Feinfühligkeit und Hochsensibilität dominieren meinen Alltag. Der Hirnabszess hat vieles in meiner Wahrnehmung verändert. Reizüberflutung und hohe Empathie sind die Folge. Ich muss erst wieder damit umgehen lernen.

Es geht eben nicht nur um die Bewegung, es ist auch die Psyche betroffen. Vieles schon gekonnte muss ich wieder neu lernen oder entsprechend damit umgehen lernen.

Eustress und Disstress

In meinem früheren Beruf als Videojournalist hat mir eine hohe Stressresistenz die Arbeit sehr erleichtert. Im Sport lernte ich sehr früh, mit Stress umzugehen. Erhöhte Anforderungen steckte ich gut weg. Meistens bewegte ich mich damit im Eustress. Erst die letzten Jahre, vor dem Hirnabszess, war ich immer öfter Disstress ausgesetzt.

Die Folge war ein Abschalten des Gehirns. Es begab sich in den Ruhemodus und war ähnlich einem Computerabsturz. Reparieren braucht Zeit und oft dauert auch die Diagnose länger damit, was überhaupt kaputt ist. Bei mir ist nicht nur die Bewegung, sondern auch das Denken und die Wahrnehmung verändert.

Was alles betroffen ist, kann ich nur schwer erfassen oder beschreiben. Aus diesem Grund habe ich begonnen, darüber Buch zu führen. Das Aufschreiben und Ergänzen dauert noch immer an. Vieles wird mir erst mit der Zeit bewusst. Mein Zustand ändert sich täglich und das nicht immer nur zum Positiven.

Stress
Feinfühligkeit Hochsensibilität

Multitasking funktioniert nur bedingt

Das ist das Schwierige am Training und fürs Üben allgemein. Ich brauche so viele verschiedene Maßnahmen, dass ich das gar nicht alles (an)denken kann, geschweige denn durchführen. Multitasking funktioniert immer noch nicht wirklich. Im Moment versuche ich beim Gehen mit jemanden zu reden, einen Ball in die Luft zu werfen oder nebenbei Musik zu hören. Damit werde ich abgelenkt und ich denke nicht so sehr an die Bewegung des Gehens. Ziel ist noch immer, es wieder zu automatisieren.

Seit kurzem schreibe ich mir einen Wochenplan, wo ich versuche, möglichst alles abzudecken und einzubinden. Mit Schwerpunkten und aufbauenden Phasen. Ein Trainingsplan wie früher im Sport, nur soll er mich diesmal dem Leben wieder näher bringen. So einen Plan zu schreiben ist eine Herausforderung, also eigentlich wieder Therapie. Denn ich muss mehreres andenken und versuchen unter einen Hut zu bringen. Oft nicht einfach.

 schreiben für Feinfühligkeit und Hochsensibilität

Feinfühligkeit, gut oder schlecht?

Heute geht es aber um die Feinfühligkeit und Hochsensibilität. Ein Phänomen, das mit der Krankheit gekommen ist oder besser gesagt, offen gelegt wurde. Ich bin löchrig wie ein Emmentaler Käse.

Feinfühlig war ich schon vorher und ich hatte auch eine gewisse Hochsensibilität. Das Kriterium ist, wie geht man damit um?

Ich hatte früher kaum Probleme damit und konnte es sehr gut ausschalten, wenn ich es nicht benötigte. Was Menschen in Einkaufszentren so stresst, konnte ich nicht wirklich verstehen. Jetzt kann ich aus eigener Erfahrung mitreden. Gerade große Kaufhäuser können eine Herausforderung sein.

FEINFÜHLIGKEIT UND HOCHSENSIBILITÄT

Als Videojournalist meisterte ich heikle Aufträge sehr gut. Gerade Interviews mit Menschen in schwieriger Lage waren meine Spezialität. Ich brauchte nicht viel nachdenken, konnte mich gut einfühlen und tat automatisch das Richtige. Da kamen mir Feinfühligkeit und Hochsensibilität sehr recht. Ich konnte sehr gut damit leben.

Auch auf Reisen hat es mir sehr gut geholfen. Ich war in den Slums von Agadez, Mombasas und vielen anderen Städten unterwegs. Die Begegnungen dort haben mich sehr geprägt. Ich hatte nie Angst oder gefährliche Momente erlebt. Im Gegenteil, ich wurde von den Menschen immer gut aufgenommen, behandelt oder beschützt.

Heute allerdings beeinträchtigt mich diese Hochsensibilität. Was früher so einfach zu handeln war, ist für mich heute anstrengend und belastend.

Was ist Hochsensibilität?

Ein Erklärungsansatz ist, dass der Thalamus bei hochsensiblen Personen mehr Reize als „wichtig“ einstuft, die das Bewusstsein erreichen. Eine für mich gute und logische Erklärung, was die Empfindlichkeit auslöste. Bei mir ist ja ein Abszess am Thalamus entstanden.

Thalamus
Thalamus

Es wird von einer höheren Intensität des Empfindens von Stimmungen der anderen Menschen berichtet. Man analysiert gründlicher und intensiver, mit einer Neigung zur Spiritualität. Dieses hohe spüren mit allen Sinnen wird auch als der sechste Sinn bezeichnet. Das alles kann ich auch an mir feststellen.

Der Unterschied zu damals ist, dass ich es jetzt nicht steuern kann. Ich war unter anderem Spezialist darin, mich Abzugrenzen. In meiner Zeit als Energetiker eine besonders wichtige Fähigkeit. Einerseits feinfühlig, andererseits konnte ich mich abgrenzen. Manche Energetiker nehmen die Eindrücke und Leiden ihrer Kunden zu stark an. Das führt in der Folge zu Stress und Burn-out. Damit hatte ich keine Probleme.

Bisher behandelte ich eigentlich nur den Einfluss von außen. Ein weiterer Aspekt ist der zwischenmenschliche Bereich, bzw. was in mir innerlich vorgeht. Noch kann ich nicht viel darüber schreiben. Es ist mir zu schwer, alles gleichzeitig zu erfassen. Es belastet mich aber, so viel von meinem Gegenüber zu spüren und aufzunehmen, egal ob VerkäuferIn, Partner oder Kinder. Sich abgrenzen zu lernen ist wichtig und auch, dem etwas Positives abgewinnen zu können, um daraus zu lernen.

Ausflug in die Stadt

Neben all den körperlichen Defiziten, belastet mich die Feinfühligkeit am meisten. Ich lerne langsam damit zu leben, für alle Reize so empfänglich zu sein. Manchmal nicht leicht.

Ich kann mich gut an meinen ersten Ausflug, mit der Straßenbahn in die Stadt, erinnern. Es war Spät-Herbst vorigen Jahres. Am Jakominiplatz stieg ich aus. Es war ein Schock. Straßenbahn von links, Bus von rechts, Radfahrer von vorne und überall Fußgänger. Dazu ein Klingeln und Hupen.

FEINFÜHLIGKEIT UND HOCHSENSIBILITÄT am Jakominiplatz

Mit meinem damals noch recht engen Tunnelblick war ich überfordert. Ich ließ mich neben eine Säule bringen, machte die Augen zu und versuchte mich zu entspannen. Dann wollte ich nur mehr weg von dort. Nach einiger Zeit beruhigte ich mich und ich konnte den Platz überqueren. In den Ausläufern des Stadtparks fand ich Zuflucht.

Heute ist es etwas besser

Es war damals noch zu früh für die Innenstadt. Aber wann ist zu früh? Ich wollte es ausprobieren und mich den Reizen aussetzen, um den nächsten Level zu ersteigen. Es brauchte aber damals noch Wochen, ehe ich den nächsten Versuch wagen konnte.

Das gleiche war mit dem Konzert letztens. Auch da wollte ich neues versuchen. So schraube ich immer wieder mein Limit, Stück für Stück, höher. Oder eben auch nicht. Den Faktor Zeit kann ich kaum beeinflussen.

Heute, ungefähr ein Jahr später, ist es nur um Nuancen besser. Der Tunnelblick ist unter Stresssituationen noch immer da, aber ich kann schon besser damit umgehen. Damals wusste ich nicht, was mich erwartet, heute kann ich mich darauf schon besser einstellen.

Einkaufszentrum

Dasselbe war mit meinem ersten Besuch in einem Einkaufszentrum. Der Gang durch die Eintrittspforte war schrecklich. Innerhalb vonSekunden war ich zahllosen Reizen ausgesetzt. So stelle ich mir den Übertritt in die Hölle vor.

In solchen Momenten engt sich mein Blick ein und ich konzentriere mich nur mehr auf das, was direkt vor mir geschieht. Ich neh me nichts mehr von der Seite wahr und verfalle in eine Art Starre. Von der Seite querende Menschen sind der Horror. Ich will mich nicht mehr bewegen.

Einerseits erschreckend, plötzlich so auf Reize anfällig zu sein. Andererseits auch interessant, wie  Dinge auf einmal wahrgenommen werden.

Empfehlung

Zum Thema Hochsensibilität und Feinfühligkeit möchte ich auf den Youtube Kanal von Peter Beer hinweisen, der sehr gute Aspekte zum Thema findet. Seine Videos helfen mir sehr, meine momentane Situation besser zu verstehen und positive Aspekte zu finden. Wer mehr darüber wissen möchte, kann einmal hineinhören. Es zahlt sich aus.

Ich bin noch immer am Aufarbeiten der Umstände, die das Hirnabszess verursachten, dran. Das zu verstehen erfordert Zeit. Unter anderem ist auch ein Thema die Langsamkeit. Darum bin ich in der für mich richtigen "Schnelligkeit" unterwegs. Mein Gehirn legt das Tempo vor, in dem ich mich bewegen und denken kann.

Zum Schluss noch zwei Tipps, die mir helfen, damit umzugehen:

  • Nein sagen. Dinge ablehnen. Sich dabei nicht erklären. Sofort zum Punkt kommen – nein, das geht gerade nicht.
  • Eine gewisse Tagesstruktur und Routine einführen. Man muss am Tag weniger Entscheidungen treffen und der Tag verläuft damit angenehmer und ruhiger.

Meine 11 Punkte, wie der Hirnabszess mein Leben veränderte?

Früher oder später stellt man sich die Frage:
Wie sehr hat der Hirnabszess mein Leben verändert?

Ich habe elf Punkte gefunden, die mein Leben nach dem Hirnabszess geprägt und verändert haben. Für Außenstehende mag es vielleicht nicht offensichtlich sein, doch der Hirnabszess hat mein Leben zu einem großen Teil positiv beeinflusst. Ich durfte Erfahrungen machen und Erkenntnisse gewinnen, die den meisten Menschen verborgen bleiben.

Natürlich gibt es auch Dinge, die unangenehm sind – das lässt sich nicht leugnen. Doch ohne die schweren Momente hätte ich vieles nie entdeckt, nie verstanden. Manchmal braucht es Umwege, um den richtigen Weg zu finden.

Mein Schicksal, der Hirnabszess

Man lernt, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ich könnte mit meinem Schicksal hadern, alles aufzählen, was nicht mehr geht, was mir verloren geblieben ist. Oder ich entscheide mich bewusst für den anderen Weg: den Blick auf das, was ich neu entdecken durfte, was ich anders machen darf. Ich habe mich für Letzteres entschieden.

Vieles habe ich schon in meinem Sportlerleben erlebt, doch manches glaubte ich nur zu wissen, ohne es wirklich verstanden zu haben. Erst der Hirnabszess hat mir die Augen geöffnet, hat mir gezeigt, was es heißt, Schattenseiten anzunehmen und in das Leben zu integrieren. Diese Erfahrungen, so schwer sie auch sein mögen, sind zu einer Quelle der Stärke geworden.

1. Ich lebe im HIER und JETZT

Seit dem Hirnabszess lebe ich im Hier und Jetzt – gezwungenermaßen. Doch gerade darin liegt ein Vorteil: Nicht an Zukunft oder Vergangenheit zu denken, macht es mir leichter, im Moment zu bleiben. Das Glück finde ich nur in der Gegenwart, nicht in einer fernen Zukunft, die vielleicht nie so kommt, wie man es sich ausmalt.

Schon in den letzten Jahren war das ein großes Thema für mich. Ich habe viele Bücher darüber gelesen, mich immer wieder damit beschäftigt. Doch trotz aller Theorie lebte ich zu oft in der Vergangenheit oder plante schon den nächsten Schritt, anstatt den gegenwärtigen bewusst zu erleben. Es klang gut, verstand sich leicht, doch aus meinem Gedankenkarussell auszusteigen war mir nie wirklich möglich.

Erst durch den Hirnabszess habe ich auf eindrucksvolle Weise erfahren, was es wirklich heißt, im Jetzt zu leben. Es ist keine Wahl mehr, sondern eine Notwendigkeit. Gedanken an morgen oder gestern haben keinen Platz, wenn der nächste Schritt alles ist, was zählt. Das Leben findet nur hier statt, genau in diesem Moment.

Und so finde ich in der erzwungenen Gegenwart eine unerwartete Freiheit. Die Freiheit, das Leben so zu erleben, wie es jetzt ist – ohne Gedanken daran, was war oder sein könnte. Ein einfacher Schritt, ein tiefer Atemzug, ein Moment voller Klarheit. In dieser Einfachheit liegt eine Kraft, die ich nie geahnt hätte.

Meine 11 Punkte, im Leben nach dem Hirnabszess

2. Ich habe die Chance bekommen, meine Festplatte neu zu beschreiben

Manches muss neu erlernt werden – Bewegungsabläufe, aber auch Verhaltensmuster. Doch nicht alles, was früher fest verankert war, war wirklich gut für mich. Im Rückblick erkenne ich nun vieles, was mich mehr belastet als gestärkt hat. Jetzt habe ich die Möglichkeit, bewusst umzudenken und meine „Festplatte“ neu zu beschreiben – so, wie es mir heute guttut und wie ich es wirklich brauche.

Im Grunde funktioniert geistiges Heilen genau so: Alte Muster erkennen, loslassen und durch neue, gesündere ersetzen. Das Gehirn neu programmieren, Schritt für Schritt. Es ist eine zweite Chance – ein Neuanfang, der nicht einfach ist, aber voller Möglichkeiten steckt.

Manchmal frage ich mich, ob ich ohne den Hirnabszess je die Notwendigkeit erkannt hätte, Dinge zu ändern. Vielleicht nicht. So gesehen ist dieser Einschnitt auch eine Einladung, das Leben bewusster zu gestalten und alte Pfade zu verlassen. Eine Gelegenheit, das eigene Denken und Handeln neu auszurichten.

Ich schreibe meine Festplatte neu – nicht, weil ich es will, sondern weil ich es muss. Und genau darin liegt die Chance.

3. Ich kann mein Leben völlig NEU organisieren

Abläufe, die früher automatisch abliefen, sind verschwunden. Routinen, die sich über Jahre eingebrannt hatten, existieren nicht mehr. Auf den ersten Blick ein Verlust, doch bei genauerem Hinsehen auch eine Befreiung. Vieles, was mich unbemerkt eingeschränkt hat, ist einfach weg.

Jetzt habe ich die Chance, mein Leben neu zu ordnen – nicht nach alten Mustern, sondern so, wie es mir wirklich entspricht. Warum also nicht gleich so gestalten, wie ich es möchte? Ohne die Automatismen, die mich gebremst haben, ohne die Gewohnheiten, die längst überholt waren.

Es ist, als hätte jemand den Reset-Knopf gedrückt. Eine Herausforderung, ja, aber auch eine Gelegenheit. Ich kann mein Leben bewusst formen, Schritt für Schritt. Es ist nicht einfach, diesen neuen Weg zu gehen, aber es ist mein Weg. Und ich bestimme, wohin er führt.

4. Schreiben als Therapie und an meinem Buchprojekt arbeiten (dauert halt noch)

Für den Blog zu schreiben hilft mir, die Krankheit zu verarbeiten. Es ist ein Weg, meine Gedanken und mein Tun festzuhalten und zu reflektieren. Da ich oft länger brauche, um Dinge wirklich zu verstehen, lege ich meine Gedanken schriftlich ab – um sie später, wenn die Zeit reif ist, noch einmal aufzugreifen und zu verarbeiten.

Manches halte ich gezielt für ein Buchprojekt fest. Bis zum fertigen Buch ist es jedoch noch ein weiter Weg, denn im Moment fehlt mir oft der passende Wortschatz. Für den Blog spielt das keine Rolle – hier bin ich einfach ich. Es muss nicht perfekt sein. Das Schreiben ist eine wertvolle Übung für mein Gehirn, auch wenn es lange nicht fehlerfrei ist. Die richtigen Formulierungen werden später kommen.

Oft vergesse ich, Dinge ausführlich zu beschreiben, weil mir schlicht die Worte fehlen. Doch das stört mich nicht. Wichtig ist, dass ich weitermache. Jeder Satz ist ein Schritt nach vorne, jeder Gedanke ein Baustein für das große Ganze. Schritt für Schritt wächst etwas heran – ein Buch vielleicht, aber vor allem ein Stück mehr Verständnis für meinen eigenen Weg.

Blog schreiben über die Erahrungen mit dem Hirnabszess

5. Ich kann mein Schicksal filmisch verarbeiten (vielleicht)

Hinter der Kamera

Das ist zwar noch weit weg, aber ich betrachte es als Möglichkeit. Da ich ja vom Film komme, ein naheliegendes Vorhaben. Derzeit fehlt mir der Überblick dafür. Ich kann noch immer schwer zusammenhängend und weiterführend denken. Für einen Film aber eine Voraussetzung. Vielleicht übernimmt diesen Part aber auch jemand anderes. Mir ist es derzeit einfach nicht möglich, mich damit zu beschäftigen. Mal schauen was die Zukunft bringt.

6. Ich lerne Laufen von der Pike auf (war bisher ja nur Radfahrer)

Das wird ein längeres Projekt. Ich war die letzten 2 Jahre vor der Krankheit Trailrunner, davor allerdings ein Leben lang Radfahrer. Jetzt muss ich in allem von 0 beginnen, wie ein Kind. Gerade die Technik beim Gehen und Laufen muss ich neu lernen. Das alles ist abhängig vom Fortschritt der Genesung. Gleichgewichts- und Koordinationsverbesserung sind der Grad meines Fortschrittes. Noch muss ich alles einzeln andenken, nichts geht automatisch. Ich kann keinen Schritt überspringen. Hier ist step by step angesagt, bis Gehen (Laufen) wieder automatisch funktioniert.

7. Ich habe die Muße zum Pilgern (langsames Gehen)

Langsames Gehen war lange Zeit nicht meines. Erst im Jahr vor der Krankheit begann ich Überlegungen über einen Pilgerweg anzustellen. Zu Silvias und meinem runden Geburtstag wollten wir uns mit dem Franziskusweg, von Florenz nach Rom, selbst beschenken. Es war ein Versuch, aus dem immer schneller werdenden Leben, auszusteigen. Es sollte nicht mehr dazu kommen.

Jetzt wird dieser Wunsch in mir wieder stärker. Die Muße für die Langsamkeit habe ich, Pilgern kann kommen. Ich lese Reiseführer und beschäftige mich mit dem Jakobsweg. Noch lässt es mein Körper nicht zu, obwohl der Plan in mir reift. Es ist ein gutes Zwischenziel auf dem Weg zum Laufen. Wobei der Jakobsweg eigentlich schon ein eigenständiges Ziel darstellt. Allerdings sollte die Kondition schon passen und da bin ich beim Gehen noch nicht so weit.

Kirchenfenster, Pilgern

8. Ich konnte mein Leben entschleunigen

Alles geht bei mir langsam. Bewegung, Aufmerksamkeit, Denken, einfach alles. Aus dieser Not habe ich eine Tugend gemacht. Ich konnte mein Leben wegen des Hirnabszesses entschleunigen. Ich sehe das als grossen Benefit. Manch einer sieht nur mein Handicap, meine Behinderungen im täglichen Leben. Aber dass ich damit aus dem Hamsterrad aussteigen konnte, ist vielen nicht bewusst.

Hape Kerkeling hat es schon vor Jahren vorgemacht. Mit dem Spruch und seinem Buchtitel "Ich bin dann mal weg!", hat er vielen aus dem Mund gesprochen. Immer mehr Menschen suchen einen Weg um auszusteigen, aus dieser schnelllebigen Welt zu fliehen. Auch ich suchte einen solchen, sah aber keinen und hatte nicht den Mut, es trotzdem zu tun. Das Hirnabszess regelte es dann für mich. Manchmal brauchen wir eben einen ordentlichen Hinweis, bis wir begreifen, dass ein Ausstieg doch geht.

9. Ich habe die Langsamkeit ins Leben integriert (gezwungenermaßen, tut aber soo gut)

Es gilt ähnliches wie fürs Entschleunigen. Das alles auf einmal langsamer geht, habe ich erst lernen müssen. Besonders die Bewegungen. "Zu schnell" geht gar nichts. Zeit ist nicht mehr von Bedeutung. So lange wie es dauert, dauert es eben. Schneller geht einfach nicht. "Kannst du mal schnell in den Keller Kartoffeln holen gehen?". Holen kann ich sie, aber nicht schnell.

Die Langsamkeit stellt aber auch einige Fragen:
Eine davon: "Was will ich eigentlich?"

Der Knackpunkt ist, nicht mehr so weiterzumachen wie bisher. Bei mir war für diesen radikalen Schnitt eben die Krankheit nötig. Sie definierte meinen Umgang mit Gesundheit neu. Der Lebensstil wird dem Neuen angepasst. Überlegungen wie "Was will ich wirklich?", kommen jetzt öfter.

10. Ich habe "NEIN" sagen gelernt (nicht immer und jederzeit für alle verfügbar sein)

NEIN

Das war etwas besonders Wichtiges für mich. Ich wollte immer für alle da sein. Habe immer "Ja" gesagt, auch wenn ich eigentlich  nicht wollte. Ich durfte erkennen, dass mit einem NEIN trotzdem alles funktioniert.

Aufgrund meines Handicaps muss ich oft NEIN sagen. Es würde mich sonst überfordern und oft einfache Sachen sind nicht machbar. Ich bin ja kaum belastbar. Die Krankheit brachte mir also vieles, was ich sonst kaum verändert hätte. Zu etwas "Nein" zu sagen, ist heute kein Problem mehr für mich. Hätte ich geahnt, wie einfach das ist, hätte ich nicht krank dafür werden brauchen. 😉

11. Ich genieße die Heilkraft der Natur (der neue Begriff: "Waldbaden")

Der Wald, mein Heiler

Der Wald und die Natur haben einen besonderen Stellenwert bekommen. Ich war schon immer gerne in der Natur unterwegs und genoss die Stille und Einsamkeit. Mit dem Hirnabszess bekam alles eine neue Bedeutung. Viele Menschen spüren sich nicht mehr und können so die Sprache der Natur nicht mehr verstehen. Durch meine Sensibilität und die gesteigerte Wahrnehmung kann ich die Natur jetzt noch besser wahrnehmen und aufnehmen. Ohne den Wald würde es mir jetzt noch nicht so gut gehen.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als es im Krankenhaus zum erstenmal nach draußen, in die Nähe von Bäumen, ging. Nach über 4 Monaten im Zimmer war es endlich soweit. Ich sehe und spüre noch heute, wie es mir damals erging. Ich blühte innerlich auf. Hätte ich die Bedeutung des Waldes für meine Krankheit schon damals gewusst, ich hätte mich früher in den Wald bringen lassen. Er beschleunigt die Rehabilitation enorm. Darum gehe ich auch heute fast täglich in die Natur. Ein Tag ohne Wald ist für mich wie ein verlorener Tag.

Diese 11 Punkte umfassen großteils Punkte, die ich auch schon vor dem Hirnabszess ändern wollte. Allerdings konnte ich vieles nicht umsetzen, manches nur anreißen oder ich gestattete es mir nicht. Viel zu groß schienen mir die auferlegten Pflichten zu sein. Dafür opferte ich vieles, wenn nicht alles.

 Das Hamsterrad des Lebens

Um aus dem Hamsterrad des Lebens auszusteigen, ist Mut erforderlich. Nicht jeder braucht dafür ein Hirnabszess, so wie ich.  Vielleicht kann der eine oder andere Punkt helfen, sich hin und wieder aus der schnelllebigen Zeit ein bisschen zu entziehen. Ich wünsche es Euch! 


Mein Weg "zurück ins Leben" ist noch lange nicht vorbei. Es ändert sich derzeit laufend etwas. Jeden Tag, jede Woche, jedes Monat erlebe ich neu oder denke ich neu.

Mein "unmögliches" Ziel

Eiger Ultra Trail
Filmen beim Eiger Ultra Trail

Manchmal fällt es mir schwer, auf diese Veränderungen zu reagieren. Noch im Krankenhaus habe ich mich entschieden, meinen "Weg zurück ins Leben", über den Sport zu schaffen. Mir war klar, ich muss motiviert sein, um die Therapien durchzustehen. In meinen bisherigen Trainingslagern trainierte ich für ein Ziel. Ein gewisses Rennen, eine Rundfahrt oder einen Lauf. So sollte für mich der Eiger Ultra Trail das neues Ziel sein, mit einem ernsten Hintergrund.

So wie es 2013 utopisch war in einem Jahr, an diesem Ultralauf teilzunehmen, so utopisch ist dieses  Ziel auch heute. Wenn ich mir jetzt, nach 18 Monaten, meinen körperlichen Zustand anschaue, bin ich vom Trailrunning noch weit weg. So weit, dass ich es noch nicht richtig fassen kann. Trotzdem ist und bleibt der Lauf in der Schweiz mein Ziel.

In meiner Lage an Sport denken?

Mit Sport zurück ins Leben
Eiger Ultra Trail, First

Immer wieder sind Menschen irritiert darüber, dass ich vom Laufen spreche oder gar zum Eiger Ultra Trail möchte. Und das in meinem Zustand. Das ist verständlich, denn eigentlich stehen andere Ziele an. Gehen lernen, wieder zusammenhängend denken lernen und folglich, was mache ich beruflich weiter? Außerdem, wie kann ich mich wieder in die Gesellschaft integrieren?

Natürlich arbeite ich auch an diesen Dingen. Sogar vorrangig. Sie sind ja essentiell wichtig für mich. Aber an dem Ziel "Eiger Ultra Trail" hängt ja mehr, als viele glauben. Wenn ich dort wieder laufen kann, beinhaltet das mehrere Dinge. Mein Schwindel, bzw. das Gleichgewicht, muss dort wieder funktionieren. Ich muss bis zu 20 Stunden belastbar sein und auch noch nach Stunden konzentriert über schmale Trails bergab laufen können. Das Wetter einschätzen und noch vieles mehr gehört dazu.

Das heißt, umgelegt auf den normalen Alltag, dass ich auch diesen wieder bewältigen und beruflichen Herausforderungen trotzen kann. In einem Beratungsgespräch im Juli dieses Jahres waren auch meine beruflichen Aussichten ein Thema. Mir wurde erklärt, dass es auch Einrichtungen gibt, wo ich einfache Tätigkeiten ausüben kann. Damit kann und will ich mich aber nicht abfinden.

Seit 1996 bin ich selbständig und habe gemacht, was mir Sinn gab. Die letzten 10 Jahre war ich mit Videoproduktionen über interessante Themen beschäftigt. Unter anderem auch Berichte über "Jugend am Werk" oder die "Lebenshilfe". Dort lernte ich Menschen mit Handicap kennen und den achtsamen Umgang mit Ihnen. Es waren für mich lehrreiche Beiträge. Jetzt bin ich plötzlich einer von Ihnen, einer mit Handicap.

Wie geht es weiter mit "Zurück ins Leben"?

Meine Gehirn kann sich noch immer nicht mit der Zukunft beschäftigen. Aber eines weiß es. Ich kann nicht Kisten zusammen bauen, etwas anmalen oder ähnliche einfache Tätigkeiten machen.

Darum hat der Sport für mich einen besonderen Stellenwert. Es klingt ja irgendwie absurd. Da befinde ich mich mitten in den Vorbereitungen für einen Ultra-Lauf, bekomme ein Hirnabszess und möchte danach wieder einen Ultra-Lauf laufen. Eigentlich ein Blödsinn. Aber mein Ziel bleibt ein Ultra-Lauf und das macht für mich sehr wohl  Sinn.

Denn daran hängt mein restliches Leben. Denn in Wirklichkeit geht es nicht um den Lauf, sondern darum, dass ich es körperlich schaffen kann - nicht muss. Denn wenn ich soweit bin, den Eiger zu schaffen, dann habe ich wieder die Möglichkeit, meinen Part in der Familie, als Partner und Vater, aber auch beruflich, wieder einzunehmen. Deswegen nimmt dieses Ziel einen so großen Platz ein. Gehen und Laufen lernen sind somit Zwischenziele auf dem Weg zum Hauptziel.

Meine Zukunft hängt von mir ab

Zurück ins Leben, das Gehirn entscheidet

Was ich in Zukunft erreichen möchte, hängt natürlich von mir ab. Mein Denken bleibt dabei einer der wichtigsten Faktoren, neben dem Training und den Übungen. Das Denken entscheidet, nicht nur im Sport, über Sieg oder Niederlage. Denken ist meine wichtigste Therapie auf dem Weg zurück ins Leben.

Für mich geht es nicht darum, über etwas zu Siegen. Für mich geht es darum, mit einer optimistischen, positiven Lebenseinstellung, jeden Tag aufs Neue zu bewältigen. Im Hier und Jetzt zu leben und das Annehmen der Situation, was auch immer kommen mag.

Ich muss aufpassen, nicht wie früher, vermehrt in die Zukunft abzugleiten. Das ist oft nicht leicht. Denn im Denken über die Zukunft verliere ich den Gegenwärtigen Moment. Dabei lebe ich im Jetzt. Nicht nur ich bin so einem Gedanken oft nachgelaufen. Besser ist es, eine Entscheidung so zu fällen, als wäre es die letzte. Das meinen viele Mentaltrainer mit "Auf des Messers Schneide leben!".

Ich tue mich natürlich leichter damit, habe ich doch die Erfahrung machen dürfen, am Tod anzuklopfen. Da wird das Leben gleich viel mehr wert und man macht keine halbherzigen Entscheidungen mehr.

Artikel in der "Kleinen Zeitung"

Letzten Sonntag kam ein Artikel über mein Schicksal in der Kleinen Zeitung. Die Überschrift sagt aus, wie ich vom ersten Tag an mit der Erkrankung umgegangen bin.

"Ich wusste, dass ich nie aufgeben darf und will!"

Kleine Zeitung, Krasser Jörg, zurück ins Leben
Ein Danke an die Kleine Zeitung und Thomas Neffe

Ich wurde mit dem Interview wieder an die Zeit im Krankenhaus erinnert und viele Vorfälle von damals kamen hoch.
Es waren gute und weniger gute Erinnerungen. Eine war aber besonders beeindruckend für mich. Die möchte ich hier erzählen und mich damit bei allen beteiligten Personen bedanken.

Auf der Intensivstation

Es war auf der Intensivstation und ich habe alles nicht so genau wahrnehmen können. Ich kenne keine Namen mehr und an die Gesichter kann ich mich nur sehr vage erinnern, wenn überhaupt. Das Datum weiß ich ebenfalls nicht mehr genau, es dürfte aber die dritte Woche auf der Intensivstation gewesen sein.

Ich habe in einem Beitrag meine Erlebnisse auf der Intensivstation ja schon einmal beschrieben. Dieses Erlebnis war noch nicht dabei. Ich erinnere mich jetzt wieder daran und möchte es hiermit öffentlich machen.

Überraschung auf der Intensivstation

Neurologie LKH Graz

Ich konnte, praktisch gesagt, noch immer nur liegen. Mehr war mir fast nicht möglich. Hin und wieder sollte ich mich am Bett zur Mobilität aufsetzen. Den Krankenschwestern war der Stuhl dazu lieber. Ich mochte ihn gar nicht, denn dafür war ein irrer Aufwand nötig. Und das für eine Viertelstunde sitzen, denn mehr halte ich nicht aus. So war meine erste Mobilisation. Für mich entsetzlich anstrengend.

Da kommen zwei Krankenschwestern nach dem Frühstück zu mir und eine sagt: "Jetzt haben wir was besonderes vor. Sie liegen schon so lange, jetzt gehört einmal eine Dusche gemacht!".

Zuerst war ich freudig überrascht, denn seit drei Wochen wurde ich zwar fürsorglich in der Früh gewaschen, aber ich konnte noch nie baden oder duschen. Meine Haare waren schon strähnig und verklebt. Aber dann kommen mir Bedenken. Ich bin einerseits froh, aber andererseits verunsichert. Wie sollte das denn funktionieren? Aufsetzen ist schon schwer genug, aber duschen? Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Ich soll mir keine Sorgen machen, dafür wären sie ja zu zweit, zerstreuen sie meine Bedenken. Leicht gesagt, ich kann ja kaum mithelfen. Schon alleine umdrehen ist mir nicht möglich. Ich lasse mich aber von Ihrer Fröhlichkeit anstecken und begebe mich vertrauensvoll in ihre Hände.

Zuerst muss ich aus dem Bett kommen. Es wird eine fahrbare Trage an mein Bett gerbracht und mit vereinten Kräften werde ich hinübergerollt. Vorbei an anderen Patienten werde ich in einen Raum gebracht, der mit weißen Kacheln verfliest ist. Auf einer erhöhten Fläche werde ich liegend geduscht, dass meine ich wörtlich. Denn mir selbst ist es kaum möglich einen Arm oder ein Bein zu heben, geschweige denn, selbst zu duschen.

Wasser - der Quell des Lebens

Baden in der Intensivstation

Mit Bedacht legen sie mich auf den Waschtisch und das angenehm temperierte Wasser rieselt über meinen Körper. Welch eine Wohltat! Das Haare waschen ist ein Gefühl, wie neu geboren zu werden. Jeder Handgriff sitzt, ich brauchte nichts tun, außer zu genießen.

Mit großer Professionalität gehen die beiden Schwestern ans Werk. Viele Emotionen überkommen mich. Ich lasse sie frei fließen. Aufregung und Motivation wechseln mit Frustration ab. Schmerzlich wird mir bewusst, dass ich mich kaum bewegen kann. Ich möchte mich aufstützen, knicke aber ein, der Arm ist zu schwach. Ich fühle mich als lebendiger Fleischkloß. Frustration über das Nicht-Gelingen des Aufrichtens überkommt mich. So wechseln sich meine Gefühle und Emotionen ab.

Ich finde mich mit der Situation nicht ab. So schwerfällig mein Gehirn und mein Körper arbeitet, so genau weiß ich, dass ich nicht resignieren werde. Dieses Wissen bringt mich über schwache Momente hinweg. Ich bin so froh, duschen zu können. Es ist ein erster Schritt zurück ins Leben, wenngleich das, was ich unter Leben verstehe, noch sehr weit weg ist.

Mehr als "Duschen"

Bei der  Denali Besteigung (6190m) konnte ich mich 11 Tage nicht duschen, nur begrenzt waschen. Bei -25 Grad auch kein Wunder. Es war nicht angenehm,  täglich Schwerarbeit zu verrichten und zu schwitzen. Aber es war auszuhalten, ebenso der Gestank. Hier liege ich nur im Bett und hätte man mich nicht geholt, es wäre mir gar nicht aufgefallen. Mein ganzes System ist nur auf Überleben eingestellt. Duschen ist darin nicht vorgesehen.

Danach aber war es ein Unterschied. Ich war nicht nur sauber gemacht. Mit dem Duschen wurde mir auch ein Teil der Krankheit abgewaschen. Zumindest hatte ich das Gefühl.
Den Rückweg ins Bett bekomme ich fast nicht mehr mit. Zu groß ist die Erschöpfung. Ich bin den beiden unendlich dankbar. Ihre Fröhlichkeit hat auch mich angesteckt und mir trotz meines Zustandes, wieder Optimismus gegeben.

Überhaupt waren die mich umgebenden Menschen fröhlich und freundlich. So wurde die Intensivstation kein Ort des Schreckens, sondern ich habe sie in sehr guter Erinnerung behalten.

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich dem Leiter der Neurologie, Univ.-Prof. Dr.med.univ. Franz Fazekas, sehr herzlich danken. Für fünf Monate waren die diversen Stationen mein zuhause und die Betreuung war hervorragend.

Mein Dank gilt auch allen Bediensteten der Neurologischen Station. Egal ob Intensivstation, Reha- oder Normalstation, ob Arzt, Krankenschwester, Pfleger oder Putzfrau. Ich kenne fast niemanden namentlich, aber es waren alle um mich bemüht.   

VIELEN HERZLICHEN DANK  DAFÜR!


Behindert - Wenn alles plötzlich anders ist, wie es war!

Ich definiere mich deswegen als behindert, weil ich es schlichtweg bin. Wenn ich sage „Ich bin behindert“, dann ist das kein Selbstmitleid und kein Eingeständnis von Schwäche, sondern es ist derzeit so.

Es ist nun an der Zeit, dass ich einmal über mein Handicap schreibe. Denn ja, ich habe eines (oder mehrere). Und Handicap meint, dass ich Behinderungen habe, die mir das Leben erschweren, besonders wenn ich in der Öffentlichkeit unterwegs bin. Ich muss damit rechnen, dass sich einiges eventuell nicht mehr viel verbessert.

Behindert - Wenn alles plötzlich anders ist, wie es war!

Also, was versteht man unter Handicap?

  • eine soziale (und/oder körperliche) Benachteiligung aufgrund einer Behinderung
  • Vorbelastung, Erschwerung, Benachteiligung
  • Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist.

Seit März 2016 kämpfe ich um meine Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben. Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr wie zuvor. Ich musste von 0 anfangen.

Die Vorgeschichte zum Projekt "von 0 auf 101"

Ich hatte 2014 ein Projekt vor, dass sich mit dem Beginn von 0 an beschäftigte. Damals wurde von mir die Idee des "von 0 auf 101" geboren. Es sollte meinen Weg zum Trailrunner zeigen. Mein Leben war bestimmt vom Radfahren und ich hatte mit Laufen nichts am Hut. 2013 dann der Wendepunkt. Ich filmte beim Eiger Ultra Trail für eine Werbeagentur. Die lockere Atmosphäre gefiel mir und ich entschied mich, ein Jahr später am Start zu stehen.

Mein Trailrunning-Fieber war ausgebrochen. Ich lief zwar kaum Wettkämpfe, war aber viel in den Bergen unterwegs. Für 2016 hatte ich die Teilnahme am Großglockner Ultra-Trail (GGUT) geplant. Doch es kam anders.

Eiger Ultra Trail, noch vor der Behinderung
Die Eiger Nordwand

Einschneidendes Erlebnis: Hirnabszess

Ab März 2016 stand mir ein 5-monatiger Krankenhausaufenthalt bevor. Erst Ende August kam ich mit den Nachwehen eines Hirnabszess aus dem Krankenhaus.

Die folgenden Monate musste ich mein Leben komplett von vorne beginnen. Wie ein Kind lernte ich wieder Gehen, Greifen und sogar Denken. Ich war noch viel mit dem Rollstuhl unterwegs, da ich nur wenige Meter zu Fuß zurücklegen konnte. In der letzten Woche machte man mich darauf aufmerksam, dass ich einen Behinderten Ausweis beantragen soll.

Es war schwierig für mich, den Antrag zu stellen, stand dann doch schwarz auf weiß fest, dass ich behindert bin. Damit wollte ich mich nicht abfinden. Es sollte noch drei Monate dauern, bis ich soweit war. Denn ich brauchte lange, um zu realisieren, dass ich mit meiner Rehabilitation noch länger brauche werde.

Behindert wegen Krankheit
Stunden nach der lebensrettenden OP

Mit Handicap in den Alltag

Meine Blogbeiträge behandeln in erster Linie, was ich im Krankenhaus erlebte oder was ich daraus lernen konnte. Was meine Defizite für Auswirkungen auf mich im Alltag und in der Öffentlichkeit haben, dieses Thema behandelte ich kaum. Die Öffentlichkeit eigentlich nie, denn dort halte ich mich ja kaum auf.

Und dann war er da. Mit dem Erhalt des Behindertenausweises wurde mir schwarz auf weiß bestätigt, dass ich behindert bin. Ein komisches Gefühl. Am Ausweis steht, dass mir das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zumutbar ist. Dafür darf ich gratis in Kurzparkzonen parken. Allerdings, seit März 2016 bin ich nicht mehr Auto gefahren.

Es ist zurzeit so, dass ich reaktionsfähig noch nicht in der Lage dafür bin. Es ist schwer für mich, darauf angewiesen zu sein, dass ich einen Chauffeur brauche, um wohin zu gelangen. Das war sicher die größte Herausforderung für mich, nicht mehr selbständig unterwegs zu sein, wann und wohin ich will.

Behindert im Alltag und Öffentlichkeit

Man sieht mir eigentlich kaum etwas an. Hätte ich ein Gipsbein, würde mir in der Straßenbahn jeder Platz machen oder auf der Straße ausweichen. Bei mir ist es anders. Rein äußerlich kann man kaum was erkennen. Trotzdem sind die Defizite da. Sie sind kaum sichtbar.

Die ARD Moderatorin Monica Lierhaus, von einer Hirnblutung betroffen, sagte einmal:

"Es gibt nicht nur den äußeren Teil einer Behinderung, den jeder außenstehende sofort erkennt. Von den unsichtbaren Behinderungen bekommen die wenigsten etwas mit." 

Wie recht sie hat. So geht es auch mir. Man sieht es mir nicht an, dass ich Handicaps habe. Den sie sitzen im Gehirn, schränken mich zwar ein, sind aber kaum zu sehen. Schon im Sport war ich ein eher nicht so kräftiger Typ. Daher versuchte ich mit einer perfekten Technik, die fehlende Kraft auszugleichen.

Beim Gehen lernen versuchte ich möglichst schnell, die perfekte Technik zu lernen. Die Kraft fehlt mir heute noch, aber die gute Technik bewahrt mich vorm Stürzen. Deswegen sieht man mir beim Gehen auch fast nicht an.

Wie gehe ich also damit um?

Zum Glück bin ich ein positiver Mensch und kann in jeder Widrigkeit etwas Gutes finden. Ich genieße es, dass alles langsamer geht. Natürlich fehlt mir das Laufen, aber die Langsamkeit konnte damit wieder in meinem Leben Einzug halten. Ich arbeite noch an meinem Ziel, laufen zu können. Aber es ist nicht mehr mein vorrangiges Ziel. Da alles so lange dauert, orientiere ich mich mehr an den Zwischenzielen. Das Laufen kommt damit automatisch.

Es ist ungewohnt, mich als Behinderten zu sehen und auch so zu behandeln. Besonders unter Menschen fällt es mir auf. In der Natur bin ich ich. Da ist es egal, ob ich ein Handicap habe oder nicht. Aber unter Menschen ist das nicht so. Da zählen Äußerlichkeiten sehr wohl und man fühlt sich beobachtet, wenn man sich nicht so verhält, wie es erwartet wird.

Mit Handicap eine Strasse überqueren

Es kann passieren, dass ich am Gehsteig nicht so schnell ausweichen kann oder langsam über die Straße gehe. Dazu ist meine Reaktion noch stark verlangsamt. Viele glauben dann, dass ich das absichtlich mache. Besonders Autofahrer fühlen sich schnell geärgert und reagieren sauer. Dabei gehe ich am Limit über die Strasse. Das mein Limit aber noch so langsam ist, können Sie ja nicht wissen. Mittlerweile habe ich mich gut unter Kontrolle und reagiere nicht darauf.

Vor einem halben Jahr war das anders. Mein Thalamus ist betroffen. Das hat zur Folge, dass ich meine Emotionen nicht leicht abstufen kann. Es gibt nur 0% oder 100% Emotion. Das war nicht leicht für mich. Deswegen bin ich auch kaum alleine auf die Straße gegangen. Drängte mich wer mit Hupen, schrie ich lautstark zurück. Heute geht es schon besser, weil mein Denken langsam zurück kommt. Dafür dauert alles länger, weil ich eine verzögerte Reaktionsfähigkeit habe.

Ich weiß, dass ich nur begrenzte Kraft-Ressourcen besitze, die einem Menschen ohne Behinderung nur schwer zu vermitteln sind.

Wo Licht ist, da ist auch Schatten

Ich bin ein bisschen konfus derzeit. Ich musste ausbrechen. Neues wagen. An die Grenze gehen, schauen wie weit ich komme. Dieser Test ging nicht unbedingt in die Hose, aber mir wurden meine Defizite eindringlich sichtbar gemacht. Im Wald geht es oft schon ganz gut, besonders die Aufmerksamkeit. Das mit der Stadt werde ich auch noch hinbekommen, noch stresst es mich sehr.

Der Test - Konzert "Laut gegen Armut"

Letzte Woche ging ich mit Silvia auf ein Konzert. Da es mir die letzten Tage im Wald sehr gut ging, dachte ich mir, dass möchte ich jetzt auch unter Menschen ausprobieren. Gesagt getan. Es war das Konzert "Laut gegen Armut", veranstaltet von der Volkshilfe.

Verbindung hatte ich nur zu einer Band, den Gnackwatschn. In meiner Zeit bei Puls4 habe ich sie Interviewt und als sehr angenehme Band kennen gelernt.

Lazt gegen Armut, Gnackwatschn
Die "Gnackwatschn"
Laut gegen Armut, Volkshilfe

Ich wollte das Durchziehen und mir zumuten. Ich kann mich doch nicht ewig vor anderen Menschen verstecken. Bisher wollte ich zwar das ein oder andere Mal eine Veranstaltung besuchen, habe aber jedes Mal einen Rückzieher gemacht. Es ging mir nicht gut im Vorfeld. Im Wissen, dass ich eine Sitzgelegenheit brauche, hält mich immer wieder zurück. Muss ich zu lange stehen, wird mir schwindlig und die Kraft fehlt auch noch.

Was mich auch stört, dass ich in einer Unterhaltung plötzlich nicht mehr weiter weiß. Dann fange ich zum Überlegen an und weiß nicht einmal mehr, worum es im Gespräch überhaupt ging. Früher war es mir peinlich. Jetzt frage ich einfach nach, worüber wir gerade gesprochen haben. So komisch das auch klingt. Meine Freunde haben sich daran bereits gewöhnt. Wer mich nicht kennt, ist verwundert darüber und fragt sich, was soll das denn jetzt.

Mein Leben ist oft Grenzwertig

Kurze Ausflüge in die Stadt mache ich ja immer wieder, um mich an den Lärm und die Hektik der Stadt zu gewöhnen. Es ist aber noch immer Grenzwertig. Ich ziehe mich sofort in mich zurück und wirke dann abwesend.

Beim Konzert wollte ich mich erstmals den vielen Menschen aussetzen. Ich war neugierig, wie ich auf das und die laute Musik reagieren werde.

Nervös und aufgeregt fuhren wir hin. Das kannte ich nicht von mir. Ich habe schon bei vielen großen Konzerten gefilmt und mit weltweit bekannten Gruppen Interviews geführt. Nervosität hatte ich nie. Diesmal war es anders. Ich kam mit dem Bewusstsein, dass ich ein Handicap habe. Meine Wahrnehmungen sind komplett gestört und werden von außen beeinflusst.

Die guten Tage im Wald konnten mir nur bedingt helfen. Das war eine neue Situation. Dem wollte ich mich aber aussetzen. Ich muss immer wieder meine Grenzen neu ausloten und verschieben. Mit dem Konzert war es ein neuer Schritt, den ich bisher noch nie wagte.

Der Beginn

Bereits beim Hingehen hatte ich einen unsicheren Gang. Vor der Halle waren bereits viele Leute und beim Einlass hatte ich bereits einen einsetzenden Tunnelblick. Fixiert auf Silvia, ging ich hinter ihr nach. An der Wand sah ich Sitzwürfel. Das war mein Ziel, auf das ich zusteuerte. Da ich nicht lange stehen kann, war eine Sitzgelegenheit vonnöten. Erst als ich mich hinsetzte, fühlte mich in Sicherheit. Gleich vor mir, war der Behindertenbereich. Mehrere Rollstuhlfahrer waren da.

Der Rhythmus der Musik

Konzert

Die Laute Musik war gar nicht so schlimm. Da hatte ich die meiste Angst davor und das ich womöglich noch während des Konzerts gehen musste. Auch der Rhythmus der Musik setzte bei mir ein. Lustigerweise mehr bei meiner rechten Hand, wo ich die Lähmungen hatte. Ich merkte eine Unbeholfenheit, denn ganz hatte ich die Hand nicht unter Kontrolle. Es war aber interessant, das ich so stark auf Musik reagierte. Ich werde in Zukunft mehr mit Musik arbeiten.

Das Denken war allerdings ein Problem. Ich muss noch zu viele Sachen einzeln Andenken. Deswegen war meine Hand zwar im Rhythmus unterwegs, aber es fiel mir erst auf, wenn ich daran dachte. Zu viel anderes wollte kontrolliert sein.

Hinausgehen

Als die Gnackwatschen vorbei waren, war genug. Wir brachen auf. Durch so viele Menschen zu gehen, war der pure Stress für mich. Nur reagieren, nicht agieren zu können. Es waren zu viele. Ausweichen zum Beispiel. Ich muss es erst einzeln andenken, dass ich das Bein, den Arm wegziehe, mich versuche seitlich durchzuschlängeln. Wobei, seitlich gehen, ist fast nicht möglich, da muss ich noch mehr trainieren.

Ich war meist zu spät dran. Ich laufe gegen Beine, ramme andere Menschen. Alles geht mir zu schnell. Das ist auch der Grund, warum ich noch nicht Laufen oder Trailrunning machen kann. Meine Reaktionszeit ist zu langsam. Laufen geht mir zu schnell. Ich kann nicht so schnell denken, wie ich für die Koordination dazu bräuchte.

Meine Denkkraft war aufs Äußerste angespannt und ich funktionierte nur mehr mechanisch. Das war das schlimmste für mich. Alleine hätte ich das nicht geschafft. Ich war trotzdem froh, alles so gut überstanden zu haben. Das Gehen über Asphalt zum Auto, war schleppend. Es hatte mich doch mehr mitgenommen, als gedacht.

Einmal mehr wurden mir meine Defizite wieder bewusst gemacht.

Fazit

never give up

Ja, diesmal war ich als Behinderter unterwegs. Steht auch so in meinem Behinderten Ausweis drinnen. 60% Beeinträchtigung. Und es ist noch immer so.

Da komme ich nicht dran vorbei.

Aber ich werde weiter trainieren und üben, dass wieder mehr möglich sein wird.


Das Thema Wald, Baum und Gesundheit beschäftigt mich schon länger. Noch vor'm Hirnabszess war es mein Freund Bernd, der mir ein Buch von Erwin Thoma in die Hand drückte, "Die geheime Sprache der Bäume".
Es hat mich sehr angesprochen, aber auch nachdenklich gemacht.

im Wald

Mein  Stadt - Wald  Erlebnis

Seit dem Hirnabszess hat der Wald für mich eine besondere Bedeutung bekommen. Er ist Ruhebringer, Therapeut und Kraftkammer in einem.
Einmal ist es mir besonders aufgefallen. Anders als üblich, spazierte ich diesmal von Graz nach Hause. Sonst gehe ich meist in den Wäldern rund um Stattegg spazieren. Diesmal war es umgekehrt.

Ich fuhr mit Silvia zum Einkaufen, ließ mich dann absetzen und setzte mich in ein Café um zu Schreiben. Dann kam mir die Idee, zu Fuß nach Hause zu gehen. Das habe ich noch nie gemacht, weil mich die lärmende Stadt immer sehr viel Energie kostet. Danach noch in den Wald zu gehen, vermied ich bis dato.

In der Stadt bekomme ich immer ein beengtes Gefühl. Mein Sichtfeld engt sich ein, ich bekomme den Tunnelblick. Das heißt, rechts und links nehme ich fast nichts wahr und nur ein kleiner Ausschnitt in der Mitte ist scharf. Dazu neigen sich meine Finger zu verkrampfen. Außerdem werde ich beim Gehen unsicher. Das alles führt dazu, dass ich mich in der Stadt nicht wohl fühle.

Aufgeben tut man nur einen Brief

Im Wald Heilung suchen

Ich wollte schon aufgeben, da ich dachte, heute nicht gut drauf zu sein. Diese ersten Meter auf der Straße stressten mich mehr als gedacht und noch standen mir ja drei Kilometer durch den Wald bevor.

Mit Pausen schaffte ich es bis zum Anfang des Waldes. Noch wäre ein Abbruch möglich gewesen.

Aber da war mein Wille stärker. Mit der Sicherheit, jederzeit, wenn ich nicht mehr weiter konnte, den Wald  verlassen zu können und den Bus nach Hause zu nehmen, ging ich in den Wald hinein.

Kaum war ich weg von all den lärmenden Autos, dem harten Asphalt und dem Grau der Straße, wurde ich lockerer und ruhiger. So intensiv war  mir das bisher noch nie aufgefallen. Je weiter ich ging umso ruhiger wurde ich.

Bei etwa der Hälfte des Waldstücks fühlte ich mich weit besser als noch kurz vorher, als ich in der Stadt unterwegs war, und das trotz der Strecke die ich schon zurückgelegt habe.

Der Wald therapiert mich

Bisher baute ich mit jedem gegangenen Meter körperlich ab. Diesmal war es aber anders. Ich erholte mich vom Stress der Stadt mit jedem Meter mehr. Der Tunnelblick weitete sich, was für mich am schönsten zu beobachten war. Es war das erste Mal, dass es mir so stark aufgefallen ist. Das zeigt mir, was die Kraft der Natur für eine Rolle in der Therapie spielen kann.

Das Stresshormon Cortisol verringert sich im Wald und  diese Reduktion hält über Tage hinweg an. Dafür muss man sich nicht einmal bewegen: Waldluft wirkt, auch wenn man sitzt. Abgespanntheit, Stress und Erschöpfung werden weniger. Positive Gefühle kommen auf und man wird ruhiger.

Holz versus Beton

Der Kontakt mit künstlichen Materialien verursacht einen gewissen Stress-Effekt. Auch die Stadt ist großteils künstlich. Mit Entsetzen musste ich nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus feststellen, wie viele Grünflächen in Graz verschwunden sind und wie viele alte Häuser durch moderne Hochbauten ersetzt wurden. Dieses "Alles zubauen" wird uns noch auf den Kopf fallen. Wir schaden damit unserer Gesundheit, denn wir sind nun einmal Naturgeschöpfe.

In der Stadt sind wir einer unaufhörlichen Reizüberflutung ausgesetzt. Das ermüdet. In der Natur hingegen ist die Aufmerksamkeit auf nur wenige Reize gelenkt. Die mentale Erschöpfung können wir in der Natur kurieren, in der Stadt nicht. In jungen Jahren fällt uns das nicht so auf, da können wir diese Reize noch locker abwehren. Aber wenn wir älter werden, da schlägt es dann umso härter zu. Burn Out und andere psychische Erkrankungen nehmen dann zu. Alles eine Folge unseres schnellen Leben.

„Wir wurden so geschaffen, dass wir in eine natürliche Umgebung passen, wenn wir uns inmitten der Natur aufhalten, werden unsere Körper wieder zu dem, was sie einmal waren.“ 

Zitat: Yoshifumi Miyazaki, Direktor des Zentrums für Umwelt, Gesundheit und Agrarwissenschaft von der Universität Chiba.

Das Breibandheilmittel Wald

Auch ich spüre, dass mir der Wald helfen kann. Gerade mit den Folgen des Thalamus-Abszesses, wie etwa Gleichgewichtsstörungen, Schwindel, aber auch der kognitiven Fähigkeiten. Im Wald ist alles mehr Lust statt Trainingseifer! Der Waldspaziergang ist ein Breitbandheilmittel, wie kaum etwas anderes.

"In einer Befragung von 355 Reha-Patienten in zehn Kurorten gaben mehr als drei Viertel der Befragten an, dass neben den ärztlichen Bemühungen das Spazieren im Grünen am meisten zu ihrer Gesundung beitrage."

In Fernost ist man gerade eifrig dabei, Wälder in Therapiezentren umzuwandeln. Eine tolle Idee. Ich weiß noch, wie ich im Aufenthaltsraum der Neurologie saß. Ich blickte durch die Fensterfront auf den Leechwald. Wie sehr habe ich mir damals gewünscht in den Wald gehen zu können. 5 Monate sah ich ihn nur durch die Glasscheibe hindurch. Doch auch das war irgendwie heilsam.

Darum kann ich nur ermuntern: Geht so oft es Euch die Zeit erlaubt in den Wald!


Welche Bedeutung hat der Sport für mich und meine Gesundheit nach der Krankheit bekommen. Ist er eine Motivation für mich?

Kann ich das, was ich mache, überhaupt Sport nennen oder ist es nur Therapie? Egal, wichtig ist, dass ich mich bewege. Motiviert bin ich, wenn ich ein Ziel sehe! Ohne Ziel, keine Motivation.

Hindernisse um mich herum

Stiegen steigen als Sport

Ich bin umgeben von Hindernissen. Am Anfang ragten die Stufen überall in die Höhe und der erste Stock glich einer 8000er Besteigung. Jede kleinste Kante wurde zu einem für mich fast unüberwindbaren Hindernis. Heute, ein Jahr später, sehe ich meinen Anfang nur mehr verschwommen. Die Stufen und Kanten sind kleiner geworden, aber sie sind noch immer da. Diese Hindernisse schienen am Anfang unüberwindbar zu sein.

Deswegen setzte ich mir mit dem Eiger Ultra Trail ein großes Ziel. Es war 2014 meine erste Ultra Trail Teilnahme. Er ist noch weit weg, so weit, dass ich ihn fast nicht sehen kann. Aber er ist immer in meinem Hinterkopf. Auch in Momenten wie gerade zur Zeit. Ich habe das Gefühl, es geht nichts weiter.

Dann helfen mir die inneren Bilder und motivieren mich wieder. Objektiv darf ich nicht an meinem Zustand denken, ich würde daran verzweifeln und aufgeben. Mit einem Ziel vor Augen ist alles sinnvoller und gibt mir Mut.

Stiegen steigen ist noch immer schwer

Adams Peak - Sri Lanka

Stiegen sind auch heute noch ein eigenes Kapitel. Kaum gehts wo rauf, bremst es mich ein. Stufe um Stufe muss ich erklimmen, mich auf jede einzelne konzentrieren. Schnaufend geht es hoch. Das kann frustrierend sein, denn eigentlich will ich schon weiter sein. So schwanke ich zwischen Frustration und Hoffnung, aber auch Dankbarkeit, dass ich überhaupt Gehen kann. Ein Wechselbad der Gefühle.

Ich denke immer wieder an die über 6000 Stufen auf den heiligen Adams Peak in Sri Lanka. Selbst Geh-Behinderte wagen den Aufstieg und brauchen 2 - 3 Tage. Auch hier ist Motivation ein wichtiger Punkt. In diesem Fall hat es religiöse Gründe. Nach buddhistisch-singhalesischem Glauben sollte jeder gute Buddhist diesen Berg zumindest einmal im Leben besteigen.

Der Thalamus - die Schaltzentrale im Gehirn

Bei einem Hirnabszess reagiert jeder anders, kein Fall ist gleich. Es ist entscheidend, wo das Abszess sitzt. Bei mir war es ein Thalamusabszess. Der Thalamus ist eine wichtige Schaltzentrale für Sensorik und Motorik. Er entscheidet, welche der eingehenden Informationen im Augenblick für den Organismus so wichtig sind, dass sie ins Bewusstsein gelangen sollen.

Ist der Thalamus betroffen, können Psychische Störungen mit Minderung der Aufmerksamkeit, Reizbarkeit, Ungeduld und Schreckhaftigkeit auftreten, sowie einer herabgesetzten Sensibilität der Haut und einer Störung der Tiefensensibilität. Das hat sich bei mir durch Verletzungen bemerkbar gemacht, die ich nicht bemerkte.

Der Thalamus ist verantwortlich für die Steuerung und Regelung der allgemeinen Empfindsamkeit (Sensibilität). Daher meine Probleme beim Greifen, Gehen und wieder Laufen können. Trailrunning muss noch eine Weile warten.

Vergleichen tut nicht gut

Vergleichen

Ich darf nicht mehr vergleichen. Ein Vergleich zu früher hinkt eben. Das, was ich jetzt zu Leisten imstande bin, hat mich früher nicht einmal aus dem Bett hervor geholt. Sprich, was heute mein Limit ist, machte ich nicht einmal zum Aufwärmen. Aber jetzt zählt eben etwas anderes.

Der körperliche Zustand ist derzeit einer ständigen Veränderung unterworfen und das nicht immer aufwärts, wie bei einem Beinbruch. Das Training, bzw. die Fortschritte, gehen eben nicht in dem Tempo, wie ich es früher vom Rad- oder Lauftraining gewohnt war. Das ist nicht immer leicht zu verstehen.

Mein ganzes Leben wurde bisher vom Sport begleitet. Daher mache ich auch jetzt Sport, auch wenn es in nur geringem Maße möglich ist. Der Sport motiviert mich. Ich zähle auch Ausflüge in die Stadt dazu, wie ich es vor kurzem auf Instagram gepostet habe. Denn die Anstrengung ist immer die gleiche, egal was ich mache. Alles ist Training.

Gehen, mein täglicher Sport!

Gehen, mein täglicher Sport

Am Anfang stellte schon eine Gehstrecke von 15 min. eine gewaltige Herausforderung dar. So lange dauerte es, bis ich vom ersten Stock unten war, die ersten Schritte auf der Straße machte und alles wieder zurück. 15 Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen.

Es sollte Wochen dauern, bis ich mich an die Steigung hinauf zur Landesstrasse wagen konnte. Normal ein Weg von ein paar Minuten, damals für mich 30 Minuten. Es dauerte dann wieder Wochen, bis ich auch diese Steigung schaffte. Nach mehreren Monaten war ich dann zum ersten Mal im Wald.

Wenn man der WHO glauben kann, soll man täglich 10.000 Schritte tun. Da bin ich allerdings noch weit entfernt davon. Es ist ein Richtwert, um gesund zu bleiben. Natürlich hängt es von der Intensität ab. Aber 10.000 Schritte sind ein guter Anhaltspunkt. Ich selbst habe gemerkt, wie mir die Bewegung gut tut. Wer täglich eine Stunde zu Fuß unterwegs ist, steigert die eigene Fitness spürbar. Empfohlen werden 30 bis 60 Minuten täglich. Dem kann ich mich nur anschließen.

In der Vorbereitungszeit auf die Denali Besteigung 1996, machte ich alle Besorgungen in Graz zu Fuß. Oft führte mich mein Weg quer durch die Stadt. Zusätzlich zur Bewegung in meinem Job als Landbriefträger, kam ich auf 20 bis 30 Kilometer zu Fuß am Tag, zusätzlich zum Radtraining. Gehen hat eine Vielzahl an Auswirkungen auf die Gesundheit. Deswegen ist es mir auch so wichtig.

Meine 8 Punkte, warum Gehen für mich einen hohen Stellenwert hat

  • Es trainiert den Gleichgewichtssinn
  • Stärkt die Gelenke und Muskulatur
  • Lindert Gelenks- und Rückenschmerzen
  • Kurbelt die Verdauung und den Stoffwechsel an
  • Verbessert die Herzgesundheit
  • Stärkt das Immunsystem
  • Bewirkt die Ausschüttung von Glückshormonen
  • Hilft gegen Angst und Depressionen

Alles Punkte, die für mich wichtig sind. Gehen hat für mich einen besonderen Stellenwert bekommen. Es bedeutet für mich auch Freiheit oder besser gesagt, wieder Selbständig zu werden. Auf niemanden angewiesen zu sein, wohin gebracht zu werden.

Aber es gehört auch noch anderes dazu. Ich möchte nicht sagen, dass ich es nicht beachtet habe, aber in letzter Zeit habe ich es sicher mehr in den Hintergrund verschoben. Nämlich die Hände. Ich bin meist so beschäftigt mit dem Gehen lernen, dass ich spezielle Ergotherapie-Übungen für die Hände und Finger ausgelassen habe.

Einerseits weil ich mit den Anforderungen des Gehen voll ausgelastet bin, andererseits der Schleier der Krankheit noch immer über mir liegt und sich immer wieder etwas verändert.

Frustpotenzial mal hoch, mal niedrig

Milchflasche

Der Frust oder der Ärger, etwas nicht zu können, ist allgegenwärtig. Es sind die alltägliche Dinge, die Ungeduld auslösen, wie zum Beispiel Schuhe binden. An manchen Tagen geht es gut, an manchen nicht. Vielleicht verwende ich deshalb so gerne meine Trailrunning Schuhe, weil die Quicklace Schnürung mir das Leben leichter macht. Es geht ja auch darum, etwas zu finden, was mir den Alltag erleichtert. Dem ist aber nicht immer so.

Milch- oder Saftpackerln sind eine weiteres Herausforderung. Es reicht nicht, nur den fummeligen Schraubverschluss zu öffnen. Nein, es gibt auch noch einen zusätzlichen Plastikring, so dass man mit Sicherheit den Inhalt verschüttet. Daher gibt es bei mir die Milch vom Bauern, in einer Flasche, mit der ich klar komme. Saft besorge ich am Bauernmarkt, der zugleich hervorragendes Brot hat. Da ersparen sich Silvia und ich den Weg in den stressigen Supermarkt.

Aber auch das Kochen kann frustrierend sein. Ungelenkiges Handhaben von Schüsseln, produziert ständig einen Sauhaufen beim entleeren oder umschütten. Ich koche gerne, aber wenn nichts gelingt, benötigt man ein hohes Frustpotenzial, um damit klar zukommen.

In der Reha meldete ich mich für die Kochgruppe. Einerseits ist Kochen super Ergo-Training, andererseits darf ich nur unterstützend helfen. Backofen vergessen, Herdplatte eingeschalten lassen, anbrennen lassen, Verbrennungen an den Händen - Dinge die noch nicht in den Kopf möchten. Da hat sich seit den Rehas leider nicht viel getan. Aber ich arbeite daran.

Resümee

Trailrunning und Slow Zeitschriften

Um zurück zum Sport zu kommen, ich sehe all diese Dinge als sportliche Herausforderungen. Sicher, die eine oder andere Frustration gibt es immer wieder. Doch im Allgemeinen kann ich sagen, dass ich immer bestrebt bin, dass Beste aus jeder Situation zu machen und oft lache ich über mich selbst und meine Ungeschicklichkeit, die ich bei meinen Kindern immer kritisiere, wenn wieder alles voll gekleckert ist.

Die Trailrunning und andere Zeitschriften helfen mir auch, mich wichtiger Dinge zu erinnern. Gerade die Beiträge über Stabilitätsübungen, die fürs Trailrunning propagiert werden, sind wichtige Impulsgeber dran zu bleiben.

So hat der Sport also noch immer eine wichtige Funktion für mich, wenn auch einige Etagen tiefer. Aus Stunden wurden eben Minuten.

Aber das wichtigste ist:

"Never give up!"

...und als ehemaliger Briefträger würde ich sagen:

"Aufgeben tut man nur einen Brief!"


Was mich der Hirnabszess über Entschleunigung lehrte

"Wer die Zukunft nicht mehr absichern kann, wird gleichsam gezwungen, im Augenblick zu leben."

Entschleunigung ja, aber ich hab ja keine Zeit dafür. Das war meine Einstellung vor der Krankheit. Gerade in den letzten Monaten ist der Ruf nach Entschleunigung bei mir immer lauter geworden und das Thema war auch in den Medien immer stärker präsent.

"Mit Entschleunigung wird ein Verhalten beschrieben, aktiv der Beruflichen und Privaten „Beschleunigung” des Lebens entgegenzusteuern, d. h. wieder langsamer zu werden oder sogar zur Langsamkeit zurückzukehren."

Ich dachte natürlich darüber nach, fand aber keinen Weg für mich, ihn auch umzusetzen. Ich war getrieben vom System und meinem Anspruch, alles perfekt zu erledigen zu wollen.

Immer mehr Druck in der Arbeitswelt

Der Druck in der Arbeitswelt nahm die letzten 10 Jahre rapide zu. Das geschah unter anderem auch dadurch, dass immer weniger Leute mehr leisten müssen. Als Videojournalist und in der Videoproduktion tätig, kam auch ich immer öfter an meine Grenzen.

Ich hetzte durch den Arbeitstag und nahm mir nicht mehr die Zeit, Feierabend zu machen. Es gab schlichtweg keinen Feierabend mehr. Ich stellte mir auch nicht die Frage - Wofür? Ich hatte einfach keine Zeit dafür. Dachte ich!

Rationalisierung

Altstadtkriterium Graz, mit Jean Kelly

Die Rationalisierungswellen in der Arbeitswelt erlebte ich schon vor über 20 Jahren bei der Post mit. Als Landbriefträger war der Plausch mit älteren Menschen, für die der Briefträger oft die einzige Ansprechperson war, gang und gebe. Der (Zeit-)Druck wurde aber immer größer und man hatte kaum noch Raum für Gespräche.

Es war mit ein Grund, warum ich die Post nach 14 Jahren verließ. Ich ging in den Sport und bekam damals viel zurück. Den Schritt vom Beamten in eine ungewisse Zukunft als Sportler, habe ich nie bereut.

Heute sind wir soweit, dass in der Arbeitswelt die Zeiten für Innehalten, Besinnung und Regeneration kaum existieren oder abgeschafft wurden. Yoga und Angebote für Auszeiten stehen daher besonders hoch im Kurs, um den Druck in der Arbeit und des täglichen Lebens auszuhalten.

Im HIER & JETZT leben

Hier & Jetzt

Ganz entspannt im Hier und Jetzt zu leben, ist vielen nicht mehr möglich. Gerade das Hier und Jetzt wurde bei mir ein Thema. Es war mir bewusst, aber......! Ja, dieses ABER. Dieses Wort zeigt uns die Verhinderer auf, denen wir die Macht überlassen. Es sind einzig allein Ausreden, warum etwas nicht geht.

Total verspannt, bewegte ich mich nur mehr im WENN und ABER. Wer aber nicht inne hält, wird haltlos. Nicht nur in der Arbeit, auch in der Partnerschaft. Der Sinn fehlt und macht alles nur schwer erträglich. Da sind schon kleine Heraus- und Anforderungen schnell zu viel. Was gilt es aber zu Erkennen: Es sind nicht die hohen Anforderungen, das Arbeitstempo oder die Zeitdauer schuld, sondern es ist der Mangel an Sinn.

Ich erkannte zwar das Problem, aber das was ich tat, war für den Körper maximal Schadensbegrenzung. Und nicht einmal das, denn das Hirnabszess zeigte mir sehr machtvoll auf, dass Zuviel, eben Zuviel ist. Eindrucksvoll zeigte es mir auf, wo meine Grenze lag.

Die Krankheit zwang mich in den Augenblick. Es gab nichts anderes mehr, als das HIER und JETZT.

Aber hätte ich es verhindern können?

Naja, die fehlende Entschleunigung war nicht das einzige Problem, sie hatte aber einen wesentlichen Anteil daran. Es müssen schon mehrere Dinge zusammenfallen, damit ein Abszess entstehen kann und besonders im Gebirn. Die Entschleunigung war nur ein Teil davon.

Die letzten Jahre produzierte ich, neben Puls4, auch für einen kleinen Privatsender in der Steiermark die Sendung. Zuletzt aber nicht nur die Beiträge, nein, ich ließ mich dazu überreden, aufgrund Personalmangels, die Sendungszusammenstellung zu machen.

Das war fatal. Es artete für mich in Stress aus. Ich kam selten vor 2 Uhr Nachts ins Bett und war um 6 Uhr wieder auf. Den Moment als es kippte, habe ich übersehen. In meinem Pflichtbewusstsein tat ich weiter, weiter und immer weiter.

Für Entschleunigung hatte ich keine Zeit, oder besser gesagt, ich nahm sie mir nicht. Mein Pflichtbewusstsein war größer. Damit nahm das Unheil seinen Anfang  und ich tat nichts dagegen.

Auf was kann ich also schauen, damit ich nicht vom Weg abkomme?

Zunächst einfach einmal alles langsamer angehen. Sich Zeit lassen und keine Hektik aufkommen lassen. Ich selbst lebe seit dem Hirnabszess noch immer im Hier und Jetzt. Meine Bewegungen, meine Reflexe und mein Denken ist von Langsamkeit geprägt. Eine Auswirkung der Krankheit, dem Hirnabszess. Das Gehirn läßt auf einmal nichts anderes mehr zu. Ich befasse mich nur mit der Sache, die ich im Augenblick mache. Alles andere hat für mich Konsequenzen. Multitasking funktioniert nicht mehr.

Ich musste erst lernen, die Langsamkeit aushalten. Zum Beispiel, einmal bewusst Gehen, statt zu Laufen. Mein Ziel ist zwar wieder zu Laufen, aber ich habe die Vorteile des Gehens wieder gefunden. 

...oder des Kaffeemahlens

Ich mahle zu Hause schon seit mehreren Jahren mit einer von Hand betriebenen, alten Kaffeemühle. Im ersten Augenblick klingt das nach mehr Mühe, aber dem ist nicht so. Es ist ein Ritual daraus geworden und zwingt oder ermahnt mich, zur Langsamkeit. Kaffee trinken bekommt eine neue Qualität, eine Qualität der Auszeit.

Entschleunigung Kaffe mahlen

Auch der Sport sollte öfter, mehr bewusst gemacht werden. Pulsgurt, Schrittzähler und Smart-Phone, mit den diversen Apps, lassen uns hektisch alles aufzeichnen. Wir sind mehr darum bemüht alle Daten zu bekommen, als dass wir die Natur und uns selbst wahrnehmen.

Die Natur, der beste Heiler

Wald und Wiese

Nicht nur der Körper, auch das menschliche Gehirn kann mit diesem Tempo auf Dauer nicht Schritt halten. Schon kurze Aufenthalte im Grünen lindern Stress und Depressionen, stärken das Selbstwertgefühl und hellen die Stimmung nachhaltig auf. Eine kostenlose Behandlung ohne Medikamente und langwierige Sitzungen.

Dazu ist die Natur wertfrei. In der Stadt urteilen wir nur allzu schnell in schön, hässlich, nützlich, unnütz, gut und schlecht. In der Natur gibt es das in der Regel nicht. Denn sie ist, was sie ist. Und man ist selbst Teil davon.

Meine Punkte, die mir bei der Entschleunigung helfen

  1. Öfter auch einmal "nein" sagen.
  2. Digital Detox, mit Computer und Handy sorgsam umgehen
  3. Im Hier&Jetzt leben.
  4. Auszeiten nehmen, um leichter herunterzukommen.
  5. In die Natur gehen, entspannen und heil werden.
  6. Zeitfresser eliminieren, was hält mich vom wesentlichen ab.

Diese Punkte helfen mir, das Leben besser zu leben. Und es ist besser, nur einen einzigen Punkt umzusetzen, als gar keinen. Die Abwärtsspirale gehört unterbrochen.

Folgende Fragen können helfen

Für mich sind es mittlerweile wesentliche Bestandteile meines Lebens, auf die ich draufkommen soll.

  • Was interessiert mich wirklich?
  • Wo will ich wirklich dabei sein?
  • Als wer will ich gelten?
  • Halte ich es mit mir selbst aus?

Hier noch der Verweis auf einen Artikel, der die Beschleunigung und Langsamkeit der Zeit zum Thema hat. Eine sehr interessante Betrachtungsweise von Karlheinz Geißler, Soziologe   "Zwischenmenschlichkeit braucht Langsamkeit"  

Was sind denn Eure eigenen Verhinderer, die Euch aufhalten? Mit den Worten, die nach  "...., aber..." fallen, kann sich jeder diese Frage stellen und vielleicht gute Antworten bekommen.

"Langsamkeit macht Angst, Schnelligkeit auch!"

Also wünsche ich Euch, dass ihr und ich, den Mittelweg finden und sich Entschleunigung einfinden.

Alles Gute und bis bald!

Jörg


Diese Woche haben mich zwei Meldungen beschäftigt, die mir wieder bewusst gemacht haben, was für mich derzeit im Leben wichtig ist.

Als erstes war es ein Facebook Posting von  meinem ehemalige Kollegen bei Puls4, Florian Danner. Er befindet sich gerade auf einer #wahlwanderung durch Österreich, von Meiningen (Vorarlberg) nach Deutsch-Jahndorf (Burgenland). In seinem Post vom 19. September schreibt er unter anderem:

+ Lektion: Nur in Tagesetappen denken - und nicht weiter. Alles andere schlägt sich aufs Gemüt...

Florian Danner
Länge des Weges

Wie recht er hat! Es ist auch mein Thema derzeit. Langsam kommt das Denken wieder und ich beginne zu viel zu denken. Zum Beispiel über meine ungewisse Zukunft. Aber wozu sich Sorgen um etwas machen, was noch nicht einmal da ist. Gerade im Extremsport bin ich schon früher solche Wege gegangen. Ob beim Iditabike in Alaska (300 km bei -35°) oder der Crocodile Trophy in Australien (3000km). Die Länge des Weges durfte ich nie thematisieren. Das gilt auch für meine jetzige Erkrankung.

An solchen Erlebnissen und was ich daraus gelernt habe, erinnert mich zum Beispiel Florians Wanderung. Meine Erinnerung an früher ist noch nicht in vollem Umfang da. So helfen mir andere Menschen mich immer wieder, mich daran zu erinnern. Es wird mir dadurch immer mehr bewusst.

Die Länge des Weges gilt besonders für meine Rehabilitation. Es darf kein Thema sein und auch nicht werden. Es braucht so lange wie es braucht. Das ist eben ein Spagat zwischen Geduld und Ungeduld. Ich brauche ein bestimmtes Maß an Ungeduld. Es ist mein Antrieb weiter zu tun, mehr zu wollen. Aber sie darf nicht überhand nehmen. Tut sie das, kommt schnell Frustration hoch, weil es einem nicht gelingt. So heißt es genau Balance nehmen. Viele Menschen haben mit denselben Problemen wie ich zu tun, sind nicht in ihrer Mitte und kämpfen täglich dahin. Auch bei mir war es so und Krankheit die Folge.

Bewusst Gehen

Der zweite Artikel der mich ansprach, war ein Beitrag von Christof Herrmann, der den Blog einfacherleben.de betreibt.

Er beschreibt im Beitrag, wie wichtig Gehen für unsere Gesundheit ist. Der Artikel ist schon über viereinhalb Jahre alt, hat aber von seiner Wichtigkeit nichts verloren. Für mich hat das "Gehen lernen" derzeit Vorrang vor allem.

Gehen ist gesund

Ich habe mir erlaubt, die Gründe dafür, von seinem Blog zu kopieren. Ich kann mich damit identifizieren.

  • Verhindert Krankheiten wie z. B. Herz-Kreislauferkrankung, Rückenschmerzen, Diabetes mellitus, Krebs, Arthrose, Osteoporose, Allergien und Depressionen.
  •  Heilt oder lindert diese Krankheiten.
  • Beugt Übergewicht vor bzw. hilft beim Abnehmen.
  • Steigert das Wohlbefinden und Selbstvertrauen.
  • Verbessert die Leistungsfähigkeit und Fitness.
  • Sorgt für einen guten Schlaf.
  • Hilft Geld zu sparen, da Auto und öffentliche Verkehrsmittel weniger benutzt werden.
  • Entlastet die Gesellschaft, da sie sich um weniger Kranke kümmern muss.
  • Trägt zum Umweltschutz bei, indem fast keine Ressourcen verbraucht und Emissionen verursacht werden.
  • Verringert den Lärm, denn schließlich ist das Gehen die leiseste Fortbewegungsart.

Verbesserte Gesundheit durch Gehen

Den Punkten kann ich mich nur anschließen. Jeder einzelne Punkt trifft auf mich zu und deswegen hat Gehen, aber auch Laufen, einen so hohen Stellenwert für mich. Da kommt aber auch die Ungeduld ein bisschen hervor. Ich kann noch nicht so viel, wie nötig wäre. Die WHO empfiehlt zum Beispiel 10.000 Schritte täglich, das entspricht etwa 6-7-Kilometer täglich. Für mich einmal die Woche möglich, täglich wäre unmöglich.

Beim Gehen versuche ich oft, die Strecke die ich schaffe, zu verlängern. Aber es geht halt nicht immer und die Tagesverfassung ist verschieden. Aber ich komme weiter wie vor einem Jahr und in einem Jahr komme ich weiter wie heute. Und irgendwann werde ich auch Laufen. Aber darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Denn es ist gut so wie es ist und wäre es das nicht, wäre es trotzdem so.

bewusst gehen

Gerade die letzten Jahre vor dem Hirnabszess war ich körperlich fit. Mehrere Stunden zu Laufen waren kein Problem. Trailrunning war meine große Leidenschaft. Das war von einem Tag zum Anderen vorbei. Fünf Monate im Bett liegen gingen nicht spurlos vorüber. Und das muss ich mir immer wieder bewusst machen und vor Augen halten. Das ich vor einem Jahr bei Null begonnen habe. Und Null heißt nicht nur zu Gehen, sondern die ganze Koordination des Körpers wieder lernen. Das braucht eben noch Zeit.

Das Laufen am Stand praktiziere ich übrigens noch. Es fühlt sich gut an und ich werde es einige Zeit beibehalten. Bevor ich mich dann vorwärts bewege, muss ich noch am Gehen feilen. Der rechte Fuß bleibt noch ab und zu am Boden hängen, auch am Asphalt. Das ist durch die Lähmungen hervorgerufen, die ja rechts bestanden. Das Heben der Fußschaufel gehört noch mehr automatisiert. Ein Sturz passiert zu leicht.

Blog empfehlen

Am Schluss möchte ich nicht verabsäumen, auf den Blog >diedanners.com< ,von Florian und Christina Danner hinzuweisen. Berichtet wird über den Familienalltag von Florian und Christina, sowie ihren Erlebnissen mit Theo (5) und Noah (18 Monate). Echt lesenswert. Wer ebenfalls Kinder hat, wird sich da und dort wiederfinden.

Viel Spaß mit dem Blog und auf in eine neue Woche,
euer

Jörg
 


Ich habe derzeit 8 Punkte, wie ich "von 0 auf 101" kommen werde.

Die Sommerferien sind vorbei, die Kinder in der Schule und ich habe wieder regelmäßiger Zeit meine Übungen zu absolvieren. Ich habe lange gebraucht, um dahin zu kommen, wo ich jetzt stehe. Ich konnte mir jeden Punkt nur einzeln und langsam erarbeiten, jetzt sind es 8 Punkte, die mir wichtig sind.

Der Versuch, immer öfter zwei Dinge gleichzeitig zu tun, funktioniert kaum. Es gilt, Geduld, denn es geht nur langsam vorwärts. Fortschritte kann ich kaum erkennen, obwohl sie da sind!

Stretching, mein 8 Punkte Programm

Meine 8 Punkte auf die ich schaue

8 Punkte, für mein Weiterkommen:

  1. Ziel und Zwischenziele definieren
  2. Sich organisieren lernen
  3. Übungstagebuch führen
  4. Immer wieder andere Menschen für Rückmeldung einbeziehen
  5. Fitnessstudio beitreten
  6. Auf Ernährung achten
  7. Genug Erholung
  8. Regelmäßig trainieren, Körper wie Geist
Sehen und erkennen, was ich kann!

Die letzten Wochen waren ein Auf und Ab für mich. Viel Training wechselte ab mit Tagen der Erholung. Motivation wechselte mit Erwartungen ab. Sehen lernen, was ich schaffe. Nicht nur Sehen, was ich noch NICHT kann.

Es ist schon so, dass ich oft davon spreche, was noch nicht geht. Dann sehe ich das halbleere Glas. Immer wieder muss ich mir die kleinen Erfolge vor Augen führen. Dass ich vor einem Jahr noch rechtsseitig gelähmt war und überhaupt erst Gehen lernen musste, übersehe ich dabei zu oft.

Eine Nadel aufheben war mir lange nicht möglich. Jetzt schaffe ich es schon, mit Mühe zwar, aber es gelingt. Es ist eines meiner Erfolgserlebnisse, wie viele andere auch.  Sie sollten an vorderster Stelle stehen und nicht, dass ich noch immer nicht laufen kann.

Aber da gibt es auch eine andere Seite. Den ehemaligen Extremsportler, den Filmer und den Familienvater. Den gibt es jetzt nicht mehr oder nur in beschränktem Maße. Das zu verstehen, ist oft nicht möglich. Und wenn ich dann auch nicht kann, wie ich möchte, ist das Glas schnell halbleer, obwohl es eigentlich halbvoll ist.

Filmen für Puls4

Es ist deswegen so schwer, weil ich die vielen Baustellen im Körper noch immer nicht gemeinsam denken kann. Ich konzentriere mich auf eine Sache und vergesse die andere.

Trailrunning Schuhe

Dass sich aber was getan hat, kann ich auch am Profil meiner Trail-Schuhe sehen. Dieselben Schuhe verwendete ich beim Eiger Ultra Trail 2014 und danach noch für den einen oder anderen Trailrun. Seit ich voriges Jahr aus dem Krankenhaus kam, sind sie, praktisch pausenlos, im Einsatz.

Der letzte Winter war ziemlich schneereich und eisig. Mein Gehen ist noch sehr unsicher. Da kamen mir die Schuhe mit dem starken Profil gerade recht. Sie geben mir Sicherheit und ich gehe darin sehr gut. 

Gerade am Anfang hatte ich kaum ein Gefühl in den Füßen und trat recht hart auf, was mir immer wieder Schmerzen in den Fersen verursachte. Die Salomon Schuhe minderten den Aufprall. Für den kommenden Winter müssen neue Schuhe her, da ich das Profil dieses Jahr abgegangen bin.

So bewege ich mich Schritt für Schritt weiter, in allen Belangen.

Weinlese als Ergo-Training

Ein Schritt war diese Woche, meinem Freund Bernd, bei der Weinlese zu helfen. Schon die Autofahrt war für mich anspruchsvoll, dazu war es das erste Mal, dass ich bei jemanden zu Besuch war.

Weinlese ist für mich perfekte Ergo-Therapie. Die Trauben fassen, putzen und mit der Schere hantieren, ist besonders anspruchsvoll. Es war eine wohltuende Abwechslung zu meinem sonstigen Therapiealltag.

Weinlese als Ergo-Therapie Weinlese als Ergo-Therapie

Auch der Blog, der seit knapp fünf Monaten besteht, ist eine hervorragende Therapie. Mein Denken wird dabei besonders gefordert. Ich muss mir Dinge merken, die mir in letzter Zeit passiert sind. Das dann auch in Papierform zu bringen, ist die nächste Herausforderung. So haben mehrere davon etwas und es ist eine wohltuende Abwechslung.

So besteht mein Leben seit eineinhalb Jahren aus Therapie. Egal ob Bewegen oder Denken. Das hätte ich mir vorher nie vorstellen können, dass es so etwas gibt. Es ist etwas anders, wenn man einen Unfall hatte. Dann ist es klar, warum man diese oder jene Defizite hat. Bei mir war eigentlich nichts und trotzdem ist man so reduziert. Darum kann ich meine Rehabilitation nicht mit einem gebrochenen Bein oder ähnlichem vergleichen.

Zum Abschluss ein Spruch, der viel Wahres in sich trägt und mich oft begleitet:

Achte stets auf deine Gedanken, sie werden zu Worten. 
Achte auf deine Worte, sie werden zu Handlungen. 
Achte auf deine Handlungen, sie werden zu Gewohnheiten. 
Achte auf deine Gewohnheiten, sie werden zu Charaktereigenschaften. 
Achte auf deinen Charakter, er wird dein Schicksal

aus dem Talmud

In diesem Sinne,
euer Jörg


Pilgern "light" oder doch nur ein Spazierweg?

Ein erstes "Pilgern light" für mich zum Üben. Nachdem ich in den letzten Wochen des Öfteren über meinen Wunsch zu Pilgern geschrieben habe, mache ich Ernst.

Allerdings eine light Version. Oder noch besser, eine "light - light" Version. Kurze Anreise, kurze Wegstrecke und genug Zeit lassen.

Graz - Mariatrost, ein Weg, der für mich zum Pilgern wird

Ich "pilgere" von Graz-Hilmteich nach Mariatrost zur Basilika. Fünf Kilometer Wegstrecke und leichte Steigungen. Nach 2,5 km eine Möglichkeit zur Einkehr und zum Ausrasten. Dazu genug Parkbänke auf dem Weg zum Niedersetzen. Das sollte für mich machbar sein. Ein Ausflug, der Lust auf Pilgern macht.

OK, es ist eigentlich nur ein Spazierweg für die Grazer und mit einem Pilgerweg nicht vergleichbar. Trotzdem ist er für mich eine Herausforderung. So einen Weg bin ich seit meinem Krankenhausaufenthalt noch nicht gegangen. Meine Herausforderungen haben sich halt verschoben.

Hoch motiviert starte ich zusammen mit meiner Lebensgefährtin Silvia. Gleich zu Beginn geht es den Leechwald bergauf. Ich bin ausgerastet und frisch. Das ist auch gut so, denn die ersten Meter sind die anstrengendsten. Mein Wille ist derzeit größer als mein Können. Über zahlreiche Wurzeln steige ich höher.

Wurzeln im Leechwald

Erinnerungen kommen hoch

Noch geht es gut, ich fühle mich auch so und stapfe tapfer dahin. Den Leechwald kenne ich gut. Schon als kleiner Junge war ich hier oft zum Spielen und später habe ich hier für meine Rad-Querfeldeinrennen trainiert. Damals, vor 25 Jahren, störte es niemanden, hier mit dem Rad zu fahren. Viele Wege und Kurven erinnern mich heute an die vielen Runden, die ich damals zog. Erinnerungen kommen hoch, besonders an Alexander, meinem Cousin, der viel zu früh verstarb. Er war mit dem Rad oft dabei und wir lieferten uns zahlreiche Duelle.

Mein Puls pocht schnell und ich bleibe oft stehen, um durchzuschnaufen. Bergauf kann ich nur wenig schneller, als ich damals aus dem Krankenhaus gekommen bin. Trotz vielen Übens wird es nur langsam besser. Noch immer steige ich wie ein Höhenbergsteiger, Schritt für Schritt, langsam nach oben. Wie im tiefen Schnee.

Nichts dabei denken funktioniert nur bedingt. Ich versuche mich durch Sprechen und Bewegen der Arme abzulenken. Das Gehen soll ja automatisiert werden. Nach wenigen Schritten ist allerdings Schluss und mein Atem rasselt. Aber ich übe es wieder und wieder. Irgendwann kommt die Automatisierung zurück und wenn es Jahre dauert. Solange heißt es weiter üben.

Leechwald

Noch mehr Erinnerungen

Nicht weit von uns entfernt ist der Zugang zum LKH über den Leechwald. Silvia spazierte immer über den Hilmteich zu mir auf die Neurologie, um mich zu besuchen. Viele Erinnerungen aus der Krankenhauszeit kommen bei mir hoch. Es ist anscheinend ein Tag der Erinnerungen, denn immer wieder kommen mir frühere Erlebnisse in den Sinn.

Der Lärm des Notfallhubschraubers ist öfters zu hören. Dieses Geräusch begleitete mich die gesamte 5-monatige Zeit im Krankenhaus. Besonders die Tage nach der Operation waren prägend, da ich nur wenige Stockwerke unter dem Landeplatz lag. Den Rest der Zeit lag ich ja auf der Neurologie, die gegenüber der Kinderchirurgie mit ihrem  Hubschrauber-Landeplatz liegt.

Jedes Mal ein betretenes "Oijee, schon wieder der Hubschrauber!", in unserem 4-Bett Zimmer. Wir fühlten jedes Mal mit. Auch heute noch ist für mich beim Klang des Hubschraubers ein bedachter Moment dabei.

Das "Häuserl im Wald"

Kaffee und Kuchen

So vergehen die ersten Meter mit alten und neuen Gedanken. Nach der Steigung führt der Weg leicht auf und ab weiter. Zunächst ist aber Pause angesagt. Das erste Bankerl wird in Beschlag genommen und ich streiche mir die Beine aus. Besonders die Waden verhärten schnell und es ist ja noch weiter ein Weg zu meistern. Zum Glück wartet auf mich bei der Halbzeit das "Häuserl im Wald", ein Gasthaus, das ich zuletzt in der Kindheit vor 40 Jahren oft besucht habe.

Ich spüre in den Beinen noch die Auswirkungen des ersten Anstieges und gehe dementsprechend vorsichtig weiter. Die Konzentration liegt jetzt merklich mehr beim Gehen. Automatisches Gehen ist auf dem Waldboden nicht möglich. Mit den Gedanken muss ich immer irgendwie dabei bleiben. Trotzdem versuche ich, mich zu unterhalten.

Kurz vorm 'Häuserl im Wald' ist Asphalt und eine Unterhaltung leichter möglich. Ich bin froh, die Halbzeit erreicht zu haben. 2,5 km stehen mir noch bevor. Im Gasthof versuche ich mich bei Kaffee mit Apfelstrudel zu erholen und die letzten 2,5 km Revue passieren zu lassen.

Mein Fazit ist ein bisschen ernüchternd. Eigentlich ist es hier schon genug. Trotzdem will ich weiter. Mein erster "Pilgerweg" soll nicht so enden. Dann bleibe ich eben auf der Forststraße und meide den schwierigeren Waldweg.  

Noch 2,5 Kilometer zu gehen

Gleich nach dem Gasthof geht es auf Asphalt steil bergauf und ich verfalle wieder in meinen Höhenbergsteigerschritt. Ein älteres Ehepaar zieht an mir vorüber. Aber dafür habe ich schon in meiner aktiven Radfahrer-Karriere vorgebaut.

Ein Training war damals, 5 Stunden den Puls nie über 100 kommen zu lassen. In der Sporgasse in Graz war es dann so weit. Mein Freund Harry und ich fielen auf dem steilen Kopfsteinpflaster mit dem Rad fast um, so langsam fuhren wir hoch. Plötzlich schob eine alte Frau ihr Waffenrad an uns vorbei.

Harry meinte nur: "Da musst du psychisch gut drauf sein, dass es dir wurscht ist, dass eine alte Frau schneller ist!". Er hat es im Spaß gesagt, aber in Wirklichkeit geht es darum. Egal was ist, man soll auf sich selbst schauen. Nur so wirst du besser. Viel zu oft trainiert man stur nach Trainingsplan und hört nicht in sich hinein, wie es einem geht.

An diesen Vorfall erinnerte ich mich noch öfter in den Jahren danach. Und heute ebenfalls wieder. Nur der Unterschied ist, ich kann diesmal nicht schneller. Der verwunderte Blick der beiden, wie ich da in Zeitlupe hinauf schnaufe, war lustig. Ihre Gedanken hätte ich gerne erfahren. Zu fragen, was los ist, haben sie sich nicht getraut.

Bankerl zum Rasten

Ernüchternde Erkenntnis

Der Versuchung, wieder in den Wald zu wechseln, widerstehe ich. Ich bleibe auf der Straße. Es ist so einfacher für mich. Im Wald auf Wurzeln zu achten und bei jedem Schritt aufzupassen, wo ich ihn hinsetze, hat kaum mehr einen Trainingseffekt. Dazu ist meine Energie schon zu sehr aufgebraucht.

Lieber hänge ich meinen Gedanken nach. Die drehen sich darum, wann ich mir zutrauen kann, einen richtigen Pilgerweg in Angriff zu nehmen. Wieder ist es ernüchternd. Ich muss erkennen, dass es dafür noch viel zu früh ist. Mir fehlt es noch immer an Kraft und Ausdauer.

In Italien oder Spanien sind keine Parkbänke am Weg zum Rasten. Geplant habe ich es einmal für nächstes Jahr, aber aktuell traue ich mich nicht zu sagen, wann es gehen wird.

"Pilgern" zur Basilika Mariatrost
"Pilgern" zur Basilika Mariatrost

Am Ziel, mein Pilgern nach Mariatrost

Kerze anzünden, nach dem Pilgern

Ich bin froh, aus dem Wald zu kommen. Noch wenige Meter auf einem Gehsteig und ich stehe vor der Basilika in Mariatrost. Im wunderschönen Altarraum der Kirche zünde ich eine Kerze an. Meinen Wunsch kann sich wohl jeder selbst denken.

So beende ich meinen ersten Pilgerweg, der für mich einen besonderen Platz einnimmt. Für viele ist es nicht mehr als ein netter Spaziergang, für mich war es pilgern. Für mich war es der Weg in ein neues Leben. Mal sehen, wo es mich noch hinführen wird.

PS.: Die Pilger auf dem Adams Peak (mit 6000 Stufen) in Sri Lanka, sehe ich jetzt mit anderen Augen.


Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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