Bereit für die Reise mit Handicap?
Ich hatte keine Antwort darauf und suchte auch nicht danach. Ich buchte den Bus kurzfristig, setzte mich hinein und fuhr los. Bereit oder nicht, ich war unterwegs.
Die Fragen waren aber da:
Fragen, auf die ich doch keine Antworten hatte. Besser gesagt, keine Antworten finden konnte. Denn mein Gehirn verweigerte noch jede Arbeit.
Ich konnte nicht denken und war innerlich leer. Diese Leere wollte ich aber im Kopf. Denn dann hatte ich die Chance, ihn neu zu befüllen. Ob ich bereit war, sollte sich zeigen.
Der Bus war eine gute Wahl. Ich brauchte zwar zwei Tage bis nach Saint Jean Pied de Port, aber so hatte ich Zeit hin- bzw. anzukommen, auch im Kopf. Alles was langsam geht, tut mir gut. Bus ist besser als Flugzeug. Am liebsten wäre ich von zu Hause losgegangen.
Mein Reisegepäck bestand aus einem 30 Liter Rucksack und das war es. Ich verwendete fast nur Material aus dem Trailrunning Bereich, das ich noch von früher hatte. So brauchte ich mir nichts zu besorgen. Als Rucksack verwendete ich eine Superleicht Version, den ich früher bei meinen Filmproduktionen am Berg verwendete. Er wog ca. 500 Gramm.
Ich nahm nur das notwendigste mit. Drei T-Shirts, eine Fleecejacke, eine dünne Daunenjacke, 2 lange und eine kurze Hose, Haube, Handschuhe, 4 Paar Socken, Regenhose und -jacke, ein langes Unterleibchen, Lauf- und Crocks Schuhe. Mit den Crocks konnte ich auch zur Not gehen. Dazu einen superleichten Schlafsack, Sonnenbrillen, Kontaktlinsen, Handtuch, und verschiedenes Kleinzeug. Das Schwerste an allem war mein Tablet mit Tastatur. Ich kann noch immer schlecht mit der Hand schreiben, sondern tippe alles per Tastatur.
Der Rucksack war zwar leicht, aber aufgrund meiner körperlichen Verhältnisse fühlte es sich an wie 20 Kilogramm. Das behinderte mich vor allem bergauf. Jede noch so kleine Steigung meisterte ich im Tempo eines Höhenbergsteigers.
Allerdings war doch einiges unnötige dabei. 800 Gramm schickte ich bei nächster Gelegenheit per Post nach Hause. Somit hatte ich unter 6 kg als Rucksackgewicht. Dazu kam noch die Verpflegung.
Ich war verblüfft. Der Rucksack wog nur knapp 6 kg und sollte für die nächsten Wochen mein Zuhause sein. Was ich zum Leben brauchte, passte also in einen kleinen Rucksack und es ging mir nichts dabei ab. Wäre ich ein Jahr weggefahren, mein Rucksack hätte kaum anders ausgeschaut.
Die erste Etappe ging über die Pyrenäen und war somit gleich meine erste Herausforderung. Zunächst noch ins Tal sehend, ging es immer höher, wo der Nebel auf mich wartete und alles verschluckte.
Eine Pilgerin, 20 Meter vor mir gehend, verschwand im Nebel. Er war streckenweise so dicht, dass ich gerade die Füße vor mir sah. Es gab diverse Kreuze oder Wegweiser, aber bei dem Nebel konnte ich nichts erkennen.
Die Grenze zu Spanien ging Emotionslos an mir vorbei, ich war so auf das Gehen konzentriert. Von Orrison waren es 19 km, die ich unbedingt schaffen musste, da es keine Nächtigungsmöglichkeit gab. Mein Geist war voll und ganz darauf programmiert das Kloster Roncesvalles zu erreichen.
Zumindest den Rolands-Brunnen konnte ich sehen. Schon Karl der Große ist ist seinem Heer hier entlang gezogen.
Der Nebel besserte sich beim Abstieg, nicht jedoch der Weg. Über frisch ausgewaschene Pfade ging es talwärts. Nach 7 Stunden erreichte ich das alte Kloster.
Ich war müde und erschöpft, aber gut gelaunt. Hatte ich doch die schwierigste Etappe für mich gemeistert. Es war einfach unglaublich. Ich fand keine Worte.
Im April 2016 war ich noch gelähmt, konnte weder Zähne putzen, nur mit Mühe eine Gabel halten und Gehen ging gar nicht. Bis August 2016 war ich im Rollstuhl unterwegs. Langsam wurde es mir bewusst. Die Emotionen, die ich am Weg ausschalten musste, kamen jetzt hervor. Ich lag in meiner Koje und dicke Tränen liefen mir runter.
Das monatelange Training und Üben hatte sich ausgezahlt. Eigentlich hatte ich keine andere Chance, denn nicht zu Üben hätte Aufgeben bedeutet und das kam auf keinen Fall in Frage. Ich stolperte und schlurfte zwar mehr dahin, als das ich ging, aber dieses Gefühl unterwegs zu sein konnte mir niemand mehr nehmen. (zum Beitrag Gehen und Pilgern als Zwischenziel)
Von jetzt an fand ich im Durchschnitt alle 5 Kilometer eine Herberge. Ich war glücklich, mit den Pyrenäen meine größte Herausforderung geschafft zu haben. Nachdem dieser Druck weg war, konnte ich nur mehr genießen.
Die Tage danach ging ich mal mehr, mal weniger.
Ich schaltete jeden Gedanken aus, das schlug sich in Gehleistung nieder. Es war für mich ein neues Erlebnis. Dieses Nicht-Denken tat so gut. Zu Hause war das nicht möglich gewesen, zu viele Ereignisse prallten auf mich ein. Das Üben, Arztbesuche, die Kinder mit der Schule, die Beziehung - alles wurde mir zu viel.
Beim Gehen am Jakobsweg konnte ich zum Ersten mal abschalten, wie ich es bisher noch nie erlebt habe.
Im Krankenhaus konnte ich keine Treppen hinuntersteigen. Im Tagebucheintrag schrieb ich im Juli 2016:
"Zum ersten mal 4 Stufen hinunter gestiegen. Konnte den oberen Fuß nicht abheben, bevor ich mit dem anderen nicht auf der unteren Treppe stand. Zerrungen in der Wade war die Folge."
Ich brauchte damals Wochen, bis ich die ersten Stufen steigen konnte.
Und jetzt hatte ich die Pyrenäen überquert. Ich konnte es gar nicht glauben, es fühlte sich alles so unwirklich an.
Am nächsten Tag in der Früh verzichtete ich auf das Frühstück und ging schon beim ersten Licht los. Ich genoss die Morgenluft im Wald, ging über vom Regen befeuchteten Waldboden, wich Regenpfützen aus und hörte den Vögeln im Wald zu. Ich fühlte mich total wohl. Zum Ersten mal seit dem Hirnabszess war ich wirklich bei mir und fühlte mich dem Leben wieder näher.
Ich freute mich als ich Pamplona erreichte. Allerdings war die Stadt für mich schwer auszuhalten. Der Tunnelblick setzte ein und ich musste mich stark konzentrieren. Tunnelblick heißt, wie mit einer Stirnlampe in der Nacht unterwegs sein. Der Blick verengt sich und ich nehme um mich nichts mehr wahr. Ich musste vermehrt aufpassen. Unter Stress bekomme ich ihn auch zu Hause in Graz noch.
Verkehr, Fussgänger und den Weg finden, alles zusammen überforderte mich. An der Kathedrale vorbei und das war es auch schon. Mehr konnte und wollte ich von Pamplona nicht sehen und mein Ziel war es, die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen. Auf das Zentrum der Stiertreiber konnte und durfte ich mich nicht einlassen. Es hätte zu viel Energie gekostet.
In einem Park am Ende der Stadt setzte ich mich hin und schnaufte durch. Dass mich eine Stadt so schnell aus der Ruhe und ans Limit bringen konnte, überraschte mich. Ich nahm mir vor, in keiner Stadt zu verweilen und die Etappen so anzulegen, dass ich jede Stadt durchgehen konnte und erst im nächsten Dorf Nächtigte.
Der Weg wurde meine Therapie. Gedanken konnte ich weglassen, allerdings musste ich noch immer verschiedenes andenken. Ständig wurde ich durchs Stolpern erinnert, meine Füße weit genug anzuheben. Bei steinigen Wegen musste ich konzentriert jeden Schritt denken, ich war mit den Gedanken bei jedem Tritt. Das war zuhause auch so.
Allerdings brauchte ich hier über den Tag nie an Dinge denken, die zu Erledigen waren oder mich mit irgendwelchen Problemen zu Hause zu beschäftigen. Ich brauchte mich nur aufs Gehen einlassen. Kontakt mit anderen Pilgern vermied ich die ersten Tage. Ich musste mich erst an Spanisch und Englisch gewöhnen. Das war mir im Moment noch zu viel.
Eines machte mir in den ersten Tagen zu schaffen, nämlich Gatschlacken. Für meine Deutschen Freunde: "Schlammpfützen".
Da die letzten Tage starker Regen gefallen ist, war der Weg gesäumt mit Lacken in allen Größen. Kleinere waren zum Umgehen, die großen standen rechts und links am Weg an und waren nicht zu umgehen. Man musste drüber und durch.
Auf einige wurde in weiser Voraussicht Baumstämme gelegt. Das hieß aber, mehrere Schritte darüber balancieren. Ich konnte mir zwei, drei Schrittfolgen merken, aber mehr nicht. Mit Schwung ging es gut, solange bis ich das Gleichgewicht halten musste. Es war somit vorprogrammiert, dass ich dann rechts oder links hinein gefallen bin. Mein gestörter Gleichgewichtssinn war dafür noch nicht tauglich.
Es wollte einfach nicht gelingen, ohne in den Dreck zu fallen, auf die andere Seite zu gelangen. Auch springen war nicht möglich. Da ich keine Schnellkraft mehr besitze, endete es jedes mal im Schlamm. Gedanklich sprang ich zwar ab, aber es endete damit, dass die Füße nicht mitmachten und ich jedes mal mitten in der Lacke landete.
Für meine Mit-Pilger am Weg war es ein sichtlicher Spaß mir zuzusehen. Den einen oder anderen ließ ich mit fragendem Blick an mir vorbeiziehen. Direkt fragen traute sich keiner. Ich sah es aber als Training an, irgendwann würde es schon funktionieren. Der Nachteil war, jedes mal Schuhe putzen.
Einmal gab es Mausalarm bei mir. Die Schuhe werden in Herbergen immer in Gestellen abgestellt. Für meine Schuhe war aber kein Platz mehr, so stellte ich sie daneben am Boden ab. Beim Anziehen in der Früh und später am Weg merkte ich zunächst nichts, aber nach einigen Kilometern fing es im Fersenbereich an zu reiben. Ich hielt an, um Nachschau zu halten.
Ein großes Loch, wo die Polsterung fehlte, klaffte mir entgegen. Es war nicht abgerieben, sondern sehr gut ausgefressen. Ich holte zur Sicherheit mein erstes Blasenpflaster hervor und klebte meine Ferse ab. Der Maus hat die Polsterung hoffentlich geholfen, denn eine Reparatur oder ein neuer Schuh war bei mir nicht möglich. Ich hatte aber zum Glück die weiteren Wochen keine Probleme mit der Scheuerstelle mehr.
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Da für mich der Alltag noch immer Therapie bedeutet, war auch der Camino France eine Therapie. Allerdings eine alternative. Es wäre schön gewesen, auf Krankenschein hier herfahren zu können 😁, für mich zumindest. Denn es ist noch immer für mich wichtig, in allem was ich mache, mein Handicap zu verbessern.
Vieles in der Reha gelernte und zu Hause verfestigte, konnte ich hier im Alltag anwenden. Eine wohltuende Abwechslung. Aber auch die bestehenden Defizite konnten entsprechend trainiert werden.
Viele Herausforderungen am Weg haben mir geholfen Bereiche zu üben, in denen ich noch Defizite habe und die noch nicht funktionieren.
Mein Hauptgrund hierher zukommen war ja, dass ich Gehen wollte. Allerdings, mit Behinderung auf einen so langen Weg? Ich wusste selbst nicht, was auf mich zukommt.
Nun, ich habe die Herausforderung angenommen. Was unmöglich schien, sollte Wirklichkeit werden. Das Gehen war und ist noch immer eines meiner Handicaps. Ich musste es also vorsichtig angehen und durfte nicht auf zu viel Verbesserung hoffen. Es braucht alles seine Zeit und ich bin ja schon bisher täglich gegangen. Verbesserung stellt sich trotzdem nur langsam ein.
Ein Bestreben von mir war, technisch möglichst gut zu gehen und keine Fehler einreißen zu lassen. Denn solche einmal eingelernten Fehler sind nur schwer wieder zu ändern.
Lange gab es keine Probleme. Nur eine Blase und sonst nichts. Ich war natürlich gedanklich sehr stark beim Gehen. Automatisch lief nämlich gar nichts. Ich achtete auf die Füße und wo ich hintrat. Die ersten Tage war ich übervorsichtig unterwegs.
Besonders wo ich hintrat, erforderte besondere Konzentration. Ich merkte es bei Tunneln, deren es eine Menge gab. Meistens war es in der Mitte hin finster. Da hieß es dann besonders aufpassen. Ich muss sehen, wo ich hintrete, ansonsten habe ich kein Gefühl dafür, wieweit der Fuß noch vom Boden entfernt ist. Deswegen tue ich mich auch beim automatischen Gehen noch so schwer. Tunnel waren echt eine Herausforderung.
Was komisch war, hier gingen viele den "Teletubbi-Gang". Es war auch mein Gang, besonders am Anfang und in bestimmten Situationen auch heute noch. Hier sind die meisten vom Gehen überfordert und schlurfen dann dahin.
Besonders lustig wurde es in der Früh in den Herbergen. Viele kamen fast nicht mehr von den Stockbetten herunter. Sie hatten solch einen Muskelkater, Sehnen- oder Bänderschmerzen, dass sie es nur unter größter Mühe schafften.
Regelmäßiges Dehnen und Stretching gehörte bei mir dazu. Alles in meinem Körper muss erst wieder gestärkt werden, daher ist auch dehnen unverzichtbar. Seit dem Krankenhaus habe ich außerdem extreme Verkürzungen, besonders in den Beinen.
In den ersten Tagen war ich besonders darauf bedacht, meine Beweglichkeit zu erhalten. Ich achtete sehr darauf, dass keine Sehnen- oder Bänderbeschwerden auftraten. Aufmerksamkeit auf meine Handicaps legen, war wichtig.
Zum Gehen gehört auch das Gleichgewicht. Besonders steile Stücke sind für mich eine Herausforderung. Umso langsamer ich werde, desto mehr Probleme bekomme ich mit dem Gleichgewicht. Das ist an sich normal, ist bei mir aber nochmals verstärkt. Gerade steil bergauf wanke ich oft von links nach rechts. Zu Hause würde man mich als betrunken abstempeln, hier war es normal.
Die oft kleinen Japaner mit ihren großen Rucksäcken wankten bei jedem Schritt. Daher bin ich gar nicht so besonders aufgefallen. Wie man sieht, alles eine Ansichtssache!
Bei mir ist das gestörte Gleichgewichtsgefühl dafür verantwortlich. Andere Pilger taumeln ebenso dahin. Muskelkater, ein zu schwerer Rucksack oder andere Beschwerden lassen es nicht anders zu. Daher fühle ich mich hier nicht alleine. Der Unterschied ist aber, dass sie nach Ablegen des Rucksacks oder der entsprechenden Erholung wieder fit sind, bei mir bleibt es beständig.
Nach Pausen, die ich sitzend oder liegend verbringe, richte ich mich langsam auf, um nicht schwindlig zu werden. Dieses Leiden ist noch immer da und begleitet mich seit dem Krankenhaus. Damals, am Beginn, konnte ich mich oft nur 10 Minuten aufrecht halten. Das habe ich seither immer mehr ausweiten können, aber ich muss noch immer aufpassen und mich langsam aufrichten.
Hineingehen in eine Steigung erfordert eine Neupositionierung des gesamten Körpers. Der (schwere) Rucksack mit seinen 6 bis 7 kg, tut seines dazu bei. Schwer ist natürlich relativ. Eigentlich ist es leicht, aber ich hatte immer das Gefühl, 20 bis 25 kg zu tragen. Immer wieder war ein Anpassen der Winkel im Körper, passend zur Steigung des Weges und des Untergrunds notwendig. Das musste ich immer bewusst machen. Meine gesamte Automatisation ist verloren gegangen.
In Leon passierte mir dann auch ein folgenschwerer Fehler. Dort waren extrem viele schräg hängende Gehsteige. Absolutes Gift für meine Sprunggelenke. Zuerst merkte ich nichts, aber außerhalb Leons begann ein eigenartiges Ziehen in Gelenk und Schienbein.
Es war wie mit Skischuhen auf einer schrägen zu gehen. Man hält es nicht lange aus. Ähnlich erging es mir. Ich war unvorsichtig geworden. Immerhin hatte ich schon fast 500 Kilometer ohne größere Probleme zurückgelegt. Das sollte sich rächen.
Am nächsten Tag spürte ich einen eigenartigen Schmerz, konnte ihn aber nicht deuten. Ich legte noch 40 km in Etappen zurück, um dann festzustellen, dass sich eine Sehnenscheidenentzündung bemerkbar machte. Die ungewohnte Bewegung über wenige Kilometer bescherte mir das Aus.
Unter Umständen wären mir mehrere Wochen Ruhepause bevor gestanden, wäre ich weiter gegangen. Da die letzten 250 km nach Santiago bergig sind, entschloss ich mich nach Astorga zurückzugehen und den Camino zu beenden. Da meine Reha bald anfängt, wollte ich nichts riskieren.
Schade, aber ich darf dankbar sein, so weit gekommen zu sein.
Mir fehlt nach wie vor die Feinmotorik. Alles fummelige bereitet mir Probleme. Ein besonderes Training bescherten mir eingewickelte Zuckerln. Ich brauchte für jedes mehrere Minuten, um das mit Papier ummantelte zu öffnen. Es war gleichzeitig eine gute Übung für automatisiertes Gehen, da ich mit meiner Aufmerksamkeit beim Greifen war. Training pur also! Meine Ergotherapeutin hätte eine Freude mit mir gehabt.
Überhaupt war das Greifen schwierig. Am gemeinsamen Essen beteiligte ich mich nicht oft. Schüsseln wurden herumgereicht und das stellte mich oft vor ein Problem. Ich konnte sie nicht richtig fassen oder weiterreichen. Ungelenkig und potschert stellte ich mich an. Zu erklären, dass ich krank war, ist mir nicht möglich gewesen. Vor allem nicht in den verschiedenen Sprachen. So vermied ich es einfach, es war das leichteste für mich.
Das Denken muss ich unterteilen, da es verschiedene Bereiche oder Umstände gibt.
Ein wichtiger Punkt ist mir gleich aufgefallen. Ich wollte ja Gehen, um im Kopf leer zu werden. Leer werden heißt aber, NICHT denken. Das tat ich und diese gewonnene Energie setzte sich in vermehrter Gehleistung nieder.
Gar nichts Denken konnte ich natürlich auch nicht. Meine Bewegungen musste ich natürlich noch immer andenken. Aber Gedanken über Probleme, was ansteht und vieles andere, sind weggefallen. Und diese frei werdende Ressource zeigte sich in Gehleistung.
Es ist eigentlich ganz einfach, hatte ich aber im Vorfeld nicht bedacht. Ich habe über den Tag eine bestimmte Menge Energie. Egal ob ich denke, gehe oder sonst wie bewege, diese Energie wird weniger. Da aber das Denken über die Probleme zu Hause wegfielen, blieb einfach mehr für das Gehen über.
Noch ist die Energie schneller vorbei, als der Tag Stunden hat. Daher spüre ich diese Veränderung sehr stark. Das war auch ein Hauptgrund für manch einen Zweifel vorher, ob ich überhaupt schon fahren kann. Ich musste halt aufpassen, diesen Punkt nicht zu übersehen, denn dann kann es mühsam werden.
Ich muss denken, um vorwärts zu kommen. Die Orientierung am Camino war nicht so schwer. Überall weisen gelbe Pfeile oder die Jakobsmuschel den Weg. Nur ganz selten war ich im Zweifel, ob ich noch richtig bin. Da machte mir die andere Art der Orientierung mehr Probleme.
Nämlich die Orientierung wo ich war. Damit war ich überfordert. Das nächste Dorf konnte ich mir gerade noch merken. Aber aus welchem ich herkam oder wo ich hinwollte, dass hatte ich gleich wieder vergessen. Ich wurde immer wieder gefragt, wieweit ich noch zu gehen gedenke. Das konnte ich aber nicht sagen. Mein fehlendes Kurzzeitgedächtnis war daran schuld. Ich hatte kein Gefühl für Distanzen oder merkte mir einen Namen.
Wie ich ein Rezept zum Kochen immer wieder von vorne durchlesen muss, ist es auch mit der Tagesetappe. Immer wieder von vorne. Ich konnte im Reiseführer nachschauen, eine Minute später wusste ich nicht mehr, wohin oder wieweit. Es gab aber nur eine Richtung und die war mit gelben Pfeilen markiert. Und irgendwann musste auch eine Herberge kommen.
Ich ging einfach, soweit mich die Beine trugen. Zu Mittag begann ich nach einer Herberge Ausschau zu halten. Meine Konzentration lässt am Nachmittag stark nach, da wollte ich bereits ein Quartier haben.
Außerdem wurde es am Nachmittag recht heiß. Dem wollte ich mich nicht aussetzen. Während andere noch gingen, legte ich bereits die Beine hoch, obwohl ich die Hitze gut vertrug. Aber ich war meist schon seit frühen Morgen unterwegs, da konnte ich gerne stoppen. Mir lief ja nichts davon und ich hatte ja nicht das Ziel, nach Santiago zu gelangen. Zumindest zunächst nicht.
Erst gegen Ende zeichnete sich ab, dass ich den Camino France doch in Santiago beenden könnte. Allerdings durften keine Zwischenfälle vorkommen, was ja bekanntlich anders endete.
So reduzierte ich das Denken auf ein Minimum. Ich verfiel oft in ein meditatives Gehen. Keine Gedanken, kein durchspielen von Möglichkeiten, nichts. Denken und Gedanken, ein Mysterium. Mit Gedanken habe ich sowieso noch meine Probleme. Es sind mir noch keine weiterführenden Gedanken möglich.
Eine gewisse Konzentration war notwendig. Für das Gehen, das Bewegen und für die Orientierung habe ich sie gebraucht. Alles andere versuchte ich zu vermeiden.
Angestrengte Gespräche und Diskussionen am Abend unter den Pilgern führte ich keine. Das kostete mir zu viel Energie. Außerdem wurden meist zwei, drei Sprachen am Tisch gesprochen. Das war mir zu anstrengend und ich verzog mich in mein Bett. Ich ordnete alles dem Gehen unter.
Spanisch überforderte mich von Anfang an. Es war so anstrengend, dass ich mein Spanisch Wörterbuch bei nächster Gelegenheit nach Hause schickte. Wenn, dann musste Mr.Google herhalten. Einzig Englisch zu sprechen ging, war aber trotzdem schwer für mich. Ich konnte vielen Gesprächen nicht folgen, selbst Sprechen stellte oft ein Handicap dar.
Ein paar Pilger wussten über meine Probleme Bescheid. Sie gingen auf meine Problematik ein und halfen mir immer wieder. Mit ihnen ging ich auch ein Stück des Weges oder traf sie alle paar Tage wieder.
Es tat mir oft leid, dass ich vielem nicht folgen konnte und mich oft zurückzog. Aber es ging nicht anders, mein Hauptaugenmerk lag beim Gehen. Etwas anderes war mir nicht möglich.
Ich musste Energie einsparen, wo ich konnte. Mir war klar, dass ich vieles nicht erleben konnte, was den Camino ausmacht. Aber ich war ja wegen etwas anderem hier und dieses Erleben war genauso wertvoll. Wie man den Camino auch angeht, man wird so akzeptiert, wie man es möchte. Jeder kommt mit einer eigenen Motivation her.
Besonders die Städte mit ihren alten Bauten und Kirchen sind sehr schön und sehenswert. Ich möchte unbedingt wiederkommen, um auch dieses "andere" am Camino zu erleben. Gerade die Städte und Dörfer haben einen eigenen Flair, den ich nur am Rande wahrnekmen konnte.
Nun, in diesen Bereichen lagen meine Defizite am Weg. Ich habe mit meiner Behinderung und Handicap zu leben. Das ist eben anders wie früher.
Die Kultur und die Sonnenaufgänge waren zwei sehr konträre Dinge, die mich am Weg beeindruckten.
Die Kultur ist zweifellos beeindruckend, jedoch war sie in meinem Zustand nicht aufnehmbar. Ich konnte keine Kathedrale oder Kirche besichtigen, so gerne ich das auch getan hätte. Die vielen Menschen und dem Trubel bin ich, wo es ging, ausgewichen.
So wurden die kleinen Kirchen am Land das für mich liebste. Oft waren sie allerdings geschlossen. Es tat gut, in der Hitze des Tages, für eine Viertelstunde Zuflucht in der Kühle einer Kirche zu finden. In der Ruhe konnte man entspannen, sich sammeln und wieder auf den Weg vorbereiten.
Es stehen viele Kreuze am Weg. Ich nahm sie zum Anlass, kurz zu rasten. Es gab sie in allen Variationen und Größen. Oft sah man sie schon von weitem, hatte aber noch ein gutes Stück dahin zu gehen. Meist waren sie umgeben von Bäumen, daher für die Rast gut geeignet.
Beeindrucken waren auch die Brücken, die beinahe in jedem Dorf oder Stadt das Stadtbild beherrschten. Jede einzige hervorragend gebaut und manche weithin berühmt.
Ebenso sind die vielen alten Gebäude interessant. Egal ob in der Stadt oder am Land. Historische Bauten, Klöster, aber auch alte Pilgerherbergen, die schon seit Hunderten Jahren als solche genutzt werden.
Es war schade dem ganzen nicht mehr Aufmerksamkeit widmen zu können, aber ich musste auf mich und meine Gesundheit schauen. Ich werde sicher noch einmal zurückkehren und mich dann intensiver damit Auseinandersetzen. Für mich hatte das Gehen Vorrang.
Ein ganz besonderes Thema wurden für mich die Sonnenaufgänge. Das geht damit einher, dass die Pilger schon um 5 Uhr morgens anfingen, ihre Rucksäcke zu packen. Einmal munter, hielt auch ich es nicht mehr lange im Schlafsack aus.
Allerdings hatte ich bereits am Vorabend alles gepackt und für das Weitergehen hergerichtet. Auf das Frühstück verzichtete ich und war so schon lange vor den anderen am Weg.
So konnte ich die aufgehende Sonne und das flach einfallende Licht in aller Ruhe genießen und war alleine in der Schönheit der Natur unterwegs. Es war für mich die schönste Zeit am Weg und ein Nebeneffekt war, dass ich zum Frühstück in der nächsten Ortschaft bereits eine Wegstrecke zurückgelegt hatte.
Den Weg in der Finsternis zu finden war nicht schwer. Die allgegenwärtigen gelben Pfeile waren fast überall zu finden und wenn keiner war, musste man nur kurz suchen, bis man ihn fand.
Dazu gab es auch viele Wegweiser mit der Jakobsmuschel. Meine große Sorge der Orientierung war damit gebannt. Verlaufen ist damit fast unmöglich.
Der Plan zum Jakobsweg zu fahren, ist voll aufgegangen. Es tut mir so gut, mal wieder eine andere Luft zu schnuppern und mal was anderes als Therapien zu erleben. Glück und Pech liegen allerdings nah beieinander.
Seit dem Hirnabszess bin ich nicht mehr weggekommen. Nach jetzt über 2 Jahren bin ich Kopfmäßig angestanden. Die nächste Reha steht vor der Tür, ich brauchte unbedingt einmal etwas anderes für den Kopf.
Es ist wunderschön hier, mit so vielen unterschiedlichen Landschaften. Dazu meine Lieblingsbeschäftigung das Gehen. Was will man mehr?
Wie schaut nun mein Tagesablauf aus und was habe ich in Bezug auf meine Handicaps zu beachten?
Ich stehe immer sehr früh auf. Meistens zwischen 5 und 6 Uhr morgens. Da ich schon am Abend vorher alles packe, brauche ich nur die Hose anzuziehen, die Schuhe und den Rucksack zu nehmen und kann losstiefeln.
Auf ein Frühstück verzichte ich, einen ersten Kaffee gibts im nächsten Ort und wenn es gut geht, gibt es ein Croissant dazu. Vom Anfang an nasche ich von Nüssen oder anderem nahrhaftem Kleinzeug.
Die Beine sind noch limitiert, daher brauche ich meist alle 500 Meter eine kurze Pause. Meistens setze ich mich auf einen Camino-Markierungsstein, die immer irgendwo anzufinden sind. So bringe ich Kilometer um Kilometer hinter mich. Alle paar Kilometer gibt es eine längere Pause.
Hier wird dann die Jause ausgepackt oder, wenn ich Glück habe, gibts Café leche mit einer heimischen Spezialität dazu. Ich ziehe immer die Schuhe aus und trockne die Socken und die Einlagen. So bekommen die Zehen auch mal die Sonne zu sehen.
Oft war es nötig, früh zu starten. Denn die Hitze kann recht stark werden. Ab Mittag kann es dann recht ungemütlich heiß werden. Da war es gut, schon eine Herberge in Aussicht zu haben.
Ich schaue sowieso, schon ab Mittag eine Herberge zu suchen, weil meine Konzentration am Nachmittag stark nachlässt. Da ich hier Denkleistung in Geh Leistung umtausche, habe ich kaum mehr Energie für ein Weitergehen. Da heißt es aufpassen, denn die Energie kann recht schnell zu Ende sein. Dann in der Pampa zu stehen wäre blöd.
In der Herberge ist zuerst einmal Duschen angesagt. Danach geht es gleich weiter zum Wäsche waschen. Da ich ja nur mehr zwei T-Shirts habe, muss das getragene gleich gewaschen werden. Meistens ist noch Sonne, so kann es schnell trocknen.
Auch die Socken bekommen ihre Aufmerksamkeit. Ich habe mir ein drittes Paar gekauft, um leichter wechseln zu können. Auch sie werde jeden Tag gewaschen. Socken bekommen hier eine enorme Bedeutung, denn sie können uns den Tag angenehm bereiten oder zur Hölle machen.
Von Blasen wurde ich bisher fast zur Gänze verschont. Blasenpflaster nehme ich trotzdem zur Vorbeugung, nämlich an der rechten Ferse, dort wo die Maus meinen Schuh angeknabbert hat. (Siehe Instagramfeed)
Im Moment bin ich leider auf Zwangspause gestellt. Die Durchquerung von Leon habe ich nicht gut vertragen. Ungewöhnlich viele schräge Gehsteige haben meinen Füssen Muskelkater und eine Entzündung beschert.
Die Folgen des Hirnabszesses waren ja Gefühlsstörungen in Fingern und eben auch in den Füßen. Die vielen Kilometer über Stock und Stein haben mir bisher nichts ausgemacht, daher bin ich unvorsichtig geworden.
Ein paar Meter schräger Gehsteig ist kein Problem, aber die vielen Gehsteige in Leon wurden zu einem großem. Ich war unvorsichtig und dachte mir erst nichts dabei. In der Schräge zu gehen, bedeutet auch den Fuß schräg zu halten.
Ich stapfe aber wie in Skischuhen dahin. Selbst zu Hause sind kurze schräge Gehsteige eine Herausforderung. Versucht mal, ein paar Meter auf einem schräg abfallenden Gehsteig, in Skischuhen, dahin zu stapfen.
Ich überlastete dabei meine Schienbeine enorm. Nur leider merkte ich es nicht gleich. Besonders rechts, wo ich die Lähmungen hatte, war besonders betroffen. Es bildete sich eine Entzündung und die muss jetzt eben abklingen. Daher sind ein, zwei Tage Pause angesagt.
Ich wurde mir zu sicher und erlebe jetzt meine Selbstüberschätzung. Pausen und Ruhetage gehören eben dazu, genauso wie Achtsamkeit dem Weg gegenüber. Das habe ich versäumt.
Wenn es nicht in ein paar Tagen besser wird, werde ich abbrechen und nach Hause fahren. Die Reha in Judendorf steht bevor und wird mir sicher viel bringen.
Meine Erfahrungen vom Camino kann ich dabei gut einbringen. Auf viele Dinge bin ich draufgekommen, die zu Hause, in der geschützten Umgebung, ich so nicht erkennen konnte.
Glück und Pech liegen eben nahe zusammen, aber das Glück und glücklich sein überwiegt.
Es bleibt spannend in meiner Rehabilitation und sie ist noch lange nicht aus.
Ich bin noch immer am Jakobsweg, dem Camino France, unterwegs. Jetzt doch schon die dritte Woche. Eigentlich unglaublich. Ich wollte weg aus Graz, weg aus Österreich. Die Decke fiel mir auf den Kopf. Hier habe ich gefunden, was ich wollte. Ruhe und wieder zu mir kommen.
In erster Linie versuche ich an nichts zu denken. Was nicht ganz stimmt, denn die Bewegung muss nach wie vor angedacht werden. Dazu muss ich immer den Weg vor mir genau beobachten, dass ich in keine Löcher stürze oder mich sonst wie gefährde.
Das Denken ist also nach wie vor gefordert. Was allerdings wegfällt, sind die Probleme und Herausforderungen von zu Hause. Hier brauche ich mich nur um mich selber kümmern. Erst hier merkte ich, wie sehr mich das belastete.
Diese gewonnene Energie schlägt sich hier in geh Leistung nieder. Andere Übungen aus der Ergotherapie oder Physiotherapie finden im Laufe des Tages ihren Einsatz im alltäglichen Leben unterwegs.
Es tut so gut, jeden Tag mit neuem konfrontiert zu werden. Damit meine ich aber in erster Linie die Landschaft. Schmale Wege wechseln mit Breiten ab. Endlose monotone Schotterpisten mit winkeligen Trails und flache Strecken mit bergigen.
Es ist alles dabei. Genauso sind viele Farben vertreten. Blumen in allen Variationen. Es ist einfach traumhaft schön. Und ich darf das erleben. Es ist eigentlich unglaublich.
Denn das ist nicht selbstverständlich. Manch einer kann so etwas nicht nachvollziehen. Es war aber nicht klar, wohin meine Reise führt. Zu viele Unbekannte standen im Weg und stehe eigentlich noch immer.
Dieser Weg tut mir gut und gibt mir wieder Kraft auch die nächste Reha und die vielen Trainings, die bald anstehen, durchzuführen. Vor noch wenigen Wochen hätte ich nicht gedacht, hier stehen und gehen zu können. Einfach unglaublich!
Wie einem das Leben doch spielt?
Diesmal gibt es nur Impressionen vom Camino France. Ich habe hier so mit mir selbst zu tun, dass ich kaum Zeit zum Schreiben finde.
Es gibt natürlich einen Bericht, sobald ich zurück bin. Ich werde nicht den ganzen Weg nach Santiago schaffen, da die nächste Reha ansteht. Damit ist es aber noch nicht zu Ende, ich werde wiederkommen.
Es ist für mich wichtig, einen Zwischenschritt zurück ins Leben zu machen. Noch bin ich lange nicht wiederhergestellt. Die Defizite werden mir jeden Tag bewusst gemacht. An jeder Ecke treffe ich darauf.
Ich darf nicht vergessen, ich bin behindert. Damit umgehen zu lernen, ist am Camino France eine enorme Herausforderung für mich.
Man ist aber nicht alleine. Viele Menschen hier haben mit Behinderung Erfahrung oder Verständnis, daher ist es hier leichter für mich, als Zuhause. Es hilft mir auf meinem Weg zurück ins Leben enorm weiter.
Eine Hilfe sind die Menschen hier. Ich werde unterstützt und am Weg motiviert. Ich bin jedem einzelnen sehr dankbar dafür. Es erleichtert mir viel. Ich bin dankbar, den Camino France für mich gewählt zu haben.
Genau nach dem Motto von Hape Kerkeling "Ich bin dann mal weg", bin auch ich losgezogen. Der Jakobsweg hat mich schon lange fasziniert, also bin ich weg. Ungeachtet aller Probleme die ich noch habe, gehe ich trotzdem für einige Wochen den Weg.
Eigentlich ist es paradox. Ich kann keinen Schritt laufen, gehen nur mit Problemen, aber ich möchte den Jakobsweg gehen. Aber Dinge, die unmöglich klingen, haben mich schon immer fasziniert.
Ich brauche allerdings länger als die meisten dafür. Ein Drittel der Distanz, hoffe ich, machen zu können. Normalerweise geht man von Saint Jean Pied de Port in 33 Tagen nach Compostela. Ich dagegen hoffe in dieser Zeit bis nach Burgos zu gelangen, rund ein Drittel des Weges.
Angereist bin ich per Bus. Nach Saint Jean Pied de Port, am Fusse der Pyrenäen. Gleich zum Empfang schüttet es wie aus Kübeln. Das konnte ja heiter werden. Gleich am ersten Tag werde ich auf die Probe gestellt, ob ich auch wirklich alles so nehmen kann, wie es ist.
Um 5 Uhr früh wurde ich an der Haltestelle Bayonne hinausgeworfen und stand erstmal im Regen. Das ist allerdings harmlos ausgedrückt, es goss in Strömen und es sollte den ganzen Tag anhalten.
Warten half nichts, ich musste durch die Stadt zum Bahnhof. Fünf Minuten vor der Abfahrt kam ich hin. Dort die Überraschung, statt dem Zug fuhr ein Bus. Ein höflicher Zugbediensteter half mir die Karte zu lösen und durchnässt stieg ich eine Minute vor Abfahrt in den Bus. Nochmal Schwein gehabt.
Aber schauen wir Mal weiter. Es werden spannende Wochen, in denen ich nehme, was kommt. Ich werde viel erfahren dürfen und auch mir selbst wieder näher kommen. Zum ersten mal seit 2 Jahren habe ich das Gefühl wieder zu leben. 🙂
Ultreia
PS: Auf Instagram poste ich immer fast täglich, was mir so durch den Kopf geht und einmal die Woche erscheint dieser Blog.
Ich werde den Jakobsweg gehen. Na ja, zumindest den Anfang. Ich nehme es, wie es kommt. Meine Behinderungen nehme ich natürlich mit, darum setze ich mir auch kein Ziel. So weit wie ich komme, soweit komme ich eben. Ich nehme mir nichts vor. Es geht mir ums innere klar werden, um eine Luftveränderung und Auszeit, bevor es wieder mit der Rehabilitation weiter geht.
Es warten dabei einige Schwierigkeiten auf mich. Zuallererst die Kondition. Zwei Jahre sind seit dem Hirnabszess vergangen und ich konnte in dieser Zeit zwar Kondition aufbauen, allerdings nur beschränkt. Wie ich früher schon erwähnte, kann ich Kondition nur so schnell aufbauen wie sich auch die neurologischen Defizite verbessern. Das Zentral-Nervensystem reagiert nur sehr langsam, daher kann ich trainieren, was ich will, ich komme nur langsam weiter. Das musste ich im Laufe der Zeit erfahren.
Dazu tritt immer wieder Schwindel auf oder der fehlende Gleichgewichtssinn lassen mich übervorsichtig reagieren. Es hat sich seit meiner Zeit im Krankenhaus verbessert, aber ich habe nach wie vor damit zu kämpfen. Es erfordert Aufmerksamkeit in allen Lagen, die natürlich viel Energie kostet.
Und das ist es, was mich noch am meisten behindert. Ich habe noch keinen Tag erlebt, an dem ich nicht an mein Limit geraten wäre.
Kraftaufbau, Ausdauer - alles ist bei mir betroffen. Eigentlich ein No-Go für den Jakobsweg. Aber trainieren muss ich auch zu Hause. Ich gehe zum Beispiel täglich, das kann ich auch am Jakobsweg erledigen. Es gibt in relativ kurzem Abstand zahlreiche Herbergen. Das ist mit ein Grund, warum ich den Weg dort gehe. Die Infrastruktur ist wie kaum anderswo. Dieses Sicherheitsnetz der zahlreichen Herbergen nutze ich für mich, denn ich weiß nicht, wie weit ich täglich komme.
Gerade das Bergauf gehen ist nach wie vor noch schwierig. Da reicht schon eine kurze Erhebung und ich fühle mich wie ein Höhenbergsteiger. Es wird eine interessant, wie ich damit umgehe.
Aber es gibt noch eine andere Komponente. Nämlich die Geistige. Meine Hauptdefizite sind ja Kurzzeitgedächtnis und Merkfähigkeit. Ich habe Schwierigkeiten etwas im Überblick zu behalten. Das wäre natürlich besonders wichtig für die Beurteilung des Weges wie auch bei der Anreise.
Mein erstmaliger Versuch alleine mit dem Bus nach Stallhofen zu fahren endete ja im Desaster und meine Defizite sind ja nicht weniger geworden.
Ich kann mit unvorhergesehenem noch schwer umgehen. Mal schauen wie ich es schaffe.
Die Entscheidung wegen dem Material war für mich keine große Frage. Die Bekleidung nehme ich aus dem Trailrunning Sport, die ich sowieso schon in letzter Zeit verwendet habe. Bis auf wenige Sachen hatte ich alles zu Hause. Somit stand mir in Sachen der Ausrüstung nichts im Wege.
Ich bin es mittlerweile gewohnt einen Rucksack zu verwenden, weil ich die Hände frei brauche beim Gehen. Allerdings trug ich bisher maximal 2,5 kg Gewicht. Mein Vorteil ist, dass ich Trailrunner war. Dort kommt viel auf das Gewicht an. Im Laufe der Zeit habe ich leichtgewichtiges Equipment angeschafft. Das geht von der Bekleidung, bis hin zu Schlafsack oder dem Rucksack. Vieles davon hatte ich fürs Trailrunning angeschafft.
Vieles habe ich mir aber auch für das Filmen angeschafft. Gerade bei meinen Unternehmungen mit den Radzwillingen habe ich sehr bewusst aufs Gewicht geschaut. Ihre Projekte vom Meeresspiegel auf die Gipfel der höchsten Berge waren nicht nur für sie eine Herausforderung. Ich begleitete sie filmisch und das so weit ich konnte, auch am Berg. Da die Kameraausrüstung schon schwer genug war, sparte ich bei der Bekleidung und restlichen Ausrüstung ein. Das ich dieses Wissen jetzt auf eine andere Art einsetzen kann, hätte ich mir damals nicht einmal im Traum gedacht.
Vor 8 Jahren kaufte ich mir in Kalifornien einen Light Rucksack, der mir immer wieder wertvolle Dienste versah. Das ich ihn heute am Jakobsweg verwenden sollte, kam mir damals nicht in den Sinn.
Mein gesamtes Rucksackgewicht für den Jakobsweg beträgt 6,5 kg, ohne Verpflegung und Wasser. Das sollte machbar sein. Ich spüre allerdings jeden Kilo dreifach, also vom Gefühl her trage ich etwa 20 Kilogramm. Das hört sich viel an und ich gebe zu, es ist viel. Ob zu viel, das wird sich zeigen.
Einen Kilo der 6,5 machen davon die elektrischen Geräte aus. Es herrscht unterschiedliche Meinung darüber was nötig ist und was nicht. Ich würde ja gerne auf jegliches elektronische Zeug verzichten, aber ich möchte meine Gedanken festhalten und da ich noch Schwierigkeiten habe mit der Hand zu Schreiben, wird eben ein Tablet verwendet.
Dazu kommt eine kleiner digitaler Fotoapparat fürs Bloggen und Festhalten der Eindrücke. Es soll ja ein Buch über meinen Weg entstehen und der Jakobsweg nimmt darin einen besonderen Stellenwert ein.
Am Schluss darf natürlich das Handy nicht fehlen. Früher wäre ich wahrscheinlich ohne losgefahren, aber in meinem Fall stellt es natürlich einen Sicherheitsfaktor dar. Dazu brauche ich diverse Ladegeräte und Kabeln. Damit komme ich auf die 1 Kilogramm.
Soviel zu meiner Ausrüstung. Immerhin ein wichtiger Bestandteil das ich mich auf den Weg wagen kann.
Es geht darum, meinen Platz im Leben wieder zu finden. Im Moment bin ich haltlos. Der Jakobsweg kann mir dazu helfen. Ich hatte ihn schon lange auf meinem Plan, zuletzt 2016, zusammen mit Alexander Rüdiger. Wir wollten die Erlebnisse und den Spirit des Weges in einem Film festhalten. Nur drei Monate danach kam der Hirnabszess dazwischen. Ich habe somit noch einiges nachzuholen.
Etwas über zwei Jahre nach dem Hirnabszess nehme ich mir nun diese Auszeit. Diese letzten beide Jahre gab ich alles für meine Rehabilitation. Bevor es an meine weitere Wiederherstellung geht, brauche ich Erholung und gute Motivation. Der Jakobsweg ist genau richtig dafür.
Egal wie weit ich komme, allein das Gehen tut mir gut. Es ist meine Medizin und gibt mir die Kraft um den weiteren Weg zurück ins Leben zu schaffen. Ich habe keine Vorgaben und keine Anforderungen an mich, wie weit ich gehen möchte. Wenn ich merke es geht gar nicht, dann breche ich ab. Ich lasse mich auf das Abenteuer Jakobsweg ein.
Ultreia
PS: Auf Instagram könnt ihr meinen Weg verfolgen
Ich habe mit dem Schreiben ein paar Monate nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus begonnen. Zuerst war es mein Antrieb, wieder mit einem Stift Buchstaben um Buchstaben auf Papier zu bringen. Ich hatte keine Ahnung warum, aber der Antrieb war da. Ich wollte wieder Schreiben zu lernen. Schreiben als Therapie.
Schon im Krankenhaus habe ich versucht das Geschehen festzuhalten. Es blieb aber beim Versuch. Ich musste erst wieder die Technik lernen, einen Stift zu halten und Schreiben lernen.
Ich kann bis heute nur begrenzt mit der Hand schreiben. Die Finger ermüden schnell und dann wird es unleserlich. Aus diesem Grund habe ich begonnen, auf einem Tablet zu tippen. Gleich darauf kaufte ich mir eine Tastatur. Damit wurde es möglich länger zu Schreiben und die vielen Fehler auszubessern.
Der Anfang war frustrierend. Ich brauchte für jedes Wort so lange, dass ich nicht mehr wusste, was ich schreiben wollte. Ich musste mich auf jeden einzelnen Buchstaben im Wort konzentrieren. Längere Wörter brachten mich an die Grenze.
Oft lasse ich Buchstaben aus. Erst beim wiederholten Durchlesen wird es mir bewusst, dass sie fehlen. An manchen Tagen geht es besser, an manchen schlechter.
Ich schreibe mit dem Zweifingersystem. Meine Finger, wie mein ganzer Körper, sind von den Schädigungen des Zentralnervensystems betroffen. Feinheiten erledigen sind mir noch immer kaum möglich. Ich übe zwar den Umgang, aber das Aufheben einer Nadel wird zum Geduldspiel.
Das Schreiben wurde auch zur Therapie für mich. Ich versuche positiv zu schreiben und das verankert sich in mir drinnen. Es gibt mir auch die Möglichkeit zu reflektieren, was oft wichtig ist. Dadurch kann ich mein Gehirn trainieren, Gedankenwege zu finden. Ein Problem ist es noch weiterführende Gedanken zu verfolgen. Beim Schreiben muss ich mich damit auseinandersetzen. Jeder Satz wird so zur Herausforderung.
Mittlerweile haben sich bereits so viele Blogartikel, Aufzeichnungen und Notizen angesammelt, dass ich über ein Buchprojekt nachdenke. Es macht mir einfach Freude und ist etwas, was ich ausführen kann.
Zurzeit sind viele Veränderungen im Gange. Mit manchen davon komme ich nicht klar. Deshalb heißt es jetzt besonders auf meine Gedanken aufzupassen. Mit meinen Gedanken habe ich den Hirnabszess kreiert. Mit meinen Gedanken kann ich aber auch positives kreieren. Darum ist es so wichtig, was ich denke.
Veränderungen tun mir im Moment nicht gut. Trotzdem stehen sie an. Einen goldenen Mittelweg zu finden ist daher wichtig und das Umgehen wird immer wieder eine Herausforderung. Mit meinen Handicaps wird eigentlich alles zur Herausforderung. Denn es sind nicht nur die Geh- und Bewegungseinschränkungen, das schwerer wiegende ist das Gehirn.
Mit den Einschränkungen komme ich für mich klar, allerdings werde ich immer wieder vor Herausforderungen gestellt, die mein derzeitiges Potenzial weit übersteigen. So wandle ich nach wie vor oft am Limit dahin.
Auf jeden Fall bewege ich mich, Schritt für Schritt, vorwärts in ein neues Leben.
Der Hirnabszess hat mich vor zwei Jahren mitten aus dem Leben gerissen. Nichts ist mehr wie zuvor, kein Stein blieb auf dem anderen. Für mich, aber auch für meine Familie, für die sich viel veränderte. Derzeit lebe ich von einer "Pension", der sogenannten EU-Pension (Erwerbsunfähigkeitspension). Da ich noch nicht genug Zeiten zusammengebracht habe, ist es gleichzeitig die sogenannte Mindestpension.
Wie es weiter gehen wird? Ich habe keine Ahnung! Ich muss noch zu viele Fähigkeiten an mir trainieren. Es fehlt an alles Ecken und Enden. Erst wenn das einigermaßen passt, kann ich mich mit dem Beruflichen auseinandersetzen. Zu Zeit bin ich Gedanklich zu eingeschränkt.
Die Schulmedizin kann mir in solchen Fällen nur beschränkt weiter helfen. Akutfall mäßig ist sie gut, denn sie hat mir das Leben gerettet. Aber für den Weg danach, für die weitergehende Rehabilitation, hat sie nur beschränkte Möglichkeiten.
Diesen Weg kann ich hervorragend mit Alternativmedizin bestreiten, der allerdings von der Krankenkasse nicht bezahlt wird. Viele hervorragende Möglichkeiten werden von der Schulmedizin nicht anerkannt. Das ist schade, denn so vieles kann helfen. Daher wäre ein Miteinander sinnvoll.
Das bei mir so etwas eintreten könnte, glaubte und wollte ich natürlich nicht. Aber was man nicht möchte, das zieht man an. Schon in der Zeit als Radrennfahrer und Extremsportler, aber auch später in der Filmproduktion, war meine Einstellung - "Ich gehe sowieso nie in Pension!". Ich war und bin noch immer der Meinung, dass ich immer was tun werde, auch in der Pension.
Diese Einstellung hilft mir jetzt weiter und wie ich erfahren durfte, auch in Japan geht man nicht wirklich in Pension. Selbst der mittlerweile 88ig jährige Hirnforscher Eric Kandel meint, "Meiden sie den Ruhestand!"
Ich möchte auch im hohen Alter noch gestalten und Gestalter meines Lebens bleiben. Das sitzt tief in mir und möchte gelebt werden. Auch jetzt noch, nach dem Hirnabszess. Es war für mich schlimm, von einer EU-Rente abhängig zu sein.
Das war einer der schwierigen Augenblicke, so etwas annehmen zu können, neben der Behinderung. Das alles zu verstehen hat gedauert. Mit meiner verringerten Denkleistung keine leichte Aufgabe.
In Japan gibt es ein Wort: Ikigai
Es bedeutet eine große Leidenschaft zu haben, dass unserem Leben einen Sinn gibt. Haben wir dieses Ikigai gefunden, schenkt es uns Zufriedenheit und Glück. Es gibt auch ein Buch darüber. Darin stehen 10 Regeln für ein langes Leben.
Und in der Tat, es gibt kaum ein Land, wo es so viele Hundertjährige gibt. Hundertjährige, die in diesem hohen Alter noch Gestalter ihres Lebens sind.
Ein Baustein dafür ist, dass in Japan ein sehr aktives Leben im Rentenalter gelebt wird. Es gibt keinen Ruhestand und man arbeitet solange weiter in dem Bereich, der einem gefällt und solange es die Gesundheit zulässt.
Das klingt gut und ist genau nach meinem Geschmack. Nach dem Hirnabszess habe ich nicht aufgegeben, an ein weiterleben zu denken. Zunächst konnte ich nur im HIER und JETZT leben. Ich durfte erfahren, was es heißt, den Moment zu genießen.
Das habe ich bis heute beibehalten. Langsam kommen Ziele und Wünsche dazu, aber das vorherrschende bleibt das JETZT.
Es wäre ein leichtes gewesen, mit den damaligen Handicaps aufzugeben. Für mich aber war vom ersten Moment an klar, das ich weiterleben möchte, dass es weiter gehen wird, egal wie. Damals ahnte ich nicht, was auf mich zukommt.
Jetzt, zwei Jahre danach, habe ich mehr erreicht, als die meisten Patienten in ähnlichen Situationen. Vieles spielt sich dabei im Kopf ab. Erst jetzt kann ich Behinderten-Sportler verstehen, die ein glückliches und inhaltsvolles Leben leben. Ich durfte viele kennen lernen, die mir vorzeigen, dass es möglich ist, mit Handicap genauso glücklich zu sein.
Ein Fehler bei 100 km/h in einem Rennen bergab - und vorbei kann es sein. Die Gefahr ist immer anwesend. Wie oft bin ich in einem MTB-Rennen mit dem Kopf voraus vom Rad abgestiegen und haarscharf an einem Baum vorbei gesegelt oder war in andere Stürze verwickelt. Ich erlitt selten schwere Verletzungen, meistens nur Prellungen oder Schürfwunden. Es waren kleine Hinweise das etwas nicht stimmte.
Damals war einem diese Gefahr nicht bewusst und man dachte nicht daran. Später kam ich zu der Meinung, dass einem nur das geschieht, was einem zusteht. Oder anders gesagt, was man für seine Entwicklung braucht.
Früher waren die Radprofis vom Kopfschutz ausgenommen. Heute besteht auch für sie Helmpflicht und man wird schief angeschaut, wenn man keinen Helm trägt. Trotzdem geschehen auch weiterhin Todesfälle. Mit und ohne Helm. Es geschieht eben nur, was du brauchst. Das kann unter Umständen der Tod sein oder wie in meinem Fall, ein Hirnabszess.
Der Hirnabszess war früher 100 % tödlich. Seit der Entdeckung des Antibiotika ist die Überlebensrate stark gestiegen. Ich habe damit mein altes Leben nicht verloren, sondern ein neues Leben geschenkt bekommen, wenn auch mit Behinderungen.
So gesehen kann ich Dankbar sein. Dankbar aber nur, wenn ich erkenne, dass es nicht so weiter geht wie davor. Weitere Änderungen stehen noch an.
Darum ist mit „Pension = Leben ende", wie viele glauben, mein Leben noch lange nicht zu Ende. Was es auch bringen wird, ich darf dankbar sein.
Auf Instagram habe ich einen Spruch, der in einen Stein gemeißelt wurde, gepostet:
"Seid wachsam, ihr kennt weder den Tag noch die Stunde"
Steininschrift am Friedhof
Der Stein steht auf dem Friedhof von St.Bartolomäh. Dieser Spruch sagt nichts anderes, als das man voll und ganz im HIER und JETZT leben soll, also im Augenblick. Denn man weiß nie, wann es zu Ende ist.
Aufschieben bringt nichts. Wenn ich es wirklich möchte, dann mache ich es gleich.
Diesem "im Augenblick leben", bin ich lange nach gelaufen. Im Sport habe ich es noch gelebt. Du kannst als Sportler keine Leistung in der Vergangenheit oder Zukunft bringen. Es zählt nur der Moment.
Natürlich muss man lange trainieren, um ein Ziel zu erreichen. Das Ziel liegt in der Zukunft. Aber leben und trainieren tue ich im Moment. Nur er bringt mich weiter. Nur was ich JETZT mache, bringt mich dem Ziel näher.
Dann im Beruf und mit der Familie konnte ich es plötzlich nicht mehr. Die Pflichten nahmen überhand.
Oft oder meistens sind unsere Gedanken und Energie in der Vergangenheit oder in der Zukunft.
Die Wörter "dann", "sollte" oder "möchte" können gefährlich sein. Sie halten uns in der Zukunft gefangen. Wenn wir dann nicht ins JETZT wechseln können bleiben wir in Träumereien gefangen. Denn nur im Jetzt können wir gestalten.
Der Hirnabszess hat mich eindrücklich spüren lassen, was es heißt, im Jetzt zu leben. Es hält mich ab, mich zu viel mit der Vergangenheit oder der Zukunft zu beschäftigen. Ich lebe fast nur im Moment, denn dieser zählt. Daher kann ich auch aus der Behinderung viel für mich mitnehmen. Ich sehe sie nicht negativ. Sie hat mir mehr Einblick ins Leben ermöglicht, als alles zuvor.
Achtsam und einen klaren Weg für sein Leben zu finden, dass möchten wir wohl alle. Aber oft bleiben wir in der Zukunft oder Vergangenheit stecken. Suhlen uns im Mitleid und möchten bemitleidet werden. Dem zu entrinnen ist schwer.
Besser ist es, uns in Dankbarkeit zu üben. Sie macht uns gesünder und rundum glücklicher. Dankbarkeit verfestigt das Gute in uns und hält uns im positiven. Ohne Dankbarkeit bewegen wir uns in einer negativen Wahrnehmung und in einem Anspruchsdenken. Das laugt uns aber körperlich aus.
Dankbarkeit richtet die Aufmerksamkeit auf das was wir haben, anstatt uns immer wieder in dem zu verstricken was uns fehlt.
Wir fallen immer wieder in alte Muster zurück. Diesen gewahr zu werden, ist der erste Schritt zur Heilung. Ich habe mit dem Hirnabszess eine Chance für ein neues Leben bekommen. Aber nur, wenn ich meine destruktiven Gedankenmustern wahr nehmen und ablegen kann.
Dazu zählen auch nicht so sehr beliebte Themen, die ordentlich Staub aufwirbeln können. Trotz meiner Defizite ist es an der Zeit, diese anzugehen.
Die Zukunft wird weisen, ob ich am richtigen Weg bin. Einiges habe ich erledigt, anderes steht noch an. Besonders die Beziehung gehört sich angeschaut. So schön es ist, haben sich aber viele nicht so schöne Dinge eingeschlichen. Das ist eine besondere Herausforderung, der ich mich stellen muss.
Es wird sich zeigen, was ich richtig oder falsch mache. Ich habe jetzt mehr Vertrauen in mich und meine Zukunft. Ich sehe mein Leben mit der EU-Pension noch nicht zu Ende. Das wäre es nur, wenn ich nicht an mir arbeite.
Dazu habe ich schon zu lange Bewusstseinstraining gemacht und viel erfahren dürfen. Natürlich geht es jetzt sehr viel langsamer. Mein Gehirn ist noch nicht in der Lage, alles zu erfassen. Auch hier kann ich "Step by Step" gehen.
Noch kann ich nicht alles Wissen abrufen, viele Verbindungen, sprich Synapsen, fehlen dazu. Aber ich bin dran und werde manches eben neu lernen müssen. Es ist und bleibt eine spannende Zeit.
Wenn ich meine anfänglichen Posts lese, merke ich, wie ich mittlerweile mehr Erfassen kann und was weiter gegangen ist. Es spiegelt sich noch nicht so im Alltag wider, aber ich sehe einen Fortschritt im Allgemeinen.
Daher mein Resümee: Mein Leben ist trotz der Defizite noch nicht zu Ende!
Einer meiner Hashtags in Instagram Posts lautet nach wie vor: