Wie soll/kann ich Laufen lernen?

Ein Thema, das mich über die letzten Monate beschäftigt, ist das Laufen, oder mittlerweile, dass ich noch immer nicht laufen kann.

Ok, ich gebe mir Zeit und habe begriffen, dass eben andere Sachen wichtiger sind. Es ist ein Einschnitt in meinem Leben und ich durfte so viel anderes kennenlernen und erleben. Laufen und Trailrunning ist trotzdem noch mein Ziel, auch wenn es noch länger dauern wird.

Laufen am Stand

Seit einigen Tagen bin ich trotzdem "läuferisch" unterwegs. Unterwegs ist eigentlich nicht richtig, denn ich versuche am Stand zu laufen und das sehr langsam.

Also, ...... ich bin nicht draußen unterwegs. Klingt komisch, ist aber so. Ist in meinem speziellen Fall sogar einleuchtend. Ich versuche schon seit Monaten zu laufen, aber es will nicht sein. Es ist mir zu schnell und die Koordination der Beine kommt nicht mit.

Mein Gehirn ist mit der Schnelligkeit überfordert, die es braucht, um die Schrittfolge zu meistern. Ein paar Schritte...noch dazu unter enormer Kraftanstrengung... und aus ist es. So musste eine neue Taktik her.

Synapsen trainieren

Mit dem Laufen am Stand trainiere ich zunächst in erster Linie die Synapsen im Gehirn. Es bekommt damit die Information, dass ich laufe, obwohl ich mich nicht vorwärts bewege. Es geht nur um die Information. Ich kann mich sogar festhalten, sollte mich der Schwindel erfassen oder wenn ich das Gleichgewicht verliere.

In diesem Fall geht es nicht um Kondition, sondern um die Information, die in meinem Gehirn anlangen soll. Erst wenn die Info, dass ich laufe, lange und oft genug im Gehirn ankommt, können sich die neuen Synapsen bilden.

Neue Synapsen fürs Laufen bilden,
Synapsen

Erst dann kann ich an der Fortbewegung trainieren, weil es das Hirn schon kennt. Das heißt dann zu beginnen, Zentimeter um Zentimeter vor den anderen Fuß setzen. Zehn Meter können so recht lange dauern. Derzeit reicht es am Stand zu laufen. Ich merke es, wenn ich so weit bin, mich vorwärtszubewegen. Es heißt eben auch hier von 0 weg zu beginnen.

Auch die Kondition dauert seine Zeit

Auch die Kondition lässt zu wünschen übrig. Sobald ich zum Beispiel etwas schneller gehe, komme ich gleich außer Atem. Da steht noch einiges an Training an. Allerdings, mein Körper lässt sich nicht überlisten. Viel Üben ist in meinem Fall zwar gut, aber mehr als die zurzeit mögliche Belastung geht eben nicht.

Rund eine Stunde kann ich für die wichtigen Anliegen des Tages nutzen. Dabei ist es egal, ob ich denke, mich bewege, oder etwas anderes mache. Eine Stunde am Tag ist nicht viel, daher muss ich genau überlegen, was ich mache. Diese Zeitspanne lag vor einem Jahr noch bei etwa fünfzehn Minuten, aber langsam wird sie größer.

Es wäre natürlich fein, wenn nur die Kondition für mein Bewegen zuständig wäre. Kondition trainieren und alles ist gut. So wie ich früher für ein Radrennen trainierte oder für eine Bergbesteigung. Aber es ist eben nicht so. Nicht die Kondition, sondern die neurologischen Defizite sind die Ursache für mein langsames Weiterkommen. Und das kann dauern.

Fitnessstudio

In der Kraftkammer bereite ich mich aufs Laufen vor


Das Gehen lernen, zusammen mit meinen Übungen, war bisher optimal. Aber um meine Kondition weiter aufbauen zu können, komme ich um spezifisches Training nicht herum. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, ab Herbst ins Fitnessstudio zu gehen. Wenn es kälter wird, kann ich nicht so leicht meine Übungen im Freien machen.

Ich ziehe ja eigentlich die Natur vor, aber in diesem Fall muss ich über meinen Schatten springen und Indoor bleiben. Ich kann in der Kraftkammer bestimmte Muskelgruppen einfacher und zielgerichteter trainieren. Im Wald muss ich manchmal dazu einfach zu viel nachdenken, welche Übung jetzt passen würde. Und beim Denken bin ich noch limitiert.

Noch immer muss ich mir den Tag ganz genau damit einteilen, was ich alles erledigen möchte. Ich habe nur eine geringe Bandbreite. Mache ich zu viel, stehe ich schnell an. Es kann passieren, dass zu Mittag bereits meine Batterien leer sind. Dann heißt es sich über den Tag retten und viele zusätzliche Pausen zu machen.

An der Mur und Schlossberg fürs Laufen vorbereiten

Ich kann aber nicht immer zu Hause bleiben. Die Decke fällt mir sonst auf den Kopf. Wenn meine Lebensgefährtin Silvia etwas in der Stadt zu erledigen hat, lasse ich mich zur Mur bringen. Dort spaziere ich den Fluss entlang. Viele Parkbänke geben mir die Möglichkeit für genug Pausen.

Die Mur
Die Mur

Auf meiner Lieblingsstrecke komme ich dabei am Kalvarienberg vorbei, den ich zur Besteigung nutze. Die vielen Stufen hinauf sind eine Herausforderung, wie es früher ein Lauf in die Berge war. Etwas mehr als 100 Stufen sind zu erklimmen. Er gilt als der "Berg der Hoffnungen". Meine Hoffnung liegt darin, wieder  größere Berge als den Kalvarienberg zu besteigen.


Der Kalvarienberg in Graz

Die Stufen am Schlossberg in Graz

Eine andere Tour, die ich seit kurzem gerne nutze, ist der Schlossberg. Zu Fuß hinauf ist noch zu anstrengend, darum fahre ich mit der Bahn. Hinunter bieten mir viele Bänke Zeit zum Rasten. Das Bergabgehen ist ebenfalls sehr anspruchsvoll und mindestens so schwer wie bergauf.

Besonders die Oberschenkel werden trainiert. Allerdings ist das Verhältnis Trainingsaufwand zu Trainingsergebnis sehr gering. Ich mache eben in allem einen sehr kleinen Fortschritt. Egal ob im Denken, im Gehen oder im Greifen.

Per Schlossbergbahn hinauf

So sieht mein Training aus, wenn ich mal von zu Hause weg bin. Der Murweg oder der Schlossberg sind aber doch noch die Ausnahme. Das meiste Training findet noch bei mir zu Hause in den Wäldern von Stattegg statt und der Wald ist nach wie vor mein liebster Aufenthaltsort.

Kleine Verbesserungen spüre ich erst nach Wochen, wenn nicht nach Monaten. Ich habe zwar meine Rehabilitation wie ein Sportler angelegt, aber sie ist damit nur bedingt vergleichbar. Die Zeitdauer für Erfolge ist viel länger. 


Mein Leben 2.0

Jörg, vorher und nachher
mein Leben

Seit genau einem Jahr bin ich wieder zu Hause, in meinem Leben 2.0. Am 20. August 2016 war mein letzter Tag im Krankenhaus und mein neues Leben 2.0 hat begonnen.

Der Hirnabszess hatte enorme Auswirkungen auf mich und meine Familie. Unser Leben wurde auf den Kopf gestellt und nichts war mehr wie zuvor. Alltag leben, ist bis heute nicht wirklich möglich, zu sehr beschäftigt die Krankheit den Tagesablauf. Ich habe so mit mir selbst zu tun, dass nur wenig Zeit für die Familie bleibt. Speziell das Denken und die Aufnahmefähigkeit sind stark gestört.

Wir alle waren, speziell am Anfang, mit der Situation überfordert. Ich konnte nicht, wie ich wollte und meine Familie wusste oft nicht, wie damit umgehen. Ich war ein Freund und doch ein Fremder geworden.

Innerhalb zweier Tage nach Hause

Es war definitiv nichts mehr wie früher. Ich musste mir meiner Lage erst bewusst werden. Im Krankenhaus war ich in einer geschützten Umgebung unterwegs. Ich rechnete nicht damit, so schnell entlassen zu werden, weil ich ja durchgehend intravenöse Antibiotika-Infusionen bekam. Doch mein Körper reagierte auf die Zugänge zunehmend allergisch, sodass die Ärzte auf orale Antibiotika-Medikation umstellten und mich nach Hause schickten. Der Krankenhausaufenthalt war nicht mehr notwendig. Ich durfte nach Hause, endlich!

Dann, von einem Tag auf den anderen, war ich plötzlich wie hinausgeworfen. Ich war Dingen ausgesetzt, die mich überforderten. Mit der Schnelligkeit des Lebens kam ich nicht mehr klar. Erst langsam gewöhnte ich mich an das Zuhause.

Unter Menschen gehe ich heute noch ungern. Ich fühle mich von den Eindrücken schnell überfordert. Multitasking, mein Zauberwort, ist noch immer nur sehr beschränkt möglich.

Mein Plan war damals, ich trainiere meine Kondition und zusammen mit dem Lauftraining werde ich bald wieder mobil und aktiv  sein. Pustekuchen. Damals war ich noch der Meinung, dass es ein muskuläres Defizit sei. Ich musste ja bei null anfangen. Nach einigen Monaten habe ich erkannt, dass dem nicht so ist. Ein Großteil der Defizite sind neurologisch bedingt und Nerven brauchen lange zum Heilen und neu vernetzen.

Bergauf stapfe ich noch wie ein Höhenbergsteiger dahin, Schritt für Schritt. Mein neuer Spitzname ist "Duracell Hase". Besonders am Morgen oder wenn es kalt ist, sind die Muskeln steif und ich tripple mit steifen Beinen dahin, wie der Duracell Hase in der Werbung. Mal schauen, ob ich auch bald "entscheidend länger durchhalte".   🙂

Der Schleier der Krankheit

Der Schleier der Krankheit

Die ersten Monate war noch der Schleier der Krankheit über mir gelegen. Als der Schleier sich legte, blieben die reinen Defizite über. Jetzt war mentale Stärke gefragt, denn sonst wäre ich an diesem "nicht können", zerbrochen.

Geholfen hat mir in dieser Zeit mein Vorleben im Sport mit Mentaltraining und der Computer mit Internet. Er ermöglicht mir die Kommunikation mit der Außenwelt und das Tempo kann ich selbst bestimmen. Ende April begann ich mit dem Bloggen. Es hilft mir ungemein. Mein Schreibstil ist zwar dem eines Volksschülers ähnlich, aber mein Gehirn ist damit sehr gefordert. Das beste Training.

Meistens schreibe ich mit dem Computer. Die Hand ermüdet doch recht schnell und viele Schreibfehler lassen das Geschriebene schwer lesen. Das oftmalige Überarbeiten dauert seine Zeit und daher brauche ich für einen doch recht kurzen Blogbeitrag oft eine ganze Woche. Tippfehler am Computer sind leichter auszubessern.

Mir fehlt noch der Wortschatz, daher brauche ich lange zum Überarbeiten. Manchmal lasse ich es so stehen, weil es zu mühsam wäre, eine andere Formulierung zu finden. Damit kann ich aber leben. 😀

Im Leben neu erfinden

Überhaupt, ich musste mich in diesem vergangen Jahr "neu erfinden". Was nicht leicht ist, kann ich doch kaum in die Zukunft denken. Gut Ding braucht eben Weile!

Vorrangig ist das Beheben meiner Defizite. Sie erschweren mir den Alltag. Das Gleichgewicht, der Schwindel, verbunden mit Bodenunebenheiten beim Gehen, sie behindern mich sehr stark. Die kleinste Unebenheit bringt mich außer Tritt. Ständig muss ich mit den Gedanken beim Gehen und Ausbalancieren sein. Automatisch, wie früher, geht gar nichts.

Besonders die Stadt strengt mich an. Gehsteigkanten, kreuz und quer laufende Fußgänger, Radfahrer, Autos - Stress pur. Gut fürs Gewöhnen, aber da reichen ein paar Minuten aus und ich will wieder weg.

Es ist oft anstrengend und kaum zu beschreiben. Natürlich gab es Verbesserungen im letzten Jahr, aber eben nur minimale. Für mich der größte Fortschritt, war die Verbesserung der Gefühllosigkeit in den Fingern. Bereits nach der ersten Einheit Strom-Therapie in der Reha in Judendorf, merkte ich eine spürbare Verbesserung. Das bamstige Gefühl verschwand. Ich habe zwar noch Probleme mit dem Fühlen und Spüren beim Greifen, aber die bamstigen Wurstfinger bin ich endlich los.

Die Natur neu kennen gelernt

Der Wald, das Leben
Im Wald gehen, für mich das Leben
New Life - Old Life

Der größte Erfolg im letzten Jahr war, ich habe die Natur wieder für mich entdeckt. Wieder entdeckt deshalb, weil ich ja ein Leben lang ein Naturmensch war. Nur waren die letzten Jahre derart von der Arbeit überschattet, dass es mich immer mehr von der Natur weg brachte. Mein liebstes Training ist es, in den Wald zu gehen. Manchmal nur Gehen, ein anderes Mal mit Übungen verbunden. Was gibt es schöneres, als in der Natur zu trainieren! Ich spüre ganz intensiv, wie mich das Grün des Waldes anzieht. Wie es meinem Körper guttut.

Ich freue mich aber auch darauf, mich wieder einmal oberhalb der Baumgrenze zu bewegen. Das Hochgebirge ist für mich der Inbegriff der Freiheit. Noch ist es zu weit entfernt und ich kann am Berg nicht aufsteigen, aber vielleicht geht sich wenigstens heuer noch ein Ausflug aus.

Zuerst muss ich aber mein Gehen verbessern. Noch geht nichts automatisch, daher sind mit Felsen durchsetzte Wege ein großes Hindernis. Aber wie sagte ein Arzt: "In der Neurologie hilft viel wirklich viel!". Also weiter viel Training!

Deshalb bin ich viel zu Fuß unterwegs. Für mich halt viel. Immer in der Relation. Was für mich ein Mammut-Training ist, hätte früher nicht einmal fürs Aufwärmen gereicht. Es heißt aber auch aufzupassen, mich nicht dauernd mit früher zu vergleichen. Ich bin kein Extremsportler mehr. Heute ist heute.

Trotzdem motiviert und treibt mich ein Vergleich an. Ich gebe mein Bestes, da ich weiß, was noch möglich ist. In den ersten Monaten wollte ich allerdings zu sehr wieder laufen. Ich musste erst akzeptieren, dass ich damit noch warten muss. Mein Thema, die Langsamkeit, geht vor.

Im Moment schaue ich mir eben Bilder auf Instagram oder Facebook an. Instagram habe ich erst seit diesem Jahr für mich entdeckt. Ich danke allen Freunden und Athleten, dass sie mich mit ihren tollen Fotos und Storys daran teilhaben lassen, an einem Leben, dass mir im Moment nicht möglich ist. Es motiviert mich aber sehr, bald selbst wieder unterwegs zu sein. Gerade auf Instagram findet man wunderschöne Fotos, die mich anspornen, dass alles wieder zu erleben.

Ich möchte Pilgern

Weil ich nicht laufen kann, habe ich das Pilgern entdeckt. Seit Jahren spukt es schon in meinem Kopf herum. Aber wie so oft nimmt man sich für die wichtigen Dinge nicht die Zeit. Alles andere ist wichtiger und man verfällt in den Glauben, sich nicht die Zeit nehmen zu können (dürfen). Sollte es dem einen oder anderen auch so gehen, glaubt mir, ich würde nichts mehr aufschieben. Viele Entscheidungen würden jetzt anders ausfallen, als früher.

Aus diesem Grund werde ich nächstes Jahr den Jakobsweg gehen. Lieber wäre mir noch dieses Jahr, aber ich muss realistisch bleiben. Mein Gehen gehört zuerst noch verbessert. Dann kann ich Seelenarbeit mit Bewegung verbinden, in Kombination mit der notwendigen Langsamkeit. Pilgern und Laufen - tut Körper und Geist gut.

Trotz der momentanen Behinderung warten also auch in Zukunft eine Menge Abenteuer auf mich.

"Aufruf zur Langsamkeit: Wir müssen schleunigst entschleunigen!"    Walter Ludin, Journalist und Buchautor
 


Ich bin noch immer sehr kurz belastungsfähig und meine Kräfte sind schnell am Ende. Als ehemaliger Trailrunner wird mein "Lauf zurück ins Leben", noch eine Zeit lang beim Gehen und Pilgern bleiben.

So musste ich mir etwas Neues einfallen lassen und Gehen oder Pilgern bietet sich optimal für diesen Zustand an. Wobei das Pilgern den gleichen Reiz ausübt, wie das Trailrunning, nur eben langsamen Schrittes. Durch die Berge zu laufen hat eine eigene Faszination, Pilgern auch.

Gerade in den letzten Monaten habe ich viele Berichte und Bilder vom Trailrunning aus Österreich und der ganzen Welt, auf Facebook und Instagram, genossen. Sie erinnern und motivierten mich täglich daran, wofür ich das viele Training und Üben auf mich nehme.

Da es bis zum Laufen aber noch länger dauern wird, musste ein neues (Zwischen-) Ziel her.

Pilgern - mehr als ein Ziel?

Pilgern

Kann achtsames Gehen oder Pilgern ein neues Ziel für mich sein? Ja, das kann es. Da ich mit dem Laufen Probleme habe, ist Pilgern mehr als ein Zwischenziel. Eines, in dem ich *fortschreite* und meine Seele angesprochen wird.

In den letzten Monaten musste ich akzeptieren, dass mein Weg zurück doch länger dauern wird. Das Laufen oder Trailrunning ist mir noch nicht möglich. Die Gleichgewichtsstörungen sind noch immer da und die Trittsicherheit leidet darunter.

Es wird dank dem vielen Training besser, doch ich kann es nicht beschleunigen. Es wird noch länger brauchen. In der Vorstellungskraft funktioniert es schon ganz gut und mein übergeordnete Ziel, den Eiger Ultra Trail zu laufen, ist da. Dafür mache ich viel, aber es braucht Zeit und die kann ich kaum beeinflussen, außer mit Dranbleiben.

Achtsames Gehen

Das Pilgern ist ebenfalls ein schönes Ziel. Achtsames Gehen steht bei mir sowieso an der Tagesordnung. Warum also nicht pilgern. Im äußeren Gehen, kann eine innere Bewegung beginnen.

Seit ich aus dem Krankenhaus zurück bin, muss ich den Weg unter mir noch bewusster wahrnehmen. Mein Ziel ist es, wieder automatisch und ohne Nachzudenken, gehen zu können. Das Pilgern ist dabei der nächste Schritt, der mir dazu verhelfen soll.

Mehrere Tage oder Wochen nur zu gehen, davon träumte ich schon lange. Viele schwer Erkrankte haben nach Ihrer Gesundung das Pilgern für sich entdeckt. Den Jakobsweg oder andere Wege haben sie dazu benutzt, sich selbst wieder näherzukommen.

Impulse für das Leben

Ich habe noch nicht den Anspruch, irgendwohin zu gelangen. Mein erster Ansatz ist es, Schritt für Schritt zu gehen, im HIER und JETZT zu sein und achtsam zu sein. Mehr lässt mein Körper derzeit nicht zu.

Der Prozess des Gehens und die dabei gemachten Erfahrungen sind wertvoll. Körperliche und seelische Bewegung hängen dabei zusammen. Für mich eine großartige Möglichkeit, mein neues Leben nach der Krankheit noch besser zu erfahren. Diese bewusste Langsamkeit, die mich nach der Krankheit ergriffen hat, werde ich wohl lange behalten. Obwohl, ich freue mich auch aufs Laufen, das eine schnellere Gangart ist und die Belastung dem Körper guttut.

Neben den körperlichen Zielen, gibt es aber auch seelische Ziele. Pilgern ist dafür hervorragend geeignet, die Seele und sich selber besser zu erfahren.

Mein Freund Alexander, der Experte für Pilgern

Mein Freund Alexander Rüdiger brachte mich übrigens drei Monate vor meinem Ausfall auf den Jakobsweg. Der Weg schwirrte schon lange in mir herum, aber erst durch Alexander wurde es spruchreifer. Wir hatten in Planung, einen Dokumentarfilm am Jakobsweg zu machen.

Alexander war ja schon des Öfteren dort unterwegs und kennt die Gepflogenheiten sehr gut. Leider wurde wegen meinen Hirnabszesses nichts daraus, der Jakobsweg wartet also noch immer. Diesmal aber, aufgrund der Situation und Neu-Orientierung, anders als geplant.

Mit Alexander Rüdiger am Schneeberg zur Pilger Besprechung 2016
Mit Alexander Rüdiger im Winter auf den Schneeberg, unter anderem auch  zur Jakobsweg Besprechung, 2016
 
Hier gehts zum Video über die "Geschäftsbesprechung"

Der Jakobsweg

Der Jakobsweg, mit seinen 800 Kilometern am Camino France, war schon lange Zeit ein Ziel von mir, erstmals Ende der 80er Jahre. Aufgrund des Sports stellte ich ihn aber hinten an und wollte ihn machen, wenn der Sport zu Ende war.

Dann wollte ich, im Mai 2016, mit meiner Lebensgefährtin Silvia, zum Einstimmen auf das Pilgern, den Franziskus-Weg in Italien gehen. Der Hirnabszess kam mir aber zuvor und das Leben stellte andere Herausforderungen an mich. Der Wunsch nach Pilgern ist aber gleich geblieben, nur eben unter anderen Voraussetzungen.

"Den Puls des eigenen Herzens fühlen. Ruhe im Innern. Ruhe im Äußern. Wieder Atem holen lernen, das ist es."  

Christian Morgenstern (1871-1914)

Eines hat Pilgern mit Trailrunning gleich, ab einem bestimmten Punkt kommt man in einen Flow. Der Unterschied ist die Geschwindigkeit, das ja eines meiner Themen ist.

Das Leben war die letzten Jahre vor dem Hirnabszess so schnell geworden, dass ich nicht mehr mitkam und mich nach Entschleunigung sehnte. Und dafür kommt das Pilgern gerade recht, um wieder die Langsamkeit zu erfahren.

Es gibt aber noch weitere wichtige Themen, bzw. Fragen, die ich für mich klären möchte:

  • Wohin bin ich unterwegs?
  • Welches Ziel verfolge ich auf meinem Lebensweg?
  • Was begrenzte mich in meinem Leben? Wie grenze ich mich ab? Welche Grenzen möchte ich noch überschreiten?
  • Welchen Wegzeichen folgte ich in meinem Leben bisher? Wann war ich auf einem Umweg unterwegs?

Interessante Fragen über das Leben, die einem beim Gehen begleiten und vielleicht auch lösen kann. Wichtig ist, sich keinem Druck auszusetzen oder etwas zu wollen. Denn dann kommt der Druck, etwas erreichen zu wollen und man fängt an zu bewerten und zu beurteilen. Damit hat das Pilgern seinen Sinn verloren.

Frühere Erfahrungen

Meine Berg- und Rad-Reisen von früher, waren dem Pilgern sehr ähnlich, ob die Sahara-Durchquerung oder die Besteigung des Denali. Immer kam ich mit neuen Erfahrungen heim und das Leben war nicht mehr wie vorher.

Seit der Sahara-Durchquerung 1991 schätze ich einen guten Schluck Wasser und bin für jedes volle Teller zum Essen dankbar. Für die Jugend von heute zu oft selbstverständlich, für mich nie mehr.

Wasser in der Wüste - sehr wertvoll
Wasser in der Wüste - sehr wertvoll
Sahara Durchquerung 1991, pilgern auf andere Art
Sahara-Durchquerung 1991, pilgern auf andere Art
In den Slums von Agadez, hier wohnten wir bei den Tuaregs
In den Slums von Agadez, hier wohnten wir bei den Tuaregs

Trainieren und Pilgern als Ziel

Zunächst aber heißt es trainieren. Mit den paar Metern, die ich zurzeit schaffe, ist Pilgern noch nicht möglich. Auch das Gehirn gehört noch trainiert. Gerade beim Schreiben für den Blog merke ich, wie limitiert ich bin. Es geht also weiter für mich und ich freue mich auf das erste Mal, wenn ich als Pilger unterwegs sein kann.


Mein Workout Plan!

Heute gibt es einen Blogpost über mein Workout. Mein persönliches Training, das mich unterstützen soll, meine körperlichen Defizite auszugleichen und mehr Stabilität, trotz der Gleichgewichtsstörungen, zu bekommen.

Diese Übungen sind nicht nur für mich in der Rehabilitation gut, die sollte eigentlich jeder in seinen Alltag einbauen.

Gleichgewicht und Koordination finden im Kopf statt
Für Gleichgewicht und Koordination ist auch der Kopf wichtig

Workout am Limit

Die neurologische Rehabilitation ist eine der wenigen Bereiche in der Medizin, in denen viel wirklich viel hilft. „Üben, üben und nochmals üben“. Mein Leben ist derzeit ein einziges Üben. Wie ein Kind alles neu lernen zu müssen, was man doch längst schon konnte. Ja, es ist oft wirklich hart.

Es ist nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen. Eine leichte Steigung wie ein Höhenbergsteiger, Schritt für Schritt, emporstapfen. Alle paar Meter stehenbleiben. Durchschnaufen. Das ist mein Alltag. Es ist nicht immer Freude dabei, so schnell ans Limit zu stoßen. Das einzige was wirklich schnell geht, ist mein Limit zu erreichen.

Das gilt für die Physiotherapie, in der das Gehen neu gelernt werden muss, für die Ergotherapie, in der Alltagsaktivitäten wie das selbstständige Essen, Trinken und Greifen auf dem Programm stehen und nicht zuletzt für die Neuropsychologie, in der Störungen des Gedächtnisses und der Konzentrationsfähigkeit, die das Denken massiv beeinträchtigen, angegangen werden.

Koordinations- und Stabilitätsübungen für Jedermann

Gilt das wirklich nur für mich? Diese Dinge sollte doch jeder beherrschen. Des öfteren bekomme ich von anderen Menschen, hauptsächlich Sportlern, die Rückmeldung, dass sie Übungen machen, die meinen sehr ähnlich sind. Es geht in erster Linie um Koordinations- und Stabilitätsübungen. Man trainiert damit Kraft, Ausdauer, Stabilität und Balance.

Ich ließ ein paar der Übungen in meinem Umfeld ausprobieren und siehe da, manch Übung stellt selbst für gesunde Menschen eine Herausforderung dar. Für mich sind diese Übungen essentiell auf dem Weg zurück ins Leben. Ich erschrak jedoch, wie viele Menschen in punkto Stabilität und Koordination auf einem mir ähnlichem Niveau liegen.

Dabei sind sie so einfach, bewirken aber eine Menge im Alltag. Meiner Meinung nach sollte das jeder beherrschen, egal ob jung oder alt.

Mein Workout

Workout Training
Mein Workout
Mein Workout
Mein Workout

Mein Programm dauert zur Zeit etwa 10 - 15 Minuten. Danach bin ich ausgepowert und muss mich erholen. Ich mache es sehr langsam, mit vielen Pausen dazwischen, denn ich bin schnell erschöpft.  Es wäre toll, wenn ich von euch Rückmeldungen erhalte, um zu erfahren, wie lange ihr die verschiedenen Übungen durchhaltet.

Noch sind es die Basisübungen, die ich ausbauen werde, sobald genug Kraft da ist. 15 Sekunden halte ich die meisten Übungen durch, mit zwei bis drei Wiederholungen. Da merkt man erst, was es heißt, von 0 anzufangen. Mit meiner Zeit als Extremsportler oder Trailrunner darf ich mich nicht vergleichen.

Das Luftkissen

Workout am Luftkissen

 Zusätzlich steige ich immer wieder auf das Luftkissen. Gut für die Balance und die Kräftigung der Füße. Meist noch mit Anhalten. Hin und wieder halte ich auch schon länger ohne durch. Ich verwende es auch zwischendurch zum Sitzen, wodurch das Becken und Gesäß beansprucht werden.

Ich mache alles nicht täglich, denn das würde mich überfordern. Denn es warten ja noch die Übungen auf dem Computer. Es ist halt so, dass ich nach einer intensiven Übungseinheit mein Pensum für den Tag aufgebraucht habe. Ich muss mir daher genau einteilen was ich wann mache.

Stretching ist Überlebens notwendig

Nach dem Training kommen noch ein paar Stretching-Übungen dazu. Mein Muskeln sind von dem langen Liegen sehr verkürzt. Die neueste Forschung räumt ja den Faszien eine wichtige Rolle ein. Gerade Rückenbeschwerden sind davon betroffen. Faszienverklebungen sind oft die Ursache dafür, auch bei mir.

Nach über einem halben Jahr, dass ich die meiste Zeit liegend verbracht habe, kein Wunder. Meine Gelenke und Wirbel knacken und krachen, sie müssen erst wieder in Form gebracht werden.

Zukunftsprognosen

Begegnet man mir auf der Straße, würde man niemals annehmen, dass ich noch vor einem Jahr im Rollstuhl saß, nach der OP kaum Haare auf dem Kopf hatte und meine Beine so dünn wie Bohnenstangen waren.

Noch fehlt viel, aber langsam kehrt die Kraft in meinen Körper zurück. Joggen sollte mir bald möglich sein. Ein Problem ist halt noch immer das Gleichgewicht. Das ist seit dem vorigen Jahr über Nacht völlig gestört worden und noch immer habe ich Probleme damit.

Sitzen in einem Stuhl habe ich anfangs nur 15 Minuten täglich ausgehalten. Am Ende der Krankenhauszeit war bereits eine knappe Stunde möglich und ich konnte etwa hundert Meter weit gehen. Aber auch heute ist es noch so, wenn ich zu lange unterwegs bin, muss ich mich zwischendurch in eine waagrechte Position begeben, um mich zu erholen oder aufkommenden Schwindel zu beruhigen.

Der Blick in die Zukunft, die Prognose, ob ich wirklich wieder „ganz der Alte“ sein werde, ist sehr schwierig. Dafür sind in der Rehabilitation zu viele Faktoren beteiligt. So wie auf der einen Seite selbst nach Jahren noch kleine Wunder möglich sind, muss man andererseits auch damit rechnen, dass bestimmte Fähigkeiten und Funktionen unwiederbringlich verloren sind. Ich werde sehen!


Die kleinen Schritte. Ja, es ist eine wahre Kunst, sich darin zu üben. Auch die Gedanken.

"Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht was ich mir wünsche, sondern was ich brauche. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte."   

Auszug aus einem Gebet von Antoine de Saint-Exupéry
Minigolf als Gefühlstraining und gut für die Gedanken
Minigolf, gut für die Gedanken

Ich kann es oft noch immer schwer akzeptieren, dass diese Schritte so klein sind. Ich ahnte nicht, dass es so kleine überhaupt gibt. Machte mir kaum Gedanken darüber.

Brauchte ich auch nicht, denn ich lebte mit einer Geschwindigkeit, da war es mir unmöglich, zurückzuschalten. Oder ist das doch nicht so? - Ein ehrliches Innehalten und einmal kleinere Schritte tun - das wäre sicher oft hilfreich.

Zurückgeschalten habe ich nur vom vierten in den dritten Gang. Aber wirkliche Erholung und Orientierung habe ich nicht gefunden. Das wäre nur im ersten Gang möglich gewesen.

Leider wird einem die Zeit für Veränderung nicht gegeben. Man ist damit beschäftigt, sich im Hamsterrad zu bewegen. Ich wusste zwar um die Problematik, hatte aber keine Möglichkeit für mich gefunden, es zu lösen. Mir die Zeit zu nehmen, kam mir gar nicht mehr in den Sinn. Ich "kämpfte" lieber weiter, zwar sinnlos, aber zumindest kämpfen.

Auch möchte ich wieder mit Golfen beginnen. Es ist eine gute Übung im HIER und JETZT zu leben. Die Gedanken sind nur auf den Ball, den Schwung und das Ziel fokussiert. Eine gute Übung. Leider habe ich es vor 15 Jahren aufgegeben.

Minigolf habe ich mittlerweile gespielt. Es dient hervorragend zum Trainieren des Gefühls. Für echtes Golf fehlt noch die  Kraft und Ausdauer.

Mein neues Leben 2.0.

Eineinhalb Jahre sind seit dem Ausbruch des Hirnabszesses vergangen. Vor bald einem Jahr kam ich aus dem Krankenhaus nach Hause. Es war und ist nichts wie zuvor.

Ich habe keinen Beruf mehr. Keinen Sport mehr. Ich darf von 0 beginnen. Gehen, Denken und mich wieder bewegen lernen. Alles neu eben. Mein Leben hat sich total gewandelt.

Die Erinnerung an die Wochen vor dem Abszess sind dunkel. Ich war müde. Müde von den Terminen, von dem Gehetze, von dem Druck, immer perfekt funktionieren zu müssen. Ich hatte viele Pläne, das Eine oder das Andere angedacht, vieles umgesetzt, manches nicht fertig gemacht, einiges nicht erledigt.

Innerlich war ich unausgeglichen und es herrschte Chaos in mir. Zu viele Gedanken. Ein nicht endender Gedankenstrudel.

Wollte ich zu viel? Was wollte ich eigentlich? Ich weiß es nicht mehr. Denn es kam sowieso anders.

Ich weiß noch, ich bin am Strand gelaufen. Beim Laufen kann ich wunderbar abschalten oder, wenn notwendig, auch Probleme lösen. Das habe ich schon früher beim Radtraining so gemacht. Beim Losfahren war noch das Problem da, nach zwei, drei Stunden wurde es schon weniger, nach vier, fünf Stunden hatte ich die Lösung. So einfach konnte es sein.

Neuanfang

Ja, so einfach war es damals. Aber für diesmal hatte ich keine Lösung. Die kam damit, dass ich mich hinlegte und fünf Monate lang nicht mehr aufstehen konnte.

Dazu war "Denken" nur im HIER und JETZT möglich. Ich war befreit von Zukunft und Vergangenheit. Es gab keine Termine, ich hatte kein Gehetze mehr und es gab keinen Druck mehr.

Ich konnte nicht sofort nachvollziehen, was passiert war. Ich akzeptierte das Geschehene, es blieb mir eh nichts anderes übrig. Es nicht zu akzeptieren war mit meinem Denkmuster nicht vereinbar. Ich wusste vom Anfang an, ich hatte eine Grenze überschritten, mein Körper hatte ein Machtwort gesprochen. Die kleinen Hinweise hatte ich nicht verstehen wollen.

Heute wird mir klarer, dass es diese gegeben hat. Ich brauchte kein leichtes Tatscherl mehr auf die Schulter. Ich bekam die Hammer-Lösung serviert.

Das Universum hatte das genau Richtige für mich ausgesucht. Mein blockierter Kopf hat die haargenau richtige Herausforderung bekommen. Seit einigen Monaten beginne ich langsam zu verstehen. Gleich langsam wie ich für das Gehen und Laufen lernen benötige, entwickelt sich auch das Denkvermögen.

Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, ja, jedes Jahr ein bisschen mehr. Ich kann nichts erzwingen, keine Schritte überspringen. Es braucht so lange wie es braucht. Ich darf mir Zeit lassen.

Mein Gedanken

Fragezeichen - was will ich? Gedanken werden Realität!

Ich denke über vieles anders als früher. Das Denken hat einen zentralen Stellenwert in meinem Leben bekommen. Ich trainiere es ja täglich. Meine Gedanken sind auf den Moment fokussiert. Sie sind nicht in der Vergangenheit und kaum weiter vorne in der Zukunft. Berufliche Gedanken habe ich auf die Seite gelegt. Ich komme ja doch zu keinem Ergebnis. Manchmal beschäftigt es mich, aber ich komme in diesen Gedankengängen nicht weiter. Es hat derzeit keinen Sinn, sich damit auseinanderzusetzen.

Im Moment versuche ich die Gedanken zu ordnen. Manchmal gelingt es, manchmal nicht. Das Denken ist noch immer Therapie für mich. Weiterführende Gedanken sind nur manchmal möglich. Ich habe mich damit arrangiert. Außenstehende merken fast nichts davon. Wenn ich aber alleine bin, will ich mehr. Dann versuche ich Zusammenhängendes zu überblicken oder am Computer zu trainieren.

Das Programm bringt mich an die Grenze, zeigt mir meine Limits auf. Anfangs war ich enttäuscht darüber, als ich merkte, dass nichts weiter geht. Ich hatte die Kleinheit der Schritte nicht bemerkt. Jetzt freue ich mich auch über kleine Fortschritte und kann sie meist auch erkennen.

Wieder unter Menschen

Unter Menschen zu gehen strengt mich noch an. Noch immer treffe ich mich sehr selten mit Freunden oder begebe mich in die Stadt. Ich stoße schnell an Grenzen, die mich überfordern.

Überforderung zeigt sich, indem der Kopf abschaltet und sich weigert, noch mehr aufzunehmen. Ich überlege lange, ob was geht und was nicht. Darauf achte ich genau. Trotzdem komme ich schnell an meine Grenze.

Aus diesem Grund möchte ich versuchen, nicht mehr jeden Tag ans Limit zu gehen. Wenn das auch bedeutet, den restlichen Tag in Ruhe zu Hause zu verbringen. Keine schwierigen Gespräche zu führen, mich zu schonen und den Tag mit Ruhe zu beenden.

Auch früher hätte ich mehr darauf schauen sollen. Oft habe ich bis spät in die Nacht noch Filme geschnitten, um Termine einzuhalten. Hatte sehr oft zeitlichen Druck, etwas fertig zu stellen und bin deswegen zu lange aufgeblieben und habe gearbeitet.Mein "krasser" WegDenken ist wie googeln - nur krasser

Mein "krasser" Weg

Schon letztes Mal habe ich die Bedeutung meines Namen angeschnitten. Krasser = Extremer. Daran möchte ich heute nochmal anknüpfen. Es war seit dem letzten Jahr ein wirklich "krasser" Weg.

Wie gesagt, Krasser bedeutet auch Extrem. Also ist mein Weg unter anderem ein Extremer. Das Hirnabszess gehört mit Sicherheit dazu. Es hat mein Leben extrem verändert. Ich habe viel erlebt bisher, aber das letzte Jahr hat alles geschlagen, stellte alle anderen extremen Abenteuer in den Schatten.

Wo liegt mein Limit?

Ich habe immer Extremes unternommen, dabei kommt zwangsläufig auch die Frage auf: Wo liegt mein Limit?

Nun, mein Limit habe ich immer für mich selbst festgelegt. Egal ob es um eine Besteigung eines Berges ging, um die Länge eines Radrennens oder anderes. Ich versuchte immer ein bisschen besser zu sein, als die Herausforderung war. So war ich immer sicher, nicht an meine Grenze zu gelangen. Noch eine Reserve zu haben.

Mit der Krankheit musste ich allerdings mein Limit, meine Grenzen neu überdenken. Mein Limit ist plötzlich weit unten angesiedelt. Das zu Verstehen ist schwer.

no limit

Ich habe erst in letzter Zeit registriert, dass es seit vorigen Jahr nur wenige Tage gab, an denen ich nicht am Limit war. An meinem persönlichen Limit. Das ich oft über meine Grenze gehen musste. Von außen erkennt das niemand.

Ich habe gelernt, NEIN zu sagen, nicht immer ja zu sagen.

Einerseits recht verständlich. Eine Stunde im Wald, mit ein paar Übungen, bringt mich bereits ans Limit. Alles weitere kann ich nur mehr limitiert machen. Limitiert in Gedanken und Bewegung. Habe ich etwas vor, mache ich davor nichts oder weniger. Zumindest sollte ich. Geht aber meistens eh nicht. Irgendwie rette ich mich über den Tag.

Das Limit liegt weit unter dem, was ich früher gewohnt war. Das ist neu für mich und ungewohnt. Deswegen kann ich auch noch nicht an Arbeit denken. Was soll ich mit einer Stunde Konzentration am Tag?

Ich freue mich an dem, was derzeit ist! 

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"Ich hab den Trail gerockt!"

Dieser Spruch ist mir in den letzten Tagen öfter über den Weg gelaufen. Einige der bekanntesten Ultra Trail Läufe fanden in den letzten zwei Wochen statt.

Eiger Ultra Trail, Zugspitz Ultra Trail, Hardrock 100 - um die bekanntesten zu nennen. Über Facebook, Posts und viele  laufende Blogger, verfolge ich zur Zeit die Welt "draußen", an der ich noch nicht teilhaben kann.

Auch ich "rocke" die Trails rund um meinen Hausberg, den Schöckl. Wobei, die Schöckl Gegend, ist ein bisserl zu weit gegriffen. Kalkleiten eigentlich auch. Es sind derzeit "nur" die Trails rund um mein Wohnhaus in Stattegg. Weiter komme ich noch nicht.

Hinter dem Haus geht´s gleich hoch in Richtung Kalkleiten und weiter zum Gipfel des Schöckel. Und mein "rocken" ist langsames Gehen, dahin stolpern und ein Ringen ums Gleichgewicht.

am Trail
Mein Trail
Schöck(e)l

Falls jemanden die Schreibweise stört, ich habe sie bewusst genommen, um auf die Veranstaltung "Schöckl Classic" hinzuweisen. Der Schöckl schreibt sich ohne "e", der Schöckel Classic aber mit "e".

In meinem alten Leben habe ich von 2010 bis 2016 für die Veranstaltung das Video produziert. Jetzt ist mein Ziel, dieses Rennen als Aktiver zu absolvieren. Ich nehme mir einmal 2018 vor. Diesen Duathlon hat es in meiner Zeit als Extremsportler ja nicht gegeben.

Hier unten ein Video der 2015 Version. Der nächste Schöckel Classic findet am 24.September 2017 statt.

Der Wald - meine Therapie

Übungen im Wald der Schöckl Region
Der Wald um den Schöckl- Heiler und Ruhebringer.

Der Wald um Stattegg ist also die Gegend, in der ich trainiere und mich therapiere. Konnte ich im vorigen Jahr, im November, nur wenige Meter weit den Berg hochgehen, sind es jetzt schon einige Hundert. Natürlich brauche ich noch Pausen, aber inkl. Workout brauche ich schon eine Stunde.

Das Terrain ist ideal um das Gleichgewicht zu üben. Ich baue meine Waden auf und stärke die Oberschenkel, indem ich immer höhere Steine am Weg überwinde. Dazu ist der Waldboden super geeignet, um meine Sprunggelenke zu stärken, da ich auf dem weichen Boden stabil gehen muss. Ab und zu versuche ich auch durchs Unterholz zu gehen.

Ich muss allerdings damit klar kommen, dass es langsam geht. Ein Hirnabszess ist kein Beinbruch, wo es meist Erfahrungswerte mit der Heilungsdauer gibt. Meine Dauer ist offen und das macht es manchmal schwer für mich.

Bergauf bin ich noch immer sehr langsam unterwegs. Für 6000 Meter Höhe wäre das eine gute Geschwindigkeit, aber hier!

Es sind die neurologischen Störungen, die noch kein höheres Tempo zulassen. Ich muss noch immer zuviel Denken beim Gehen, mein Geist ist schnell überfordert damit. Besonders die Koordination wird schnell zuviel.

Denn ich war rechtsseitig komplett gelähmt und darf froh sein, dass ich überhaupt im Wald gehen kann. Passe ich allerdings nicht darauf auf, den rechten Fuß weit genug zu heben, bleibe ich leicht am Boden hängen. Über Wurzeln steigen ist daher eine Standardübung für mich im Wald. Irgendwann wird es wieder automatischer funktionieren.

Ich habe den Gleichgewichtssinn verloren und muss erst wieder lernen, den Körper auszubalancieren und die richtigen Muskeln zu verwenden.

Auf den Fotos kann ich mich selbst fast nicht anschauen. Immer Breitbeinig und die Arme zum Austarieren seitlich weggestreckt. So wackle ich dahin. Zum Glück werden keine Haltungsnoten vergeben :-).  Von der Eleganz und dem Gazellen haften Laufen eines Trailrunners bin ich weit entfernt. Aber jeder fängt einmal an.

Reha im Wald und am Trail

Der Wald- dein Ruhebringer

Den Wald genieße ich wie nie zuvor. Trotz der Anspannung beim Gehen und der doch recht schnellen Erschöpfung, komme ich geistig nicht mehr so müde nach Hause. Das Schauen in den grünen Wald tut dem Körper und der Seele gut. Die gleiche Zeit in der Stadt verbracht, bringt mich weit schneller ans Limit. Ein ganzer Tag in einem Waldgebiet führt dazu, dass die Anzahl der Killerzellen im Blut um 50 Prozent ansteigt – und gut eine Woche so bleibt. Deshalb verbringe ich lieber Zeit im Wald, als z.B. in der Stadt.

Mein Derzeitiges Ziel ist es, hoch bis zur Kirche nach Kalkleiten zu kommen. Und natürlich auch wieder hinunter. Früher ein Weg von 20 - 25 Minuten zu Laufen. Noch ist es utopisch, aber die Vorstellungskraft wird mir dabei helfen. Geistiges Training und Heilen ist nicht zu unterschätzen. Schon in meiner Zeit als aktiver Radrennfahrer konnte ich sehen, was möglich ist. Die Kraft der Gedanken sind nicht nur im Beruf oder Sport wichtig. Auch in der Krankheit ist es wunderbar zum Einsetzen.

Leider wird in der Schulmedizin noch zu wenig darauf eingegangen und meist nur "mechanisch" repariert. An dieser Stelle ein riesiges Danke an meine Therapeutinnen Lydia und Kerstin vom LKH, die mir die ersten Schritte und überhaupt wieder Bewegen beigebracht haben und in weiterer Folge auch an Karin, die in den bisherigen zwei Reha-Aufenthalten in Judendorf mit tollen Übungen an meinem Gangbild gearbeitet hat.

Sport als Medizin und Lebensschule

Schneefall beim Start Zeitfahren Thörl
Siegerehrung Zeitfahren Thörl

Schon als Radfahrer trainierte ich lieber im Freien. Ein Ergometer kam nur im Ausnahmefall zum Einsatz. Kraftkammer oder Turnhalle waren nur im Winter für Ausgleichs- und Krafttraining notwendig. Ich fuhr auch gerne bei widrigen Bedingungen mit dem Rad im Freien.

Das Training war für mich Freiheit. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Sieg bei den Hauptfahrern erinnern. Hobby und C-Rennen zähle ich nicht dazu. Es war das Einzelzeitfahren in Thörl. Ich kam im ersten Drittel des Starterfeldes dran und es begann, beim Start in Seewiesen, zu schneien. Es war kalt und nass. Trotzdem fühlte ich mich wohl und hatte einen guten Druck am Pedal.

Überraschenderweise hatte ich die Bestzeit im Ziel. Es hieß für mich noch lange abwarten. Erst als ein Favorit nach dem anderen hinter mir blieb, begann ich an ein gutes Ergebnis zu denken. Strecko Glivar, ein Slowene, kam als letzter an die Reihe. Zittern bis zum Ende. Als auch er im Ziel nur wenige Sekunden hinter mir lag, war es sicher. Ich war an diesem Tag der Schnellste im Rennen und mein erster Sieg bei den Hauptfahrern. Ich freute mich, spürte aber keine Euphorie, wie ich es mir immer vorstellte. Es war irgendwie eine Art Leere in mir. Ich dachte nur: "Das war es? Ok. So fühlt sich also ein Sieg an! Schön.". Mir fehlte ein gewisses Glücksgefühl.

Radrennfahren ist Lebensschule

Und an diesem Tag begriff ich, dass es um mehr geht, als nur ums Gewinnen. Radrennfahren war etwas, um fürs Leben zu lernen. Ich lernte wie man mit Gewinnen und Verlieren umgeht. Ich lernte, auch bei schlechtem Wetter, positiv zu bleiben. Das beste aus einer Situation zu machen. Auch das Leiden als etwas positives zu sehen.

Natürlich fuhr ich, wie die meisten auch, lieber bei schönem Wetter Rennen und trainieren. Aber entscheidend ist es, wie gehe ich mit allem anderen um. Viele geben schon bei ein paar Regentropfen auf oder wenn das Wetter nicht schön ist, wenn das Rennen hart ist, wenn man leidet oder wenn Widrigkeiten auf einen treffen.

Radrennfahren wurde für mich zur Lebensschule. Und es hatte erst begonnen. Meine Bewusstseins-Schulung stieg mit dem Extrem-Radfahren auf einen neuen Level an. Im Extremsport waren nur wenige Österreicher tätig und bei vielen Rennen in Amerika war ich als erster Europäer am Start. Das Reisen selbst wurde bereits zum Erlebnis. Es war schön, auf diese Art zu lernen.

Steirische Querfeldeinmeisterschaften Sankt Ruprecht
Der Sieger bei den LM Querfeldein, Gerhard Streit,  ist heute einer meiner Therapeuten in der Reha Klinik Judendorf
Leadville Trail 100
Als erster Europäer beim 2. Leadville Trail 100, in Colorado (8.Platz)

Beginn Trailrunning

Beim Eiger Ultra Trail in Grindelwald

Und dieses Lernen und Erleben im Sport habe ich bis heute beibehalten. Nach einem 10-jährigen Ausflug in die Filmwelt, wo ich unter anderem für Puls4 filmte, holte mich  der Sport wieder ein. 2013 begann ich mit dem Trailrunning. Im Juli filmte ich noch beim Eiger Ultra Trail, der mich so motivierte, dass ich kurz darauf meinen ersten Trailrun unternahm. Und das nach mehren Jahren Sportpause.

Nur ein Jahr später nahm ich am Eiger Ultra Trail teil. Eigentlich ein Wahnsinn ob meiner Vorbereitungszeit. Ich beendete das Rennen nach 63 Kilometern. Ich finishte damit die Halbdistanz und war mit mir zufrieden. In der Folge nahm ich an keinen Wettkämpfen mehr teil, sonder lief nur mehr für mich.

Manchmal war ich zwei, drei Tage unterwegs und durchquerte einen Gebirgsstock. Mit Schlafsack und Minimal-Ausrüstung war ich auch fürs Übernachten gewappnet. Das machte mich zufrieden, denn ich setzte mich wieder mit der Natur auseinander.

Trailrunning am Hochschwab
Am Hochschwab/Steiermark

Das Trailrunning gab mir eine gute körperliche Basis, das Hirnabszess besser zu überstehen. Gerade jetzt ist mir Bewegung in der Natur sehr wichtig. Meine Sensoren sind noch feinfühliger als früher und melden mir noch besser, was mir gut tut und was nicht. Und darauf höre ich.

Ich kann nur immer wieder jeden ermuntern: Geht in die Natur, schaut in den Wald, lauscht dem Gurgeln eines Baches, erfreut euch an der Natur. Es bringt den Geist zur Ruhe und ermöglicht den Ausstieg aus der Hektik der täglichen Anfordernisse.  Positive Gefühle erscheinen größer und wichtiger als jene, die einen eher zermürben.

Krass(er) Weg

Zum Schluss möchte ich noch etwas über meinen Namen schreiben. Krasser bedeutet "extremer". Extremes war mir damit in die Wiege gelegt. Extrem heißt ja nur, seine Komfortzone zu verlassen, eben auch krasser. Alles außerhalb  der Komfortzone wird oft mit dem Sprüchen bewertet: "Ist das krass!; Ein krasser Weg!; Echt krass!; Krasser gehts nicht!".

Die Sprüche kennt jeder. Auch ich kenne und kannte sie. Aber erst jetzt bringe ich sie mit meinem Namen in Zusammenhang. Früher machte ich mir kaum Gedanken darüber. Jetzt weiß ich, dass ich einen echt "krassen" Lebensweg habe.


Urlaub oder Therapie in Knappenberg? Was jetzt?

Vier Tage Urlaub mit Silvia im Jufa Knappenberg. Mein erster Urlaub seit meinem Hirnabszess im März 2016. Ich frage mich, Urlaub oder Therapie?

Im Geburtsort von Heinrich Harrer also finden für mich diese ersten erholsamen Tage statt. Mit dem am Jufa angeschlossenen Tibet-Zentrum, wo Tibetische Medizin gelehrt wird und dem Heinrich-Harrer-Museum im nahen Hüttenberg, lässt es sich, mit viel Ruhe, gut Urlauben.

JUFA Knappenberg  JUFA Knappenberg Sonnenraum

Filmen im Tibetischen Zentrum

2007 filmte ich hier die Grundsteinlegung des Tibetischen Zentrums, die der Dalai Lama selbst durchgeführt hat. Es konnte sicher nicht alles im damals geplanten Umfang realisiert werden, aber die Gegend ist sicher ein Mittelpunkt der Tibetischen Medizin und Kultur in Österreich geworden. Die Geschichte des Bergbaus passt hervorragend dazu und der Vergleich der Alpenländer mit Tibet zeigt, dass es nicht so anders ist.

Ich wollte einmal ausspannen und weg vom Alltag zu Hause, aber "Therapien" lassen sich nicht ganz vermeiden. Auf 1100 Metern Seehöhe gelegen, ist Ruhe und eine langsamere Gangart in diesem ehemaligen Bergbau-Dorf zu finden. Genau das richtige für mich.

Neben Knappenberg ist Hüttenberg, mit dem Heinrich-Harrer-Museum, ein weiteres Highlight. Und in Hüttenberg fängt auch meine "Therapie" an. Aber alles der Reihe nach.

Zunächst steht ein Besuch im Heinrich-Harrer-Museum an. Seine Bücher kannte ich schon als Kind und damals war ich überzeugt, zu spät auf die Welt gekommen zu sein. Die Zeit des Entdeckens war vorbei, was ich bedauerte. Ähnliches zu erleben suchte ich dann auf Reisen durch die Sahara, in Alaska und mit dem Fahrrad in aller Welt.

Das Heinrich Harrer Museum

Das Museum steht schon lange auf meiner Besuchsliste und endlich war es so weit. Gleich der erste Raum ist Harrer persönlich gewidmet. Die Ausrüstung bei seinen Bergbesteigungen ist beeindruckend. Allein seine Steigeisen sind wahrscheinlich gleich schwer, wie meine Mindestausrüstung beim Eiger Ultra Trail war.

Was ich auch nicht wusste, er war österreichischer Meister im Golfen 1933/34. Damals lebte er in meiner Heimatstadt Graz und studierte auf der Karl Franzens-Universität ein Lehramt.

Heinrich Harrer Museum Knappenberg Golf Wagen von Heinrich Harrer

Beim Durchgang des Museums muss ich mich immer wieder hinsetzen, um Pause zu machen, denn die Räume im ehemaligen Schulgebäude sind auf drei Stockwerke verteilt. Besonders mein Gehirn braucht Pausen, um alles zu verarbeiten und aufnehmen zu können. Die abgeschnittenen Yak-Schwänze bleiben besonders in Erinnerung, da sie in Amerika als Bärte für den Weihnachtsmann Verwendung fanden.

Aber auch die vielen Gebrauchsgegenstände aus natürlichen Materialien sind eindrucksvoll. Bei uns wird ja nur mehr alles aus Plastik produziert und nach Gebrauch weggeworfen. Alles in allem ein sehr interessantes Museum, das außerdem die Verbundenheit von Harrer zum Dalai Lama und dem Tibetischen Volk sehr gut zeigt.

Der Lingkor von Hüttenberg

Auf dem Lingkor in Hüttenberg unterwegs

Nach gut zwei Stunden verlassen wir das Museum und da kommt die "Therapie" ins Spiel. Gegenüber vom Museum baut sich der sogenannte "Lingkor von Hüttenberg", ein Pilgerweg, an einer Felswand auf. Pilgerpfade gibt es viele in Tibet, der bekannteste ist der Pfad rund um den Kailash oder der Lingkhor in Lhasa.

Beweggründe sind die Hoffnung auf Glück und Segen, eine bessere Wiedergeburt, die Heilung eines Leidens oder Vergebung von Sünden. Gute Gründe für einen Pilgerweg, die ja auch bei uns immer begehrter werden. Siehe den Mariazeller Weg oder der Jakobsweg. Der Hüttenberger Lingkor ist obendrein der einzige außerhalb Tibets gelegene tibetische Pilgerpfad.

Soll ich ihn wagen?

Er führt auf Stiegen aus Stahl durch die Felswand, in schwindlige Höhen. An und für sich kein Problem für mich, aber jetzt nach dem Hirnabszess?

Ich entscheide mich, ihn zu wagen. Durch einen wunderschönen Eingangsbereich geht es los. Dann noch einen Helm ausgeborgt, denn ohne ihn darf man den Lingkor nicht betreten. Gleich bauen sich steile Stiegen vor mir auf. Hoch konzentriert, steige ich Stufe um Stufe höher. Gedanken ans Ausrutschen verwerfe ich sogleich, obwohl sie immer wieder da sind.

Es ist anstrengend für den Körper, so viele Stiegen zu steigen und für den Geist, das Ausgesetzt sein zu vertragen. Ich weiß nicht, was für mich anstrengender ist. Mir kommen die Pilger in den Sinn, die den Kailash mit Niederwerfungen umrunden. Dagegen ist mein Weg eine Lappalie, aber für mich halt auch am Limit.

Die Hängebrücke, zu viel für mich!

Mit der Anstrengung nimmt auch der Schwindel zu. Die Hängebrücke lasse ich aus. Sie ist einer tibetanischen Hängebrücke nachempfunden. Das Schwanken der Brücke verträgt sich nicht mit meinem Schwindel. Ich habe Angst, zu stürzen. Fünfjährige Kinder stürmen über die Brücke, dass alles wackelt. Ich bleibe verschämt zurück, an einen Eisenträger gestützt oder besser gesagt, geklammert. Das ist noch eine Nummer zu groß für mich.

Über die Brücke zu gehen, wage ich nicht. Ich bin schon froh, den Rundgang zu schaffen. Bald geht es wieder bergab. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen. Bergab zu gehen ist schwieriger für mich. In die Ferne zu schauen heißt, stehenzubleiben.

Multitasking der einfachen Art, Gehen und Schauen, ist gleichzeitig nicht möglich. Es ist Herausforderung genug, hier zu gehen. Ohne zu Stolpern schaffe ich es bis ans Ende der Stufen. Dort setze ich mich erschöpft ins Gras. Die Anspannung lässt nur langsam nach.

Grenzen verschoben

Ich darf stolz auf mich sein, es geschafft zu haben und meine Grenzen wieder zu erweitern. Dieses "An-die-Grenze gehen", habe ich immer wieder zu üben, nur so kann ich sie weiter hinauf setzen.

Ein Beispiel ist das "Iditabike" Rennen in Alaska, an dem ich dreimal teilnahm. Das heißt im Winter, mit einem Fahrrad, die Distanz von Graz nach Salzburg, auf einem Hundeschlitten-Trail zu fahren.Das war 1994 kaum vorstellbar.

Aber ich fuhr trotzdem hin und beendete dieses Rennen, einmal sogar Siegreich. Solche Erlebnisse von früher, helfen mir heute wieder in mein Leben zu finden oder mich an und über Grenzen zu wagen. Es geht vornehmlich um körperliche Grenzen, aber auch um geistige.

Und dafür ist es in Knappenberg ideal. Einmal unter anderen Bedingungen zu üben, tut dem Geiste wohl. Hier gibt es viele Gelegenheiten und ich mache es gerne. Zu Hause ist es oft schon ein Muss. Hier wird es wieder spielerischer.

Der "Weg des Dialoges" in Knappenberg

Gerne gehe ich einen Teil des "Weg des Dialoges". Einen Rundweg in und um Knappenberg. Hier finde ich alles, was mir guttut. Für mich ist es ein Therapieweg.

Die Stufen durch die Bergbausiedlung stärken meine Waden, der Wiesen- und Waldweg ist uneben, mit Wurzeln. Beim Bergbau-Museum ist ein Spielplatz für (ältere) Kinder, den ich nutze. Einfach ideal für mich.


Dialog Weg in Knappenberg  Dialog Weg in Knappenberg

Es ist wie früher im Trainingslager, nur mit anderen Anforderungen. Das Ziel ist das Gleiche - ich will besser werden. Meine Bewegung muss bewusst getätigt werden, daher verschwimmen Urlaub und Therapie sowieso miteinander.

Trainingslager waren schon früher eigentlich Urlaub für mich, also ist es heute kein großes Problem, auch im Urlaub zu trainieren. Es gilt nicht nur für mich:

"Was du aus einer Situation machst, liegt nur in deiner Einstellung!"

...und in meiner Einstellung habe ich nie aufgegeben. Ich schaue immer nach vorne und gebe zu jeder Zeit mein Bestes. Dazu war ich immer lebensbejahend.

Auch in schwierigen Phasen, als ich mich nur mit dem Rollstuhl fortbewegen konnte oder gehen lernen musste. Ich behielt meinen Optimismus bei. Natürlich gibt es auch bei mir schwierige Phasen oder Momente wo es nicht läuft, die dauern aber nie lange.

Wo kann ich jetzt diese vier Tage einordnen, unter Urlaub oder Therapie? Das würde ich mit teils, teils beantworten.

Positiv war auf jeden Fall die veränderte Umgebung, allerdings konnte ich nicht abschalten, was den Rest betrifft. Die Defizite sind noch zu groß, die Konzentration zu stark für die täglichen Anforderungen. Auf der einen Seite kann ich froh sein, derart im JETZT zu leben, auf der anderen möchte ich, dass vieles wieder automatisch funktioniert und ich nicht so viel nachdenken muss.

Mein "Urlaub" in Knappenberg

Die Spaziergänge waren nicht nur schön, sondern auch nützlich, da sie gleichzeitig Übungen beinhalteten. Die Museen waren interessant, auch wenn sie etwas anstrengend waren. Der Lingkor-Rundweg war eine Herausforderung, aber ich bin stolz, ihn bewältigt zu haben. Ich denke, ich habe das Beste aus Urlaub und Therapie gemacht.

Ich bin optimistisch, dass es in Zukunft noch besser wird.

Karawanken - von Knappenberg aus
Blick auf die Karawanken, von Knappenberg aus

Wieder ist eine Woche um. Die Tage und Wochen vergehen wie im Fluge. Manchmal setze ich mich hin und versuche die vergangenen Tage zu analysieren. Wo stand ich letztes Wochenende? Wo stehe ich jetzt? Gibt es Veränderungen? Was ist anders seit der Reha?

Oft kann ich nicht einmal sagen, dass sich etwas verändert hat. Dann nehme ich mir einen größeren Zeitraum. Denn dann erkenne ich, was seit dem letzten mal besser geht.

In diesen Tagen sind mir noch einmal die letzten Wochen im letzte Jahr, im Krankenhaus, durch den Kopf gegangen. Diese Ereignisreichen Tage habe ich euch bisher vorenthalten. Es machte mir wieder bewusster, dass ich seither schon viel erreicht habe. Aber lest selbst.

Juli 2016

Aus meinem Tagebuch:

  • 10.Juli : "Lagerkoller. Ich halte es fast nicht mehr aus. Ich kann das Essen im Krankenhaus nicht mehr sehen."
  • Zwei Tage später schreibe ich:  "Infusionsende. Orale Antibiotika. Ich will nur mehr weg."
  • 13.Juli:  "Fühle mich gut. Überstanden. Jetzt gehört halt Körperübungen." -  Ich hatte erfahren das ich bald nach Judendorf kam.

Ich schrieb nur kurze Eintragungen, Stichwortartig, ins Tagebuch. Das Schreiben strengte mich sehr an, ich war erst auf dem Weg, es wieder zu lernen. Schreibfehler, Schriftbild, Buchstaben vergessen, Wörter vergessen. Es war mühsam und eigentlich schon toll, dass ich überhaupt schrieb. Das konnte ich aber nicht sehen.

Damals glaubte ich auch noch, das mit dem Aufbau der Muskel wieder alles im Lot sei. Aber noch ist die  Krankheit über mir gelegen. Ich konnte nicht erahnen, dass es so lange dauern würde und meine Nerven so stark betroffen sind. Meine Gedanken waren nur: "Ich hab das Ärgste hinter mir!"

Das Ende der Zeit im Krankenhaus?

Krankenwagen


Am 14. Juli 2016 wurde ich völlig überraschend mit dem Krankenwagen vom LKH in die Klinik Judendorf zur Reha überstellt. Ich benötigte einen Rollstuhl, um aufs Zimmer zu gelangen und er war mir auch die nächste Zeit ein treuer Gefährte. Es war ein großartiges Gefühl aus dem Krankenhaus  draußen zu sein. Seit bald vier Monaten hatte ich nichts anderes gesehen als den Blick aus meinem Zimmer.

Auf der Fahrt durch Graz und weiter nach Judendorf konnte ich mich nicht satt sehen. Viel hatte sich verändert oder nahm ich anders wahr. Schon damals bemerkte ich, dass mich die Farbe Grün besonders anzog. Ich konnte mich nicht satt sehen am Grün der Bäume und auch heute gehe ich lieber in den Wald als in die Stadt. Bin ich überfordert, brauche ich nur ins Grüne zu schauen. Es beruhigt mich sofort.

Reha Klinik Judendorf

Mein treuer Begleiter über viele Wochen in der Reha, der Rollstuhl
Mein treuer Begleiter über viele Wochen in der Reha, der Rollstuhl

In der Reha Klinik ging es gleich los mit den Therapien. Ich war mit dem Rollstuhl unterwegs, da ich nicht weit gehen konnte und mir immer schwindlig wurde. Auch der Tunnelblick war ein Problem. Ich war dermaßen beansprucht, dass ich für anderes als die Therapien keine Energie hatte.

Von Therapie zu Therapie war meistens eine halbe Stunde Zeit. Normalerweise konnte man sich kurz ausruhen. Dafür hatte ich fast keine Zeit. Ich hatte genug zu tun, rechtzeitig zur nächsten Behandlung zu kommen.
Ich war in den Armen so schwach, dass ich den Rollstuhl nicht richtig bedienen konnte.

Nur langsam und mit vielen Pausen kam ich vorwärts. Es war ein Alptraum. Den ich allerdings dazu nutzte, um meine Arme zu trainieren. Wie schon öfters erwähnt, alles ist Therapie, auch Bewegungen im Alltag. Ich bekam Physio-, Ergo- und Logopädie, Krafttraining und Psychologische Diagnose.

Am Abend war ich fix und fertig. Noch immer hatte ich die oralen Antibiotika zu nehmen. Das förderte nicht gerade meine Leistungsfähigkeit. So wand ich mich durch die Reha. Nach knapp vierzehn Tagen hatte ich dann die erste MR Kontrolle am LKH.

Bei der Nachbesprechung auf der Neurologie am LKH dann das dicke Ende. Ich durfte nicht nach Judendorf zurück. Es ging um die Blutwerte. Ich bekam gleich ein Bett im zweiten Stock und war somit wieder zurück am LKH. Weitere Wochen mit täglichen Infusionen sollten mich erwarteten.

Weitere Wochen im LKH Graz

Ich war am Boden zerstört. Das kam zu überraschend. Meine Blutwerte waren schlecht. Das Problem war, dass in den oralen Antibiotika ein Stoff war, der weiße Blutkörperchen zerstört. Und weiße Blutkörperchen hatte ich eh schon wenig, nach mehreren Monaten Einnahme der Antibiotika. Mein ganzes Zeug war noch in Judendorf. Es musste geholt und mir gebracht werden.

Neurologie 2. Stock

Dieses Mal bekam ich wieder volle Pulle ab. Fünf mal am Tag, jeweils zwei bis drei Flaschen Antibiotika. Dreizehn Stück waren es am Tag. Zwischen zwei und drei Stunden benötigte ich jedes Mal für die Infusionen. Am linken Arm hatte ich schon ungefähr 35 Einstiche für den Infusion-Zugang. Rechts hatte ich die Lähmungen, so wurden dort nur im Notfall Zugänge gesetzt.

In den letzten Monaten hatten sich meine Venen immer mehr zurückgezogen, so wurde es jedes Mal zur Herausforderung, eine neue Einstichstelle zu finden. Hatte der Zugang am Anfang noch eine Woche gehalten, so passierte es immer häufiger, dass er nur mehr zwei, drei Tage hielt.

Für einen Zugang waren zwei bis drei Stiche notwendig, bis man auf Blut stieß. Für mich jedes Mal ein Horror. Spritzen und Nadeln konnte ich noch nie ausstehen. Ich habe mich bis zum  heutigen Tag nicht daran gewöhnen können.

Zugang für Infusionen  Ich, nach der OP im LKH

Dazu eine kleine Überschlagsrechnung. In der Zeit im Krankenhaus erhielt ich ungefähr 1000 Antibiotika Infusionen, dazu noch 150 Thrombose Spritzen. Es wurden mir über 50 Zugänge gesetzt und ich musste ca. 1000 diverse Pillen schlucken. Eine Chemiebombe hoch drei!

Die ersten Tage auf der Neurologie

Die ersten Tage waren scheußlich. Ich musste mich wieder an die intravenöse Infusion gewöhnen. Mir war schlecht und ich zog mich in mein Bett zurück. Meine Zimmerkollegen nahm ich nur am Rande wahr. Alles war sehr weit weg und ich nicht aufnahmefähig, dazu der starke Tunnelblick, der es nicht einfacher machte. Ich hatte einfach zu viel mit mir selbst zu tun.

Nach drei, vier Tagen ging es dann etwas besser. Ein wenig konnte ich mich bereits unterhalten, am liebsten mit Fred, meinem Zimmerkollegen, der wegen eines Bandscheibenvorfalls hier war. Im Verlauf der Gespräche kamen wir drauf, dass wir gemeinsam 1984 am Großglockner Radrennen am Start standen, ohne uns aber zu kennen. Es ergaben sich viele nette Diskussionen, die mich ein wenig von meinem Zustand ablenkten.

Therapien
Krafttraining in der Reha

Nach einer Woche begannen auch wieder die Maßnahmen zur Reha.  Für mich am wichtigsten - die Physiotherapie, mit Hauptaugenmerk auf Gehen.

Ich übte auch Stiegen steigen. Es war aber nicht damit getan hinauf oder hinunterzugehen, auch die Technik dazu spielte eine große Rolle. Die richtige Körperneigung, die Fußstellung. Es strengte sehr an. Nach einer Stiege hinunter, musste ich oft mit dem Lift zurück in den 2. Stock fahren, da meine Kraft zu Ende war.

Da ich in Judendorf Krafttraining an den Beinen machte, war ich konstitutionell besser drauf. Ich drückte dort in der Beinpresse zuerst 20 kg, in der zweiten Woche dann schon 30 kg. Für mich das Limit. Als Radrennfahrer drückte ich über 200 kg. Zehnmal so viel wie in der Reha in Judendorf. Ich freute mich aber jetzt mehr über meine 20 - 30 kg.

Wenn ich mich ansah, musste ich lachen. 20 kg Beinpresse, max. 10 kg für die Arme - und meine noch immer sehr dünnen Beine. Was für ein Gegensatz zu früher. Ich konnte es aber gut annehmen. Fünf Monate später, zum zweiten Mal auf Reha, schaffte ich bereits 50 - 60 kg.

Kämpfe um jeden Meter

Das Krafttraining half mir jetzt beim Gehen. Ich hatte zwar keine Ausdauer, aber wenigstens kräftigeres Stehvermögen. Meine Geh Leistung steigerte ich in den drei Wochen meines neuerlichen Aufenthaltes um ein vieles. Wenn ich das heute hier niederschreibe, kommt mir alles so unwirklich vor. Die Zeit im Krankenhaus war wie ein Traum. Es ist vieles für mich kaum zu erklären oder zu verstehen.

Für mich als ehemaligen Leistungssportler, war Training schon immer ein Bestandteil meines Lebens. Es war aber schwer zu verstehen, das Training nicht Training ist. Ich brauchte Wochen, um ein paar Meter weiterzukommen. Ich kämpfte regelrecht um jeden Meter. Man kann sich nicht vorstellen, was es heißt, nur mit der linken Hand gerade noch einen Löffel zu halten.

Wochenlang zu trainieren, bis es auch rechts wieder funktioniert. Man erfreut sich an den kleinsten Dingen. Und die müssen einem oft von außen gezeigt werden.

Meiner Lebensgefährtin Silvia, der Therapeutin oder einer Krankenschwester fiel es als erster auf und sie ermunterten mich weiterzumachen. Selbst nimmt man es kaum wahr, weil der Fortschritt so langsam ist.

Nach Wochen zum ersten Mal ins Freie

Silvia brachte mich mit dem Rollstuhl zum ersten Mal ins Freie, war es mittlerweile doch schon Juni. Das brachte ein neues Lebensgefühl, war ich doch seit Ende März nicht mehr im Freien. 15 Minuten Sonne tanken. Danach war ich erschöpft.

Später einmal ließ ich mich zum Hinterausgang der Neurologie bringen. Dort beginnt gleich der Leechwald. Wie ein Höhenbergsteiger stapfte ich Schritt für Schritt eine Steigung hoch. Alle paar Schritte brauchte ich eine Pause. Mein Puls war auf 150. Ich jubelte, nachdem ich oben stand (...und wieder Puste dafür hatte). Ich brauchte für die dreißig Meter etwa fünf Minuten, aber die Zeit war egal.

Mich im Freien am Waldrand zu bewegen, das war das Größte für mich. Das erste Mal nach über vier Monaten. Der Kies Grund, die Unebenheiten, der einschränkende Tunnelblick, alles war ungewohnt und ich musste aufpassen nicht zu stürzen. Vom Boden aufstehen war mir nämlich fast unmöglich.

Langsam und überaus vorsichtig bewegte ich mich wieder zurück. Die erste Sitzgelegenheit nahm ich wahr und rastete mich aus. Wenn ich an diese Zeit denke, dann war dieses Erlebnis sehr prägend. Einerseits die Steigung geschafft zu haben, andererseits stärkte es meinen Willen weiterzumachen, denn die harte Arbeit zeigte Früchte.

Es gibt immer wieder Bilderserien, die zeigen "Was ist" und "Was andere sich vorstellen". Diese beiden Bilder zeigen in etwa das, was war und das, wie ich mich fühlte.

Weg Hochgebirge

Die letzten Tage im Krankenhaus

Über die letzten Wochen im Krankenhaus, führte ich nicht mehr Tagebuch. Die Antibiotika, die Reha - alles setzte mir derart zu, dass ich das Schreiben sein ließ. Ein Grund waren auch die Zugänge für die Antibiotika. Alle ein bis drei Tage musste ein neuer gesetzt werden. Der Arm schwoll immer wieder an und ich zeigte Abwehrreaktionen.

Das Essen konnte ich gar nicht mehr anschauen, ich wollte nur mehr heim. Ich sah fürchterlich aus und bekam Hautausschläge im Gesicht. Ich wollte nur mehr weg, weg von all dem und ich konnte kein Krankenhaus mehr sehen.

Die erlösende Nachricht kam am Vortag. Der nächste Tag sollte mein letzter im Krankenhaus sein. Ich war emotional sehr aufgewühlt und konnte es nicht glauben. Zum ersten Mal, nach fünf Monaten, durfte ich wieder in meine vier Wände, zurück zur Familie. Ich hatte zwar meine Probleme, aber nichts konnte mich noch halten.

Wie ich die 25 Stufen zu Hause in die Wohnung schaffen sollte, egal. Das alles am Anfang mühsam für mich werden sollte, egal. Ich dachte nur an JETZT. Und das hieß: Wieder zu Hause sein!

Über alles andere konnte ich mir später Gedanken machen. Was zählte, war nur das JETZT. Und das ist auch heute noch so.


Klar träume ich von Tagen wie auf dem Foto oben. Dort will ich wieder hin! Aber mein derzeitiger Focus liegt ganz woanders. Es geht ums Gesund werden. Und um nichts anderes - Derzeit.

Was mache ich also den ganzen Tag? Es sind keine normalen Tage, aber auch nicht abnormal zu nennen. Aber was ist schon normal? Ich beschäftige mich halt die meiste Zeit damit gesund zu werden.

Am Morgen

Focus auf Körperübungen

Ich wache gegen 6 Uhr Früh auf. Bleib aber liegen, eins der Kinder übernachtet bei einem Freund und das andere ist bei Oma. Das erspart das sonstige Gehzurschule-Ritual. Ich muss mich erst wieder eingewöhnen zu Hause. Brauch ja nicht mehr zur täglichen Therapie, wie in der Reha. Ausschlafen und Erholung ist angesagt.

Um 8 Uhr stehe ich dann doch auf. Ich versuche leise zu sein, um meine bessere Hälfte nicht zu wecken. Ist aber nicht so einfach. Steife Gelenke und Verspannungen erfordern noch Übungen im Bett, bevor ich auf die Beine komme. Die ersten Schritte schlurfe ich noch dahin, die Sprunggelenke sind steif, jeden Meter wird es besser. War trotz Sommer kalt heute früh.

Kälte tut mir nicht gut. Eine heiße Dusche weckt die Lebensgeister und bringt die steifen Muskeln schneller auf Betriebstemperatur. Meine Spezialübungen lasse ich heute aus. Zu Mittag steht ein Besuch bei "Fit 2 Work" an. Programm genug für heute. In der Reha hätte ich diesen Termin bekommen sollen, aber es ging sich damals nicht aus. Egal, also direkt dort heute.

Focus Frühstück machen

Kaffeemaschiene


Vorher aber noch ein Frühstück. Tee und Kaffee stelle ich auf und richte auch den Rest. Brot schneiden (das Bauernbrot vom Samstag lässt sich zum Glück leicht schneiden), Butter, Honig und Käse. Das schaffe ich schon alleine. Sobald es aber um etwas zum Kochen geht, muss Silvia daneben stehen. Alleine kochen ist mir noch nicht erlaubt (Die Brandwunden an den Unterarmen zeugen von zu leichtfertigem Umgang, heiße Pfannen und Töpfe sind halt doch noch nicht meins).

Heute schaffen wir es aber ohne Brandsalbe oder Pflaster zu frühstücken.
Danach noch Dehnungsübungen und 15 Minuten Computertraining. Eine spezielle DVD trainiert meine Merk- und Reaktionsfähigkeit. Heute übe ich jedoch gemütlicher, mir steht ja noch der Besuch bei Fit2work bevor, auf dem mein Focus für heute liegt. Es ist wie bei einem Radrennen. Ich vermeide, zu viele Körner zu lassen, damit man noch Kraft für die Entscheidung hat.

Trainieren beim Hinweg zum Termin

Ich soll zwar erst um 12 dort sein, aber Silvia hat einen früheren Termin und lässt mich in der Nähe aussteigen. Ich bin schon gewohnt das es nicht nur um mich geht. Aufs wohin gebracht werden bin ich noch angewiesen. Autofahren ist nicht möglich. Der Kopf macht noch nicht mit. Ich nutze die Zeit, um eine kleine Runde um den Häuserblock zu drehen. Da ich meine Übungen zu Hause ausgelassen habe, hole ich sie jetzt ein wenig nach. Ein wenig deshalb, weil ich ja noch Energie für das Gespräch brauche.

Während des Gehen zähle ich in Dreierschritten von 100 runter und in Sechserschritten wieder rauf. Eine erste Übung für Multitasking. Immer wieder komme ich außer Tritt und vergesse aufs weiter gehen während des Zählen und umgekehrt. Das Gehen fordert so viel Aufmerksamkeit, dass ich dann wieder aufs zählen vergesse. Ich muss mich darauf konzentrieren beides gemeinsam zu machen.

Früher, im Beruf als Videojournalist, war Multitasking kein Problem. In einer Person Filmen und ein Interview führen war normal. Ich habe soviel gleichzeitig erledigt und nichts vergessen. Im Gegensatz dazu ist jetzt Gehen mit Zählen schon zu viel.

  Interview Focus Multitasking

Fit2work

Bald merke ich das es reicht mit dem Üben. Ich habe noch ein paar Minuten und setze mich in den Eingangsbereich. Bei Fit2work geht es darum, wie Arbeitsuchende einen raschen, Ihrer gesundheitlichen Situation entsprechenden beruflichen Wiedereinstieg schaffen, sowie Information über alle relevanten regionalen Projekte und Förderungen im Sozial- und Gesundheitsbereich. Ich erwarte mir Information, wie ich den Wiedereinstieg in den Beruf schaffe.

Ich bin zwar noch in vielem gehandicapt, aber die Frage nach der Zukunft kam in den letzten Wochen immer öfter. Die Untersuchung zur Verlängerung der Erwerbsunfähigkeitspension brachte mich erstmals wieder auf den Gedanken, wie es weiter gehen soll. Ich habe keine Ahnung über meine beruflichen Zukunft. 

Und deswegen sitze ich heute bei Fit2work, um erstmals Antworten auf meine Fragen zu bekommen. Allerdings, die meisten Fragen werden auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Es ist erst einmal ein Aufnahmegespräch und dabei kommt heraus, das meine Defizite zu groß sind, um mich schon heute näher beraten zu können.

Nach eineinhalb Stunden ist das Gespräch vorbei und ich bin eigentlich gleich schlau wie zuvor. Man kann mir nichts sagen, weil ich gesundheitlich noch zu viele Defizite habe und es noch nicht feststeht, wie lange es dauern wird. Ich habe mir mehr erwartet, muss aber einsehen, dass es dafür einfach noch zu früh ist.

Weiterer Focus wie bisher; Üben, üben, üben!

Buddha Spruch
Focus

Für mich heißt es deshalb, weiter üben und trainieren wie bisher. Berufliche Gedanken kann ich hintanstellen. Es ist wirklich zu früh, dahingehend etwas zu sagen oder gesagt zu bekommen. Darauf kann nicht mein Focus liegen. Das muss darf ich verstehen.

Bevor ich nicht gesund bin, brauche ich an Arbeit nicht denken. Trotzdem komisch für mich. Die letzten 20 Jahre war ich selbständig und ständig umkreisen einen die Fragen: Wie plane ich das nächste Jahr? Was will ich erreichen? Wohin geht es? Bin ich auf Kurs?

Diesmal ist alles ungewiss. Ist eh besser so. Ich werde weiter machen wie bisher. Im  HIER un JETZT leben. Das war ja, unter anderem, eine meiner Lernaufgaben.

Fazit

Da Silvia noch einige Zeit braucht, um mich abzuholen, setze ich mich in ein Café. Da die FH gleich um die Ecke ist, gibt es eine reiche Auswahl in der Umgebung. Dort kann ich erstmal meine Gedanken ordnen, zur Ruhe kommen. Ich bin ziemlich fertig. Das Gespräch hat angestrengt, meine Energie ist verbraucht. Ich ziehe Resümee über diesen Tag.

  • Erstes Fazit: Meine Körner sind für heute verbraucht.
  • Zweites Fazit: Wie es beruflich weiter geht, weiß ich nicht und kann mir niemand sagen.
  • Drittes Fazit: Alles ist Üben und Training - immer und überall. Es gibt keine Auszeit für mich.

Thema Auszeit

Das mit keiner Auszeit für mich, macht mich nachdenklich. Es stimmt, bewusst ist es mir erst in den letzten Tagen geworden. Sobald ich die Augen aufmache, fange ich zum Denken an. Es beherrscht meinen Alltag. Es erschöpft mich auch so schnell.

Es ist ein anderes Denken wie man es kennt. Jede Bewegung setzt bewusstes Denken voraus. Automatisch wie früher geht gar nichts. Zuletzt in der Reha war ich sehr mit der Automatisation gefordert. Jetzt, nach der Reha, holt sich der Körper die Ruhe wieder zurück. Zwei, drei Wochen wird die Umstellung schon dauern. Trotzdem, mit der Auszeit werde ich mir etwas einfallen lassen.

Bald ist Silvia da und wir können nach Hause fahren. Dort geht es für einen Schönheitsschlaf gleich ins Bett für mich und das ist die einzige Auszeit, die ich im Moment habe. Augen zu und den Focus auf wieder Arbeiten gehen sein lassen.

Denn - der nächste Tag wartet schon wieder auf mich. Mal schauen, wie lange morgen meine Körner reichen.


Meine Ziele, körperlich und geistig!

Die Reha ist vorbei, der Alltag hat mich wieder – jetzt heißt es dranbleiben. Mein Training fortsetzen, die Intensität steigern und die nächsten Monate nutzen, um Schritt für Schritt voranzukommen. Meine Ziele bleiben klar: Das Gehen weiter verbessern und Denk- sowie Reaktionsvermögen schulen. Doch zuerst ist Erholung angesagt.

Auch diesmal bin ich erschöpft und müde aus der Reha heimgekehrt. Gleichzeitig aber voller neuer Ideen und Impulse für mein Training. Stabileres Gehen, Multitasking in allen Lebenslagen und vieles mehr – genug Herausforderungen für die kommenden Monate. Nun fehlen mir noch die konkreten Ziele, die mich antreiben.

Mein Gesundwerden ist wie der Radrennsport von früher: Es geht um Ziele. Ohne sie fehlt die Richtung, die Motivation. Damals wie heute brauche ich ein klares Ziel vor Augen. Wer nicht weiß, wofür er trainiert, verliert schnell den Fokus. Aber mit einem Ziel, egal wie fern es scheint, bleibt der Weg klar und jede Anstrengung bekommt ihren Sinn.

Schach spielen

Trailrunning und Laufen als Ziele

Trailrunning und Laufen als Ziele

Mein großes Ziel ist es, wieder im Hochgebirge laufen zu können. Diese Herausforderung vereint vieles: körperliche Fitness, Koordination und mentale Stärke. Wenn ich dieses Ziel erreiche, wäre ich auch beruflich wieder handlungsfähig. Doch der Gedanke an eine berufliche Rückkehr fällt mir schwer – zu ungewiss ist die Zukunft. Ob ich die Videoproduktion jemals wieder ausüben kann, bleibt fraglich.

Die Defizite sind derzeit einfach zu groß. Vom Filmen oder Schneiden bin ich weit entfernt, nicht zuletzt wegen der Nervenschäden, besonders in den Fingern. Zusammenhänge zu erfassen, Informationen zu verarbeiten – all das gelingt mir momentan nicht. Schneiden ist so unmöglich. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber es fühlt sich an, als würde das Gehirn plötzlich aussteigen und die Verbindung kappen.

Trotzdem bleiben die Berge mein Antrieb. Das Laufen dort oben ist mehr als nur Bewegung – es ist Freiheit, Herausforderung und zugleich ein Weg zurück ins Leben. Schritt für Schritt, egal wie weit der Weg noch ist.

Eines meiner Ziele, wieder zu Filmen und zu schneiden.

Einfaches Denken gelingt mir schon, doch Multitasking ist noch kaum oder nur eingeschränkt möglich. In der Reha lag der Schwerpunkt darauf, Bewegungsabläufe zu automatisieren und wieder mehrere Dinge gleichzeitig denken und ausführen zu können. Doch immer wieder muss ich mir bewusst machen: Alles braucht seine Zeit.

Für zu Hause habe ich ein sehr gutes Computerprogramm bekommen. Aber auch hier gilt es, sich Zeit zu lassen – und sich diese auch zu nehmen. Ungeduld hat hier keinen Platz, auch wenn sie mich oft genug überkommt. Manchmal ist es genau diese Ungeduld, die mich antreibt, die mir die Kraft gibt, nicht aufzugeben und weiterzumachen.

Schwer ist es trotzdem. Nicht zu wissen, wie lange es dauern wird. Ein Jahr, zwei Jahre oder gar fünf? Niemand kann es sagen. Jeder Weg ist anders, jeder Fortschritt individuell. Wann ich wieder im Hochgebirge laufen kann, weiß ich nicht. Aber eines weiß ich ganz sicher: Ich werde es schaffen!

Eines meiner Ziele, Trailrunning

Der Blog

Der Blog

Am Computer für den Blog zu schreiben, ist eine wertvolle Übung. Es hilft mir, zur Ruhe zu kommen, meinen Weg besser zu verstehen und meine Wahrnehmung zu schulen. Gleichzeitig fördert es die Selbstreflexion. Doch auch hier gilt: Schritt für Schritt. Nicht zu viel auf einmal wollen – das ist leichter gesagt als getan, aber notwendig.

Neben dem großen Ziel brauche ich Zwischenziele, kleine Etappen, die mir kurzfristige Erfolge ermöglichen. Sie halten die Motivation am Leben. Ich musste jedoch lernen, umzudenken. Es geht alles so langsam voran, dass ich die Fortschritte oft selbst kaum wahrnehme. Es hat Zeit gebraucht, um zu erkennen, wie wichtig diese kleinen Schritte sind.

Heute freue ich mich auch über die scheinbar kleinen Erfolge. Zum Beispiel darüber, dass ich sicherer auf unterschiedlichen Böden gehen kann. Es mag unscheinbar wirken, doch für mich bedeutet es viel. Jeder dieser Schritte ist ein Stück zurück ins Leben. Schritt für Schritt – das gilt für den Blog, das Training und das Leben selbst.

Weg   Gehen trainieren
Wie sagt ein Sprichwort:

"Alles ist gut so, wie es ist!"

Wenn man das verstanden hat, wird vieles leichter. Da bekommt auch die Krankheit einen Sinn, bzw. das, was ich daraus lernen kann. Eines stimmt aber sicher:

"Wenn Du nicht an Dir arbeitest, dann tut es eben das Leben!"

Ich habe zwar an mir gearbeitet, doch vor entscheidenden Schritten bin ich immer wieder zurückgeschreckt. Also hat das Leben selbst die Dinge in die Hand genommen. Schon eigenartig, wenn ich daran denke, was ich alles erlebt habe: Mit dem Rad durch die Sahara gefahren, das kälteste Radrennen der Welt gewonnen, hohe Berge bestiegen und so vieles mehr. Da könnte man meinen, das Leben sei ein Klacks. Aber das ist es nicht.

Ich habe zu lange darauf gewartet, dass sich etwas ändert – aus eigener Kraft, aus eigenem Antrieb. Doch manchmal braucht es einen Anstoß von außen, eine Wendung, die man sich nie gewünscht hätte. Jetzt hat sich etwas geändert. Vielleicht nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe, aber es ist Bewegung in mein Leben gekommen. Und manchmal ist es genau diese Bewegung, die den nächsten Schritt möglich macht.


Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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