Gedanken beiseite zu lassen und nur zu gehen. Es war eine Wohltat, nach einer so langen Zeit des Therapierens an nichts denken zu müssen. Es war mein erster Urlaub für das Gehirn seit über zwei Jahren. Mein Gehirn-Muskel konnte erstmals entspannen.
Es war faszinierend zu sehen, wie viel Energie täglich für Denken draufgeht. Oft sind es Gedanken, die uns nicht guttun. Zu Hause zum Beispiel zu viele Gedanken über die Zukunft, die ich aber eh nicht denken kann. Wenn ich unterwegs zu viel dachte, konnte ich einfach nicht so weit gehen, ganz einfach. So habe ich auch Konversationen, wofür ich zu viel denken musste, vermieden. Und schon konnte ich weiter gehen.
Die schönste Zeit verbrachte ich auf der Meseta. Eine meist flache Hochebene mit ein paar Hügeln, wenig Schatten, langen Geraden und großer Hitze. Hier konnte ich die Geh-Meditation immer wieder anwenden. Der Jakobsweg führt durch die Nord-Meseta von Burgos nach Leon. Ein besonderes Erlebnis.
So wurde GEHEN zu meiner Medizin am Jakobsweg.
Ich spreche hier vom Camino France, dem bekanntesten und meist begangenen Weg, von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela.
Der Jakobsweg gilt weithin als anstrengend, schwer und nur für trainierte machbar. Natürlich ist es mit Training leichter machbar, aber im Grunde kann ihn jeder gehen. Das habe ich bewiesen, indem ich mich mit Handicap auf den Weg machte. Man darf sich nur nicht zu hohe Erwartungen setzen.
Ich ging los, ohne einen Anspruch öder Erwartungen zu haben. Es wird ja nur schwer, wenn ich mehr möchte, als mir im Moment möglich ist. In der Regel ist aber alle 5 Kilometer eine Herberge zu finden. Sollte ich also einmal nicht weiter kommen, finde ich überall eine Unterkunft. Oft musste man nur zweimal umfallen und war in der nächsten Herberge auf der anderen Straßenseite.
Es ist allgemein üblich, dass man nur einmal in jeder Herberge nächtigen darf. Dafür gab es deren aber genug und es tat gut, dieses Sicherheitsnetz zu haben. Deswegen war der Camino France für mich auch so ideal.
Da ich die letzten Monate nie weiter als 5 Kilometer gegangen bin, erwartete ich mir auch nichts. Seit dem Hirnabszess übe ich täglich in allen Bereichen. Es ist das Anstrengende, dass ich so viele verschiedene Bereiche des Körpers zu trainieren habe. Irgendwann ist die Energie am Tag erschöpft, egal ob ich denke oder gehe, es wird weniger.
Wie Denken unterschätzt wird, dazu passt der Spruch von Astrid (www.astrimage.at): "...du arbeitest ja eh nicht wirklich, du sitzt ja nur vorm Rechner und denkst...! - Das Leiden der Filmemacher! Es soll aber hiermit gesagt werden, Denken kostet gleich viel Energie wie Bewegung. Das wird sehr unterschätzt.
Meine Beschränkungen habe ich gleich in den ersten Tagen gemerkt und in der Folge vermieden, was nicht notwendig war. Alles Kulturelle fiel daher recht bald unter den Tisch. Kaum Kirchenbesuche in den größeren Städten, alles was mit Menschenansammlungen zu tun hatte und somit auch kein kulturelles Auseinandersetzen mit dem Weg. Ich wollte im Kopf leer werden, um ihn wieder neu befüllen zu können.
Das war natürlich schade, denn es war immer wieder etwas am Weg zu finden. Auch Gespräche mit anderen Pilgern fielen dem zum Opfer. Es kostete einfach zu viel Energie. Die weite freie Fläche außerhalb der Städte war mir lieber.
Auch was die Pilger betrifft, man trifft eh nur auf die richtigen, bzw. die richtig für mich waren. Da waren dann wirklich interessante Gespräche möglich.
Für mich ging es weiter in Richtung Logrono. Kurze steile Anstiege wechselten mit flachen Stücken ab. Jede steilere Steigung bremste mich auf "gerade noch in Bewegung" ab.
Immer wieder ist mir die alte Frau eingefallen, die mir zu Hause, mit vollgepackten Taschen in den Händen, an einer kurzen Steigung, bergauf davon gegangen ist. Ich schnaufte wie ein altes Dampfross und war für meinen Begriff schnell unterwegs. Meine Wahrnehmung war damals aber noch stärker gestört als heute. Ich war damals langsamer als langsam unterwegs. Diese Erinnerung kam immer wieder hoch.
Bei Steigungen musste ich extrem zurückschalten. Da kommen wieder die Erwartungen und die Achtsamkeit ins Spiel. Jeden Schritt musste ich entsprechend Achtsam angehen und darf nicht anfangen Erwartungen zu haben. Beim Bergauf gehen war meine ganze Konzentration beim Gehen. Über die Tage und Wochen ist so eine schöne Zeit zusammen gekommen, in der ich, unter anderem, Achtsames Gehen praktizierte.
Alle paar Tage war eine größere Stadt zu durchqueren. Logrono war die nächste, die Hauptstadt Riojas. Knapp vor Logrono traf ich auf drei Pilgerinnen. Zusammen machten wir uns an die Durchquerung. Zunächst ging es auf Asphalt über kleine Wege und Straßen dahin. Vorbei an großen Weinkellereien, standen wir bald am Eingang der Stadt, die wir über eine große Brücke betraten.
Ich konnte ein bisschen die Stadt anschauen, weil ich mich nicht auf die Pfeile und das Suchen des Weges konzentrieren musste. Sogar eine Kirche betrat ich. Es ging soweit alles gut, aber ich bemerkte den Unterschied, wenn ich, im Gegensatz dazu, in der freien Natur unterwegs bin.
Den obligatorischen Kaffee genoss ich noch und schon gingen wir wieder aus der Stadt raus. Draußen wartete eine elend lange Allee mit einem Stausee am Ende.
Es war einer der heißesten Tage bisher und unsere Gruppe verlor sich aus den Augen. Es ging jeder seinen eigenen Schritt und man traf sich sowieso immer wieder.
Ich saß gerade unter einem der spärlichen Bäume zum Ausrasten, als ein Auto den holprigen und staubigen Weg vorbeifuhr. Es verlangsamte bei mir, damit ich nicht im Staub versank. Vorbeikommende Pilger erzählten von einem Filmteam, die eine Doku über den Camino machten. Sofort wurden in mir Erinnerungen wach.
Am folgenden Berg flog plötzlich eine Drohne über uns. Ich war mit der Pilgerin Christina unterwegs, da wir beide etwa dasselbe Tempo drauf hatten. Es war landschaftlich eine beeindruckende Gegend, kein Wunder, das sie hier Flugaufnahmen machten. Oben angekommen hatten wir sie plötzlich vor uns.
Die drei kamen aus Brasilien und produzierten eine Doku über den Jakobsweg. Ein Pilger, der mir schon öfter aufgefallen ist, wurde von ihnen begleitet und in diversen Einstellungen gefilmt.
Es ergab sich ein kurzes Gespräch unter "Kollegen" und wir stellten uns noch für ein paar Film- und Fotoaufnahmen zur Verfügung, damit sie ihre Geräte einstellen konnten.
Es wurde für mich die Motivation und Herausforderung, über ein Filmprojekt am Jakobsweg nachzudenken. Nur drei Monate vor dem Hirnabszess hatte ich mit Alexander Rüdiger beschlossen, dieses Projekt im Frühjahr durchzuführen. Ich kam mit den Gedanken zwar nicht weiter, aber es war zumindest ein Hinweis, darüber nachzudenken. Es fühlte sich jedenfalls gut an und verdient weiterer Beachtung.
In der nächsten Ortschaft Ciurena wollten wir die Herberge nehmen. Zuvor ging es aber noch am Golfplatz vorbei. Völlig unwirklich stand er plötzlich inmitten der Gegend. Aber noch unwirklicher war das dahinter.
Mehrstöckige Gebäudereihen standen in großer Anzahl. Allerdings unbewohnt. Eine Geisterstadt wie ich sie noch nie gesehen habe. Dazwischen einige bewohnte Doppelhäuser. Hochhausgerippe standen am Horizont, umgeben von Nirgendwo. Es war Gespenstisch.
Mitten in der Pampa dürfte vor einigen Jahre eine Immobilienblase geplatzt sein. Traurig das anzusehen.
Am nächste Tag spazierte ich 7 Kilometer in die nächste Stadt Santa Domingo, wo ich mir einen Ruhetag verordnete. Ich wollte meinen Körper und Gelenken Ruhe geben und sie nicht überstrapazieren.
Ich besorgte zum Essen Brot, Oliven, Fisch aus der Dose und Apfelsaft. Mit einem Café Solo ließ ich es mir gut gehen und genoss den Tag.
Leider hatte ich meine Kappe in der Stadt verloren, aber in einem Souvenir-Shop fand ich einen günstigen Ersatz. Früh am Abend ging ich schlafen, denn ich wollte noch vor Sonnenaufgang wieder unterwegs sein.
Die ersten Tage am Camino waren für mich und meine Emotionen oft schwer zum Einordnen. Der Abszess saß am Thalamus und störte somit die Steuerung desselben.
Die letzten 2 Jahre verbrachte ich unter anderem damit, diese Emotionen wieder selbst steuern zu lernen, mir dessen bewusst zu werden.
Die Überquerung der Pyrenäen war aber zu viel. Immer wieder kämpfte ich mühsam mit mir, diese Emotionen in den Griff zu bekommen. Zum Glück waren es positive, die hatte ich leichter im Griff. Es ist aber schwer zu beschreiben. Immer wieder kamen mir die Bilder der letzten Jahre hoch. Ein Auf und Ab.
Im Oktober letzten Jahres hatte ich einen Filmbeitrag auf Puls4 über mein Schicksal. Ich sah mich damals zum Ersten mal selbst gehen. Diese Bilder kamen mir immer wieder. Wie ich unsicher und unbeholfen über die Wege stolperte. Damals war so viel noch nicht möglich. Wichtig war aber, dran zu bleiben!
Drangeblieben bin ich. Das Gehen ist noch mit Schwierigkeiten verbunden, aber nichts kann mich davon abhalten, mehr zu wollen. Nervensachen sind eine eigene Geschichte. Oft bin ich mir nicht sicher, habe ich mich verbessert oder nur besser damit umgehen gelernt. Habe ich mich nur daran gewöhnt?
Zunächst durchquerte ich Pamplona und danach ging es durch das Weinbaugebiet Rioja. Meist Hügelig, dann mal wieder flach.
Besonders die kurzen steilen Anstiege stellten eine Herausforderung dar. Bergab hatte ich das Gefühl, die Erdanziehung zog mich hinunter. So schnell konnte ich gar nicht, die Beine machten nicht mit. Langsam und bedächtig musste ich auch bergab auftreten. Ich kann zwar gehen, aber wenn zu große Kraft auf die Oberschenkel eintrifft, knicke ich leicht ein. Daher geht auch Laufen noch nicht.
Bergauf war genauso schwer. Schritt für Schritt ging ich nach oben. Die Erdanziehung wirke genau in die andere Richtung. Der Rucksack wurde immer schwerer und wie ein Höhenbergsteiger stapfte ich nach oben. So erklomm ich eine Steigung nach der anderen. Die Pausen wurden mehr.
Oben angekommen wurde ich wieder nach unten gezogen zu werden. Dieses Spiel wechselte sich immer wieder ab. Gewöhnt habe ich mich bis heute nicht daran. Die Schwerkraft spüre ich besonders stark.
Bald nach Pamplona ist ein Gebirgszug zu überqueren. Er bildet eine Wetterscheide in der Gegend und so kann es an einer Seite regnen und an der anderen die Sonne scheinen. Bekannt ist er aber für seine Windräder und ein Denkmal am Pass.
Ich schnaufte schwer hinauf, mich wieder Schritt auf Schritt konzentrierend. Step by Step sollte mich noch den ganzen Weg begleiten.
Abgelenkt wurde ich nur durch ein Reiben im Schuh. Sofort blieb ich stehen und sah nach. Eine gerötete Stelle war vorhanden, Blasen aber bin ich von den Schuhen nicht gewohnt. Es war eigenartig.
Beim genaueren Nachschauen entdeckte ich dann, dass ein Teil der Polsterung fehlte. Rund, wie ausgeschnitten war sie. Das war zu blöd. Sofort kam es mir. In der letzten Herberge hatte ich als einziger keinen Platz auf der Schuhablage. So stellte ich sie daneben auf den Boden. Ein fataler Fehler.
Eine Maus nahm das Angebot an und besorgte sich Polstermaterial für ihr Nest. Für sie gut, für mich aber blöd gelaufen.
Ich nahm mein erstes Blasenpflaster und klebte zur Vorsicht die Ferse ab. Am Anfang noch ungewohnt, hatte ich dann aber bis zum Schluss keine Probleme mehr damit. Nochmal gut gegangen.
Am Passübergang steht ein markantes Denkmal. Ein Wind blies über die Kuppe, dass einem Hören und Sehen verging. Ein paar Fotos noch und dann ab in den Abstieg. Vor lauter konzentrieren auf den Weg, habe ich die Emotionen vergraben. Erst später kamen sie hoch, als ich schon wieder im Abstieg war.
Steil und felsig führte der Weg nach unten. Ich musste es langsam angehen. Gerade die Kraft in den Oberschenkeln wollte nicht und nicht mehr werden. Gehen ging, aber ein Ausfallschritt und selbst zu große Schritte, waren mir noch immer nicht möglich. Bergab konnte ich es nicht laufen lassen, sondern musste wirklich, Schritt für Schritt, bergab steigen.
So hatte ich mit Herausforderungen zu tun und aufgrund der Langsamkeit nicht nur bergauf, sondern auch bergab mit dem Gleichgewicht zu kämpfen.
Die nächste größere Stadt war Puenta de la Reina. Eigentlich sollte es ein Etappenziel sein, aber bei der Durchwanderung war es größer als gedacht.
Die Entscheidung war sofort klar, ich gehe weiter bis zur nächsten Herberge. Weder den üblichen Kaffee, noch etwas zum Essen, genehmigte ich mir. Mir war einfach zuviel Trubel.
Ich besuchte noch die markante Brücke in der Stadt und machte mich dann auf in die nächste Herberge, außerhalb der Stadt. Ich verwechselte allerdings rechts mit links und war plötzlich auf dem Weg in die nächste Ortschaft. Das Problem ist, dass ich dauernd rechts und links verwechsle. Sollte ich den Kilometer wieder zurück gehen?
Ich entschied mich dagegen und ging weiter auf dem Camino, sechs Kilometer zum nächsten Dorf. Ich war mir aber unsicher, ob das klug war. Bergige sechs Kilometer waren für mich noch eine Ewigkeit.
Wenig außerhalb nach Puenta de la Reina traf ich auf Theo. Mit seinen 74 Jahren ging er guten Schritts dahin. Es passte gut und so gingen wir die nächsten Kilometer zusammen. Er erzählte mir aus seinem Leben und ich aus meinem. In seinen Anekdoten war so viel Weisheit drinnen, Weisheit aus 74 Jahren eben.
Es sind oft nur kurze Augenblicke am Camino, die wir mit anderen Menschen teilen. Aber diese können umso nachhaltiger sein.
Danke Theo, dass ich dich kennen lernen durfte!